Schwitzen für den Frieden?

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Verfügbar von 03/05/2018 bis 05/05/2035
Live verfügbar: ja
Am 4. Mai findet in West-Jerusalem der Start des Giro d’Italia statt. Der Sport könnte Grenzen überwinden, doch das palästinensische Gebiet wird bei diesem Großanlass umfahren. Das soll sich bei einem Radsport-Friedensprojekt ändern: 2019 wird erstmals ein Amateurrennen durch Jordanien, Israel und das Westjordanland führen und die Checkpoints in Jerusalem passieren.
Gino Bartali war italienischer Rad-Champion und ein gottesfürchtiger Katholik. "Der radelnde Mönch" gewann zweimal die Tour de France (1938, 1948) und dreimal den Giro d'Italia (1936, 1937 & 1946). Wahrscheinlich hätte er weit mehr Rundfahrten gewonnen, hätte ihm der Zweite Weltkrieg nicht die besten Jahre seiner Karriere geraubt. Bartali lieferte sich ein episches Duell mit seinem Gegner Fausto Coppi. Ihre Rivalität spaltete das Italien der Nachkriegszeit in zwei Lager.
Erst nach seinem Tod im Jahr 2000 wurde bekannt, dass Bartali sich während des Krieges einem antifaschistischen Netzwerk angeschlossen hatte und im Auftrag des Erzbischofs von Florenz gefälschte Dokumente transportierte. Auf seinen langen Trainingsfahrten ins heilige Assisi versteckte er die Dokumente im hohlen Rahmen seines Fahrrads. So rettete er mehr als 800 Juden vor der Deportation (siehe auch: Die unbekannte Seite des Radchampions Gino Bartali, NZZ, 14.09.2012).
2013 hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Bartali posthum den Titel eines "Gerechten unter den Völkern" verliehen. Zu Ehren Bartali findet am 4. Mai der Start des Giro d'Italia in Jerusalem statt.

Der beste Giro-Start aller Zeiten?

Ein großes internationales Sportereignis auf israelischem Boden - das ist neu. Zuletzt fanden hier 1964 und 1977 Schach-Olympiaden statt, 1968 Paralympics. Der logistische und sicherheitstechnische Aufwand des Giro d'Italia ist weit größer: Das Budget der "Grande Partenza" beläuft sich auf 27 Millionen Euro. Hinter einem Großteil der Finanzierung steht Sylvan Adams, ein in Israel wohnhafter Millionär und Radsport-Fanatiker, der Tel Aviv in eine radfreundliche Stadt verwandeln will, in ein Amsterdam des Nahen Ostens. Adams investiert Geld in Infrastruktur. Er steht auch hinter dem ersten professionellen Radsportteam Israels, der Israel Cycling Academy, das beim Giro ebenfalls an den Start gehen darf. Gegenüber dem Radsport-Portal "Cyclingtips" erklärte er die Ziele hinter seinem Engagement: Er peilt den besten Auslandsstart aller Zeiten an und will Israel im besten Licht präsentieren.

101. Giro d'Italia

Das Radrennen Giro d’Italia wurde 1909 gegründet und findet 2018 zum 101. Mal statt. Nur während den beiden Weltkriegen fanden keine Rennen statt. Die dreiwöchige Rundfahrt ist hinter der Tour de France das traditionsreichste Etappenrennen der Welt.

Protest gegen Israel als Austragungsort

Die Organisatoren des Giro d'Italia verneinten wiederholt, der Giro-Start in Israel habe etwas mit Politik zu tun. Dennoch befürchten Kritiker, Israel missbrauche den Sport, um sein Image rein zu waschen.
Aus einer Stellungnahme des europäischen Palästina-Netzwerks ECCP geht hervor, dass sich über 120 Menschenrechtsorganisationen, Sportverbände und Gewerkschaften weltweit zusammengeschlossen haben, um gegen Israel als Austragungsort zu protestieren. Israel verstoße mit seiner repressiven Siedlungspolitik gegen das internationale Recht und verletze die Menschenrechte der Palästinenser.
Dass das italienische Radrennen nie zuvor in einem politisch so aufgeladenen Kontext stattgefunden hat, verdeutlicht die Anekdote der Namensgebung der ersten Etappe. Bei der Präsentation der Strecke verwendeten die Giro-Organisatoren für die Startetappe den Namen West-Jerusalem, da die Strecke ausschließlich durch den israelischen Teil der Stadt führt. Daraufhin drohte die israelische Regierung damit, dem Sportereignis ihre Unterstützung zu entziehen. Israel sieht Jerusalem als unteilbare Hauptstadt des hebräischen Staates. International ist diese Haltung höchst umstritten, da Palästina den Osten der Stadt für sich beansprucht. In den neuen Dokumenten des Giro ist nur noch von "Jerusalem" die Rede. 
ARTE Info blickt auf zwei andere Sportereignisse, die auf unterschiedliche Weise zur Verbesserung der angespannten Lage im Nahen Osten beitragen möchten:

Ein Marathon als Protest gegen die Bewegungseinschränkung

Ausschließlich politische Ziele verfolgt der "Palestine Marathon". Das internationale Rennen, das im Jahr 2013 erstmals stattfand, startet im besetzten Gebiet und führt entlang der Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland in Betlehem. Die Organisatoren wollen eine klare Botschaft aussenden: Der Marathon entlang der meterhohen Mauer soll auf die Einschränkungen und Schikanen hinweisen, denen die Palästinenser tagtäglich an der Grenze zu Israel ausgesetzt sind.

Ein Friedensprojekt soll die Grenzen überwinden


Die "Middle East Tour" wirbt mit dem Slogan "Cycling for global peace" (Radfahren für den Weltfrieden). Die Strecke soll im März 2019 durch Jordanien, Israel und das Westjordanland führen. Bei der abschließenden Etappe nach Jerusalem werden die Radfahrer, anders als beim Giro, vom palästinensischen Gebiet herkommend sogar die Checkpoints der geteilten Stadt passieren.
Fünf Jahre hat Gerhard Schönbacher, Mitbegründer des Projekts, in die Planung des Rennens investiert. Als größte Hürden entpuppten sich die Grenzübergänge. Mittlerweile ist sichergestellt, dass der Tross die Checkpoints zwischen Israel und dem Westjordanland zweimal fahrend passieren könne. Nicht aber diejenigen von Jordanien nach Israel: "In Aqaba würde die Grenzpassage trotz Information der Behörden für die 200 Teilnehmer einen ganzen Tag dauern. Darum haben wir an diesem Tag einen Ruhetag eingeplant."
Wie die Giro-Organisatoren vermeidet es auch Schönbacher, mit politischen Botschaften zu provozieren. Und auch er hat bei der Planung gemerkt, wie schwierig es ist, in diesem gereizten Klima neutral zu bleiben. Er sei immer wieder in Fettnäpfchen getreten, aber inzwischen habe er sich weitergebildet, um die Feinheiten der Region kennenzulernen, verrät Schönbacher ARTE Info.
Das Budget beträgt laut Schönbacher rund 1,2 Millionen Euro und wird von politisch unabhängigen Sponsoren gestemmt. Knapp ein Jahr vor der erstmaligen Durchführung hat er die finanzielle Zusicherung sowie sämtliche Zusagen der Behörden.
"Noch nie hat ein Sportanlass stattgefunden, der den Friedensaspekt in den Mittelpunkt stellt", sagt Gerhard Schönbacher stolz. Die "Middle East Tour" sei eine Radtour für alle, erklärt der Österreicher. Es gehe nicht darum, dass Teilnehmerfeld mit Weltmeistern zu spicken. Vielmehr stünden andere Werte im Vordergrund: Grenzen zu überwinden sowie die Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationalitäten zusammenzubringen.

Land :

Frankreich

Jahr :

2018