In dieser neuen Ausgabe setzt „Mit offenen Daten“ seine Recherchen zu verbotenen Geschäften europäischer Unternehmen mit Russland fort und folgt der Spur illegal exportierter Präzisionsmaschinen bis in russische Fabriken.
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine untersagt die Europäische Union den Export sensibler Technologien nach Russland. Anfang 2025 deckten wir auf, dass der Parallelhandel trotzdem floriert: Weiterhin gelangen vom Embargo betroffene Luxusautos und Industriemaschinen illegal nach Russland.
Für unsere erste Recherche hatten wir die Informationen mehrerer Zolldatenbanken verglichen, darunter Tradeindata, Volza und Export Genius. Über diese Plattformen konnten wir die Spur der illegal exportierten Güter nachverfolgen.
Die Recherche betraf unter anderem den deutschen Werkzeugmaschinenhersteller Spinner. Laut Zolldaten exportierte dieser mutmaßlich eine Hochpräzisionsmaschine nach Usbekistan, von wo sie dann ihre Reise nach Russland fortsetzte. Wir fanden außerdem heraus, dass die Dokumente über die Lieferung nach Usbekistan gefälscht worden waren. Im Juli 2025, wenige Monate nach Ausstrahlung unserer Sendung, gab der deutsche Zoll bekannt, eine Ermittlung eingeleitet zu haben, und verwies in seiner Mitteilung auf die Enthüllungen von ARTE. Im März 2026, als wir die neue Ausgabe fertigstellten, war das Verfahren noch in Gang und für die von der Ermittlung betroffenen Personen galt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Auch in Italien lösten unsere Enthüllungen Reaktionen aus. 2025 deckten wir mittels Zolldaten auf, dass wohl eine Maschine des italienischen Unternehmens FPT INDUSTRIE im Wert von 1,8 Millionen Euro im Februar 2024 nach Russland exportiert wurde. In das Geschäft soll ein kasachischer Mittelsmann involviert gewesen sein. Das Unternehmen reagierte nicht auf unsere zahlreichen Nachfragen und beauftragte nach Ausstrahlung der Sendung einen Anwalt, um uns mit rechtlichen Schritten zu drohen. Die Maschine, so FPT INDUSTRIE, befinde sich in Kasachstan und nicht in Russland. Da diese Aussagen nicht belegt werden konnten, blieben wir bei unserer Annahme.
Im Oktober 2025 veröffentlichte das italienische Online-Nachrichtenportal Linkiesta eine Recherche über mehrere italienische Unternehmen, die im Verdacht standen, die Sanktionen umgangen zu haben, und griff dabei einen Teil unserer Enthüllungen über FPT INDUSTRIE auf. Auch gegenüber Linkiesta wies FPT INDUSTRIE die Vorwürfe entschieden zurück. Die Sache ging bis vor das italienische Parlament, wo eine Abgeordnete ihre Regierung wegen der illegalen Exporte zur Rede stellte. Antwort der Regierung: Ermittlungen seien im Gange.
Neue Recherchen
Diese neuen Erkenntnisse und Einschüchterungsversuche veranlassten uns, die Recherchen wieder aufzunehmen.
Wir gaben uns als russische Käufer aus – denn nur so kommt man an Informationen aus erster Hand – und riefen den kasachischen Zwischenhändler an, der in den Zollunterlagen auftauchte: den Geschäftsführer von GENIUS LOCI. Der äußerst gesprächige Mann verriet uns, wie er das Embargo umgeht, um europäisches Material nach Russland zu liefern, und erwähnte von sich aus die Maschine von FPT INDUSTRIE, die unseren Recherchen zufolge 2024 nach Russland importiert worden war.
Den Zolldaten zufolge war der Empfänger dieser Maschine die Import-Export-Firma IEK mit Sitz in Jekaterinburg. Laut dem russischen Unternehmensregister ist ihre Haupttätigkeit der „Großhandel mit Werkzeugmaschinen“.
