GEOPOLITIK

Auf der Spur des Terrors

 

(c) ARTE / PAC Presse

(c) ARTE / PAC Presse

 

Die Terrormiliz Islamischer Staat ist reich und brutal – doch woher stammt ihr Geld und wie leben die Menschen mit dieser Bedrohung? Der französische Journalist Jérôme Fritel konnte für seine Reportage als einer der wenigen im Grenzgebiet des IS im Irak und in der Türkei drehen. Mit uns sprach er über erschütternde Bilder und seltene Zeugenaussagen.

    Vom Dschihad-Start-up zum multinationalen Terrorunternehmen: Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) sprengt in puncto Grausamkeit und Reichtum jegliche Vorstellungskraft. Investigativjournalist und Irakspezialist Jérôme Fritel, der bereits 1991 und 2003 während des Zweiten und Dritten Golfkriegs vor Ort war, hat das Grenzgebiet zum selbstausgerufenen Kalifat bereist. Im November 2014 recherchierte er drei Wochen lang im Irak, der Autonomen Region Kurdistan und der Türkei und legte dabei 3.000 Kilometer zurück. Entstanden ist die Reportage „IS – Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger“. Im Schnittraum in Frankreich sprach er mit uns über Geldquellen und Geisterstädte.

 

ARTE: Sie haben sich im Grenzgebiet des Terrornetzes IS Gefahren ausgesetzt. Was war Ihr Ziel?

 

Jérôme Fritel: Uns erreichen hauptsächlich Bilder, die vom IS selbst stammen. Ich wollte Informationen aus erster Hand sammeln und mit den Betroffenen sprechen. Es ging mir darum, herauszufinden, wie aus einer Art Start-up des Dschihad ein multinationales Terrorunternehmen wurde.

 

ARTE: Und wie wurde es das? Jérôme Fritel: Um das nachzuvollziehen, muss man die Ursprünge der Bewegung im Irak verstehen. Der IS ist eine furchtbare Spätfolge der von den USA angeführten Kriege. Die Organisation entwickelte sich durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre in Syrien und vor allem im Irak, durch dessen Besetzung sowie die UN-Embargopolitik. In den von ihm kontrollierten Gebieten wird der IS oft von lokalen sunnitischen Volksgruppen unterstützt. Sein Krieg ist auch ein Kampf zwischen Sunniten und Schiiten mit Vertreibungen und ethnischen Säuberungen auf beiden Seiten.

 

ARTE: Hatten Sie Kontakt zu IS-Kämpfern?

 

Jérôme Fritel: Mein Kameramann Stéphane Villeneuve, selbst ein erfahrener Journalist, und ich sind natürlich nicht lebensmüde. Die vom IS verübten Gräueltaten erleben wir seit Monaten. Aus Sicherheitsgründen stand es außer Frage, ihr Territorium zu betreten, dessen Grenzen gut kontrolliert werden. Unsere Recherchen haben wir auf das Randgebiet zum Irak und zur Türkei begrenzt.

 

ARTE: Sie haben die Finanzierungsmethoden des IS recherchiert. Was konnten Sie herausfinden?

 

Jérôme Fritel: In Bagdad hat mir der ehemalige Gouverneur der irakischen Zentralbank erklärt, dass der IS etwa 15 Prozent des irakischen Bruttoinlandsprodukts kontrolliert, über 35 Milliarden Euro. Zudem hat uns ein ehemaliger irakischer Erdölminister erläutert, wie die Terroristen einen bedeutenden Teil der Ölvorkommen im Irak und Syrien an sich gerissen haben, denn der Krieg wird vor allem durch Einnahmen aus dem Ölgeschäft finanziert. In Kurdistan wiederum ist es Stéphane Villeneuve und mir gelungen, die erste Ölquelle zu filmen, die die kurdischen Peschmerga- kämpfer zurückerobern konnten.

 

ARTE: Welche weiteren Finanzquellen hat der IS?

 

Jérôme Fritel: Die Extremisten kontrollieren auch Banken, etwa die Bank von Mossul mit Reserven um die 500 Millionen Dollar, ebenso Erdgas- und Phosphatvorkommen. Westliche Nachrichtendienste sprechen von Reichtümern im Wert von drei Milliarden Dollar. Dazu kommen Einnahmen durch den Erdölschmuggel über die Türkei.

 

ARTE: Haben Sie mit Augenzeugen des IS-Terrors sprechen können?

 

Jérôme Fritel: Über Kontaktpersonen habe ich den früheren Gouverneur der Provinz Mossul getroffen. Im Juni 2014 erlebte er, wie die gleichnamige Stadt in die Hände der Islamisten fiel. Seine Erzählungen über den Alltag unter ihrer Herrschaft sind ein seltenes, hochinteressantes Zeugnis.

 

ARTE: Was hat Sie vor Ort besonders schockiert?

 

Jérôme Fritel: Die zuvor erwähnte kurdische Ölquelle liegt nahe der 10.000-Einwohner-Stadt Zumar, die völlig zerstört wurde. Die Ruinen sind vermint, eine absolute Geisterstadt. Wir waren auch in anderen menschenleeren Städten, deren Einwohner entweder geflohen sind oder sich der Terrorgruppe angeschlossen haben.

 

ARTE: Konnten Sie dennoch Alltag einfangen?

 

Jérôme Fritel: Südwestlich von Kirkuk, am einzigen von den Peschmerga kontrollierten Grenzposten zwischen dem Kalifat der Terrormiliz und dem Irak, kann die Bevölkerung von einer Zone in die andere gelangen. Obwohl sie Angst hatten, haben einige Menschen mit uns gesprochen, weil wir ausländische Journalisten sind. Wir konnten Eindrücke vom Alltag in Mossul bekommen und außerdem konkrete Beweise dafür, dass der IS nicht wie gewöhnliche Terrorgruppen organisiert ist. Er funktioniert tatsächlich wie ein Staat mit eigenem Verwaltungsapparat und Steuereinnahmen.

 

ARTE: Was war der Abschluss Ihrer Reise?

 

Jérôme Fritel: Ich bin in die türkische Stadt Gaziantep gefahren. Dort habe ich einen jungen syrischen Internetaktivisten getroffen, der in Rakka – der Hauptstadt des Kalifats – gedrehte Videos ins Internet stellt. Seine Website ist die einzige unabhängige Informationsquelle. Er berichtet von der Einführung der Scharia und Exekutionen.

 

ARTE: Gibt es Hoffnung auf ein Ende des Terrors?

 

Jérôme Fritel: Ich habe mit unterschiedlichen Experten gesprochen, darunter der frühere französische Außenminister Hubert Védrine. Seine Position könnte, so pessimistisch sie auch sein mag, vielleicht einen Ausweg aufzeigen. Er glaubt, der Westen könne nur dann effizient gegen die Gruppe vorgehen, wenn er mit dem Iran und dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kooperiert, was – so Védrine – darauf hinausliefe, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen.

 

Laure Naimski für das ARTE Magaizin

 

ARTE INTERVIEW

Jérôme Fritel Seit über 25 Jahren verfolgt der Journalist das internationale Zeitgeschehen – von den Kriegen im Irak über den Zusammenbruch des Ostblocks bis zum Völkermord in Ruanda

ARTE THEMENABEND

Spezial: DIE TERRORMILIZ IS

Dienstag · 10.2.

IS – DIE WIRTSCHAFTSMACHT DER GOTTESKRIEGER

Dienstag, 10.2., 20.15

 

Bitte beachten Sie auch das Gespräch und die Dokumentation über den IS im Anschluss; genaue Inhalte standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest

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Kategorien: Februar 2015