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Dr. Jekyll und Mr. Hyde – noch gut 130 Jahre nach seiner Schöpfung durch den schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson zählt das menschliche Ungeheuer zu den "101 einflussreichsten Personen, die es nie gab" – der gleichnamige aktuelle Trendbestseller des amerikanischen Autors Dan Karlan listet es sogar unter den ersten zehn. Somit steht der Mythos vom guten Menschen, der sich selbst seinen bösen Dämon geschaffen hat, auf derselben Popularitätsstufe wie Romeo und Julia oder der Weihnachtsmann.

Der Stoff, aus dem die Albträume sind. Kein Wunder, denn die Geschichte hat es in sich: Ein gutmütiger Arzt mit einem trockenen Gelehrtenleben verwandelt sich da in einen bösen und zerstörerischen Satan und vergisst sich sprichwörtlich selbst. Stevensons Novelle aus dem viktorianischen Zeitalter enthüllt drastisch die dunklen Triebe des Menschen. Jetzt greift ARTE den seltsamen Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde neu auf – und verfeinert damit den Stoff, aus dem die Albträume sind. In der Serie "Jekyll" wird das Böse nicht wie gewohnt durch ein Selbst-Experiment des Protagonisten heraufbeschworen. Die sadistischen Gelüste des Dr. Jekyll sind hier die Folge einer Erbkrankheit, die alle Nachfahren der Jekylls und Hydes befällt.
In der Romanversion aus dem Jahr 1886 braut sich Dr. Jekyll den Drogencocktail, der zu seinen Gewalt-usbrüchen führt, noch selbst zusammen. Mit dem Ziel, das Böse vom Guten in der menschlichen Seele zu trennen, schafft er zwei völlig getrennte Wesen: einen Menschen, der die Sorgen seiner Umwelt mildert, und einen, der hemmungslos alle Schranken beiseite werfen darf. In einer verfluchten Nacht vermischt er die Elemente aus Gut und Böse – und stürzt die Arznei herunter. Doch das Experiment misslingt! Ohne es zu wollen, erschafft Dr. Jekyll in seinem Körper das Monster Mr. Hyde, das zehnfach lasterhafter ist, als er selbst es je war. Der Kulturgeschichte dient er seither als Synonym für den Menschen der Moderne, der sich selbst erschafft.

Der Mythos und der Zeitgeist. Neuinterpretationen des Stoffes spiegeln den jeweiligen Zeitgeist wider und erschaffen den Mythos immer neu: So ist der Held in der Serie "Jekyll" kein Junggeselle wie im Original. Der Zuschauer lernt Tom Jackmans Ehefrau und auch seine attraktive Kollegin Katherine kennen. Mit aller Kraft versucht Jackman – gespielt von dem charismatischen nordirischen Schauspieler James Nesbitt – die Frauen vor seinen dunklen Trieben zu schützen, oder zumindest den Schein zu wahren. Die Frage, wie man seinen guten Ruf aufrecht erhält, wenn man längst mit einem Bein in der Hölle steht, hat das Publikum über ein Jahrhundert lang in die Kinosäle getrieben – es ist das Dilemma des ehrbaren, aber vergnügungssüchtigen Bürgers, jedes Mal, wenn sich Dr. Jekyll wieder in Mr. Hyde verwandelte.
Prominente, die ständig unter Beobachtung stehen, wissen, wovon die Rede ist. So erklärte die Schau-piel- und Regielegende Dennis Hopper ("Easy Rider") in einem Interview, dass Drogen und Alkoholexzesse ihm geholfen hätten, im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu bestehen. "Wenn die Kamera lief, stellte sich immer die Frage, als welche Person ich morgens aus der Garderobe kam: Jekyll oder Hyde." Doch die Drogen-Exzesse haben bittere Folgen. Hyde fällt es immer schwerer, sich wieder in Jekyll zurück-zuverwandeln. Dennis Hopper hätte also gut die Hauptrolle in einer der über 100 Adaptionen spielen können, die mit großen Schauspielern besetzt waren. Nach Spencer Tracy in Victor Flemmings "Arzt und Dämon" (1941), ergatterten unter anderem Kirk Douglas 1973, Anthony Perkins 1989, und Michael Caine 1990 die begehrte Rolle.

Gut und Böse gehören zusammen. Das Gefühl, einem inneren Dämon ausgesetzt zu sein, mit dem man sich im Laufe seines Lebens auseinandersetzten muss, macht das Motiv für den Menschen so faszinier-end. Und er kann wichtige Lehren daraus ziehen: dass Gutes und Böses im Menschen zusammengehören und nicht künstlich voneinander getrennt werden dürfen.
Das musste auch "Spiderman" lernen, als die Autoren ihm im dritten Teil der Verfilmung erstmals dunkle Charakterzüge ins Drehbuch schrieben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der gutmütige Student Peter Parker seine spinnenartigen Superkräfte nur für wohltätige Zwecke eingesetzt. Nun muss er sich seinen uneinge-standenen Machtgelüsten stellen. Spiderman-Darsteller Toby Maguire gefällt das. Das Ausloten der bösen Seite sei ein Reifungsvorgang, erklärte er in Interviews, und "die Welt funktioniert nicht nach dem Prinzip, dass sie perfekt ist. Menschen verletzen nun mal die Gefühle der anderen. Aber nur, wenn man das akzeptiert, kann es auch Vergebung geben."
Auch in der populären Musik lebt der Jekyll-und-Hyde-Mythos. Vor allem in die härteren Spielarten von Rockmusik und Hip-Hop wurde das Böse von Anfang an integriert. Rapper Eminem spielte beispielsweise mit der Figur des freundlichen Verlierers, der ein Doppelleben als rachsüchtiger Slim Shady führt. Noch während Eminem Ex-Frau Kim in seinen Texten aufs Übelste beschimpfte, hatte er sie im wirklichen Leben wieder geheiratet. Und Hardrocker Ozzy Osbourne, der einst einer Fledermaus auf offener Bühne den Kopf abbiss, gilt heute als umgänglicher Zeitgenosse. 1997 schrieb er den Song "My Jekyll doesn’t hide": Sein Jekyll muss sich nicht verstecken, sondern darf als liebevoller Familienvater in der Kultserie "Die Osbournes" seinen Sprösslingen etwas von seiner unruhigen Natur vermitteln.
Aber man muss kein Fan von Rockmusik sein, um zu erkennen, dass wir heute einen reiferen Umgang mit unseren seelischen Abgründen haben, als die Menschen im viktorianischen Zeitalter. Lebendig und unterhaltsam bleibt der Mythos dennoch.

KERSTIN GRETHER

ARTE PLUS

"DR. JEKYLL UND MR. HYDE"-VERFILMUNGEN (AUSWAHL):
1941: "Arzt und Dämon", mit Spencer Tracy, Ingrid Bergman, Lana Turner; 1973: "Dr. Jekyll & Mr. Hyde", mit Kirk Douglas; 1989: "Split – Edge of Sanity", mit Anthony Perkins; 1990: "Jekyll und Hyde", mit Michael Caine; 1996: "Mary Reilly", mit John Malkovich, Julia Roberts

Buch-Tipp:
"Die 101 einflussreichsten Personen, die es nie gab: Wie Barbie, James Bond und Hamlet uns verändert haben", Dan Karlan u. a., Ehrenwirt Verlag 2008

Kategorien: Januar 2009