Arbeitsstunden zählen: Fluch oder Segen?

4 Min.
Verfügbar vom 18/05/2019 bis 20/05/2039
Heute greift Europe to go wieder ein großes Thema der Woche auf: Das Urteil der Europäischen Gerichtshofs zur Arbeitszeiterfassung. Bessere Arbeitsbedingungen dank Stechuhr? Wie geht das zusammen? Wie machen es die EU-Länder? Und wo könnte es Probleme geben?

Gerecht

Das ist mal eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die uns direkt betrifft. Am Dienstag hat er beschlossen: Arbeitgeber müssen unsere Arbeitszeit vollständig erfassen. Auf die Stunde genau, jeden Tag.

(Klammer auf: Der Europäische Gerichtshof, kurz EuGH, sorgt dafür, dass das EU-Recht auch wirklich überall in der EU angewandt wird. Eine Art Oberstes Gericht, also. Klammer zu!)

Eingeschaltet worden ist der EuGH von der spanischen Justiz: Hilfe, wir haben da einen kniffligen Fall zwischen der Deutschen Bank als Arbeitgeber und der größten spanischen Gewerkschaft, Comisiones obreras. Die wollte, dass die Bank ein System einrichtet, um alle geleisteten Stunden zu verzeichnen, nicht nur die Überstunden.

Der Gerichtshof hat die EU-Grundrechtecharta gewälzt und dann verkündet: Die Gewerkschaft hat Recht!

Der Arbeitnehmer sei eindeutig die schwächere Partei im Arbeitsverhältnis. Deshalb brauche er ein „objektives, verlässliches und zugängliches System“, um seine Arbeitszeit zu messen und so seine Rechte durchzusetzen. Also maximale Arbeitszeit, Ruhezeiten und so weiter.

Zeitgerecht?

Tja, leichter gesagt, als getan! Wie misst man Stunden, bei den tausend verschiedenen Arbeitsverhältnissen und Grauzonen, die es heute gibt? Was ist zum Beispiel mit Homeoffice, wo die Grenzen zwischen Job und Hausarbeit manchmal total verschwimmen?

Und schreibt man eigentlich auf, wenn man auch nach Feierabend noch telefonisch erreichbar ist oder auf berufliche Mails antwortet? Volkswagen Deutschland hat schon versucht, da Licht ins Dunkel zu bringen: Seit 2011 schickt der Autobauer seinen Angestellten nach 18h15 keine Mails mehr.Kritiker fürchten aber auch, dass die Zeiterfassung ganz schön aufdringlich werden könnte. Der Chef weiß dann genau, um wie viel Uhr ich komme und gehe, wann und wie lange ich Pause mache. Und was ist mit meiner Freiheit, einfach mal mehr zu arbeiten?

Stechuhr

Also, müssen wir jetzt bald alle die Stechuhr füttern? Naja! Es stimmt schon, die Entscheidung des Gerichtshofs gilt nicht nur für Spanien, sondern muss theoretisch in ganz Europa umgesetzt werden. Da haben die einzelnen Länder unterschiedlich viel zu tun:

In Deutschland müssen bisher nur Überstunden aufgezeichnet werden. Also alles, was über die acht Stunden am Tag hinausgeht. In Frankreich schreibt das Arbeitsrecht eigentlich schon vor, die Arbeitszeit zu erfassen. Praktisch gibt es aber jede Menge Ausnahmen. Und ausgerechnet in Spanien ist gerade ein neues Gesetz in Kraft getreten, das zur vollen Arbeitszeiterfassung verpflichtet. Angeblich eins der strengsten der Welt.Wie genau die Länder das Urteil des Europäischen Gerichthofs umsetzen, ist ihnen überlassen. Und je nach Job und Unternehmen darf es Unterschiede geben. Die Zeiten der Papier-Stechkarten am Werkstor sind in den meisten Branchen wohl vorbei. Heute gibt es dafür digitale Möglichkeiten…. vor allem Smartphones und Apps.

Was genau da auf uns zukommt, ist aber noch ziemlich unscharf! In Spanien hat das neue Gesetz erst mal zu jede Menge Chaos geführt. Wir sind gespannt, wie sich andere Länder schlagen – und vor allem, ob wir Arbeitnehmer bald auch wirklich von der Zeiterfassung profitieren.


  • Journalist :
    • Anja Maiwald
    • Anne-Lyse Thomine
  • Land :
    • Frankreich
  • Jahr :
    • 2019