Undercover in einer Telegram-Gruppe
Wo befindet sich diese Maschine heute? Um das herauszufinden, infiltrierten wir eine russische Telegram-Gruppe mit Fachleuten aus dem Bereich der industriellen Verarbeitung. Ende 2025 vertraute uns eines der Mitglieder an, er arbeite an einer Maschine vom Typ CASTEL TERUS 180, die ein Jahr zuvor über einen Parallelimport aus Kasachstan gekauft worden sei. Außerdem verriet er uns, er sei beim russischen Industriekonglomerat HMS GROUP beschäftigt.
Auf der Website e-disclosure.ru, auf der russische Unternehmen ihre Jahresberichte veröffentlichen, luden wir alle Dokumente herunter, welche die Tochtergesellschaften des Konglomerats veröffentlicht hatten. Mithilfe des Analysetools NoteBookLLM fanden wir in einem Bericht der Tochtergesellschaft KazancompressorMash, die Kompressoren für den Energiesektor herstellt, einen Hinweis auf eine Maschine vom Typ CASTEL TERUS 180: In den „Erläuterungen zur Bilanz 2023“ war von „Arbeiten zur Einrichtung einer mechanischen Montagehalle“ für eine „CASTEL TERUS 180“ die Rede.
Anfang April 2026, als wir unsere Recherche gerade abschlossen, erschien auf e‑disclosure.ru der Jahresbericht 2025 von KazancompressorMash. Die CASTEL TERUS 180 wird darin erneut erwähnt, diesmal in der Liste der Maschinen, die unlängst in der neuen Montagehalle für Turbokompressoren „in Betrieb genommen“ wurde. Diese Information bestätigt unsere vorigen Erkenntnisse: Der Mann, der uns in der Telegram-Gruppe anvertraut hatte, mit einer CASTEL TERUS 180 zu arbeiten, teilte Modellbilder ebensolcher Turbokompressoren.
Wir sprachen FPT INDUSTRIE darauf an, doch das Unternehmen hielt an seiner Aussage fest. Die Maschine befinde sich in Kasachstan: „FPT hat eine Maschine nach Kasachstan verkauft, was absolut zulässig ist, und ist stolz darauf, dass ein italienisches Spitzenprodukt in einem großen, wirtschaftlich aufstrebenden Land geschätzt wird.“ Und weiter: „Dieser Verkauf erfolgte vollkommen transparent und nach Einholung einer entsprechenden Genehmigung durch das italienische Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und internationale Zusammenarbeit.“
Trotz unserer wiederholten Nachfragen hat uns FPT INDUSTRIE den Namen des angeblichen kasachischen Kunden nie mitgeteilt. Das italienische Außenministerium wollte uns nicht antworten.
Noch mehr illegale Exporte
Doch wie unsere Recherchen zeigen, dürfte dieser Export wohl kein Einzelfall sein. Ein weiteres italienisches Unternehmen namens Faccin soll 2024 über dasselbe Netzwerk von Zwischenhändlern Maschinen im Gesamtwert von rund 300.000 Euro nach Russland geliefert haben. Auch hier konnten wir eine der Maschinen ausfindig machen: In einem Artikel in der Betriebszeitung wird nämlich eine Angestellte porträtiert, die an der Maschine arbeitete.
Laut einem Bericht des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte vom Februar 2026 wurden seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Jahr 2022 rund 15.000 ukrainische Zivilisten getötet.
Nach Angaben des Center for Strategic and International Studies, einer auf Sicherheitsfragen spezialisierten Denkfabrik in Washington, sind zwischen Februar 2022 und Dezember 2025 zwischen 100.000 und 140.000 ukrainische Soldaten ums Leben gekommen. Die Website UA Losses, die öffentlich zugängliche Informationen zu den Opfern sammelt, spricht von 92.330 gefallenen ukrainischen Soldaten zwischen dem 24. Februar 2022 und dem 24. Februar 2026.
Weiterführende Informationen
Zu den europäischen Sanktionen:
Zum deutschen Unternehmen Spinner:
Anfrage der Abgeordneten Federica Onori bezüglich der Umgehung des Embargos:
Bericht über unsere Enthüllungen in der italienischen Presse: