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„The Choice“ – Amerika hat die Wahl

ARTE: „The Choice“ ist seit 20 Jahren eine amerikanische Institution. Welche Idee steckt hinter dem Programm?
Michael Kirk: Es geht uns nicht in erster Linie darum zu untersuchen, was die diesjährigen Präsidentschaftskandidaten in ihrer politischen Laufbahn bisher geleistet haben und was sie versprechen zu tun. „The Choice“ ist der Versuch, der Persönlichkeit der Kandidaten auf den Grund zu gehen. Die amerikanischen Wähler sollen ihre Entscheidung nicht nur auf der Basis der aktuellen politischen Reden McCains oder Obamas treffen, sondern auf der Grundlage eines wirklichen Verständnisses dessen, wer beide wirklich sind und wo sie herkommen.

Sie möchten ein psychologisches Porträt beider Kandidaten zeichnen?
Es geht nicht um Psychologie als Selbstzweck. Psychologische Einzelheiten interessieren uns, insofern sie wichtig sind für das Verständnis ihrer politischen Einstellung. Es ist für jeden von uns wichtig zu verstehen, wo wir herkommen und wie die Dinge, die in den bewegtesten Momenten unseres Lebens mit uns geschahen, unsere späteren Entscheidungen im Leben beeinflussen – ganz besonders gravierend ist das natürlich im Falle von Präsidentschaftskandidaten.

Ist es nicht sehr schwierig, in diesem Falle Neutralität zu wahren?
Neutralität war nicht nur ein Vorhaben, sondern in diesem Fall natürlich eine Verpflichtung. Das ist nie einfach, und bei beiden Kandidaten habe ich in gleichem Maße Qualitäten, Charaktereigenschaften und politische Einstellungen gefunden, denen ich zustimme oder auch nicht zustimme. Aber nach 40 Jahren Erfahrung als Biograf und Filmemacher bin ich stolz darauf, sagen zu können, dass ich es schaffe, die Kandidaten wenn nicht mit völliger Objektivität so doch mit Fairness zu betrachten.

Welche Schlüsselmomente gibt es im Leben Obamas und McCains ?
Bei Barack Obama spielt seine afro-amerikanische Herkunft eine große Rolle für sein heutiges Selbstverständnis und natürlich seine Art, politische Entscheidungen zu treffen. Wir haben seine Bücher gelesen, mit vielen Menschen gesprochen, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet sind, und haben auf diesem Weg viele Facetten der komplizierten Persönlichkeit Obamas kennengelernt: Seine herausragende Intelligenz und seine Begabung, verschiedene Kulturen zu verbinden – aber auch die Konflikte in ihm, die ständige Frage, wie er mit dieser Herkunft am besten umgeht.
Wichtiges Element bei McCain war zunächst sein Widerstand gegen die militärische Laufbahn – und damit gegen eine Familientradition, die bis auf George Washington zurückgeht. Sein Großvater und sein Vater, beides berühmte Admirale, bestanden aber darauf, dass er die Marineakademie in Minneapolis besuchte, wo er absichtlich als Fünft-Schlechtester seines Jahrgangs abschloss. Sein Ruf als unorthodoxer Draufgänger verfolgte ihn bis nach Vietnam, wo er als Pilot als unberechenbar galt. Ein Schlüsselerlebnis war schließlich eine fünfjährige Gefangenschaft und Folter in Nord-Vietnam, die sich in zahlreichen politischen und persönlichen Entscheidungen seines weiteren Lebens niederschlug.

Inwiefern schlagen sich diese Schlüsselmomente in ihrer Art nieder, heute Politik zu machen?
Bei Barack Obama ist es sehr wichtig zu verstehen, dass er kein schwarzer Politiker ist, sondern ein Politiker, der ganz einfach schwarz ist. Diese Tatsache macht aus ihm eine sehr faszinierende Persönlichkeit. Er versteht sich nicht ausdrücklich als schwarzer Politiker, daher haben viele amerikanische schwarze Bügerrechtsaktivisten der Generation Jesse Jacksons ihre Probleme mit Obama.
John McCain stand Zeit seines Lebens mit zwei Seiten seiner Persönlichkeit im Zwiespalt: Dem Querdenker – dem « Maverick » – auf der einen Seite, der in jeder politischen Entscheidung seinen eigenen Weg gehen möchte und daher auch nicht immer George Bushs Fussstapfen folgt. Gleichzeitig möchte er Macht haben und Dinge in der Welt erreichen. Wenn er an der Spitze der Republikaner stehen möchte, muss er auch der Parteibasis gefallen und Kompromisse eingehen. Eine wichtige Frage für die Wähler wird daher sein, welche der beiden Persönlichkeiten sich als Präsident durchsetzen würde, Mister Outside » oder der « Mister Inside » in Kontinuität George Bushs.

