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ANGELA GHEORGHIU – LIEBEN SIE PUCCINI?

Operndiva Angela Gheorghiu (43) debütierte mit 23 Jahren in ihrer Diplomvorstellung als Mimi in Puccinis "La Bohème". Schon lange zählt sie neben Anna Netrebko und Renée Fleming zu den ganz Großen im Operngeschäft. In Puccinis lyrischer Komödie "La Rondine" (Die Schwalbe) zeigt ARTE sie am 10. Januar gemeinsam mit ihrem Mann, dem Startenor Roberto Alagna, in einer Live-Aufführung aus der New Yorker Metropolitan Opera. Im Gespräch mit dem ARTE Magazin in Wien präsentiert sich die Diva als leidenschaftliche und angriffslustige Verteidigerin des Komponisten und ihres Metiers.

ARTE: Lassen Sie uns über Puccini sprechen.
Angela Gheorghiu: Mögen Sie Puccini?
ARTE: Nicht unbedingt …
Angela Gheorghiu: Wie können Sie ihn nicht lieben? Lieben Sie keine Oper?
ARTE: Doch, ich habe nur ein Problem mit Kitsch.
Angela Gheorghiu: Oh Kitsch! Das ist nicht einfach schlechter Geschmack! Es geht hier um mehr Gefühl, um mehr Klang, um mehr Kraft, um viel, viel Farbe. Man leidet, man weint. Bei Puccini tut man all das. Natürlich nur, wenn man will. Wollen Sie nicht?
ARTE: Aber doch!
Angela Gheorghiu: (lacht) Ich kann verstehen, dass Musik Geschmacksache ist. Ich war kürzlich in Jordanien. Wunderbar, wie die Menschen dort auf Musik reagierten, die sie noch nie gehört hatten, auch auf kitschige Musik. Das hat mich ergriffen.
ARTE: Sie fangen an, mich zu überzeugen. Doch was ist mit Richard Strauss?
Angela Gheorghiu: Wieso?
ARTE: Der verglich Puccini mit einer delikaten Weißwurst, sehnte sich aber nach einer gehaltvollen Salami.
Angela Gheorghiu: Komponisten sind doch immer eifersüchtig aufeinander. Ich bin an einem Konservatorium ausgebildet worden und habe dort das ganze Repertoire studiert. Ich sang alles, von Monteverdi bis hin zu Alban Berg. Es ist unmöglich, zu vergleichen. Natürlich ist Bach der Vater der Musik, sein Genie ist erhaben. Aber er war ein Kind seiner Zeit. Wir alle sind Kinder unserer Zeit. Man kann auch in der Malerei nicht einen Renoir mit einem Leonardo da Vinci vergleichen.
ARTE: "Mein Werk ist nur ein kleines Ding, vielleicht sogar ein allzu kleines Ding. Und doch – zumindest etwas" – so beurteilte Puccini selbst sein Werk.
Angela Gheorghiu: Ja, er war bescheiden. Als Komponist schrieb er jedoch in einem melodramatischen Stil, so, als komponiere er den Soundtrack für einen Film.
ARTE: Eine interessante Definition.
Angela Gheorghiu: Wenn Sie die Augen schließen und den Themen lauschen, hören Sie, dass Puccinis Welt präzise gezeichnet war. Bei ihm klingt nichts irreal. Seine Stücke besitzen ebenso wie Wagners Werke eine dramatische Wahrheit. Musik, Text und Handlungsablauf entsprechen einander, Leitmotive charakterisieren die Personen. Es ist der Beginn des Verismo …
ARTE: … der Naturalismusbewegung in der Musik, zu der auch Puccinis Oper "La Rondine" zählt. Erzählen Sie uns über die Oper und ihre Rolle darin.
Angela Gheorghiu: Wir führen unser Gespräch in Wien, wo Puccini "La Rondine" schrieb. Im zweiten Akt der Oper spürt man diese Wiener Inspiration. Meine Rolle der Magda ist eine technisch sehr schwierige Rolle, eine Art "La Traviata" in Verismo-Manier oder besser: eine Mischung aus "La Traviata" und "Manon", auch wenn ich nicht sterbe oder krank bin.
ARTE: Puccini wollte die Musik von "La Rondine" als Reaktion auf die grauenvolle Musik seiner Zeit, auf "die Weltkriegsmusik" verstanden wissen.
Angela Gheorghiu: Ja, aber er wollte auf keinen Fall eine Operette oder ein Unterhaltungsstück schreiben! "La Rondine" ist eine lyrische Oper geworden, mit sehr viel Philosophie. Puccinis Erschütterung über den Ersten Weltkrieg kommt darin zum Ausdruck.
ARTE: Als "schlechten Lehár" soll der Verleger Tito
Ricordi das Werk bezeichnet haben. Er hat es deshalb als einziges Werk von Puccini nicht verlegt.
Angela Gheorghiu: Wer ist schon Herr Ricordi? Ein Geschäftsmann! Ein armer Mann! Puccinis
"La Rondine" ist richtiges Drama, tiefe Psychologie.
ARTE: Sie scheinen ganz in der Welt der Oper zu leben.
Angela Gheorghiu: Ja, und ich muss diese Musik immer verteidigen! Man muss den Menschen die Leidenschaft zeigen, deshalb bin ich so empört über einen Ricordi. Wir müssen die schöpferischen Menschen respektieren. Natürlich kann der Komponist ohne den Interpreten oder den Verleger nicht leben. Dennoch, wir müssen mehr Respekt vor den Künstlern haben!

ARTE: Sie sind bekannt dafür, sich mit Regisseuren und Intendanten anzulegen.
Angela Gheorghiu: Ich musste von Anfang an aufpassen. Viele wollten, dass ich die "Salome" singe, viele wollten mich nackt auf der Bühne sehen. Aber ich wollte nicht über meinen Körper Karriere machen. Natürlich kann ich auf der Bühne sexy sein, aber ich hasse Vulgarität, es gibt Grenzen. Ich fange dann auch nicht an zu diskutieren, ich gehe einfach. Viele Kollegen haben Angst, nicht engagiert zu werden. Ich habe diese Angst nie gehabt.
ARTE: Was kritisieren Sie am Opernbetrieb?
Angela Gheorghiu: Mittlerweile braucht man Untertitel nicht mehr nur, um den Text, sondern um die ganze Inszenierung zu verstehen. Natürlich mag ich moderne Inszenierungen, aber sie müssen hieb- und stichfest begründet sein. Ich kenne gelangweilte Regisseure, die weder Noten lesen können noch die Theatersprache beherrschen. Können Sie sich das vorstellen: Ein Regisseur inszeniert Shakespeare und kennt dessen Sprache nicht? Das ist doch ein Skandal! Einer kam mal mit dem CD-Booklet meiner letzten Aufnahme an, als einzige Information! Ich werde diese Mentalität nie verstehen. Man muss doch vorbereitet sein! Bevor ich zu Proben gehe, muss ich Zuhause alles vorbereitet und studiert haben. Es ist ein Ritual für mich. Das bin ich dem Publikum schuldig.
ARTE: Vor einigen Jahren waren Sie die berühmteste Sopranistin, dann kam Anna Netrebko …
Angela Gheorghiu: Anna kommt zu meinen Auftritten. Wir sind Kolleginnen. Tut mir leid für euch Journalisten, aber wir sind keine Feindinnen. Im Sport gibt es den Wettbewerb. In der Musik empfinde ich das nicht so. Wir alle müssen schließlich aufpassen und über unsere Zukunft nachdenken, denn es ist härter, oben zu bleiben, als nach oben zu kommen. Aber unser Beruf ist unser Leben, es geht nicht nur darum, zu verkaufen. Wir sind alle sensibel, wollen alle weiterkommen. Wir bewundern einander und verstehen uns über die Musik.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL

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Kurzbiografie Angela Gheorghiu:
Geboren am 7. September 1965 im rumänischen
Adjud als Tochter eines Zugführers; erwarb ihr Diplom an der Bukarester Musik–aka-demie; 1994 internationales Debüt als Violetta in "La Traviata" im Londoner Covent Garden;verheiratet mit dem französischen Startenor Roberto Alagna.

Diskografie Angela singt Puccini:
(Auswahl) Angela Gheorghiu: My Puccini (EMI 2008, CD + DVD); Gheorghiu/Vargas/Luisotti: La Bohème, DVD 2008 (EMI); Giacomo Puccini: La Bohème. Mit Angela Gheorghiu und Roberto Alagna (DECCA 1999, 2 CDs); Angela Gheorghiu: Puccini Arien (EMI 2006, Doppel-CD)

Kategorien: Januar 2009