Eritreas junge Ausbrecher

Vor Repression geflohen, in Ungewissheit gefangen.

Eritreas junge Ausbrecher

Vor Repression geflohen, in Ungewissheit gefangen.

von Jonas Dunkel

Lesezeit: 31 min
Eine ganze Generation junger Eritreer ergreift die Flucht. Sie flieht vor einem totalit√§ren Regime, vor Sklaverei, Gefangenschaft und Folter. ARTE Info berichtet¬†aus einem Ankunftszentrum f√ľr asylsuchende Jugendliche in der Schweiz.

Im Ankunftszentrum f√ľr unbegleitete minderj√§hrige Asylsuchende im schweizerischen Kanton Bern werden Ankommende mit einem spezifischen Programm betreut.

Der Kanton Bern setzt um, was die UN-Kinderrechtskonvention verlangt: einen besonderen Schutz f√ľr asylsuchende Kinder, die sich ohne ihre Eltern au√üerhalb ihres Heimatlandes befinden, einen Anspruch auf die F√∂rderung ihrer Entwicklung und auf eine Vertrauensperson.

Die unsichere Zukunftsperspektive, die Verarbeitung des Erlebten sowie die fehlende Möglichkeit, sich in der neuen Umgebung einzubringen, belasten die Jugendlichen.

Eritrea ist das Herkunftsland Nummer eins unter den Ankommenden. Die Schweiz beherbergt neben Deutschland die größte eritreische Gemeinde in Europa.

Unsere Reportage befasst sich mit den Fluchtmotiven der Kinder und Jugendlichen und beleuchtet ihre Perspektiven in unserer Gesellschaft.

1. Kapitel

Allein in der Fremde

Unbegleitete minderj√§hrige Fl√ľchtende sind besonders verletzlich. Ihre Flucht nach Europa dauert oft mehrere Jahre. In der Schweiz unterh√§lt der Kanton Bern ein spezifisches Betreuungsprogramm f√ľr ankommende Minderj√§hrige.

Sanfte H√ľgellandschaften, einsame Bauernh√∂fe und weitl√§ufige Tannenw√§lder:¬†Huttwil im Kanton Bern liegt inmitten der typischen Landschaft des Emmentals. Einen Kilometer vom Dorf entfernt steht ein Sportareal. Seitdem 2015 die Asylgesuche von Minderj√§hrigen die Aufnahmekapazit√§ten der Beh√∂rden gesprengt haben, ist hier¬†das Ankunftszentrum f√ľr unbegleitete minderj√§hrige Asylsuchende untergebracht. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz nicht.¬†

Die Jugendlichen verbringen hier zwischen vier und sechs Wochen, ehe sie auf die Gemeinden des Kantons verteilt werden.

F√ľr jeden Ankommenden gilt die gleiche Prozedur. Die pers√∂nlichen Kleider werden in einen Sack gepackt und hei√ü gewaschen. Nicht waschbare Gegenst√§nde werden w√§hrend 24 Stunden eingefroren. Es sind Ma√ünahmen gegen die hartn√§ckigen Kr√§tzemilben, die¬†mit den Fl√ľchtenden mitreisen.

Aus Kleiderspenden erhalten die Jugendlichen ein Shirt, einen Pulli, eine Hose, eine Jacke und Schuhe. Als Startpaket gibt es ein Hygienebeutel mit Zahnb√ľrste, ein Handtuch, Sandaletten und frischer Unterw√§sche.

Nach einer m√ľhsamen, mehrj√§hrigen Flucht von Eritrea nach Europa macht sich bei den Jugendlichen bei der Ankunft oft ein Gef√ľhl der Erleichterung breit. Katrin Pfrunder von der Zentrum B√§regg GmbH beobachtet, „dass sich fast schon euphorische Gef√ľhle einstellen, weil sie denken ‚Jetzt bin ich in Sicherheit, jetzt bin ich angekommen und jetzt kann es richtig losgehen‘. Aus unserer Erfahrung kommt der kritische Moment erst sp√§ter.“

Das Wohnheim des Ankunftszentrums in Huttwil, Kanton Bern.

