Areva & Uramin

Eine Zeitbombe der
französischen
Atomindustrie

Areva & Uramin

Eine Zeitbombe der
französischen
Atomindustrie

Eine Recherche von Slug News und hexagones.fr
für ARTE

In Zusammenarbeit mit

Unsere Recherche zum UraMin-Skandal führt uns auf ein Minenfeld voller mächtiger und oft zwielichtiger Akteure, die mit verdeckten Karten ihr dubioses Spiel treiben. Sie geht von einer einfachen Frage aus, deren Antwort sich zumindest anfänglich abzeichnet: Warum und wie haben sich drei Milliarden Euro in Luft aufgelöst – für Uranminen, die offenbar wertlos waren?

Alles beginnt 2007: Damals erwirbt der französische Nukleargigant Areva das kleine kanadische Unternehmen UraMin, das in drei afrikanischen Ländern Uranminen besitzt. Diese Transaktion – eine der größten, die in Frankreich seit dem Jahr 2000 getätigt wurde – erweist sich für den von Anne Lauvergeon alias „Atomic Anne“ geleiteten Konzern als finanzielle Katastrophe. Welche Geheimnisse verbergen sich hinter diesem Fiasko? In dieser weltumspannenden Affäre treffen wir auf Staatschefs, Finanzhaie aller Art, zwielichtige Politiker, gescheiterte Industriebosse…

Lange hat sie abgewartet, doch nun ist Schluss. Die französische Justiz setzt sich nun ernsthaft mit der Areva-UraMin Affäre auseinander. Am 28. Mai hat sie zwei neue Ermittlungsverfahren gegen „Unbekannt“ eingeleitet – ein anderes läuft bereits seit April. Das erste Ermittlungsverfahren, das die Bedingungen und Umstände des UraMin-Kaufes betrifft, wurde wegen „Betrugs, Veruntreuung und Bestechung ausländischer Amtsträger“ eingeleitet. Das zweite Verfahren wurde wegen der „Verbreitung falscher Informationen, Verwendung oder Vorlage falscher Bilanzen, Machtmissbrauch und der Fälschung von Dokumenten und der Verwendung von gefälschten Dokumenten“ eingeleitet und soll sich in erster Linie gegen Anne Lauvergeon richten.

Vom afrikanischen Busch über die Areva-Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague bis zum Pariser Justizpalast sind die Teams von Slug News und Hexagones.fr für ARTE dieser hochbrisanten Story nachgegangen. Die Exklusiv-Bilder und zum ersten Mal veröffentlichten Dokumente und Porträts, die wir in unserer Webdokumentation vorstellen, tragen zur Enthüllung eines Skandals bei, der in Frankreich zu einer Staatsaffäre auswachsen könnte. 

Ein nukleares Rätsel über 3 Milliarden Euro

Trailer

Schnitt: Quentin Eiden, Xavier Gaillard
Produktion: Slug News

Erster Teil

Die Ankläger

Episode 1

Ein französischer Abgeordneter, der Ex-Berater eines afrikanischen Staatschefs, ein Privatdetektiv und Whistleblower, sowie ein dem Geheimdienstmilieu nahestehender Krimiautor enthüllen die Hintergründe des UraMin-Deals von 2007. Auf dieser drei Milliarden Euro-Transaktion lastet heute ein schwerer Korruptions-Verdacht. Der Kauf von UraMin ist zweifellos einer der Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang des Areva-Konzerns, der vor kurzem Rekordeinbußen eingestehen musste.

Mehr dazu

Grafiken über die friedliche Nutzung der Atomenergie finden Sie weiter unten. Außerdem haben wir für Sie weitere erklärende Elemente zur Rolle von Areva in der Atom-Branche und zur finanziellen Sackgasse, in der sich der Konzern befindet, zusammengestellt. Eine Karte zeigt die Standorte des Konzerns in Afrika. Zwei Info-Kästen enthalten Informationen zum Areva-Alptraum der EPR-Anlagen, die die größten Kernreaktoren des Unternehmens sind, sowie Informationen zur Zukunft der Atomindustrie.

Areva – In der wirtschaftlichen Sackgasse

Ein Nettoverlust von 4,8 Milliarden Euro für 2014, mehr als 600 Millionen Defizit beim Eigenkapital, 7,2 Milliarden Euro Schulden… Areva ist so gut wie pleite.

Wie konnte der Konzern in diese Lage kommen? Zwei Faktoren erklären die Schwierigkeiten im Wesentlichen: Der erste sind die Fehlinvestitionen in Uranminen. UraMin ist dabei der schwerste, aber nicht der einzige Fall (Einzelheiten, auf Französisch). Der zweite sind die katastrophalen Probleme, Verzögerungen und die Kostenexplosion beim Bau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Finnland und im französischen Flamanville.

Dazu kommt der ungünstige Kontext nach der Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011. Bis zu diesem Datum waren die charismatische Areva-Chefin Anne Lauvergeon und mit ihr so gut wie alle französischen Politiker felsenfest von einer goldenen Zukunft der Atomenergie überzeugt und gingen davon aus, dass sich der neue Druckwasserreaktor EPR weltweit hervorragend verkaufen würde.

Im Vorfeld dieses erwarteten Geschäfts investierte Areva massiv in alle Bereiche der Atomenergie. Anne Lauvergeon wollte die gesamte Produktionskette für Kernenergie kontrollieren, vom Abbau des Uranerzes bis hin zur Wiederaufbereitung. Der Großteil dieser Investitionen ging ins Leere, weil die meisten potenziellen EPR-Kunden ihre Atomenergie-Projekte unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima aufgegeben haben.

Deshalb steht der Areva-Konzern heute nicht nur mit überdimensionierten Anlagen da, sondern auch mit schweren Schulden, die er zur Finanzierung der inzwischen unrentabel gewordenen Investitionen aufgenommen hat. Er darf zudem kaum hoffen, dass in absehbarer Zeit Geld in die Kassen kommt. Die neue Konzernführung hat inzwischen die Streichung von 6.000 Stellen weltweit angekündigt, davon 3 bis 4.000 in Frankreich. Gespräche haben auch auf höchster Staatsebene stattgefunden, um es EDF zu ermöglichen AREVA NP, die Abteilung, die sich um die Konzeption und die Herstellung der Atomreaktoren kümmert, teilweise oder gänzlich zu erwerben. Laut der französischen Zeitung „Les Echos“ hat EDF rund 2 Milliarden Euro angeboten, obwohl dieser Unternehmenszweig laut AREVA rund 3 Milliarden Euro wert sein soll.

Reicht diese Strategie zur Rettung des Konzerns? Die Frage stellt sich umso dringlicher, als neue Probleme beim EPR in Flamanville Zweifel daran aufkommen lassen, ob Areva überhaupt fähig sein wird, dem Energieversorger EDF einen funktionstüchtigen Reaktor dieses Typs zu liefern. Es könnte gut sein, dass dieser neue Zwischenfall das endgültige Aus für den EPR und Areva bedeutet.

Anne Lauvergeon

Die charismatische Areva-Chefin Anne Lauvergeon

Flamanville

Die Probleme, die am EPR von Flamanville aufgetaucht sind, lassen Zweifel an der Kapazität Arevas aufkommen, einen betriebsfähigen Reaktor an EDF zu verkaufen.

Der Albtraum EPR

Finnland, Olkiluoto, für den Energieversorger TVO: Der Vertrag über ein schlüsselfertig geliefertes Atomkraftwerk, für 3 Milliarden Euro, wurde am 18. Dezember 2003 unterzeichnet. Der Reaktor sollte 2009 ans Netz gehen. Areva verbuchte bis 2014 für diesen Vertrag zusätzliche Aufwendungen von 4 Milliarden Euro, die Gesamtkosten erreichen damit 7 Milliarden. Einen Teil dieser Zusatzkosten hat Areva vor einem internationalen Schiedsgericht eingeklagt, mit dem Argument, sie gingen auf Verzögerungen bei der Validierung technischer Vorlagen durch die TVO und die finnische Atomaufsichtsbehörde zurück. Der französische Rechnungshof ist zudem der Ansicht, die abgebuchten Aufwendungen von Areva deckten nicht die gesamten Kosten des Projekts ab. Der Reaktor wird frühestens 2016 ans Netz gehen können.

Frankreich, Flamanville, für EDF: Der 2004 unterzeichnete Vertrag geht ebenso von Baukosten in Höhe von 3 Milliarden Euro aus. Die Baugenehmigung wurde erst 2007 erteilt, der Reaktor sollte 2012 fertig sein. Es traten aber immer wieder Probleme auf. So hatte etwa die Firma Bouygues größte Mühe, Betonfundamente zu liefern, die den geltenden Sicherheitsnormen entsprachen. Die Folge waren auch hier Verzögerung und Zusatzkosten. Ende 2014 betrugen die Gesamtkosten 8,5 Milliarden, die Fertigstellung war für 2016 vorgesehen. Inzwischen meldeten Areva und EDF jedoch der Atomaufsichtsbehörde Schwachstellen im Stahl der Reaktordruckkammer, die das Herz des Reaktors enthält. Eine Reihe von Tests muss nun abklären, ob die Kammer den geltenden Sicherheitsnormen entspricht. Wie lange das dauern wird, ist nicht bekannt. Areva und EDF haben ihre Absicht mitgeteilt, den Bau fortzusetzen. Sollten die Tests jedoch ein echtes Risiko bestätigen, dass Risse in der Reaktorkammer auftreten, müsste diese ersetzt werden. Das würde aber eine nochmalige Verzögerung von mehreren Jahren und weitere Mehrkosten bedeuten, die einen Bauabschluss fast unmöglich erscheinen lassen.

China, Taishan, für CGNPC: Der Vertrag sieht die Lieferung von zwei EPR-Reaktoren für je 4 Milliarden Euro vor. EDF ist mit 30 Prozent in die CGNPC-Tochter eingestiegen, die die Reaktoren baut und betreiben soll. Die ursprünglich für 2013 geplante Lieferung wurde bereits auf 2016 verschoben. Über diese Baustelle sind kaum Informationen verfügbar. Sie könnte aber ebenfalls von dem Problem mit der Reaktordruckkammer betroffen sein, da die Kammern von Taishan wie die von Flamanville zumindest teilweise von Areva hergestellt wurden.

Großbritannien, Hinkley Point für EDF: Im Oktober 2013 einigte sich EDF mit der britischen Regierung auf einen Tarif für den Strom aus zwei zu bauenden EPR-Reaktoren. Sie sollen in Hinkley Point entstehen, einem der EDF-Atomkraftwerke in Großbritannien. Areva hält 10 Prozent in dem Konsortium, das für dieses Projekt gegründet wurde, kontrolliert wird es mit 45 oder 50 Prozent von EDF, den Rest sollen chinesische Investoren übernehmen. Die Gesamtkosten sind mit knapp 19 Milliarden Euro veranschlagt, davon 8,2 Milliarden für jeden der beiden Reaktoren. EDF hat noch nicht entschieden, ob die Reaktoren tatsächlich gebaut werden.

Der Sitz von Areva in Courbevoie.
Was ist EPR?

Abkürzung „EPR“ für „European Pressurized Water Reactor“

Der EPR wurde in den 1990er-Jahren von Framatome und Siemens gemeinsam entwickelt, mit Unterstützung von EDF (Électricité de France) und deutschen Energieversorgern. Die von Framatome und Siemens zu diesem Zweck gegründete gemeinsame Filiale wurde 2008, nach dem Rückzug von Siemens aus der Atomenergie, zu 100 % zur Areva-Tochter.

Technik

Der EPR ist wie die anderen Kernreaktoren in Frankreich seit den 70er Jahren ein Druckwasserreaktor. Drei Punkte unterscheiden ihn aber wesentlich von den früheren Generationen:

– Die Leistung: Die Nennleistung des EPR beträgt 1600 MW, gegenüber den 900 bis 1450 MW der bereits laufenden Reaktoren.

– Die Sicherheit: Der EPR verfügt über redundante Sicherheitssysteme und einen Core-Catcher, ein spezielles Auffang-System für den Reaktorkern im Falle einer Kernschmelze.

– Die Laufzeit: Der EPR soll 60 Jahre lang halten, gegenüber den maximal 40 Jahren der gegenwärtigen Reaktoren.

Laut Angaben von Areva, dem Nachfolgeunternehmen von Framatome, in der Kommerzialisierungsphase des EPR Anfang der 2000er Jahre: 3 Milliarden Euro, gegenüber geschätzten 1,5 Milliarden für jeden der 58 bereits in Betrieb befindlichen französischen Reaktoren.

Die Zukunft der Atomindustrie und die Energiewende

Das EDF-Modernisierungsprogramm

Da EDF nicht über die nötigen Mittel verfügt, um sie zu ersetzen, soll ihre Laufzeit auf 60 Jahre verlängert werden. Dazu ist ein Modernisierungsprogramm vorgesehen, dessen Kosten bis 2028 mit 55 Milliarden Euro veranschlagt werden. Dieses Programm schließt einen Teil der nach Fukushima von der Atomaufsichtsbehörde vorgeschriebenen Maßnahmen ein, die die Reaktorsicherheit im Fall von Erdbeben und Überschwemmungen erhöhen sollen.

Stellungnahme der Atomaufsichtsbehörde, die einen Reaktor jederzeit aus Sicherheitsgründen abstellen kann, zu den Plänen von EDF:

– Der entsprechende Antrag wird geprüft und mit den bestehenden Auflagen für eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre abgeglichen. Die endgültige Entscheidung wird jedoch für jeden einzelnen Reaktor getrennt getroffen und wird von den Ergebnissen der vierten Zehnjahres-Inspektion abhängen. (Alle Reaktoren werden alle zehn Jahre auf Herz und Nieren geprüft, bevor der Weiterbetrieb genehmigt wird.)

– Die Atomaufsichtsbehörde behält sich das Recht vor, unabhängig vom EDF-Modernisierungsprogramm alle Maßnahmen vorzuschreiben, die ihr für einen Weiterbetrieb notwendig erscheinen. Die Rechnung für EDF könnte also am Ende höher ausfallen als die angesetzten 55 Milliarden.

Bei ihrer Anhörung vor der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Kosten der Atomenergie haben die beiden anerkannten Kernphysiker Monique und Raymond Sené vor einer Laufzeitverlängerung der aktiven Reaktoren gewarnt. Ihrer Ansicht nach kann niemand die Qualität des Stahls der Reaktordruckkammern garantieren – ein Punkt, bei dem bereits in 15 Reaktoren erhebliche Probleme aufgetreten sind.

Zweiter Teil

Bakouma, eine Uranmine um jeden Preis

EPISODE 2

Eine Reise nach Bakouma, zur scheinbar vielversprechendsten Lagerstätte von UraMin. Heute gleicht der Ort einer Geisterstadt. Areva hat seine Verpflichtungen verletzt und den Ort verlassen. Nie hat der Konzern dort auch nur ein einziges Gramm Uran abgebaut. Zudem ist die örtliche Bevölkerung nun auch vermutlich radioaktiver Verseuchung ausgesetzt. Wir zeigen Ihnen Exklusiv-Bilder dieses Standorts, der inmitten eines Bürgerkriegslandes liegt.

