Wawilow, Lyssenko und Stalin
Oder: Wie ernähren wir das Volk?

55 Min.
Verfügbar von 31/07/2018 bis 28/09/2018
Live verfügbar: ja

Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch versucht die sowjetische Führung, eine Lösung für das Ernährungsproblem des Volkes zu finden – vergebens. Eigentlich sind die Böden in Russland und der Ukraine seit jeher fruchtbar. Und doch muss die Bevölkerung immer wieder hungern. Nach der Oktoberrevolution 1917 macht sich die junge Sowjetmacht daran, die Erträge zu steigern.

Russland, 1920er Jahre: Der Bürgerkrieg hatte das Land ausgelaugt, die Kornkammer Europas war leer. 1921 brach eine Hungersnot aus, 40 Millionen Menschen waren betroffen. Es war die erste große Hungersnot in Sowjetrussland, sie fordert mehr als fünf Millionen Todesopfer. Vor dem Hintergrund jener Tragödie übernahm der brillante Botaniker und Genetiker Nikolai Wawilow die Führung der sowjetischen Agrarforschung am neu gegründeten Institut für Pflanzenzucht in Sankt Petersburg. Im Zuge großangelegter Expeditionen auf allen fünf Kontinenten – von der Karibik bis Abessinien, von China über Arabien und Afghanistan bis Nordwestafrika – legte er die weltweit größte Sammlung von Pflanzensamen an. Wawilow war überzeugt, dass mit Hilfe neuer, resistenter Züchtungen die Erträge verbessert und ein wesentlicher Beitrag zur künftigen Ernährung der Weltbevölkerung geleistet werden könnte. Wawilow wurde zu einem glühenden Anhänger der neu aufkommenden Genetik. Doch der Mann, der den Hunger auf der Welt beenden wollte, verhungerte nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Russland 1943 im Gefängnis von Saratow. Wegen Sabotage gegen die sowjetische Landwirtschaft war Wawilow 1941 – im Zuge der politischen Säuberungen unter Stalin – vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR zum Tode durch Erschießen verurteilt worden. Stalin zog dem Forscher Wawilow, der als kosmopolitischer Bourgeois und Erbe des Zarenregimes galt, den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Agronomen und Proletarier Lyssenko vor. Lyssenkos erste Entdeckung war die sogenannte Jarowisation. Lyssenko behauptete, durch dieses Verfahren könnten die Erträge verdreifacht werden. Später sollten sich seine angeblich bahnbrechenden Forschungsergebnisse als Fälschungen erweisen. Doch Lyssenko hielt sich bis zu seinem Tod an der Spitze der sowjetischen Agrarforschung. Er bekämpfte die als reaktionär geltende Genetik und verdammte die sowjetische Forschung damit zu jahrzehntelangem Rückschritt. Die Geschichte der Kontroverse zwischen dem Agrarwissenschaftler Lyssenko und dem Biologen Wawilow erzählt vom Aufstieg und Fall zweier Männer in der von Stalin beherrschten jungen Sowjetunion. Und sie zeigt, dass Wissenschaft in der Sackgasse endet, wenn sie sich ideologischen Dogmen beugen muss.

Regie :

Gulya Mirzoeva

Land :

Frankreich

Jahr :

2017

Herkunft :

ARTE F