Kann der «Maverick » wirkliche Stärke von McCain sein?
Das ist eine gute Frage und ich glaube, dass es sich hier wie mit vielen Dingen im Leben verhält: Große Qualitäten bringen häufig auch viele Probleme mit sich. Diese Eigenschaft des unorthodoxen Querdenkers hat ihn auch bei vielen Amerikanern sehr beliebt gemacht, die in ihm die Verkörperung eines ganz bestimmten unabhängigen amerikanischen Geistes sehen, auf den wir sehr stolz sind, auch wenn das viele Menschen in Europa und dem Rest der Welt beunruhigen mag. Man muss sich natürlich schon die Frage stellen, ob McCains Art, « aus der Hüfte zu schießen » eine Eigenschaft ist, die wir uns für einen der mächtigsten Männer der Welt wünschen.

Die Presse schenkt momentan Sarah Palin mehr Beachtung als McCain selber. Welche Rolle spielt sie im Wahlkampf?
Mich hat die Wahl Sarah Palins an die damalige Wahl Spiro Agnews als Vize-Präsidenten für Richard Nixon erinnert. Ähnlich wie Nixon weiß auch McCain sehr gut Bescheid in allen Themen der Außen-, Sicherheits- und Haushaltspolitik. Wie Nixon damals braucht aber auch McCain heute jemanden, der seine „Message“ in die amerikanische Mittelschicht tragen kann – zu denjenigen Amerikanern, die auch von Hillary Clinton angesprochen wurden, die weiße Arbeiterklasse, und die religiöse Rechte natürlich. Sarah Palin kann mit großer Autorität zu diesen Gruppen sprechen und nimmt damit eine Mittlersrolle ein.

Sie sprechen McCains außenpolitische Erfahrung an – wie steht es mit Obama?
Eines der Dinge, die «The Choice» anspricht, ist die viel besprochene Unerfahrenheit Barack Obamas in Themen der internationalen Politik. Natürlich hat er nach sechs Jahren als Senator in Illinois keine große Erfahrung in nationaler Sicherheit und Wirtschaftspolitik. Er hat aber das tiefe Bedürfnis nach Wandel, nach sozialerer Politik in diesem Land verstanden wie kein anderer Kandidat vor ihm – und diese Welle trägt ihn bisher mit großem Erfolg. Er hat einen Begeisterungsfunken entfacht, ist in vielen Umfragen führend, und in der ganzen Welt beliebt, aufgrund dessen, was er repräsentiert: Er ist der erste schwarze Präsidentschaftskandidat in Amerika, ein Mann, der die Welt bereist hat und viele wichtige Erfahrungen in dieses Amt mitbringt. Konkrete politische Entscheidungen und Aktionen fallen bei ihm vielleicht nicht ganz so automatisch wie bei McCain, man darf aber nicht vergessen, dass er 300 Experten für internationale Politik um ihn herum hat, die ihn informieren und beraten. Er ist zudem ein hochintelligenter Mann, der extrem schnell hinzulernt.

Viele Europäer würden ihn zum Präsidenten wählen – ist das ein Problem für amerikanische Wähler?
Wir haben natürlich mitbekommen, wie herzlich Barack Obama in Berlin empfangen wurde. Die Reaktion der Amerikaner geht in zwei Richtungen. Viele freuen sich über die Beliebhteit Obamas in derselben Art, wie wir stolz waren auf die Beliebtheit John F. Kennedys. Kein Präsident nach ihm hat ähnliche Gefühle in den Menschen ausgelöst. Andererseits sind viele Amerikaner nach wie vor sehr beunruhigt angesichts der Frage des internationalen Terrorismus. In diesem Zusammenhang sucht man weniger nach jemandem, der in der Welt gut ankommt, als vielmehr nach jemandem, der harte Ansagen macht und Amerika beschützt, egal was der Rest der Welt über ihn denkt. Was nicht heißen soll, dass man von Obama keine «Tough calls» erwarten kann, und auch nicht, dass die Welt McCain nicht mögen wird!

Die diesjährigen Präsidentschaftswahlen werden als wegweisend für Amerikas Zukunft dargestellt. Glauben Sie an einen wirklichen Wandel nach der Wahl?
Das mit dem Wandel ist eine komplizierte Sache – was für den einen eine Veränderung ist, ist für den anderen keine. Ich glaube, dass beide Kandidaten das tiefe Bedürfnis nach Wandel begriffen haben, aber wenn sie über Veränderungen in Amerika sprechen, meinen sie damit durchaus unterschiedliche Dinge. Ihre Fähigkeit, diesem Versprechen der Hoffnung zu entsprechen, wird noch sehr genau unter die Lupe genommen werden, da es jetzt immerhin um einen Präsidentschaftskandidaten geht. Die Bandbreite, in der sie dieses Versprechen tatsächlich umsetzen können, ist meiner Ansicht nach eine Funktion dessen, was sie aufgeben mussten, um gewählt zu werden, und welches ganz am Ende ihr «gefühlter» Auftrag ist. Beide haben einen Wandel versprochen und auch verstanden, dass ihre Wahl zu einem großen Teil davon abhängen wird, aber die Umsetzung ist natürlich einfacher gesagt als getan.

Das Interview führte Nicola Hellmann (September 2008)

Kategorien: September 2008