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Anne Lauvergeon im Porträt. Lernen Sie „die eiserne Lady in der Atomindustrie“ kennen. Wie hat sie für den Kauf von UraMin im Jahr 2007 argumentiert?

Atomic Anne, die Iron Lady der Atomindustrie

Die Medien verehrten sie, das Magazin Forbes reihte sie unter die mächtigsten Frauen der Welt ein: Anne Lauvergeon hat Areva 2001 geschaffen und zehn Jahre lang geführt. Dass sie so lange am Ruder blieb, verdankt sie dem politischen Rückhalt aus dem rechten wie aus dem linken Lager.

Anne Lauvergeon ist ein Ausnahmefall: eine der ganz wenigen Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaftssphäre in Frankreich und die einzige, die einen multinationalen Konzern geleitet hat. Und das, obwohl sie nicht aus der hohen Business-Bourgeoisie stammt, sondern aus der Mittelschicht der französischen Provinz: Ihr Vater war Geschichtslehrer in Orléans. Am 2. August 1959 in Dijon geboren, hat sie sich durch ihre bloße Kompetenz zur mächtigen und unter rechten wie linken Regierungen auch gefürchteten Konzernchefin hochgearbeitet.

In der Zeit, in der sie fast allmächtig war, und bis zum Ende ihrer Herrschaft als Vorsitzende des Direktoriums von Areva 2011, blendete sie ihre Umgebung. Hochgewachsen, schlank und blond verstand es „Atomic Anne“, wie die Medien sie bewundernd getauft hatten, ganz hervorragend, die Naive oder die Brave zu spielen, um ihre Gegner anschließend in die Knie zu zwingen.

Wer nicht nur ihre weiblichen Formen wahrnimmt, dem sticht sofort ein anderer Zug ins Auge, der ihre Aura wesentlich mit erklärt: ihre außerordentliche Fähigkeit, die Macht, im Wortsinn, zu „verkörpern“. Hinter der falschen Unschuld steckt ein bis zur Brutalität entschlossener Charakter. Nicht einfach, dieser faszinierenden Persönlichkeit etwas abzuschlagen.

Beeindruckend war auch ihr Werdegang: die Pariser Eliteschule École normale supérieure (ENS), Abschluss in Physik, Mitglied des Corps des mines, einer Ingenieurskorporation, die in der jüngeren Vergangenheit über Jahrzehnte hinweg aus dem Hintergrund die Geschicke Frankreichs mit lenkte – Anne Lauvergeon galt lange als Verkörperung ihrer Zukunft.

1990 wird die Musterschülerin Nachfolgerin von Jacques Attali im Elysée-Palast, an der Seite des alten sozialistischen Präsidenten François Mitterand. Mit Dreißig und völlig unbekannt tritt sie ins Präsidentenkabinett ein, entschärft alle Minen, umgeht alle Fallen, eliminiert die Konkurrenten und wird „Sherpa“, sprich diplomatische Beraterin.

Bis 1995 kämpft Anne Lauvergeon für die Interessen des Präsidenten Mitterand, ganz besonders während der zwei Jahre, in denen er die Macht mit dem konservativen Ministerpräsidenten Edouard Balladur teilen muss. Und als sich Mitterands Krebsleiden verschlimmert, tut sie alles, um den Eindruck aufrecht zu erhalten, dass er uneingeschränkt weiter regiert. Die Sozialisten haben bis heute das Gefühl, ihr für diese Jahre etwas schuldig zu sein.

Nach zwei kurzen Ausflügen ins Milieu der Geschäftsbanken (Lazard) und der Industrie (Alcatel) kehrt Anne Lauvergeon 1999 in die staatliche Sphäre zurück. Der sozialistische Ministerpräsident Lionel Jospin ernennt sie zur Chefin der Cogema, einer Filiale des staatlichen Kommissariats für Atomenergie, die auf Uranbergbau und Wiederaufbereitung verbrauchter Brennelemente spezialisiert ist.

Die Fäden bei ihrer Ernennung zieht die Führungsriege des Corps des mines. Die Vertreter der Ingenieurskorporation haben Wirtschaftsminister Strauss-Kahn dazu überredet, ihr die Leitung des staatlichen Unternehmens anzuvertrauen.

Die meisten Beobachter betrachten diese Bestellung als eine Belohnung für geleistete Dienste. Dass sie ein mächtiges Sprungbrett sein wird, sieht niemand voraus. Doch der Corps des mines und die Regierung verfolgen ein gemeinsames strategisches Ziel: die Übernahme von Framatome, einem Unternehmen, das Atomkraftwerke konzipiert und baut und 1981 der Verstaatlichung entgangen ist. Bei Framatome geben die Ingenieure der Ponts et chaussées den Ton an, der zweiten großen technischen Eliteschule, deren Korporation von je her mit dem Corps des mines um die Vorherrschaft in der Atomindustrie kämpft.

Nach zwei Jahren Manövrieren hinter den Kulissen setzt Anne Lauvergeon die Fusion von Cogema und Framatome durch. Den dadurch entstandenen Konzern tauft sie Areva; der Name bezieht sich ihrer eigenen Aussage nach sowohl auf die spanische Zisterzienserabtei Arevalo als auch auf „arevo“, das armenische Wort für Sonne.

Die wichtigste Konsequenz dieser Fusion ist die Revision einer Regelung, die intern als das „Yalta der Atomindustrie“ bezeichnet wurde. Sie war 1970, nach einem schweren Zwischenfall im Atomkraftwerk Saint-Laurent-des-Eaux, von der Regierung beschlossen worden und hatte die Kontrolle über die Atomkraftwerke dem Energieversorger EDF und den Ingenieuren der Ponts et chaussées übertragen. Mit der Ausgliederung von Framatome aus dem EDF-Konzern und seiner Übernahme wird Anne Lauvergeons Gruppe Areva zum unabhängigen Akteur – und der Corps des mines zur tonangebenden Korporation in der Atomindustrie.

In den folgenden zehn Jahren tut Anne Lauvergeon alles, um Areva zum Global Player zu machen. Der Konzern entwickelt in einer Partnerschaft mit Siemens eine neue Reaktorgeneration, den EPR. Im Dezember 2003 zieht Areva in Finnland einen ersten Bauauftrag an Land. Siebzehn Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl sehen viele diesen Vertrag als Besiegelung einer Renaissance der Kernenergie.
Anne Lauvergeon macht sich zur weltweiten Handelsvertreterin in Sachen EPR, im Glauben an eine strahlende Zukunft. Es ist die Zeit der großen Hoffnungen, wie der auf ein Jahrhundertgeschäft mit Mbekas Südafrika, der den Bau von zehn bis zwölf EPR-Meilern in Aussicht stellt. Vor dem Hintergrund des immer unabweisbarer werdenden Klimawechsels erscheint die Atomenergie als vernünftige Alternative, die eine erhebliche Senkung der Treibhausgas-Emissionen gestattet.

2006 wurde Anne Lauvergeon mit Unterstützung des konservativen Präsidenten Jacques Chirac als Areva-Chefin bestätigt. Mit der Wahl von Nicolas Sarkozy im Mai 2007 dreht sich der Wind. Der neue Präsident hat andere Pläne: Er will Areva mit dem Energie- und Transport-Spezialisten Alstom zusammenlegen und den neuen Konzern der Bouygues-Gruppe unterstellen. Anne Lauvergeon, die dieses Projekt ablehnt, schlägt das Ministerium aus, das ihr Sarkozy anbietet, und tut alles, was in ihrer Macht als Areva-Chefin steht, um den Angriff von Bouygues abzuwehren. Mit Erfolg: Im Sommer 2008 gibt Bouygues auf, auch wegen der um sich greifenden Finanzkrise, die eine Finanzierung einer Fusion dieser Größenordnung unmöglich erscheinen lässt.
Nicolas Sarkozy verzeiht der Areva-Vorsitzenden diesen Misserfolg nicht und setzt alles in Gang, um sie zu stürzen. Trotz aller Störmanöver bleibt Anne Lauvergeon aber bis zum Ende ihres Mandats im Juni 2011 im Amt.

Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 glaubt sie sogar an eine Verlängerung ihres Vertrags. Der Unfall in Japan, der zweiten Hochburg der Kerntechnik, gibt ihrer Grundforderung nach mehr Sicherheit Gewicht und diskreditiert das Projekt des EDF-Konzerns, zusammen mit chinesischen Partnern eine Low-Cost-Variante der Atomenergie aufzubauen. Letztlich setzt sich aber doch Nicolas Sarkozy durch: Anne Lauvergeon wird nicht bestätigt, sondern, mit Zustimmung der Sozialisten, durch ihren Vizepräsidenten Luc Oursel ersetzt.

Vier Jahre nach ihrem Abgang ist die Bilanz alles andere als glänzend. Die Quasi-Pleite, vor der Areva steht, ist das Ergebnis ihrer letztlich gescheiterten Strategie. Massive Investitionen ohne ausreichendes Eigenkapital, der überteuerte Kauf von letztlich nicht abbaufähigen Uranminen, all das beruhte auf dem Glauben an den baldigen Verkauf von Dutzenden EPR-Reaktoren. Eine Rechnung, die nicht aufzugehen scheint, zumal zunehmend bezweifelt wird, dass Areva überhaupt fähig ist, diesen äußerst, und vielleicht zu komplexen Reaktor tatsächlich zu bauen.

Mit der Wahl des Sozialisten François Hollande, dem sie nahe steht, rechnete sich Anne Lauvergeon Chancen auf ein Comeback aus. Sie bleibt vorerst außen vor: Die laufenden Ermittlungsverfahren sind eine zu schwere Hypothek.

Anne Lauvergeon hat Areva 2001 geschaffen.
Unermüdlich bereist Anne Lauvergeon die Welt, um Atomtechnik von Areva, und vor allem den EPR zu verkaufen.
Die ehrgeizige Lauvergeon löste Jacques Attali in seiner Funktion als Berater des damaligen Präsidenten François Mitterand ab.
Nicolas Sarkozy hat mit allen Mitteln versucht, die Areva-Chefin loszuwerden.

Die Verteidigung von Areva

Im Folgenden geben wir im Wortlaut die bislang einzige Erklärung von Anne Lauvergeon zu dieser Affäre wider, eine offizielle Gegendarstellung, die sie dem Radiosender France Inter übermittelt hat:

„Sie behaupten, es gebe kein Uran in den Bergwerken von UraMin, insbesondere nicht in der Mine in Südafrika, und lassen zudem durchblicken, ich hätte Täuschungsmanöver unternommen, um eine Wertminderung zu verschleiern. All das ist völlig falsch: Areva hat niemals anliegende Grundstücke in Südafrika aufgekauft, die Mine selbst wurde Ende 2013 für 5 Millionen Dollar an die australische Firma Peninsula Energy verkauft. Diese hat das dortige Uranvorkommen kürzlich mit 25.000 Tonnen beziffert. Das ist das Dreifache der Schätzung von 2007.
Desweiteren übernehmen Sie das Roman-Szenario von Vincent Crouzet [„Radioactif“, ein 2014 im Verlag Belfond erschienener Kriminalroman, AdR], das jedoch aus mindestens vier Gründen völlig unrealistisch ist:

  • Areva hat jede Kommissionszahlung verboten.
  • Areva hat UraMin an der Börse von Toronto erworben, mittels eines Übernahmeangebots an über 6.000 Aktionäre, deren Identität uns, den Börsenregeln entsprechend, unbekannt war. Im Rahmen dieser Operation hätte also nicht einmal eine Zahlung versteckter Kommissionen erfolgen können.
  • Die Chronologie ist absurd: Die Ausschreibung von Südafrika für den Bau von Kernreaktoren erfolgte erst sechs Monate nach der UraMin-Übernahme.
  • Die Behauptung, ich hätte versucht, mit illegalen Mitteln einen Auftrag für den Bau von Kernreaktoren in Südafrika zu erhalten, ist umso unglaubwürdiger, als ich zum gleichen Zeitpunkt, im September 2007, den Verkauf von Kernreaktoren an das Gaddafi-Regime in Libyen abgelehnt habe.

Und zuletzt: Wer könnte sich vorstellen, dass ich Derartiges hätte absegnen können, wo ich doch permanent gegen jeden Versuch gekämpft habe, uns irgendwelche Mittelsmänner aufzuzwingen?“

Anne Lauvergeon wurde in den laufenden Ermittlungsverfahren bislang nicht einvernommen. Ihre Verteidigung hat aber eine Argumentation auf wirtschaftlicher Basis entwickelt. Jean-Pierre Versini, der Anwalt der ehemaligen Areva-Chefin, wollte sich vor der Kamera nicht äußern, hat aber der Info-Webseite Hexagones einige Erklärungen geliefert (Details, auf Französisch).

In seinen Augen hat Areva schlicht und einfach in gutem Glauben ein schlechtes Geschäft gemacht. „Die Behauptung, Areva habe leere Minen gekauft“, erklärt er, „ist ein schlechter Scherz. Fünf andere multinationale Unternehmen haben zwischen 2007 und 2011 Uranminen zu hohen Preisen gekauft und die gleiche Enttäuschung erlebt. Der Vorwurf, Frau Lauvergeon sei eine Betrügerin und Diebin, ist ein schlechter Scherz. Alle haben zu vergleichbar hohen Preisen gekauft, sie entsprachen dem damaligen Niveau der Aktienkurse für Uran. Das heute, im Nachhinein, zu be- und zu verurteilen, ist etwas zu einfach. Dazwischen liegen Fukushima und der Atomausstieg von Japan, Deutschland, China. Die Atomindustrie steckt in der Krise, das passiert in der Wirtschaft eben. Aber die Behauptung, Frau Lauvergeon habe ein Scheinunternehmen aufgezogen, um Geld abzuschöpfen, ist absurd.

Die Erklärung von Jean-Pierre Versini enthält alle Grundargumente der Verteidigungslinie von Areva:
Das UraMin-Geschäft ist demnach im Kontext steigender Uran-Kurse durch Verknappung der verfügbaren Ressourcen getätigt worden. Zwischen April 2006 und Juni 2007 ist der Preis für ein Pfund Uran von 40 auf 137 Dollar gestiegen. Die internationalen Akteure der Branche lieferten sich einen Wettlauf um das seltene Erz und wurden alle auf vergleichbare Weise ernüchtert.

Der UraMin-Deal ist laut dieser Argumentation nur durch unvorhersehbare äußere Einflüsse zur Fehlinvestition geworden. Hauptverantwortlich dafür ist die Katastrophe von Fukushima im März 2011. Sie hat unter anderem Deutschland zum Atomausstieg bewogen und die weltweiten Entwicklungsperspektiven der Atomenergie, bis dahin als klimafreundliche Alternative betrachtet, radikal verschlechtert.
Zudem – so ein weiteres Verteidigungsargument – seien betrügerische Manöver von vorne herein ausgeschlossen, weil der UraMin-Kauf nicht direkt, sondern über die Börse erfolgte.

Die Entscheidung dazu sei einhellig von allen Instanzen des Konzerns getroffen worden. Wenn in dieser Affäre Betrug im Spiel gewesen sei, dann könne dieser nur von skrupellosen Finanzhaien organisiert worden sein und Areva wäre nicht Täter sondern Opfer.

Dritter Teil

Die Männer im Hintergrund

EPISODE 3

Wer ist für diese Katastrophe verantwortlich? Wer profitiert davon? Einer der Protagonisten dieser Affäre ist der konservative französische Abgeordnete Patrick Balkany, ein enger Vertrauter von Nicolas Sarkozy, der zum Zeitpunkt der Investition in Milliardenhöhe französischer Staatspräsident war. Auch ein belgischer Milliardär ist in die Affäre verwickelt. Er agiert im Auftrag der französischen Staatsführung. Dabei geht es um zehntausende Dollar Schmiergeld in Zentralafrika.

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Welche Rolle spielt Patrick Balkany in der Affäre? Welche Haie gibt es in der Atomindustrie? Klicken Sie sich durch unsere Galerie, in der wir Ihnen wichtige Köpfe vorstellen und auf die undurchsichtige und sehr einträgliche Periode der Affäre in Zentralafrika blicken.

Balkany – Der unbequem gewordene Sarkozy-Freund

Das Auftauchen von Patrick Balkany, seit 30 Jahren ein Freund von Nicolas Sarkozy, in der UraMin-Geschichte und den damit zusammenhängenden Korruptionsvorwürfen in Zentralafrika gibt der Affäre eine politische Dimension.

Wie kann ein französischer Lokalpolitiker in die Korruptionsaffäre in Zentralafrika um die UraMin-Übernahme durch Areva verstrickt sein? Glaubt man der Klageschrift der Zentralafrikanischen Republik, so hat ihn Areva 2008 als Vermittler ins Spiel gebracht.

Patrick Balkany, 66 Jahre alt, ist seit zwölf Jahren Parlamentsabgeordneter und seit 1983 Bürgermeister der Pariser Vorstadt Levallois-Perret – mit einer Unterbrechung zwischen 1995 und 2001, Folge einer gerichtlichen Verurteilung und der damit verbundenen Nichtwählbarkeit. Balkany ist eine exzentrische und großspurige Figur. Er prahlt damit, einst Liebhaber von Brigitte Bardot gewesen zu sein, lebt auf großem Fuß und beschimpft Journalisten und politische Gegner gerne öffentlich. Vor allem aber ist er ein Jugendfreund von Nicolas Sarkozy, mit dem er den Geburtsort Neuilly und die ungarische Abstammung teilt. Glaubt man einer einschlägigen Webseite, so ist er als Abgeordneter nicht sonderlich aktiv. Umso umtriebiger ist er in seiner bedingungslosen Unterstützung für Nicolas Sarkozy auf dessen Weg zur Parteiführung der konservativen UMP und zu einer neuerlichen Kandidatur um die Präsidentschaft 2017 (Details, auf Französisch).

Patrick Balkany besitzt keine spezifischen Kompetenzen in der Kerntechnologie und bekleidet keine offizielle diplomatische oder wirtschaftliche Funktion. Was also führt ihn nach Zentralafrika? Der dortige Präsident François Bozizé verweigerte Areva 2007 die Abbaurechte für die Uranmine Bakouma, die der Konzern kurz zuvor teuer erstanden hatte. Der Streit wurde schließlich beigelegt, durch eine Vereinbarung, die neben anderen Auflagen Zahlungen von 60 Millionen Dollar an den Zentralafrikanischen Staat vorsah.

Am 14. September 2010 verlieh Präsident Bozizé Patrick Balkany den Verdienstorden der Zentralafrikanischen Republik. Kurz danach soll die Firma Areva Explo weitere Kommissionen in Höhe von 40 Millionen Dollar überwiesen haben, an Patrick Balkany, François Bozizé und Georges Forrest, einen ebenso als Mittelsmann aufgetretenen belgischen Geschäftsmann.

Auf die Klage des heutigen zentralafrikanischen Staats hin, der zufolge Bozizé die in dieser Affäre geflossenen Gelder anschließend veruntreut hat, leitete die Finanzstaatsanwaltschaft Vorermittlungen ein. Inzwischen ist der Fall bei einem unabhängigen Untersuchungsrichter gelandet. Dieser ist kein Unbekannter für Patrick Balkany. Renaud van Ruymbeke hat den Politiker bereits im Oktober 2013 in einer anderen Affäre wegen Korruption und Geldwäsche unter Anklage gestellt. In diesem Fall geht es um das enorme Vermögen, das der Politiker und seine Frau Isabelle angehäuft haben.

Aus dem Besitz eines 1983 gekauften Hauses in Giverny – 1.000 Quadratmeter auf vier Etagen, mit Park, Swimmingpool, Hammam, Tennisplatz, Gymnastikraum und Bar – macht das Paar kein Geheimnis. Dagegen hat Isabelle Balkany erst bei ihrer persönlichen Anklageerhebung eingestanden, dass sie die wahre Besitzerin der Villa „Pamplemousse“ im Steuerparadies der Antillen-Insel Saint-Martin ist. Der Besitz dieses Anwesens mit fünf Zimmern, gigantischem Swimmingpool und einem Hektar Park war hinter einer komplexen Montage von Offshore-Firmen verborgen. Dass sie auch den Riad Dar Gyucy in Marrakesch besitzen, bestreiten die Balkanys bis heute – obwohl sie sich regelmäßig in dem Haus mit zehn Zimmern, drei Salons, riesigem Park, Swimmingpool, zwei Küchen und einem knappen Dutzend Vollzeitangestellten aufhielten. Offiziell heißt der glückliche Besitzer, nach Auflösung einer ebenso komplizierten Offshore-Montage, Jean-Pierre Aubry. Er leitete früher den Stab des Bürgermeisters von Levallois-Perret und wird von den Richtern verdächtigt, als bloßer Strohmann zu fungieren.

Der Ursprung der Mittel, mit dem diese Anwesen erworben wurden, bleibt rätselhaft. Ermittelt wird auch wegen einer mutmaßlichen Schmiergeldzahlung von mehreren Millionen Euro, die die Balkanys 2007 von einem saudischen Geschäftsmann erhalten haben sollen. Es ging dabei um den letztlich aufgegebenen Bau von Bürotürmen in Levallois. Die Fahnder haben eine weitere Überweisung, von angeblich fünf Millionen Dollar, im Visier. Die Information darüber kommt von… Georges Forrest, dem auch in die Zentralafrika-Affäre verwickelten Belgier. Patrick Balkany soll ihm 2008 in einem anderen Zusammenhang Türen in Namibia geöffnet haben. Vielleicht gelingt es dem Untersuchungsrichter Van Ruymbeke, eine Verbindung zwischen all diesen Affären aufzudecken und noch ein weiteres Rätsel zu lösen: Der einfache Abgeordnete Patrick Balkany reiste von 2007 bis 2012 mit einem Diplomatenpass, der ihm jegliche Grenzkontrolle ersparte. Die Frage ist, warum er in den Genuss dieses Privilegs kam, das üblicherweise hochgestellten offiziellen Diplomaten vorbehalten ist. Zu ihnen gehört Balkany sicher nicht, auch wenn er Nicolas Sarkozy während dessen Präsidentschaft auf allen Afrika-Reisen begleitet hat.

Die Justiz hat sich auch schon zu anderen Gelegenheiten den Kopf über Balkany zerbrochen. 2009 stießen die Fahnder bei Ermittlungen über eine korsische Gang, die unter der Hand den Pariser Spieltempel Wagram kontrollierte, zu ihrer Überraschung auf eine Verbindung mit dem Rathaus von Levallois-Perret. Jean Testanière, der das – inzwischen auf verwaltungsgerichtliche Anweisung geschlossene – Casino Wagram für die Banditen aus Korsika leitete, stand in einem mutmaßlich fiktiven Angestelltenverhältnis zur Stadt Levallois. Er wurde von ihr für Dienstleistungen entlohnt, darunter die „psychologische Vorbereitung und Motivation der Spitzensportler im olympischen Leistungszentrum“. Auch in diesem Zusammenhang wird wegen  „Veruntreuung öffentlicher Gelder“ ermittelt.

Der Anwalt von Balkany, Grégoire Lafargue, leugnet jede Veruntreuung und spricht von einer „regelrechten Verfolgung“ seines Klienten „durch die Justiz“. Patrick Balkany selbst antwortete auf die Frage, wie er sich nach der Anklageerhebung fühle: „Wer sich nichts vorzuwerfen hat, fühlt sich gut.“

Am 18. März 2015 hat das Büro der Nationalversammlung auf Ansuchen der Justiz einstimmig quer durch alle politischen Lager die Aufhebung der Immunität Balkanys beschlossen. Er ist im Mai 2015 bis zum Abschluss der Ermittlungen unter gerichtliche Kontrolle gestellt wurden und hat seinen Reisepass abgeben müssen. Im bürgerlichen Lager fragt man sich inzwischen scheinheilig, warum Nicolas Sarkozy seinen Freund Patrick Balkany immer unterstützt hat.

Patrick Balkany und Nicolas Sarkozy (1983)
Patrick Balkany

Der Abgeordnete des Département Hauts-de-Seine und Bürgermeister von Levallois-Perret ist eine exzentrische und laute Persönlichkeit.

François Bozizé

Der ehemalige Präsident der Zentralafrikanischen Republik (2005-2013) hat verhindert, dass Areva eine Abbaugenehmigung für die Uranmine von Bakouma bekommt, obwohl der Konzern bereits teuer dafür bezahlt hatte.

Renaud Van Ruymbeke

Infolge einer Klage der Zentralafrikanischen Republik wurde im November eine gerichtliche Voruntersuchung eingeleitet und ein Untersuchungsrichter eingeschaltet: Renaud van Ruymbeke ist für Patrick Balkany kein Unbekannter…

Das Haus in Giverny

Aus dem Besitz eines 1983 gekauften Hauses in Giverny – 1.000 Quadratmeter auf vier Etagen – macht das Paar kein Geheimnis.

Die Villa "Pamplemousse"

Isabelle Balkany hat erst bei ihrer persönlichen Anklageerhebung eingestanden, dass sie die wahre Besitzerin der Villa „Pamplemousse“ ist.

Der Riad Dar Gyucy

Dass sie auch den Riad Dar Gyucy in Marrakesch besitzen, bestreiten die Balkanys bis heute – obwohl sie sich regelmäßig in dem Haus aufhielten.

Nicolas Sarkozy und Patrick Balkany (2009)

Die weiteren Protagonisten der Affäre

Im Krimi um die UraMin-Übernahme durch Areva mischt eine Reihe von internationalen Geschäftsleuten mit, gegen die unterschiedliche Verdachtsmomente vorliegen.

Das Kapitel Zentralafrika

Ein höchst verwickeltes Kapitel der Affäre um die UraMin-Übernahme durch Areva spielt in der Zentralafrikanischen Republik. Areva wird verdächtigt, dort mehreren Protagonisten, darunter dem damaligen Präsidenten François Bozizé und dem konservativen französischen Abgeordneten und Sarkozy-Freund Patrick Balkany, Schmiergeld gezahlt zu haben, um die Abbaugenehmigungen für die teuer gekaufte Uranmine von Bakouma zu erhalten.

Mit der UraMin-Übernahme 2007 war Areva im Prinzip Besitzer der fünf Uranvorkommen im zentralafrikanischen Bakouma geworden. Diese waren bereits nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt, von der damaligen Kolonialmacht Frankreich genutzt und in den 1960er-Jahren vom französischen Kommissariat für Atomenergie gründlich exploriert worden. In den 1970er-Jahren war der Uranabbau allerdings ein erstes Mal als unrentabel eingestellt worden. Bakouma liegt 900 Kilometer von Bangui entfernt, mitten im Busch.

Laut der Klage, die die Zentralafrikanische Republik nach dem Sturz von Präsident Bozizé 2013 in Paris eingereicht hat, war bereits der Verkauf der Minen durch Zentralafrika an UraMin 2006 unter verdächtigen Umständen erfolgt. Bozizé, heißt es in der Klage, habe schon damals 20 Millionen Dollar erhalten, die ihm jetzt ein bequemes Exil sicherten. Nach der UraMin-Übernahme durch Areva, zu einem – offiziell aufgrund des explodierenden Börsenkurses für Uran – fünfmal höheren Preis, habe der verärgerte Bozizé Areva wissen lassen, dass er dem Konzern die Abbaurechte zu verweigern gedenke.
Areva hat daraufhin Patrick Balkany eingeschaltet, einen konservativen französischen Abgeordneten und Vertrauten des damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, sowie mehrere andere Mittelsmänner, insbesondere den belgischen Geschäftsmann Georges Forrest.

Deren Vermittlung führt schließlich zu einer Vereinbarung, die Areva und die Zentralafrikanische Republik am 1. August 2008 in Bangui unterzeichnen. Sie sieht die sofortige Zahlung von 10 Millionen Euro vor, dazu weitere 50 Millionen Euro später auf fällige Abgaben anrechenbare Vorauszahlung, aufgeteilt auf die Jahre 2008 bis 2012, sowie eine Beteiligung Zentralafrikas an künftigen Profiten in Höhe von zwei Prozent.
Georges Forrest erhält in der Folge mehrere Aufträge für seine eigene Firma, darunter für die Energieversorgung von Bakouma.

Die Angelegenheit ist damit aber noch nicht ganz erledigt. Denn der milliardenschwere pakistanische Geschäftsmann und Bozizé-Berater Saifee Durbar blockiert, diesmal nach Angaben von Areva, die Abbaurechte unter diversen Vorwänden weiter. Areva schickt mehrmals Verhandlungsdelegationen und erklärt sich, laut Klageschrift der Zentralafrikanischen Republik, am Ende zu weiteren Zahlungen bereit, über deren Höhe keine Angaben gemacht werden.

2010 scheint die Frage dann aber endgültig geklärt zu sein: Am 14. September erhält Patrick Balkany von Präsident Bozizé den Verdienstorden der Zentralafrikanischen Republik.

Der Uranabbau ist bis heute nicht aufgenommen worden. Seit 2012 ist Areva nicht mehr vor Ort, der Standort wurde anschließend von Rebellen geplündert und ist heute komplett verlassen.

Die Zentralafrikanische Republik beschuldigt den gestürzten Präsidenten François Bozizé und mehrere seiner Angehörigen heute, sie hätten bei dieser Operation, die sich für Areva als wirtschaftliches Debakel erwiesen hat, Schmiergelder in zweistelliger Millionenhöhe eingestrichen und ins Ausland geschafft. Sie behauptet zudem, es seien – über die bereits erwähnten Zahlungen hinaus – weitere 40 Millionen Dollar geflossen, und zwar an François Bozizé, Patrick Balkany und Georges Forrest. Gekommen seien sie von Areva Explo, einer 2009 gegründeten gemeinsamen Gesellschaft von Areva und… Georges Forrest.

Bozizé habe schon damals 20 Millionen Dollar erhalten, die ihm jetzt ein bequemes Exil sicherten.

Der Uranabbau ist bislang nicht aufgenommen worden. Seit 2012 ist Areva nicht mehr vor Ort und ist heute komplett verlassen.

Vierter Teil

Eine Staatsaffäre?

EPISODE 4

In Frankreich hat die Justiz in Zusammenhang mit dieser politisch brisanten Affäre, bei der Stillschweigen und sogar Einschüchterungen an der Tagesordnung sind, zwei gerichtliche Ermittlungen eingeleitet. Sie könnten zu Anne Lauvergeon führen, der Ex-Chefin von Areva, die zu den Anschuldigungen bislang schweigt. Welche Rolle spielte die französische Staatsführung unter Nicolas Sarkozy? Wird dieser Skandal auch Südafrika erfassen, wo immer wieder Korruptionsvorwürfe laut werden? Die UraMin-Affäre wird wohl noch weite Kreise ziehen.

Mehr dazu

Seit einigen Monaten beschäftigt sich die Justiz intensiv mit Areva. Die Behörden konzentrieren sich auf mögliche Börsendelikte und auf den zentralafrikanischen Teil der UraMin-Affäre. Wo stehen die Prozesse aktuell und was macht die Spur, die nach Südafrika führt und die von Areva investierten drei Milliarden Euro erklären könnte? Erfahren Sie die wichtigsten Daten der letzten 15 Jahre des Abenteuers Areva.

Das Justizkapitel in Frankreich – Drei Fronten

In Frankreich ermittelt die Finanz-Staatsanwaltschaft in drei Verfahren im Zusammenhang mit der Übernahme von UraMin durch Areva. Das erste betrifft den Verdacht auf Betrug und Korruption beim Kauf selbst, der zweite betrifft den Verdacht der Bilanzfälschung und der dritte betrifft wiederum mehrere Verdachtsmomente der Korruption in der Zentralafrikanischen Republik.

Die ganze Geschichte erscheint enorm. Es geht um den Kauf einer privaten Gesellschaft (UraMin) durch einen staatlichen Konzern (Areva) zu einem Gesamtpreis von fast drei Milliarden Euro, ohne dass in den dabei erworbenen Minen je etwas abgebaut worden wäre. Das führt zu dem Verdacht, dass dieses Geschäft in Wahrheit nur aufgezogen wurde, um – so die Hypothese von Whistleblowern und Ermittlern – eine schwarze Kasse für Schmiergeldzahlungen in Südafrika zu speisen. Drei Ermittlungsverfahren wurden beim Pariser Finanzgericht nun eingeleitet, das in der Regel große Fälle im Bereich der Steuerhinterziehung und Wirtschaftskorruption behandelt (Details, auf Französisch).

Der Kauf von UraMin im Jahr 2007

Nach 18 Monaten der polizeilichen Vorermittlungen unter der Leitung des Pariser Finanzgerichts hat dieses Ende Mai 2015 ein Ermittlungsverfahren gegen „Unbekannt“ wegen Betrugs, Veruntreuung und Bestechung ausländischer Amtsträger“ eingeleitet. Es wurde drei Untersuchungsrichtern übergeben, die auf diesem Gebiet spezialisiert und zudem durch ihren Status unabhängig sind – Renaud Van Ruymbeke, Claire Thépaut und Charlotte Bilger. Sie sollen darüber entscheiden, ob es sich beim dem Kauf von UraMin durch Areva an der Börse von Toronto im Juli 2007 um ein Betrugsgeschäft handelt oder nicht und ob der Kauf zum Verschieben unrechtmäßig erworbener Gelder („Veruntreuung“) geführt hat, mit denen ausländische Amtsträger in Südafrika bestochen wurden. Die Finanzpolizei, die dem nationalen Finanzstaatsanwalt Elyane Houlette einen Bericht vorgelegt hat, scheint bereits beim Kauf von UraMin illegale Geldtransfers festgestellt zu haben. Die Richter werden sicherlich bald Rechtshilfeersuche im Ausland stellen und die Affäre würde dann international Ausmaß nehmen.

Mögliche Börsendelikte

Nach Abschluss der oben genannten polizeilichen Vorermittlungen wurde ein zweites Ermittlungsverfahren wegen „Verwendung oder Vorlage falscher Bilanzen, Verbreitung falscher oder betrügerischer Informationen, Fälschung von Dokumenten und der Verwendung von gefälschten Dokumenten sowie Machtmissbrauch“ eingeleitet. Das Verfahren läuft ebenfalls gegen „Unbekannt“. Es richtet sich möglicherweise gegen Anne Lauvergeon und ihr Team, die verdächtigt werden, das Finanzdebakel in den Bilanzen des Unternehmens versteckt zu haben, und das bis 2011. Das Ermittlungsverfahren hängt mit einem Rechnungshofbericht über Areva zusammen, der dem Gericht 2014 übergeben wurde. Die Prüfer des Rechnungshofs stellen darin Unregelmäßigkeiten fest. Sie betreffen zunächst den Kauf von UraMin, dann die darauf folgenden Investitionen von 1,2 Milliarden Euro und schließlich die buchhalterische Behandlung der sich abzeichnenden Verluste – in diesem Punkt wird der Konzernführung vorgeworfen, die bekannten Risiken nur verzögert durch Rückstellungen dargestellt zu haben. Die Ermittlungen begannen mit einer Durchsuchung bei Areva und im Haus der ehemaligen Areva-Chefin Anne Lauvergeon. Dabei wurden laut Angaben der Justiz eine Million Dateien sichergestellt.

Verdacht auf Korruption in der Zentralafrikanischen Republik

Im November 2014 eröffnete die Finanz-Staatsanwaltschaft, nach einer Klage des Staates Zentralafrika, ein zweites Vorermittlungsverfahren. Dieses wurde im April 2015 zur weiteren Untersuchung den beiden unabhängigen Untersuchungsrichtern Renaud Van Ruymbeke und Claire Thepaut übertragen. Die Klage (im Wortlaut, auf Französisch: Link) betrifft im Wesentlichen den mit veruntreuten öffentlichen Geldern getätigten Kauf von Mobilien und Immobilien in Frankreich durch François Bozizé, von 2003 bis 2013 Präsident von Zentralafrika, und Angehörige seines Clans. Nebenbei wird darin auch die äußerst komplexe Geschichte der Übernahme der von UraMin betriebenen zentralafrikanischen Uranmine von Bakouma durch Areva im Juli 2007 erzählt. Wie der Anwalt der Zentralafrikanischen Republik, William Bourdon, ausführt, war Präsident Bozizé, der die Mine 2006 sehr viel billiger an UraMin verkauft hatte, durch den fünf Mal höheren Kaufpreis verärgert. Daraufhin sei 2008 eine Nachzahlung an Bozizé vereinbart worden, und zwar über den französischen konservativen Abgeordneten Patrick Balkany, seit 30 Jahren ein enger Vertrauter des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Man habe sich auf eine sofortige Zahlung von zehn Millionen Euro an Zentralafrika geeinigt, plus 50 weitere Millionen als Vorauszahlung auf künftige Gewinne in sechs Raten von 2008 bis 2012 und eine Beteiligung von zwei Prozent an künftigen Gewinnen aus dem Uranabbau. Die Verhandlungen seien von einem bezahlten Unterhändler, dem Belgier Georges Forrest, mit geführt worden. Tatsächlich wurde dann in Bakouma aber nie Uran abgebaut, Areva hat die Mine, nach einigen Vorbereitungsarbeiten, 2012 stillgelegt. Die Klageschrift behauptet, es habe bis 2010 noch weitere Zahlungen gegeben: François Bozizé, Patrick Balkany und Georges Forrest sollen sich 40 Millionen Dollar aufgeteilt haben. Die französische Wirtschaftspolizei hat in der Affäre drei Monate lang ermittelt. Was sie herausgefunden hat, ist nicht bekannt. Die Ermittlungen sind schwierig, weil die Klage der Zentralafrikanischen Republik außer Zeitungsartikeln und einigen amtlichen Schreiben keine konkreten Indizien oder Beweise enthält.

Dass der Fall dem Untersuchungsrichter Van Ruymbeke übertragen wurden, ist kein Zufall: Er ermittelt bereits in einer anderen Affäre, in der 2013 gegen Patrick Balkany Anklage wegen Geldwäsche und Korruption erhoben wurde, weil er dem Fiskus den Besitz von luxuriösen Villen auf den Antillen und in Marokko verschwiegen hatte. Auch Georges Forrest wird am Rande dieser Affäre verfolgt, wegen Verdachts auf Korruption in Namibia, ohne Bezug zu Areva. Im April hat das französische Parlament auf Ersuchen der Justiz beschlossen, Patrick Balkany in dieser Affäre die Immunität als Abgeordneter zu entziehen. Er dürfte demnächst unter richterliche Kontrolle gestellt und einem Ausreiseverbot aus Frankreich unterworfen werden.

Van Ruymbeke ermittelt übrigens noch in einer dritten Affäre um mutmaßliche Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung des Präsidentschaftswahlkampfs 2012 von Nicolas Sarkozy (Details, auf Französisch).

Areva im Überblick

3. September 2001: Gründung des Areva-Konzerns (Zusammenschluss von COGEMA, FRAMATOME und CEA-Industrie).

Februar 2002: Anne Lauvergeon wird Mitglied des vom südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki gegründeten Rats für Internationale Investitionen. Diesem Rat gehört unter anderem Sam Jonah an, der Chef des Bergbaukonzerns AngloGold Ashanti.

März 2006: Sam Jonah, bereits Mitglied des UraMin-Verwaltungsrats, übernimmt dessen Vorsitz.

Oktober 2006: Sam Jonah schlägt Anne Lauvergeon vor, UraMin für 470 Millionen Dollar zu kaufen, zieht sein Angebot jedoch später zurück.

Dezember 2006: UraMin kündigt seine Notierung an der Börse von Toronto an.

März 2007: Areva erwirbt 5,5% des Kapitals des an der Börse von Toronto notierten UraMin-Unternehmens.

15. Juni 2007: Areva gibt bekannt, UraMin ein Angebot für eine feindliche Übernahme gemacht zu haben (Betrag: 2,5 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro))

November 2007: Der südafrikanische Stromerzeuger Eskom veröffentlicht eine Ausschreibung für den Bau von zwei neuen Kernkraftwerken. Dieses Projekt wurde Anfang 2007 bekannt.

Februar 2008: Areva bietet dem südafrikanischen Staat die Lieferung von 12 EPR-Druckwasserreaktoren an (statt nur zwei, wie ursprünglich vorgesehen).

Ende 2010: Areva kündigt den Beginn der Uranförderung in der Mine von Bakouma an (zwei Jahre nach einer entsprechenden Vereinbarung mit dem zentralafrikanischen Staatschef Bozizé), aber am 3. November 2011 wird die Uran-Förderung eingestellt (auf Grund fallender Uran-Preise). Der Standort wird im Juni 2012 von Rebellen geplündert und im September gibt Areva seinen Rückzug aus Zentralafrika bekannt.

21. Juni 2011: Luc Oursel wird zum Areva-Vorstandsvorsitzenden ernannt an Stelle von Anne Lauvergeon, deren Mandat ausläuft.

12. Dezember 2012: Areva kündigt an, in seiner Bilanz von 2011 eine Rückstellung von 1,460 Milliarden Euro für seine Beteiligung an UraMin getätigt zu haben. Bereits die Bilanz von 2010 sah eine Rückstellung (für drohende Verluste) von 426 Millionen Euro vor.

4. März 2015: Areva gibt für das Jahr 2014 einen Nettoverlust von 4,8 Milliarden Euro bekannt.

Die Hypothese Südafrika

Eine – bislang allerdings unbewiesene – Hypothese könnte erklären, warum Areva auf zumindest leichtsinnige Weise drei Milliarden Euro in das Unternehmen UraMin investiert hat. Ihr zufolge hätte der französische Konzern auf einen Jahrhundertvertrag über den Bau von Atomkraftwerken in Südafrika spekuliert und dafür Geld für Kommissionen bereitstellen wollen.

In der Tat stellt sich die Frage, warum Areva 1,8 Milliarden Euro für den Kauf und 1,2 weitere Milliarden an Investitionen in eine Firma gesteckt hat, die zweifelsfrei weniger wert war und in der Folge nie Uran produziert hat. Warum wurden die Minen bis heute nicht einmal förderbereit gemacht? Der im Juli 2007 gezahlte Kaufpreis erscheint deutlich überhöht: Ein knappes Jahr zuvor war UraMin, mit Sitz im Steuerparadies Jungferninseln, an der Börse von Toronto gerade mal ein Fünftel so viel wert. In den folgenden Jahren wurden, wie aus dem Bericht des Rechnungshofs hervorgeht, immer wieder Zweifel laut: an den tatsächlichen Uranreserven in der Mine, am Urangehalt des Erzes, der technischen Machbarkeit und der Rentabilität eines Abbaus. Trotzdem hat Areva massiv in die drei afrikanischen Minen investiert.

Das führt mehrere Beobachter zu dem Schluss, dass es sich nur um einen Schein-Kauf gehandelt hat, um ein abgekartetes Spiel, die in Wahrheit dazu dienen sollte, Mittel für Schmiergelder in Südafrika bereitzustellen, für das Regime von Thabo Mbeki, der sein Land energetisch unabhängig machen wollte und dafür mit Areva einen Jahrhundertdeal über 100 Milliarden Euro abschließen sollte. Mbeki war der erste Nachfolger von Nelson Mandela, gehörte wie dieser der Partei ANC (African National Congress) an und stand von 1999 bis 2008 an der Spitze der Regenbogennation. Als er dann von seinem Rivalen Jacob Zuma verdrängt wird, platzen auch die Träume von Areva. Am Ende baut der Konzern in Südafrika kein einziges Atomkraftwerk.

 

Den Verdacht auf eine letztlich gescheiterte

Bestechungsoperation äußert unter anderem Marc Eichinger, ein Unternehmensberater und Privatermittler, der 2010, als die Fragen unabweisbar wurden, eine interne Untersuchung im Auftrag von Areva durchgeführt hat (Details, auf Französisch: Link zum Bericht von Marc Eichinger). Anne Lauvergeon hat ihn wegen übler Nachrede verklagt, den Prozess verloren und letztlich auf Berufung verzichtet. Eichinger versteht sich als Whistleblower und gehört heute zu den wichtigsten Zeugen der gerichtlichen Untersuchung.
Auch ein Krimi von Vincent Crouzet, „Radioactif“, 2014 im Verlag Belfond erschienen, entwickelt die These der Korruption in Südafrika. Crouzet stellt sich als Afrika-Experte dar und gibt an, er habe Kontakt mit den Protagonisten der Affäre gehabt, insbesondere mit dem Pakistaner Saifee Durbar, einem ehemaligen Berater des zentralafrikanischen Präsidenten François Bozizé (Interview mit Vincent Cruzet , auf Französisch).

Durbar, selbst verdächtigt, sich in der Affäre bereichert zu haben, gehört heute zu den Anklägern von Areva und Verfechtern der Korruptionsthese.

Und schließlich ist diese Vermutung auch schon 2012 in der afrikanischen Presse aufgetaucht und insbesondere in der bedeutenden südafrikanischen Tageszeitung „Mail and Guardian“ (Details, auf Französisch). Einer der Journalisten vom „Mail and Guardian“, die den Fall recherchiert haben, hat uns mitgeteilt, dass die Affäre in Südafrika bis heute keine gerichtlichen Folgen hatte.

Thabo Mbeki und Anne Lauvergeon

Mehrere Quellen unterstützen heute die Theorie, dass es sich nur um einen Scheinkauf gehandelt hat, ein abgekartetes Spiel, das dazu dienen sollte, Schmiergelder für das Regime von Thabo Mbeki bereitzustellen, der von 1999 bis 2008 an der Macht war.

Jacob Zuma

Als aber die Präsidentschaft Mbekis zuende war und Jacob Zuma 2009 an die Macht kam, bedeutete das auch das Ende des Traums von Areva.

Episode 5

Areva & Uramin: Der unsichtbare Financier (1/2)

Im Mittelpunkt der mysteriösen Affäre, die die französische Atomindustrie überschattet, steht ein Gespenst: Der Gründer von Uramin, der kanadische Financier Stephen Dattels. Er hatte zu einem Spottpreis Uranvorkommen in Afrika erworben. 2007 verkaufte er sie für 1,8 Milliarden Euro an den französischen Atomriesen Areva weiter. Fast zehn Jahre später sind die Minen verlassen. Bis heute ist dort kein Gramm Uran gefördert worden. Der französische Atomriese Areva, am Rande des Ruins, wurde kürzlich zerschlagen. Drei Untersuchungsrichter ermitteln derzeit in der Affäre. Im Visier: Ex-Areva-Chefin Anne Lauvergeon und ihr Ehemann Olivier Fric. Gegen sie wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Stephen Dattels, der Uramin an Areva verkaufte, ist seinerseits unauffindbar. Er bemüht sich,  im Internet jede Spur zu tilgen. Nicht einmal ein Foto ist von ihm zu finden.

ARTE recherchiert über den unsichtbaren Financier und die verlorene Ehre der französischen Atomindustrie.

Das ist in den vorherigen Episoden passiert:

Als Areva 2007 Uramin erwarb, dachte das Unternehmen, es habe ein Bombengeschäft gemacht. Die drei Minen sollten den Uran-Bedarf von Areva decken. Dafür zahlte der französische Atomriese 1,8 Milliarden Euro. 1,2 zusätzliche Milliarden wurden investiert, um die Produktionsstätten auf Vordermann zu bringen. Der Haken: Bis heute wurde kein Gramm Uran aus den Minen gefördert. Der Skandal kostete der Geschäftsführerin Anne Lauvergeon ihren Posten. Gegen „Atomic Anne“ wurde am 13. Mai 2016 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ein Mann bleibt unterdessen unbehelligt: Stephen Dattels, der den Uramin-Areva-Kauf initierte und dabei ein kleines Vermögen verdiente.  

EPISODE 5

Die neue Führungsriege von Areva schweigt über den Uramin-Skandal. Unterdessen wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Anne Lauvergeon und ihren Ehemann Olivier Fric eingeleitet. Der Mann, den bisher niemand behelligt, ist Stephen Dattels. Er hat die Uran-Minen an Areva verkauft.

Mehr dazu 


Wer ist Stephen Dattels? Wie weit sind die Ermittlungen fortgeschritten? Finden Sie hier eine Zusammenfassung der Geschichte von Uramin und das Porträt des „unsichtbaren Financiers“. Schließlich blickt ARTE hinter die Kulissen der drei Ermittlungsverfahren und der Argumente, die Anne Lauvergeon zu ihrer Verteidigung vorbringt.

Die überaus kurze Geschichte von Uramin

Die Geschichte des Unternehmens Uramin und seines Kaufs durch Areva ist Gegenstand des Buches „A Team Enriched“ von Dr. Lestyn Adams und André Morall, erschienen 2008 bei Brandmining, dem Verlag von André Morall. Das Vorwort stammt von Stephen Dattels. Das Buch ist heute vergriffen, seine Autoren wollen es nicht kommentieren.

Uramin wurde 2004 gegründet und 2007 in einem im Juni bekanntgegebenen öffentlichen Kaufangebot von Areva erworben. Laut dem Buch „A Team Enriched“, das im Auftrag der Uramin-Gründer und Aktionäre geschrieben wurde, fanden die ersten Kontakte zwischen den beiden Unternehmen aber bereits im Oktober 2005 statt.

Der Anfang: Das Treffen zwischen Lugan und Dattels

Die Geschichte beginnt im August 2004 mit der Gründung einer Gesellschaft namens Beranjou durch den australischen Geologen Adrian Lungan. Seine Logik ist einfach: Im Kontext der Renaissance der Atomenergie erscheint die Erschließung neuer Uranvorkommen als ein potenziell einträgliches Geschäft.

Doch Lungan verfügt nicht über das nötige Startkapital. Er macht sich also auf die Suche nach einem Geldgeber. Im Dezember 2004 trifft er Stephen Dattels, einen kanadischen Financier, der weltweit in der Bergbauindustrie mitmischt. Im Februar 2005 gründet Dattels seinerseits die Gesellschaft Uranco, die einen Monat später Beranjou für 300.000 Dollar aufkauft. Lungan wird Aktionär bei Uranco. 

Wie das Unternehmen Uranco zu Uramin wurde

Die Rollenverteilung ist klar: Dattels sucht nach Geldgebern, um das Kapital der jungen Firma aufzustocken, Lungan macht sich auf die Jagd nach Schürfrechten in Afrika. Im Juli 2005 erwirbt Uranco die Abbaurechte für die Mine von Trekkopje in Namibia. Anschließend kauft Uranco in Südafrika zusammen mit dem Geschäftsmann Matiki Chikala, der gute Kontakte zum ANC unterhält, die Rechte am Uranvorkommen von Ryst Kuil.

Stephen Dattels nimmt indessen seine Freunde an Bord. Jim Mellon, zu diesem Zeitpunkt von der südkoreanischen Justiz verfolgt, und die Firma Galahad, im Besitz von Ian Watson und Jim Slater, werden Uranco-Teilhaber. Im September 2005 wird Uranco zu Uramin. Im November 2005 ernennt Uramin dann den ghanaischen Geschäftsmann Sam Jonah, einen Vertrauten von Präsident Tabo Mbeki, zum Aufsichtsratsvorsitzenden.  

Areva / Uramin: Erste Kontakt werden gepflegt

Im Oktober 2005 stellt Stephen Dattels am Areva-Sitz in Paris der Areva-Führung seine Junior-Firma vor. Ab diesem Zeitpunkt sind die Kontakte regelmäßig. Laut den Autoren des Buches kommt es im ersten Halbjahr und im Herbst 2006 zu mehreren Treffen, die am 27. Oktober 2006 zur Unterzeichnung eines geheimen Vertrags führten, der es Areva im Rahmen seiner Sorgfaltspflicht erlaubte, die Bücher von Uramin zu prüfen. Ende 2006 engagiert Areva dann, nach einem sechsmonatigem Rekrutierungsverfahren, den belgischen Bankier Daniel Wouters als Chef-Unterhändler für die Erwerbungen im Bergbau-Bereich.

Parallel dazu hat Uramin seinen Börsengang vorbereitet. Ab April 2006 ist die Firma an der Londoner Risikokapitalbörse AIM eingetragen, ab Ende 2006 dann auch an der Bergbau-Börse von Toronto. Uramin informiert die Börsen dabei zu keinem Zeitpunkt über seine bereits weit fortgeschrittenen Verhandlungen mit Areva, wohl aber, im Mai 2006, über den Erwerb von 90 Prozent der Schürfrechte am Uranvorkommen Bakouma in der Zentralafrikanischen Republik.

Areva kauft Uramin auf

Im März 2007 verkauft Uramin Aktien an eine Investorengruppe, darunter Areva, das auf diese Weise fünf Prozent der Uramin-Anteile erwirbt. Einige Tage später macht die Financial Times diese vertrauliche Transaktion publik. Nach mehreren Treffen im Frühjahr einigen sich Uramin und Areva schließlich bei einem zweitägigen Seminar im Juni auf die Bedingungen für ein öffentliches Kaufangebot. Am 18. Juni setzt der Uramin-Aufsichtsrat dann den Schlusspunkt, indem er bekannt gibt, er habe ein öffentliches Kaufangebot von Areva in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) angenommen.

Die Areva-Uramin-Affäre in fünf Punkten
  • Drei Milliarden Euro: So viel hat der vom französischen Staat kontrollierte Atom-Riese Areva in den Jahren 2007 bis 2010 für Uran-Minen in Afrika ausgegeben: 1,8 Milliarden für den Kauf der kanadischen Firma Uramin, die über die Schürfrechte verfügte, plus 1,2 Milliarden für vorbereitende Arbeiten. Kein Gramm Uran-Erz wurde in diesen Minen je abgebaut.
  • Drei gerichtliche Ermittlungsverfahren laufen derzeit im Rahmen der Uramin-Affäre in Frankreich. Das erste soll abklären, ob der Uramin-Kauf eine betrügerische Operation und ob er von Schmiergeldzahlungen begleitet war. Das zweite untersucht den gegen Anne Lauvergeon erhobenen Vorwurf der Bilanzfälschung. Das dritte betrifft eine Teilepisode in der Zentralafrikanischen Republik, wo Areva verdächtigt wird, sich den Zugang zu seiner Mine durch Schmiergeldzahlungen in zweistelliger Millionenhöhe erkauft zu haben.
  • „Atomic Anne“, ihr Ehemann Olivier Fric und die anderen. Gegen Anne Lauvergeon läuft seit dem 13. Mai ein Ermittlungsverfahren. Sie soll die Konten beschönigt und falsche Informationen an die Märkte weitergegeben haben. Ihr Ehemann Olivier Fric wird bereits offiziell der Geldwäsche und eines Insidergeschäfts beschuldigt. Seinem Partner wird vorgeworfen, am Rande des Uramin-Deals zwielichtige Geschäfte abgeschlossen zu haben. Die Untersuchungsrichter haben weitere Beteiligte vorgeladen. 
  • Stephen Dattels, der kanadische Financier, der Uramin gegründet und dann verkauft hat, ist das größte Fragezeichen in der Affäre. Hat er einfach nur ein fantastisches Geschäft gemacht? Oder war er die Zentralfigur einer groß angelegten Betrugs- und Korruptionsaktion? Während die Untersuchungsrichter nach Antworten suchen, ist der zwielichtige Geschäftsmann unauffindbar und löscht die Spuren seiner Existenz im Internet.
  • Das Ende der Atomindustrie? Areva trägt schwer an der Uramin-Affäre, vor allem aber am Fiasko des EPR, dem Druckwasserreaktor der dritten Generation. Die beiden EPR-Baustellen in Finnland und Nordfrankreich verschlingen Milliarden, ein Bauabschluss ist immer noch nicht in Sicht. Areva, 2001 unter Leitung von Anne Lauvergeon geschaffen, um alle Teilbereiche der Atomindustrie vom Uranabbau bis zur Wiederaufbereitung in einem Konzern zu vereinen, wurde im Vorjahr zerschlagen. Der Staat hat Areva gezwungen, seine Kernaktivität, den Reaktorbau, an EDF abzugeben. Damit platzt auch der Traum vom weltweiten Triumph der französischen Atomindustrie. Denn EDF steht selbst vor einem Schuldenberg und muss zudem in den nächsten 15 Jahren bis zu 100 Milliarden Euro in die Überholung seiner alternden Atommeiler investieren, um auf eine Laufzeitverlängerung hoffen zu können. Düstere Aussichten.
Bakouma in der Zentralafrikanischen Republik

Stephen Dattels, der unsichtbare Financier

Der kanadische Uramin-Gründer ist eine äußerst diskrete Figur. Es gibt nicht ein öffentliches Foto von ihm, niemand aus seiner Umgebung will über ihn reden.

Wie sieht Stephen Dattels* aus? Ist er groß, klein, mager oder dick, bärtig oder glatzköpfig? Trägt er eine Brille und den grauen Anzug des Durchschnittsgeschäftsmanns? Ist er jovial oder eiskalt wie Michael Douglas alias Gordon Gekko im Börsenthriller „Wall Street“? Wir wissen es nicht. Wir haben Menschen angerufen, die ihn kennen, und jene gefragt, die mit ihm zu tun hatten, wie etwa Daniel Wouters, der den Uramin-Deal für Areva ausgehandelt hat. Keiner wollte Auskunft geben.

Dattels, der Geschäftsmann ohne Gesicht

Kanadier, Financier, Jahrgang 1948 – mehr als die offizielle Biografie auf der eigenen Website ist von der Zentralfigur des Uramin-Skandals auch im Internet nicht zu erfahren. Kein einziges Foto von ihm, obwohl er ein sehr reicher Mann ist. Gerade mal ein Bild von seiner Frau Jennifer, bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Was steckt hinter dieser extremen Diskretion eines Mannes, der immerhin drei Milliarden-Deals in der Bergbauindustrie abgewickelt hat: den Uramin-Verkauf an Areva für 1,8 Milliarden Dollar, die Gründung und den Verkauf der Bergbau-Gruppe Oriel für eine Milliarde Dollar und den Verkauf eines weiteren Uranvorkommens in Namibia an China, für 1,5 Milliarden Dollar.

Ein so erfolgreicher Geschäftsmann könnte es auf die Titelseite der Businessmagazine bringen und sich wie der Amerikaner Warren Buffet als Guru verehren lassen. Das tut Stephen Dattels nicht. Als hätten seine Geschäfte, allen voran die Operation Uramin, auch etwas Fragliches, eine Schattenseite, die das Licht einer zu intensiven Berichterstattung scheuen müsste. Als hätte Stephen Dattels etwas zu verbergen. Verschwiegenheit als Goldene Regel einer Welt im Halbdunkel: vielleicht die wesentlichste Lektion, die er von seinen Lehrmeistern übernommen hat.

Barrick Gold: Dattels erster großer Erfolg 

Nach einem Jura-Abschluss und ersten Schritten in einer kanadischen Consulting-Firma, landet Stephen Dattels 1982 bei Barrick Gold. Dort erlernt er die Grundlagen des „Business“ und klettert in fünf Jahren die Karriereleiter bis zum Finanzdirektor hoch. In seiner offiziellen Biografie auf seiner persönlichen Webseite spricht er nur von seinen erfolgreichen Börsenoperationen für Barrick Gold, die den Wert des Unternehmens, wie er bescheiden feststellt, verzehnfacht hätten. Über die Schattenseiten von Barrick Gold verliert er kein Wort.

Barrick Gold, ein Bergbauunternehmen im Goldsektor, wurde Mitte der 1970er-Jahre von dem berühmt-berüchtigten saudi-arabischen Mittelsmann und Waffenhändler Adnan Kashoggi gegründet, zusammen mit Partnern aus der CIA, darunter George Bush Senior. In seinem Dunstkreis taucht auch Ted Shakley auf, der legendäre Boss der Geheimoperationen der US-Nachrichtendienste. Zu eben dem Zeitpunkt, als Dattels dort die Finanzabteilung leitet, ist Barrick Gold indirekt in den „Irangate“ verstrickt, einen der größten Skandale der Reagan-Jahre. Auf eine persönliche Verwicklung von Dattels gibt es keine Hinweise, seine Name wurde in der Affäre nie genannt. 

Eine Grundregel, die er in diesem obskuren Milieu zweifellos gelernt hat, befolgt Stephen Dattels offenbar bis heute: Hinterlasse keine Spuren!

Nach seinem Ausscheiden bei Barrick Gold macht sich Stephen Dattels selbständig. Der Start ist eher mühsam. Einziger Erfolg: 1996 verkauft er für 130 Millionen Kanadische Dollar eine Goldmine an die Gruppe Ashanti, damals von Samuel Jonah geleitet, der später dem Aufsichtsrat von Uramin vorsitzen wird. Die übrigen Geschäfte laufen weniger gut und zwingen ihn Ende der 1990er-Jahre, Kanada den Rücken zu kehren und sich in London niederzulassen.

Java Gold & Weda Bay: Zwei zwielichtige Unternehmen

Schon bevor er mit Areva das große Los zog, hatte Stephen Dattels eine zwielichtige Operation auf dem Konto: die Affäre Java Gold. Stephen Dattels war Mit-Gründer und Teilhaber dieses Bergbauunternehmens, das an der Börse von Toronto eingetragen war. Er verließ die Firma, kurz bevor die dortige Börsenaufsicht aufdeckte, dass Java Gold bewusst mit falschen Informationen Investoren geködert hatte. Sein Partner wurde in Folge des Betrugs angeklagt, verstarb aber vor dem Prozess. Stephen Dattels selbst wurde in der Affäre offenbar nicht belangt. 

Erst Ende 2005 macht Stephen Dattels dann wieder von sich reden. Über seine Geschäftsbank Regent Merchant Bancorp wickelt er den Verkauf der indonesischen Bergbaufirma Weda Bay ab. Der Käufer heißt Eramet und ist der französische Leader im Nickel-Abbau. Die Kontrolle über Eramet teilen sich Areva und die Familienholding Aubert & Duval.

Weda Bay, auf einer verlorenen indonesischen Insel, gilt als viel versprechendes Nickel-Vorkommen. Eramet hat kurz zuvor die Schürfgenehmigung im letzten erschlossenen Nickel-Abbaugebiet von Neukaledonien verloren und braucht dringend Ersatz.
Im März 2006 kauft Eramet deshalb für 275 Millionen Dollar die Mine von Weda Bay. Die Hauptnutznießer sind Stephen Dattels und sein Partner Jim Mellon, der sich einige Wochen vor dem Deal massiv bei Weda Bay eingekauft hatte.

Ein Jahr später wird der Eramet-Chef Jacques Bacardats urplötzlich abgesetzt. Zum Nachfolger ernennt der Aufsichtsrat einen Vertrauten von Anne Lauvergeon. Bis heute, zehn Jahre später, wurde in Weda Bay nicht ein Gramm Nickel gefördert, der Abbau ist dort nie richtig angelaufen. Die Parallelen mit Uramin sind auffällig.

Das Vermögen von Stephen Dattels

16 Monate später räumt Stephen Dattels, immer noch mit seinem Partner Jim Mellon, den Jackpot ab, mit dem Verkauf von Uramin an Areva für 2,5 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) – auch wenn der Gewinn, den der Hauptarchitekt der Operation offiziell einstreicht, bescheiden scheint. Jim Mellon erklärte einer englischen Zeitung gegenüber, er und Dattels hätten sich 130 Millionen Dollar geteilt. Die Sunday Times schätzte das Vermögen von Dattels 2009 auf 52 Millionen Pfund, etwa 62,5 Millionen Euro – wenig im Vergleich zu den umgesetzten Summen.

Die Beziehungen zwischen Stephen Dattels und Areva sind mit diesem Deal aber noch nicht abgeschlossen. Der Atom-Riese und der äußerst diskrete kanadische Financier wickeln noch eine dritte Transaktion zusammen ab. Areva kauft 2009 die Anteile von Dattels an Marencia Energy auf, einem gleichfalls auf Uranabbau spezialisierten australischen Unternehmen, mit ebenso dürftigem Ergebnis wie bei Uramin.  

Neben seinen Geschäften mit den Franzosen behält Dattels stets die nordamerikanische Heimat im Auge. Im Juni 2009 überschreibt er der Stiftung Clinton zwei Millionen Aktien von Polo Ressources, einer seiner Holdings. Sie sind geschätzte 40.000 Dollar wert. Die Spende wird in einer Presseaussendung öffentlich gemacht.  

Zufall oder nicht: Einige Wochen später setzt sich, wie aus Wiki-Leaks-Dokumenten hervorgeht, der US-Botschafter in Bangladesh bei der dortigen Regierung dafür ein, dass sie einer Firma, an der Polo Ressources Anteile hält, eine Schürfgenehmigung erteilt. Der US-Journalist Peter Schweizer erzählt diese Episode in seinem Buch „Clinton Cash“

Stephen Dattels goldenes Zeitalter 

Die zweite Hälfte der 2000er-Jahre bringt Stephen Dattels ein weiteres einträgliches Geschäft. Nach dem Meisterstück Uramin gründet er mit dem russischen Milliardär Sergej Kurzin die Bergbau-Gruppe Oriel. 2008 verkauft er sie für 1,5 Milliarden Dollar an den Mechel-Steel-Konzern. Dattels hielt rund zehn Prozent der Oriel-Akten, muss also ein rundes Sümmchen eingestrichen haben.

Fast gleichzeitig kauft er sich bei Extract Resources ein, der Betreibergesellschaft einer Uran-Mine in Namibia. Deren Schürfrechte – und ihre Schulden dazu – übernimmt anschließend ein chinesischer Staatskonzern, für 2,2 Milliarden Dollar.

Nach diesen drei großen Transaktionen, die ihn reich gemacht haben, hätte sich Dattels zurückziehen können. Er hat es nicht getan, sondern weitere Geschäfte aufgezogen, allerdings mit weniger Glück.

Etwa mit Kuala Limited, an der Londoner Risikokapitalbörse AIM eingetragen. Das Unternehmen sollte ursprünglich in den Bergbau und die Energiewirtschaft in Asien investieren. Nach einigen erfolglosen Jahren hat es nicht nur den Namen gewechselt sondern auch das Betätigungsfeld: Es heißt jetzt sinnigerweise FastForward und ist auf Biotechnologie umgestiegen. Die PR-Strategie hat ein gewisser Jim Mellon in die Hand genommen, der zugleich einer der Hauptaktionäre wurde. Er verspricht jedem, der es hören will, dass er die neue Wunderformel für fantastische Gewinne entdeckt hat – bislang ohne viel Erfolg.

Dattels, der Philanthrop

Stephen Dattels lebt inzwischen wieder in Kanada und zeigt sich von der philanthropischen Seite. Er hat eine Stiftung für Umweltschutz gegründet und einer kanadischen Universität 1,5 Millionen Dollar gespendet, für den Aufbau eines spezifischen Studiengangs zum Wirtschaftsrecht in der Bergbauindustrie.

Trotz einer beeindruckenden Serie guter und zweifelhafter Geschäfte ist Stephen Dattels in Kanada bis heute weitgehend unbekannt. Alain Deneault, Autor mehrerer Bücher über die Skandale der Bergbauindustrie (vgl. sein Interview in diesem Dossier), kennt ihn ebenso wenig wie die kanadische Senatorin Céline Hervieux-Payette, die eine Untersuchung der Uramin-Affäre leitete. Abzuwarten bleibt, ob er seine fast perfekte Anonymität noch wird bewahren können, wenn ihn die französischen Untersuchungsrichter im Rahmen der Ermittlungen zum Fall Areva-Uramin verhört haben.

*Wir haben vergeblich versucht, Stephen Dattels auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Insbesondere haben wir in London Guy Miller von der Agentur Peterhouse Corporate Finance getroffen. Sie berät FastForward, eine der Firmen des kanadischen Geschäftsmanns, in ihrer Kommunikation in Finanzangelegenheiten. Guy Miller hat uns versprochen, Stephen Dattels von unseren Recherchen in Kenntnis zu setzen und ihm unsere Kontaktdaten zu übermitteln.
Stephen Dattels hat sein Geschäft in den 1980er-Jahren bei Barrick Gold gelernt.
Die Website von Stephen Dattels
Der saudische Geschäftsmann Adnan Khashoggi über "Irangate"
Screenshot der Website von Eramet
Die Website von Eramet erklärt, wie Nickel in der Weda Bay gewonnen wird.

Die Verteidigung von Anne Lauvergeon

Seit der Aufdeckung des Uramin-Skandals im Dezember 2011 ist Anne Lauvergeon keinen Millimeter von ihrer Verteidigungsstrategie abgewichen. Eine Analyse.

Eine Eigenschaft ist Anne Lauvergeon gewiss nicht abzusprechen: die Beständigkeit. Seit Areva am 12. Dezember 2011 überraschend eine Wertminderung in der Höhe von 1,5 Milliarden Euro im Zusammenahng mit dem Uramin-Kauf bekanntgab, ist die Ex-Areva Chefin nie von ihrer Verteidigungslinie abgewichen. Im Januar 2012 hat sie bei einer Pressekonferenz in Gegenwart ihres Anwalts Jean-Pierre Versini-Campinchi und ihres Ehemanns Olivier Fric ihre Version der Uramin-Affäre beschrieben.

Ihre Verteidigung folgt vier Achsen: die allgemeine Unternehmensstrategie von Areva; die Beziehungen zum Staat als Hauptaktionär; die Rahmenbedingungen für die Atomindustrie generell und die Preisentwicklung beim Uran; die Realität der von Uramin eingebrachten Uranvorkommen. Genau diese Elemente stellte Anne Lauvergeon auch in einem Interview mit der Zeitung Le Parisien am 30. März 2016 heraus, ergänzt mit Erklärungen zu ihrer Verteidigung gegen den Vorwurf der Bilanzfälschung, der Gegenstand einer der laufenden gerichtlichen Ermittlungsverfahren ist.

Die Unternehmensstrategie von Areva

Areva entstand im September 2001 aus der Fusion von Framatome und Cogema. Die Konzernführung wurde Anne Lauvergeon übertragen. In den ersten drei, vier Jahren galt es, die beiden Unternehmen strukturell zu verschmelzen und vor allem die Aktivitäten des früheren Framatome neu zu organisieren. Der Zusammenbruch des Atomenergiemarkts nach dem Super-Gau von Tschernobyl hatte die Framatome-Direktion zu einer Diversifizierung im Elektronikbereich bewegt. Die dazu neu geschaffene Sparte, FCI, sollte auf längere Sicht zum Kern des Konzerns werden. Nach dem Platzen der Internet-Börsenblase 2002 war FCI allerdings tief in die Verlustzone abgerutscht. Die Sparte wurde bis 2005 aus dem neu gegründeten Areva-Konzern ausgegliedert.

Zu diesem Zeitpunkt schien sich die Marktlage für die Atomindustrie zu bessern, zumal Areva 2003 einen EPR-Reaktor an Finnand verkauft hatte. Zudem lässt das wachsende Bewusstsein vom Klimawandel die Atomenergie als saubere Alternative zu fossilen Brennstoffen erscheinen. Mehrere Länder kündigen AKW-Projekte an. Experten rechnen mit dem Bau von mehreren hundert Atomreaktoren in den nächsten 15 bis 20 Jahren.

Angesichts dieser steigenden Nachfrage entscheidet sich Areava für eine Integral-Strategie: Der Konzern will den gesamten Zyklus kontrollieren, vom Uranabbau bis hin zur Wiederaufbereitung von ausgedientem Brennstoff. Das erfordert eine Stärkung und Erweiterung der Kompetenzen und eine internationale Expansion. Mit Unterstützung des Staates startet Areva ein Investitionsprogramm, das alle Teilsparten der Atomindustrie abdeckt. Diese Grundstrategie verfolgte auch Luc Oursel, der Anne Lauvergeon 2011 an der Konzernspitze ablöste, unverändert, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, weiter.

Die Beziehungen zum Staat

Angesichts regelmäßiger Pannen und Pleiten von Unternehmen mit Staatsbeteiligung erscheint der Staat der öffentlichen Meinung als häufig zu passiver Zuschauer. Das ist er aber im Allgemeinen nicht und war es auch bei Areva nicht. Bei dieser Feststellung kann sich Anne Lauvergeon auf mehrere Projekte stützen, bei denen der Staat sein Veto einlege.

So verbot 2003 Wirtschaftsminister Francis Mer Areva den Erwerb der dänischen Gruppe Bonus, spezialisiert auf Windenergie, weil dem Staat der Preis von 350 Millionen Euro überhöht erscheint. Die später von Siemens gekauften Dänen haben wesentlich dazu beigetragen, den deutschen Konzern zu einem der Global Players im Bereich Erneuerbare Energien zu machen.
2005 untersagt Wirtschaftsminister Thierry Breton Areva weitere Gebote im Kampf um die Kontrolle über Olympic Dam, eine der größten Uranminen Australiens. Sie wurde letztlich von BHP Billiton erworben und steht heute für etwa 4 Prozent der weltweiten Uranproduktion. Thierry Breton verhinderte auch 2007, vor der Präsidentschaftswahl, die Übernahme von REpower, spezialisiert auf Erneuerbare Energien, obwohl Areva in dem Unternehmen bereits Anteile hielt. Die Begründung: die Furcht vor einer Börsenblase in der Öko-Energie.

Was den Uramin-Kauf angeht, steht die Frage im Mittelpunkt, ob Areva die staatlichen Aufsichtsorgane zureichend informiert hat. Laut Anne Lauvergeon haben die zuständigen Stellen alle nötigen Dokumente erhalten. Vertrauliche Informationen, die in die Medien gelangt sind, lassen aber den Eindruck entstehen, dass der Konzern nur jene Informationen weitergegeben hat, die für das Projekt sprachen. Wenn tatsächlich nicht alle verfügbaren Informationen weitergegeben wurden, stellt sich die Frage: Nachlässigkeit oder aktiver Wille zur Täuschung? Die Antwort wird die Justiz geben müssen.

Die Rahmenbedingungen: Die Bösenblase in der Atomindustrie

Ab 2004/2005 erholt sich der Sektor Atomenergie zusehends. Zahlreiche Länder kündigen den Bau von neuen AKWs oder ihr Interesse an einem Einstieg in die Atomenergie an, darunter westliche Staaten wie Italien, Großbritannien, Frankreich, Finnland oder die USA, afrikanische Staaten wie Südafrika oder Libyen, Nahost-Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Jordanien und asiatische Länder wie Indien. Die Strategen bei Areva und EDF rechnen mit dem Bau von mehreren hundert Reaktoren in den nächsten 15 bis 20 Jahren. Areva hofft auf Verträge für mindestens 20 Reaktoren bis 2020.

Diese Renaissance der Atomenergie führt in der zweiten Jahreshälfte 2006 zu einer Explosion des Börsenkurses für Uran. Innerhalb weniger Wochen steigt der Uranpreis von 40 auf fast 140 Dollar pro Pfund und mit ihm die Aktienkurse der Uran-Abbaugesellschaften.

Uramin: Minen ohne Uran?

Zur Rechtfertigung des Uramin-Kaufs verweist Anne Lauvergeon zunächst darauf, dass die existierenden Beteiligungen an Abbau-Unternehmen am Ablaufen waren und es angesichts der Marktbelebung dringend nötig war, sich Uran-Reserven zu sichern. Diese Agumente sind stichhaltig.

Areva ist damals zwar an der neuen kanadischen Uranmine Cigar Lake beteiligt. Deren Erschließung ist aber durch einen Wassereinbruch plötzlich gestoppt worden und niemand kann voraussagen, wann die Arbeiten fortgesetzt werden können. Daneben verhandelt Areva über Schürfrechte in Kasachstan, dem neuen Eldorado der Uranförderung. Doch angesichts erbitterter Konkurrenz ist es fraglich, ob der französische Konzern sich dort die nötigen Reserven sichern kann.

Areva wendet sich also einer Alternativlösung zu: dem Kauf einer Junior-Firma im Uranabbau. Junior-Firmen sind Unternehmen, die Erschließungs- und Abbaugenehmigungen erwerben, aber selbst nicht die finanziellen Mittel haben, sie zu nutzen, und sie deshalb an einen der großen Akteure weiterverkaufen wollen. Von den an der Börse zu diesem Zeitpunkt gehandelten Juniors ist Uramin der einzige, der für Areva erschwinglich ist.
Die Entscheidung für diese Strategie erklärt sich aber auch durch den unbedingten Willen von Anne Lauvergeon, den gesamten Uran-Zyklus von Anfang bis zum Ende allein zu kontrollieren. Es gab eine weitere Alternative: Abkommen mit anderen Bergbau-Konzernen. Dafür entschied sich Areva übrigens in Kanada, durch ein Joint-Venture mit Cameco, dem Weltmarktführer im Uranabbau, zur Ausbeutung des Vorkommens von Cigar Lake.

Anne Lauvergeon unterstreicht auch, dass die mit Uramin erworbenen Minen im Gegensatz zu den Behauptungen in den Medien sehr wohl Uran enthielten. Das ist richtig. Doch die Areva-Chefin weiß auch, dass die vorhandene Gesamtmenge an Uran nicht das wesentliche Kriterium für die Bewertung einer Mine ist. Entscheidend ist der Urangehalt, also die Menge Uran, die aus einer Tonne Erz gewonnen werden kann. Denn: Je höher der Urangehalt, desto geringer die Produktionskosten.

Der Urangehalt der von Uramin eingebrachten Vorkommen ist allerdings bescheiden. Es war also klar, dass der Abbau aufgrund der hohen Produktionskosten nur dann rentabel sein würde, wenn der Uran-Boom an der Börse anhielt. Ebenso klar war, dass sich die Erschließung in mindestens zwei von drei Fällen schwierig gestalten würde: In Namibia musste erst eine Entsalzungsfabrik gebaut werden, um die für den Abbau notwendige Wasserversorgung zu sichern. Für die Mine in Zentralafrika mussten sämtliche Zugangs- und Transportwege erst gebaut werden, in einem Gebiet, das bewaffnete Banditen unsicher machten.

Julian Poniewierski, ein geologischer Gutachter, der Uramin 2006 für einen seiner Kunden unter die Lupe nahm, hat diesem vom Kauf der Firma abgeraten, weil er selbst im Falle eines sehr günstigen Preises nicht amortisierbar sei. Das erklärte er 2012 auf einer Infomationswebsite für die Bergbauindustrie.

Über diese Informationen musste auch Areva verfügen, hatten doch auch die Geologen der Vorgängerfirma Cogema die Uramin-Vorkommen in den Jahrzehnten zuvor analysiert. Areva hätte also mit größter Vorsicht an den Deal herangehen müssen. Das war offenbar nicht der Fall: Admiral d’Abonneau, früher Kommandant der französischen Atom-U-Boote, damals Sicherheitschef bei Areva, erklärte, er selbst sei vom Uramin-Projekt nicht informiert worden und habe in der Folge erfahren, dass auch die konzerninternen Geologen nicht einbezogen waren.

Die Areva-Generaldirektion begnügte sich offenbar mit den Analysen der Geschäftsbank Rothschild und denen des Gutachterbüros SRK, das im Auftrag von Uramin arbeitete. An Zeit für die Erstellung eines hausinternen Gutachtens fehlte es dabei mit Sicherheit nicht. Die ersten Kontakte zwischen Areva und Uramin fanden im Herbst 2005 statt, also eineinhalb Jahre vor dem öffentlichen Kaufangebot an der Börse.

Diese Analyse des Deals beweist natürlich nicht, dass es sich um ein betrügerisches Manöver zur Anlegung einer Schwarzen Kasse zur Bestechung von in- oder ausländischen Entscheidungsträgern gehandelt hat. Sie zeigen jedoch, dass die Fehlinvestition durchaus vermeidbar war. Warum die Areva-Führung sie trotzdem nicht vermieden hat, muss jetzt die Justiz klären.

Anne Lauvergeon im Mai 2014
© AFP / Kenzo Tribouillard

„Dattels hat ein Bombengeschäft gemacht. Und?“

Der Uramin-Kauf durch Areva sei im damaligen Kontext gerechtfertigt gewesen, die daraus entstandenen Verluste seien nie verschleiert worden: Das erklärte Jean-Pierre Versini, der Anwalt von Anne Lauvergeon, in einem Interview, das geführt wurde, bevor ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet wurde.

Die Baustelle des Kernkraftwerks von Olkiluoto in Finnland. Zwei Reaktoren sind dort derzeit in Betrieb. Seit 2004 wird ein dritter Reaktor gebaut, ein sogenannter EPR, den ersten, den Areva auf den Markt gebracht hat. (© Anne Hautefeuille / AFP)

Der verfängliche Ehemann von Anne Lauvergeon

Gegen Olivier Fric, den Ehemann von Anne Lauvergeon, läuft ein Verfahren wegen Verdachts auf Insidergeschäfte mit Uramin-Aktien kurz vor dem Aufkauf durch Areva 2007. In einem Interview, das er uns vor der Anklageerhebung gegeben hatte, wies er diesen Vorwurf zurück.

Der Anwalt von Anne Lauvergeon, Jean-Pierre Versini
© Citizenside / Aurélien Morissard / AFP
Anne Lauvergeon: „Wir haben dem Staat mehrere Projekte für strategische Erwerbungen vorgelegt. Er hat sie abgelehnt.“ (Le Parisien, 30. März 2016)
Anne Lauvergeon: „Zwischen 2007 und 2011 haben fünf weitere Atom-Multis Uranminen zu hohen Preisen gekauft und ähnliche Verluste eingefahren.“ (Le Parisien, 30. März 2016)
Episode 6

Areva & Uramin: Der unsichtbare Financier (2/2)

EPISODE 6


Aufbruch nach London, wo Stephen Dattels anscheinend lebt und mehrere seiner Firmen ansässig sind. Überall lässt man uns warten. Es scheint unmöglich, eine Spur des Geschäftsmanns zu finden. Doch dann spielt uns eine Quelle ein Dokument zu.

Mehr dazu


In der letzten Folge hat Slug News den belgischen Banquier Daniel Wouters getroffen. Er hat den Kauf von Uramin abgewickelt und noch bis 2011 für Areva gearbeitet. Finden Sie hier das Porträt von Wouters, der Stephen Dattels nahe und im Zentrum des Skandals um Areva steht. Schließlich erklären wir, warum die Zukunft der französischen Atomindustrie alles andere als rosig aussieht.

Stephen Dattels, der unsichtbare Financier

Der belgische Bankier Daniel Wouters, der den Uramin-Aufkauf für Areva verhandelt hat, ist eine der zentralen Figuren der Affäre. Die Justiz ermittelt vor allem über seine finanziellen Verbindungen mit dem Uramin-Gründer Stephen Dattels.

Daniel Wouters ist der Mann, in dem die Affäre Gestalt annimmt. Der belgische Ex-Bankier, Ende 2006 von Areva rekrutiert, um den Erwerb von neuen Uran-Vorkommen zu verhandeln, hat den zweifelhaften Uramin-Deal abgeschlossen. Problematisch ist, dass er über seine eigene Firma Swala auch selbst Geschäftsbeziehungen zu Stephen Dattels hatte. Zudem wurde er nach seinem Abgang bei Areva Chef des Unternehmens Global Tin, an dem Stephen Dattels Anteile hält. Diese Verbindungen zwischen dem Käufer und dem Verkäufer von Uramin wecken natürlich den Verdacht einer Absprache.

Zur Entlastung von Daniel Wouters ist anzuführen, dass er das besagte Geschäft nicht selbst eingefädelt hat. Das Buch A Team Enriched, das im Auftrag der Gründer und Aktionäre von Uramin geschrieben wurde, datiert die ersten Kontakte zwischen Uramin und Areva auf den Herbst 2005, ein Jahr vor der Einstellung von Wouters. Diese Kontakte wurden im Jahr 2006 fortgesetzt und führten im Oktober zu einer Zwischenvereinbarung, die es Areva gestattete, die Finanzen von Uramin zu überprüfen (vgl. den Artikel zur Geschichte von Uramin in diesem Dossier).

So wurde Daniel Wouters eingestellt
Ende 2006 hat Areva dann Daniel Wouters eingestellt. Stellt sich die Frage, warum ein Unternehmen wie Areva, das intern bereits über hoch qualifizierte Fachleute verfügt, einen außenstehenden Verhandler engagiert. Anne Lauvergeon erklärt diese Ungereimtheit damit, dass die Führungsriege der Abteilung Bergbau den nötigen Ausbau der Förderkapazitäten in ihren Augen nicht offensiv genug vorantrieb. Sie habe deshalb nach einem auf diesen Bereich spezialisierten Bankier gesucht. Weil es davon, wie sie weiter versichert, nicht viele gebe, habe sie bei ihrem Ehemann, Unternehmensberater im Bergbau- und Energiesektor, Rat gesucht. Laut Aussage des Ehepaares hat Olivier Fric in der Folge von einem Bekannten den Lebenslauf von Daniel Wouters erhalten und an seine Frau weitergeleitet. Persönlich getroffen habe er Wouters erst nach dessen Eintritt bei Areva.

Laut Lebenslauf ist Daniel Wouters für die Mission qualifiziert. Er arbeitet zu dem Zeitpunkt in der Abteilung „Strukturierte Finanzierung“ der belgisch-niederländischen Bankengruppe Fortis. Zuvor war er mehrere Jahre bei Belgolaise tätig, einer auf das Bergbaugeschäft in Afrika spezialisierten Fortis-Tochter.

Die Tätigkeit bei Belgolaise hat ihm einen zweifelhaften Ruf eingetragen: Die belgische Justiz verdächtigte die Bank der Geldwäsche, das Gericht sprach sie aber letztlich frei.
Unseren Informationen zufolge verlief die Einstellung von Wouters in durchaus klassischen Bahnen. Der belgische Bankier hat mehrere Mitglieder der Areva-Generaldirektion getroffen, die seine Einstellung absegneten.

So wurde Daniel Wouters eingestellt
Was den Uramin-Deal selbst angeht, meldet der damalige Areva-Sicherheits-Chef Admiral d’Arbonneau heute Zweifel an der Regularität des Vorgangs ab. Er versichert etwa, dass er über dieses Geschäft nicht informiert wurde. Daniel Wouters hat aber offenbar nicht allein agiert, sondern als Leiter einer Gruppe von mehreren Verhandlern. Zudem sollen die Rechtsabteilung und die Technische Abteilung von Areva, sowie Berater der Rothschild-Bank beteiligt gewesen sein.

Die entscheidende Unklarheit bleiben aber die Beziehungen zwischen Daniel Wouters und dem Uramin-Gründer Stephen Dattels. Laut unseren Recherchen besaß Wouters noch bei seinem Areva-Eintritt die Firma Swala, die auf die Erschließung von Goldvorkommen in Afrika spezialisiert ist. Dass Stephen Dattels dann, wenn auch erst ein Jahr nach dem Uramin-Deal, Anteile an Swala gekauft hat, wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, ob die damit verbundene Kapital-Stärkung nicht eine diskrete Gegenleistung für erwiesene Dienste beim Uramin-Verkauf sein könnte.

Ein weiteres Verdachtsmoment ist, dass Wouters 2011 Areva verließ, um die Leitung von Global Tin zu übernehmen, einer Firma, zu deren Aktionären Stephen Dattels gehört. Die Ablösung von Anne Lauvergeon als Areva-Chefin durch Luc Orel kann nicht das Motiv für das Ausscheiden von Wouters gewesen sein, weil sie erst im Juni angekündigt wurde. Global Tin, spezialisiert auf die Erschließung von Zinn-Vorkommen, hatte allerdings wenig Erfolg, Wouters blieb dort nicht lange Chef. Offenbar bringt er den Unternehmen, für die er arbeitet, nicht gerade Glück.

Wir haben mehrmals direkt mit Daniel Wouters gesprochen, telefonisch und bei ihm zu Hause. Die Veröffentlichung dieser Gespräche im Wortlaut hat er jedoch abgelehnt.

Daniel Wouters

Hat die französische Atomindustrie noch eine Zukunft?

Um Areva vor dem drohenden Ruin zu retten, wird die Sparte Reaktorbau und Wartung an den Energieanbieter EDF ausgelagert. Die Zukunftsaussichten sind auch für ihn düster.

Fünfzehn Jahre nach der Gründung von Areva durch die Fusion von Cogema (Uranabbau, Uranaufbereitung und Wiederaufbereitung von abgenutzten Brennstäben) und Framatome (Reaktorbau, Wartung und Dienstleistungen für Energieversorger) ist der französische Atomriese gezwungen, die Sparte Reaktorbau und Wartung an EDF abzugeben. Laut dem im Juni 2015 geschlossenen und Ende Januar 2016 bestätigten Abkommen wird der Energieversorger zwischen 50 und 75 Prozent des Kapitals von Areva NP übernehmen, dessen Wert auf 2,5 Milliarden Euro angesetzt ist.

Die Operation hat rein finanzielle Gründe: Es geht darum, Areva vor der Pleite zu bewahren, ohne allzu astronomische Summen einzuschießen. Das nötige Frischkapital für das ehemalige Flaggschiff der französischen Atomindustrie wird vom Staat kommen: höchstens fünf Milliarden Euro bis spätestens Anfang 2017.

Die dunkle Zukunft der französischen Atomindustrie
EDF übernimmt mit der Sparte Reaktorbau aber auch die Probleme, mit denen Areva seit 2011 kämpft. Die Wartung und die Dienstleistungen für Energieversorger könnten zumindest in den nächsten Jahren für relativ stabilen Umsatz sorgen. Das Sorgenkind ist der Reaktorbau als solcher: Außer einem Projekt für zwei EPR-Reaktoren in Großbritannien sind die Auftragsbücher zum Verzweifeln leer.

Die meisten Spezialisten sehen für die Atomenergie nur noch in China eine Zukunft. Peking hält prinzipiell am Ausbau seines AKW-Parks fest, auch wenn mehrere Projekte vorerst auf Eis gelegt wurden. Laut Internationaler Atom-Energie-Organisation wird der Anteil des Atomstroms weltweit von 10 auf 4 Prozent sinken. Die wenigen Aufträge für neue Atomreaktoren werden im Grunde allerhöchstens die Schließungen ausgedienter bestehender Kraftwerke ausgleichen.

Dazu kommt, dass sich der EPR, das Areva-Modell, als zu komplex und teuer erweist, um den von China, Südkorea oder Japan angebotenen Lösungen gegenüber wettbewerbsfähig zu sein. Auch wenn EDF und Areva an einer ausgereifteren Generation des EPR arbeiten, werden seine hohen Kosten ein Handicap bleiben. Vor der Parlamentskommission zu den Kosten der Atomenergie im Frühjahr 2014 erklärten EDF-Führungskräfte, die Verbesserungen zielten darauf ab, die Baukosten auf etwa 6 Milliarden Euro zu drücken – gegenüber den 10,5 Milliarden, die der in Bau befindliche ERP von Flamanville bereits verschlungen hat.

Ist das Ziel von Areva NP, Atomkraftwerke stillzulegen?
Eine Alternative zum Bau neuer Reaktoren wäre eine Umorientierung von Areva NP auf den Rückbau stillgelegter Anlagen. Der Großteil der über 400 weltweit in Betrieb befindlichen Atommeiler steht kurz vor der Altersgrenze. Die wenigen bisher gemachten Erfahrungen zeigen, wie komplex der Rückbau ist. Das kleine Atomkraftwerk von Brennilis ging 1986 vom Netz und ist immer noch nicht abrissfähig. Nicht mehr als der Schnelle Brüter Superphénix, der seit 1998 stillgelegt ist.

Haupthindernis beim Rückbau ist die Radioaktivität des Baumaterials im Reaktorgebäude. Bei der Demontage des kleinsten Bauteils wird Radioaktivität freigesetzt, die zur Einstellung der Arbeiten zwingt. Das zeigt etwa der Dokumentarfilm „AKW-Rückbau – Zu welchem Preis?“ von Bernard Nicolas, den Arte 2013 ausstrahlte. Die USA fragen sich bereits, ob es nicht sinnvoller ist, die Anlagen zu ummanteln anstatt ihren Abriss anzustreben.

Die Neuorientierung der französischen Atomindustrie ist also ein langfristiges Problem. Zudem sieht EDF in Frankreich selbst bis 2030 keinen Reaktorneubau vor. Fragt sich nur, ob der Energieversorger die Mittel hat, Areva NP bis dahin am Leben zu erhalten.

Laut Internationaler Atom-Energie-Organisation wird der Anteil des Atomstroms weltweit von 10 auf 4 Prozent sinken.
Flamanville, ein Fass ohne Boden

Die Arbeiten auf der EPR-Baustelle von EDF im nordfranzösischen Flamanville gehen weiter. Doch es ist fraglich, ob der Reaktor je in Betrieb gehen kann. Denn an seinem Herzstück, dem Druckgefäß und dessen Deckkuppel, wurden Mängel entdeckt. Die Atomaufsichtsbehörde hat Tests angeordnet. Deren Ergebnis wird nicht vor Jahresende vorliegen.

Trotz der Bedenken der französischen Atomaufsichtsbehörde führt der Energieversorger EDF seine EPR-Baustelle im nordfranzösischen Flamanville weiter, ohne die Ergebnisse der angeordneten Zusatztests abzuwarten. Diese wurden nötig, nachdem Materialfehler im Stahl festgestellt wurden, aus dem der Boden und die Deckplatte des Reaktorbehälters bestehen.

Inzwischen hat EDF, wie der Konzern Ende März bekanntgab, zwei Bauetappen abgeschlossen, die einen eventuellen Umbau des bemängelten Reaktorbodens fast unmöglich machen: die Installierung des Primär-Dampf-Kreislaufs und der Dampf-Generatoren, die den Strom erzeugen. Da diese Elemente fest mit dem Druckgefäß verschweißt sind, müssten sie zerstört werden, um das Gefäß selbst noch umbauen zu können.

Nur wenig später schlugen EDF und Areva der Atomaufsichtsbehörde noch umfangreichere Zusatztests vor, weil die Materialfehler vielleicht ausgedehnter sind, als ursprünglich angenommen. Die Bekanntgabe der Testergebnisse wurde auf Ende 2016 verschoben. Sollten sie bestätigen, dass das Druckgefäß aufgrund der Materialfehler die Sicherheitsstandards verfehlt, müsste die Atomaufsichtsbehörde die Aufgabe des Projekts verfügen. Fragt sich nur, ob der Staat als Hauptaktionär von EDF angesichts der bereits verschlungenen Unsummen und der ohnehin schon desaströsen Finanzen des Konzerns eine solche Entscheidung zulassen würde.

EDF am Rande des finanziellen Zusammenbruchs

Der staatliche Energieversorger EDF steht vor einer Lawine notwendiger Investitionen, steckt aber gleichzeitig jetzt schon in finanziellen Turbulenzen. Gründe dafür sind zum einen eine falsch angegangene und schlecht umgesetzte Auslandsexpansion, zum anderen ein viel zu lange künstlich niedrig gehaltener Strompreis.

Anfang Mai trat überraschend EDF-Finanzdirektor Thomas Piquemal zurück, wegen unüberbrückbarer Differenzen im Hinblick auf den Fahrplan des umstrittenen EPR-Baus in Großbritannien (vgl. den Artikel zu Hinkley Point in diesem Dossier). Sein Schritt hat Symptomwert. Einige Tage zuvor war er noch bemüht, bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2015 an der Seite seines Generaldirektors Jean-Bernard Lévy eine gute Figur abzugeben. Trotz einer beruhigenden Rede war dem Finanzdirektor bereits sichtlich mulmig.

EDFs immense Schulden
Nicht zu Unrecht: Der Energie-Riese kann nicht länger über die Finanzkrise hinwegtäuschen, mit der er zu kämpfen hat. EDF steht mit dem Jahresabschluss 2015 vor einem Schuldenberg von 64 Milliarden Euro. Trotz einer leichten Verbesserung des Operativen Ergebnisses verfügt der Konzern nicht über die nötigen Kapitalreserven, um seine Investitionen und die Dividende für die Aktionäre zu finanzieren, muss sich also weiter verschulden.

Wie angespannt die Finanzlage ist, zeigt auch die Tatsache, dass der Staat – mit 85 Prozent Hauptaktionär – auf eine Bar-Überweisung seiner Dividende für 2015 in Höhe von 1,8 Milliarden Euro verzichtet und sich in Aktien hat auszahlen lassen. Wirtschaftsminister Emmanuel Macron hat kürzlich vor der Wirtschaftskommission des Parlaments bestätigt, dass der Staat diesen Auszahlungsmodus auch in den nächsten Jahren akzeptieren könnte, um dem Konzern zu helfen.

Er hat auch nicht ausgeschlossen, dass eine Kapitalaufstockung notwendig werden könnte, wie das Wirtschaftsblatt Les Echos am Tag der Bilanzvorstellung berichtete.

Die Gründe für die finanzielle Flaute
Die Finanzkrise bei EDF hat zwei Hauptgründe. Zum einen hat der Energieversorger in den Jahren 1998 bis 2008 bei Auslandsinvestitionen keine glückliche Hand bewiesen und dadurch zugleich an die 15 Milliarden Verluste eingefahren und seine Schulden so gut wie verdoppelt. Die noch in seinem Besitz befindlichen Auslandsfilialen erzielen zu dürftige Ergebnisse, um einen Schuldenabbau zu ermöglichen.

Zum anderen hat der Staat aus politischen Gründen den Strompreis seit 30 Jahren künstlich niedrig gehalten, obwohl die Kosten laufend steigen. Laut Rechnungshof lagen die Produktionskosten für Atomstrom 2010 noch bei 49,6 Euro pro Mwh, Ende 2014 bereits bei 62,6 Euro pro Mwh. Je älter ein Atommeiler wird, desto teurer wird seine Instandhaltung. Zudem hat EDF Anfang der 2000er-Jahre bei der Wartung gespart. Das rächt sich jetzt, weil die Anlagen dadurch noch schneller gealtert sind.

In dieser finanziell schon höchst angespannten Situation muss EDF in nächster Zukunft enorme Investitionen stemmen. Erster Punkt: eine Generalüberholung der laufenden französischen AKWs, Vorbedingung für eine erhoffte Laufzeitverlängerung über die 40-Jahr-Grenze hinaus. EDF veranschlagt dafür 52 Milliarden Euro in den nächsten zwölf Jahren, der Rechnungshof dagegen schätzt die Kosten auf 100 Milliarden in den nächsten 15 Jahren. Und dabei sind die Ausgaben für zusätzliche Sicherheitsauflagen, die die Atomsicherheitsbehörde für eine Laufzeitverlängerung vorschreiben könnte, noch nicht eingerechnet.

Wie kann EDF gerettet werden?
Zweitens muss EDF die rund zwei Milliarden Euro für den Kauf der Sparte Reaktorbau und Entwicklung von Areva aufbringen.

Und schließlich hat sich EDF verpflichtet, in Großbritannien für 23 Milliarden Euro zwei EPR-Reaktoren zu bauen. Diese Investition wird zwar von einem chinesischen Partner mitfinanziert, das Risiko trägt aber überwiegend EDF.
Der Energieversorger und der Staat versichern, dass der Konzern das alles schaffen kann. EDF verweist auf Beteiligungen in der Höhe von 18 Milliarden Euro, die verkauft werden können, um die Schuldenlast zu erleichtern oder Investitionen zu finanzieren. Ganz so einfach dürfte aber auch das nicht sein. Die EDF-Anteile an RTE sollten zwar relativ leicht einen Käufer finden, bei den Anteilen am US-AKW-Betreiber American Constellation ist das wesentlich fraglicher. Und schließlich klafft zwischen diesen 18 Milliarden und den 64 Milliarden Schulden und 120 Milliarden notwendigen Investitionen in den nächsten 15 Jahren eine ziemlich beängstigende Lücke.

Zur finanziellen Absicherung von EDF erscheint also eine auf 5 bis 10 Milliarden geschätzte Kapitalaufstockung ebenso unabwendbar wie eine wesentliche Tariferhöhung. Dabei ist der Spielraum angesichts sinkender En-Gros-Preise auf dem Strommarkt allerdings begrenzt. EDF wird also auch um massive Sanierungsmaßnahmen zur Senkung seiner Fixkosten nicht herumkommen. Für 2016 wurde bereits der Abbau von 3.500 Stellen angekündigt. Und diese Abmagerungskur wird sich wohl über mehrere Jahre fortsetzen.

Schuldenberg von 64 Milliarden Euro.
Hinkley Point, Uramin Version EDF?

2008 hat EDF für fast 16 Milliarden Euro den britischen AKW-Betreiber British Energy gekauft. Das hat sich als schlechtes Geschäft erwiesen: Die britischen Atommeiler sind veraltet, eigentlich Auslaufmodelle. Stellt sich die Frage, warum der französische Staat als Hauptaktionär von EDF diesen Deal genehmigt hat.

Kommt nach dem Uramin-Skandal bei Areva nun der British-Energy-Skandal bei EDF? British Energy, der Betreiber der acht britischen Atomkraftwerke mit 15 Meilern, 14 davon gasgekühlte AGR-Reaktoren und ein Druckwasser-Reaktor, wurde 2008 für 12 Milliarden Pfund (15,6 Milliarden Euro) von EDF aufgekauft. Die Rechtfertigung für den Deal – ein Gegengeschäft, nämlich der Bau von vier EPR-Reaktoren im Auftrag der britischen Regierung – wurde damals nicht in Zweifel gezogen. Dabei hätte schon ein etwas genaueres Studium des Projekts den Staat dazu bewegen können, das Geschäft nicht abzusegnen.

EDF machte in den Unterlagen des Jahres 2008 kein Geheimnis aus dem bedenklichen Zustand der britischen Anlagen. Das Dossier zeigt, dass die tatsächliche Leistung 2008 auf 51 Prozent der theoretischen Leistung gesunken war. Dieses Schlüsselkriterium für AKWs hatte sich seit langem laufend verschlechtert: 2006 waren es 68 Prozent gewesen, 2004 immerhin noch 77 Prozent, obgleich auch diese bereits deutlich unter dem internationalen Durchschnitt von über 80 Prozent lagen.

Grund dafür war eine Reihe von Pannen, die zu Produktionsausfällen durch Stilllegungen führten. Zudem durften mehrere Reaktoren, darunter die beiden in Hinkley Point, wegen Mängeln der Druckgefäße aus Sicherheitsgründen nicht auf voller Leistung laufen. EDF konnte die Leistung der britischen AKWs in den letzten Jahren zwar wesentlich steeigern, die Meiler bleiben aber anfällig. Das hat Auswirkungen auf die finanziellen Resultate der britischen EDF-Tochter EDF Energy. Nach mehreren Jahren mit äußerst bescheidenen Ergebnissen schien sich die Lage zuletzt endlich etwas zu verbessern.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum hat EDF 2008 so viel Geld für das wenig rentable und finanziell gefährdete Unternehmen ausgegeben? Die Erklärung sind die vier EPR-Projekte, die im Gegenzug vereinbart wurden. Sie verweisen zugleich auf den zweiten Schwachpunkt der britischen Atomstrom-Industrie: Sieben der acht AKWs stehen kurz vor dem Ende ihrer Laufzeit. Der Druckwasser-Reaktor Sizewell B, der ab 1995 gebaut wurde, darf bis 2035 laufen. Alle anderen Meiler hatten theoretisch so gut wie ausgedient und sollten eigentlich zwischen 2014 und 2023 vom Netz.

British Energy konnte zwar eine Laufzeitverlängerung erreichen, aber nur für einige Jahre. Im Lauf des nächsten Jahrzehnts müssen sie endgültig abgeschaltet werden. Anders gesagt, EDF hat mit British Energy 15 Reaktoren gekauft, von denen 14 bestenfalls noch 15 Jahre laufen dürfen.

Diese Tatsache macht das Projekt der beiden EPR-Reaktoren in Hinkley Point für EDF zur Schicksalsfrage: Entweder sie werden gebaut, was immer das auch kosten wird – derzeit sind das geschätzte 23 Milliarden Euro. Oder aber das Projekt wird begraben, und EDF büßt in den kommenden zehn Jahren den Großteil seiner Produktionsmittel in Großbritannien ein. Das aber käme dem Eingeständnis gleich, dass EDF sich 2008 umsonst in Höhe von 11 Milliarden Pfund verschuldet und 15,6 Milliarden Euro letztlich zum Fenster hinaus geworfen hat. Ein Eingeständnis, das unweigerlich die unangenehme Frage aufwerfen würde, warum dieser Deal zu einem unverständlich hohem Preis überhaupt abgeschlossen wurde.

Slug News

Autor: Etienne Huver
Schnitt: Xavier Gaillard
Kamera: Etienne Huver, Boris Heger
Musik: Parigo
Produktionsleitung: Ariane Korac
Produktion: Marina Ladous, Lorenzo Benedetti, Guillaume Dimitri, Aram Attar
Mit Dank an Guillaume Griffoni, Quentin Eiden, François Pilet, Boris Heger, Romeo Langlois, César et Thomas Barthelemy, Eric Watter, Marine G. und Johnny Vianney Bissakonou.

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Thierry Lévêque, Thierry Gadault

ARTE GEIE

Marco Nassivera, Hugues Jardel, Mathieu Boch, Stefanie Hintzmann, Donatien Huet, Loïc Bertrand, Angèle Müller, Eliane Bernhardt, Céline Broggi, Laurence Apprederisse

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