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75 Min.
Verfügbar vom 17/08/2020 bis 18/08/2021

Gesichter sind Landschaften, in denen Ausdrücke, Erfahrungen und die Zeit ihre Spuren hinterlassen haben. Das zeigt Tsai Ming-liangs Dokumentarfilm an den Gesichtern von dreizehn Frauen und Männern in Großaufnahme. Porträtkunst im Kinoformat, packend und bewegend.

Dokumentarfilme lieben „talking heads“, und Porträtkunst bleibt gemeinhin der Malerei und Fotografie vorbehalten. In „Your Face“ jedoch bringt der taiwanische Filmemacher Tsai Ming-liang das Porträt meisterhaft auf die große Leinwand. Gesichter sind Landschaften, in denen Ausdrücke, Erfahrungen und die Zeit ihre Spuren hinterlassen haben. „Your Face“ zeigt die Gesichter von dreizehn Frauen und Männern in Großaufnahme. Tsai Ming-liang war für ein Casting auf den Straßen von Taipei unterwegs, als ihn die Idee zu diesem Film wie eine Erleuchtung überkam. Er hielt inne und schrieb in sein Notizbuch: „Da ist Licht, da ist eine Geschichte. Dein Gesicht erzählt von der Zeit, die vergeht, und den Orten, an denen du warst. In deinen Augen mischt sich Verwirrung mit Trauer. Da ist Licht, da ist eine Geschichte. Dein Gesicht erzählt von der Liebe und den Orten, wo sie sich versteckt. In deinen Augen ist ein Funke und ist Dunkelheit.“
Das Setting von „Your Face“ ist minimalistisch aber fesselnd, denn die Großaufnahmen werden nie unterbrochen. Manche der Personen erzählen ihre Geschichte. Doch der Film ist mehr als nur ein Porträt von Menschen, denen man einmal auf der Straße begegnet und die man dann nie wiedersieht. Wie immer bei Tsai Ming-liang spielt die Zeit die Hauptrolle: Sie hat diese Gesichter geformt, wie Wind und Wasser die Landschaft formen und verwittern lassen. Das letzte Gesicht ist zugleich das jüngste und gehört dem Schauspieler Lee Kang-sheng, Tsais Alter Ego, das in all seinen Filmen auftaucht. Routiniert und entspannt lacht er vor der Kamera und erinnert sich an seine Vergangenheit, seine Studentenzeit und seinen Vater. Doch damit ist der Film nicht zu Ende. Es folgt eine lange Einstellung, die einen leeren Ballsaal zeigt, vielleicht den Drehort. Nichts bewegt sich, niemand spricht. Stille ist Tsai Ming-liangs liebster Soundtrack. Doch zum ersten Mal seit zwanzig Jahren gab er bei dem berühmten japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto eine Filmmusik in Auftrag, welche seine bewegte Porträtgalerie ganz sanft begleitet. Tsai Ming-liangs Filme verlangen dieselbe Aufmerksamkeit wie Poesie oder Malerei. Die choreografische Präzision, mit der sich seine Figuren im Raum bewegen, zeugen von einer sehr zeitgemäßen Melancholie.


  • Regie :
    • Tsai Ming Liang
  • Land :
    • Taiwan
  • Jahr :
    • 2018
  • Herkunft :
    • ARTE F