Fluchtwege aus Eritrea

Eritrea ist eines der am schnellsten sich leerenden L√§nder der Welt. 2015 sch√§tzte das UN-Fl√ľchtlingshilfswerk die Zahl der monatlich aus dem Land Fliehenden auf 5.000. Eine Viertelmillion befindet sich in Fl√ľchtlingslagern in den¬†Nachbarl√§ndern Sudan und √Ąthiopien.

Die Haupt-Fluchtroute f√ľhrt durch die Sahara ins krisengesch√ľttelte Libyen, √ľber das Mittelmeer nach Italien. 2016 wurden in Italien 20.718 Migranten aus Eritrea registriert, die √ľber das Mittelmeer kamen. Damit belegt das Land Rang 2 im Ranking nach Herkunftsl√§ndern hinter Nigeria.

Eine andere Fluchtroute f√ľhrt entlang dem Roten Meer √ľber √Ągypten nach Israel. √Ąhnlich wie in Libyen sind die Fl√ľchtenden auf der Sinai-Halbinsel Menschenh√§ndlern, Folter, Ausbeutung und Vergewaltigungen ausgesetzt.

Fluchtwege aus Eritrea
Anmerkung zur Graphik:¬†Die Spalte der Asylsuchenden unter 18 Jahren ist nicht gleichbedeutend mit „unbegleiteten Minderj√§hrigen“.

Eritreische Diaspora: Warum die Schweiz?

Laut dem ‚Eritreischen Medienbund‘¬†leben rund 30.000 Eritreer in der Schweiz. Eritrea stellt seit zehn Jahren das wichtigste Herkunftsland dar.

Ein Grund daf√ľr ist, dass die Schweiz von 2006 bis 2016 eine liberale Asylpolitik¬†gegen√ľber Eritreern angewendet hat. Die zust√§ndige Kommission hatte die¬†Dienstverweigerung und das Desertieren als Asylgrund anerkannt. Mit einer Revision dieser Rechtspraxis im Juni 2016 wurde die Ausgangslage f√ľr Eritreer schwieriger, insbesondere f√ľr Minderj√§hrige, die noch keinen Milit√§rdienst verrichten mussten¬†(siehe Kapitel 3).

Von der Grenze ins Ankunftszentrum

Die erste Station eines gefl√ľchteten Jugendlichen ist eines von acht Empfangs- und Verfahrenszentren, die in der Schweiz existieren.

Die meisten jungen Eritreer, die √ľber das Mittelmeer in die Schweiz kommen, beantragen im Empfangszentrum an der italienischen Grenze erstmals Asyl. In diesem Zentrum werden medizinische Untersuchungen durchgef√ľhrt, es findet eine Registrierung statt sowie eine erste Anh√∂rung zu den Asylgr√ľnden.

Anschließend werden die Jugendlichen auf die Kantone verteilt. 

Samuel*, 17-jähriger Asylsuchender aus Eritrea

Samuel hat die Schule in der 6. Klasse in Eritrea verlassen, um seiner kranken Schwester zu helfen. Seine Eltern sind fr√ľh gestorben. Als Schulabbrecher kam er w√§hrend sechs Monaten ins Gef√§ngnis. Bei Schulabbrechern, Schulschw√§nzern und Kindern mit negativen Verhaltensmustern greift als Sanktion der Einzug ins Milit√§r und damit verbunden als erster Schritt der Gang ins Gef√§ngnis (siehe Kapitel 4).

Der heute 17-j√§hrige Samuel ist seit drei Monaten in der Schweiz und neu im Ankunftszentrum. Zu Hause in Eritrea ist f√ľr ihn in diesen Tagen eine Rekrutierung f√ľr den sogenannten Nationaldienst eingetroffen. Samuel wird gesucht und das bereitet ihm Sorgen, weil er genau wei√ü, dass er mit seiner Flucht¬†Angeh√∂rige in Gefahr bringt.¬†

*Samuels richtiger Name ist der Redaktion bekannt

2. Kapitel

Betreuung im Alltag

Im schweizerischen Kanton Bern werden rund 500 unbegleitete Minderjährige in unterschiedlichen Wohnformen betreut. Sie erhalten eine altersgerechte Tagesstruktur, eine Gesundheitsversorgung und eine psychologische Betreuung. Außerdem wird ihnen eine Vertrauensperson zugewiesen.

Moosseedorf liegt 11 Fahrtminuten von Bern entfernt. Unmittelbar neben dem kleinen Bahnhof steht ein ehemaliger Bauernhof. Hier ist auf zwei Etagen eine Wohngemeinschaft mit elf asylsuchenden Mädchen eingemietet.

Die WG funktioniert mehrheitlich autonom. Die Freizeit k√∂nnen die M√§dchen selbst√§ndig gestalten. Wenn sie am Wochenende wegfahren, hinterlassen sie bei der Betreuerin die Adresse sowie eine Telefonnummer. F√ľr die Anliegen der M√§dchen ist eine Betreuerin zust√§ndig, auch nachts.

In der Wohngemeinschaft dominiert die Sprache Tigrinya, eine von neun gesprochenen Sprachen in Eritrea. Die mehrheitlich eritreisch-orthodoxen Mädchen reisen samstags nach Bern, um an der Messe teilzunehmen. In den Räumen und Zimmern kleben Maria und Jesus-Plakate. Vor- und nach dem Essen wird gebetet.

Die Stimmung ist harmonischer als im Ankunftszentrum, wo ein Kommen und Gehen herrscht. Die M√§dchen sind schon mindestens eineinhalb Jahre im Land und verf√ľgen √ľber mehr Erfahrung mit der neuen Umgebung.

Die Wohngemeinschaft ist eine von mehreren möglichen Unterbringungsformen, welche die Zentrum Bäregg GmbH den jugendlichen Asylsuchenden anbietet. Daneben gibt es klassische Wohnheime, betreutes Wohnen oder die Unterbringung bei Gastfamilien oder Verwandten.

Die Zentrum B√§regg GmbH ist f√ľr die dem Kanton Bern zugewiesenen Kinder und Jugendlichen zust√§ndig. Die Organisation h√§lt sich strikt an die Vorgaben der UNO-Kinderrechtskonvention, wonach die besonderen Schutzbed√ľrfnisse der unbegleiteten Asylsuchenden ber√ľcksichtigt, eine altersgerechte Unterbringung gefunden sowie eine schulische und berufliche F√∂rderung gew√§hrleistet¬†werden m√ľssen.

Entwicklungsgerechte F√∂rderung bedeutet im Ankunftszentrum etwa, dass den asylsuchenden Jugendlichen erst einmal grundlegende Kompetenzen vermittelt werden. Wie begr√ľ√üe ich einen Einheimischen auf der Stra√üe? Wie interagieren Frauen und M√§nner miteinander? Wie l√∂se ich ein Busticket oder wie funktioniert der Einkauf im Supermarkt? Aber auch die Funktionsweise des komplexen Asylsystems wird den Ankommenden vermittelt.

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr werden die Kinder und Jugendlichen von einer ganzen Reihe von Ansprechpartnern begleitet. Neben den Betreuern im Wohnheim und den Lehrpersonen steht eine Fachstelle f√ľr die Gesundheitsversorgung bereit. Dazu kommen Rechtsbeist√§nde, aber auch Fachkr√§fte f√ľr die psychologische Betreuung. Au√üerdem werden die Asylsuchenden bis zu ihrem 18. Lebensjahr von sogenannten „Case Managern“ begleitet. Etwa bei Umz√ľgen in neue Wohnformen, bei Schulgespr√§chen oder der Aufnahme in Sportvereine.

Unterschiedliche AUFNAHMEQualität bei den Kantonen: Bern als vorzeigemodell

Laut dem Staatssekretariat f√ľr Migration kamen 2015 im Vergleich zum Vorjahr mehr als dreimal so viele unbegleitete minderj√§hrige Asylsuchende in der Schweiz an. Die Kantone wurden von diesem rapiden Anstieg √ľberrascht. Im Kanton Bern kamen pro Woche 30 neue Kinder an. Das Geld, das die Kantone vom Bund f√ľr die Kosten der Betreuung erhielten, reichte oft nicht aus. Gleichzeitig waren die Kantone gezwungen, die Strukturen aufgrund des Anstiegs auszubauen. So mussten zum Beispiel provisorische Unterk√ľnfte gefunden werden.

In der Schweiz sind die Unterschiede in der¬†Qualit√§t der Betreuung zwischen den Kantonen gro√ü. Auf diese Differenzen hat 2015 auch der UN-Kinderrechtsausschuss in einer Empfehlung hingewiesen. F√ľr Kinder auf der Flucht sei es pure Gl√ľckssache, welche Konditionen sie je nach Kanton antreffen (dazu der Hinweis auf einen Bericht der Basellandschaftlichen Zeitung vom 10.9.2015).

Bern nimmt unter den Kantonen eine Vorreiterrolle ein. Aktuell werden im Kanton Bern knapp √ľber 500 Kinder und Jugendliche betreut (Stand Januar 2017). Die Zentrum B√§regg GmbH hat im Januar 2016 im Sportzentrum Huttwil das bundesweite erste Ankunftszentrum f√ľr unbegleitete minderj√§hrige Asylsuchende er√∂ffnet (Bericht in der Berner Zeitung zur Er√∂ffnung des Ankunftszentrums im Emmental).¬†

Salam*, 17-jährige Asylsuchende aus Eritrea

Salam¬†ist in der M√§dchen-WG in Moosseedorf untergebracht. Sie ist eine ruhige, nachdenkliche¬†und kluge Person. Salam spricht offen √ľber die negativen Gedanken, welche sie tags√ľber und w√§hrend der Nacht begleiten. Sie macht sich Sorgen um ihre Familie und um¬†ihre Zukunft. Zurzeit wurde ihr ein humanit√§rer Ausweis zugesprochen, womit sie nur vorl√§ufig aufgenommen ist.

Salam gibt an, drei Fluchtversuche aus Eritrea unternommen zu haben. Zweimal wurde sie erwischt und landete im Gef√§ngnis. Immer wieder weist sie auf das Regime in Eritrea hin. Sie kann es nicht glauben, dass es Menschen gibt, die nicht einsehen, welche Probleme im Land herrschen. „Keiner will aus dem Land fliehen, im Gegenteil, wir lieben unsere Heimat“, sagt sie. Aber wenn es kein Recht g√§be, keine M√∂glichkeit zur Selbstbestimmung und nur das Milit√§r als Zukunftsperspektive, h√§tten die Kinder¬†keine andere Wahl.

*Salams richtiger Name ist der Redaktion bekannt

3. Kapitel

Stress im Kopf

In ihrem Wunsch nach Bildung und sozialer Zugehörigkeit werden die Jugendlichen durch den schleppenden Asylprozess sowie durch die psychische Verarbeitung des Erlebten gebremst.

Eritrea, Irak, Syrien, Afghanistan: Bunte Zeichnungen von Nationalflaggen schm√ľcken die Schulzimmer des Ankunftszentrums. Die Lehrer bem√ľhen sich um einen ordentlichen Schulunterricht und bringen spielerische Formen ein.

Die Unterrichtsbeteiligung der Jugendlichen ist unterschiedlich. Einige sind eifrig bei der Sache, andere blicken apathisch aus dem Fenster oder nicken zwischendurch ein. „Das Lernen der Sprache ist der Schl√ľssel zur Integration“, sagt der Betreuer Saeed Jallaway, einst selber aus Eritrea gefl√ľchtet und seit 15 Jahren in der Schweiz (siehe Portrait unten).

Nicht alle Jugendlichen sind jeden Tag in der Lage, ihre volle Leistungsbereitschaft abzurufen. Das liege nicht an der Motivation, sagt die Schulleiterin Sabine Aeschlimann, sondern daran, dass viele unter Schlafstörungen litten und sich am Tag schlecht konzentrieren könnten.

Auf die Jugendlichen¬†wirken verschiedene Stress-Faktoren ein. Die Repression im Heimatland, das Erlebte auf der mehrj√§hrigen Flucht nach Europa und die Situation nach der Ankunft in der fremden Umgebung. Die Anfangseuphorie, es „geschafft zu haben“, wird von der Erkenntnis verdr√§ngt, erst mal zum Warten verdammt zu sein.

Denn wer sich im Asylverfahren befindet, ist nicht in der Lage, seine Gegenwart oder¬†seine Zukunft zu gestalten. Es ist ihm kaum m√∂glich, zu arbeiten oder eine Lehre zu machen. Das f√ľhrt zu einem Verlust von Selbstwirksamkeit und von der M√∂glichkeit, sich in der Gesellschaft einzubringen. „Wenn sie realisieren, dass es nicht so schnell vorw√§rts geht, wie sie sich das w√ľnschen, dann kann es h√§ufig zu Frustrationen kommen“, bemerkt Katrin Pfrunder.

Im medialen Diskurs sei im Zusammenhang mit der Verletzbarkeit von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen oft von Menschenhandel, sexueller und k√∂rperlicher Gewalt als gr√∂√üte Gefahren die Rede, sagt Katrin Pfrunder. Diese Gefahren w√ľrden erwiesenerma√üen existieren. Dabei werden andere Faktoren, die sich ebenso belastend auf die Psyche auswirken, ihrer Meinung nach h√§ufig untersch√§tzt: „Zum einen die unsichere Zukunftsperspektive¬†(…), zum anderen die ungen√ľgenden M√∂glichkeiten, an dieser Gesellschaft teilzuhaben und sich mit den eigenen F√§higkeiten und St√§rken einzubringen.“

Versch√§rfte AsylpOLITIK in der Schweiz: Streitpunkt „illegale Ausreise“

Am 2. Februar 2017 hat das Bundesverwaltungsgericht¬†in einem Grundsatzurteil entschieden, dass Fl√ľchtlinge aus Eritrea in der Schweiz kein Asyl mehr erhalten, nur weil sie¬†illegal ihr Heimatland verlassen haben.

Mit diesem Urteil best√§tigte das Bundesverwaltungsgericht die versch√§rfte Asylpolitik bei Eritreern, wie sie das Staatssekretariat f√ľr Migration (SEM) seit Juni 2016 anwendet.

Dieses Urteil betrifft Asylsuchende, die in Eritrea¬†noch nicht f√ľr den Nationaldienst eingezogen¬†wurden, von diesem befreit oder entlassen worden sind. Das Urteil hat demnach weitreichende Konsequenzen f√ľr Minderj√§hrige, die zuvor aus Angst vor dem unbestimmten Nationaldienst die Flucht¬†ergriffen hatten.

Bei der Praxisversch√§rfung st√ľtzte sich das SEM auf den¬†Bericht einer Expertenkommission, der nahelegt, dass illegal Ausreisende mit keinen asylrelevanten Sanktionen zu rechnen haben (Bericht SEM vom Juni 2016).

Demgegen√ľber stehen glaubw√ľrdige Berichte von unterschiedlichen NGOs, welche belegen, dass die R√ľckkehrer direkt ins Gef√§ngnis gebracht werden, da die illegale Ausreise als Verbrechen gilt. Nicht ohne Grund hat die eritreische Regierung den Grenzw√§chtern einen Schie√übefehl f√ľr illegal Ausreisende¬†erteilt.

Die Auswirkungen f√ľr Jugendliche und Kinder k√∂nnten durch die Versch√§rfung drastisch sein: Amnesty International wies¬†2015¬†die Aufnahmel√§nder darauf hin,¬†„dass abgewiesene eritreische Asylsuchende im Falle einer zwangsweisen R√ľckf√ľhrung einem erheblichen Risiko willk√ľrlicher Inhaftierung sowie Folter und Misshandlung ausgesetzt sind.“

Die Festlegung von Strafen erfolgt in Eritrea au√üergerichtlich und damit willk√ľrlich.

Gegner der Praxisverschärfung warfen dem SEM im Juni 2016 vor, dem Druck von rechten Parteien nachzugeben.

Saeed Jallaway, Betreuer im Ankunftszentrum und ehemaliger Deserteur

Saeed Jallaway ist urspr√ľnglich ebenfalls aus Eritrea. Er spricht Tigre als Muttersprache, au√üerdem Tigrinya, Arabisch, Englisch und Deutsch. In seiner Rolle als Betreuer fungiert er auch als √úbersetzer, zum Beispiel im w√∂chentlich stattfindenden Meeting, in welchem die Jugendlichen ihrerseits W√ľnsche und Kritikpunkte √§u√üern d√ľrfen.

Saeed spricht nicht nur die Sprache der Jugendlichen, er teilt mit ihnen die Erfahrung der Flucht und der Ankunft in der Schweiz. Als Eritrea gegen √Ąthiopien Krieg f√ľhrte, k√§mpfte¬†er als Soldat. Er desertierte und kam 2002 als 17-J√§hriger in der Schweiz an. Damals gab es noch keine spezifischen Programme f√ľr Minderj√§hrige. Dennoch gelang seine Integration. Er fand eine Arbeit als Automechaniker.

In seiner Freizeit engagierte er sich in der oppositionellen Radiostation Erimedrek. Er schuf außerdem eine Webseite, auf der sich politisch andersdenkende Exil-Eritreer treffen und austauschen können.

4. Kapitel

Das Herkunftsland Eritrea

2015 haben jeden Monat rund 5.000 Eritreer ihr Land verlassen. 2016 spricht die Untersuchungskommission der UNO von systematischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Internierungslagern und Militäreinrichtungen gehören Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen und Tötungen zum Alltag.

In Eritrea gibt es kaum eine Familie, die nicht direkt unter dem totalit√§ren Regime leidet. Daniel erz√§hlt, wie sein √§lterer Bruder eines Tages ins Milit√§r einberufen wurde. Seither hat er ihn nicht¬†wieder gesehen. Samuel musste die Schule abbrechen, um seine kranke Schwester zu pflegen. Die Eltern waren bereits verstorben und der Mann der Schwester leistete Milit√§rdienst. Der sogenannte Nationaldienst ist unbefristet, kann aber unter Umst√§nden bis zum 50. Lebensjahr dauern. Der Milit√§rdienst und die nicht vorhandene M√∂glichkeit, seine Zukunft frei zu gestalten, ist der Hauptgrund f√ľr die Migrationswelle aus Eritrea. Das gilt insbesondere f√ľr die Minderj√§hrigen.

Die Kinder haben in diesem System keine Wahl. In der 12. Klasse werden sie automatisch ins „Nationale Trainingszentrum“ in Sawa eingezogen. Die 12. Klasse wird als Teil des Nationaldienstes absolviert, die Studentinnen und Studenten befinden sich unter milit√§rischer Obhut. (Quelle: UNHCR) Unter Umst√§nde k√∂nnen bereits Minderj√§hrige in den Nationaldienst rekrutiert werden. Dar√ľber berichten √ľbereinstimmende Quellen, wie die Organisation „Child Soldier International“ oder die Schweizerische Fl√ľchtlingshilfe schon 2011 zusammengefasst haben. In diese Kategorie fallen etwa Schulabbrecher wie Samuel,¬† mutma√üliche Kleinkriminelle oder illegal Ausreisende.

„Die Kinder sehen, dass sie keine Zukunft haben‚Äú, erkl√§rt der Menschenrechtsaktivist Abdulrazek Seid. Sie s√§hen, dass √§ltere Familienangeh√∂rige mehr als zwanzig Jahre im Milit√§r sind. „Wenn der Milit√§rdienst befristet w√§re“, ist er √ľberzeugt, „w√ľrde niemand das Land verlassen.“

Eine Alternative zum Milit√§rdienst gibt es nicht. Selbst die Hochschule des Landes, ehemals die Universit√§t, ist dem Milit√§r unterstellt. Wer sich querstellt, die strengen Regeln nicht befolgt oder einen Fluchtversuch unternimmt, findet sich in einem der Gef√§ngnisse wieder. Diese Erfahrung hat Abdulrazek Seid gemacht, aber auch die Minderj√§hrigen Samuel und Salam. Salam z√§hlt die Namen der Gef√§ngnisse auf. Sie sind ber√ľchtigt und f√ľr ausl√§ndische Delegationen nicht zug√§nglich. Der UNO-Menschenrechtsbericht von 2016 (Link als PDF) f√ľhrt auf, dass nicht nur in Internierungslagern und Gef√§ngnissen, sondern auch in allen anderen Milit√§reinrichtungen Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen und T√∂tungen zum Alltag geh√∂ren.

Notizen zu Eritrea
  • 1991 – Erk√§mpfung der Unabh√§ngigkeit von √Ąthiopien
  • 1993 – Unabh√§ngigkeit durch eine von der UNO √ľberwachten Volksabstimmung
  • Seit 1993 gab es keine Volksabstimmung mehr
  • Seither ist Isaias Afewerki alleiniger Machthaber. Er ist zugleich Pr√§sident, Regierungschef und Vorsitzender der einzig legalen Partei, der People‚Äôs Front for Democracy and Justice (PFDJ)
  • 1997 – Eine Verfassung wird entworfen, jedoch nie implementiert
  • Seit 2001 gibt es keine unabh√§ngige Presse mehr
  • 2016 – Tausende Eritreer sind als politische Gefangene inhaftiert: ohne Anklage und ohne Prozess. Die Inhaftierten gelten als Verschwundene.
„Die Fl√ľchtlinge – viele von ihnen verlassen das Land als Kinder – fliehen vor einem System, das breit angelegter Zwangsarbeit gleichkommt und den Betroffenen jede Selbstbestimmung √ľber wesentliche Lebensbereiche raubt.“
(Michelle Kagari, Vizedirektorin von Amnesty International im Regionalb√ľro Ostafrika)

In Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International wird aufgezeigt, dass die Inhaftierten in Containern mitten in der W√ľste eingesperrt sind. Sie sind extremer Hitze und K√§lte ausgesetzt. Nicht wenige Menschen sterben bei diesen Haftbedingungen.

Den Inhaftierten werden s√§mtliche Rechte abgesprochen. Sie sind der totalen Willk√ľr ausgesetzt. Darum gelten die Inhaftierten als Verschwundene, die man nie wieder zu Gesicht bekommt. Die UNO geht von 10.000 politischen Gefangenen aus. Seid sagt, es w√§ren deutlich mehr.

Willk√ľr gilt nicht nur f√ľr die Inhaftierten, sondern auch f√ľr unbescholtene B√ľrger. Samuel beschreibt die Situation, nicht aus dem eigenen Viertel¬†gehen zu k√∂nnen, ohne sich einer latenten Gefahr auszusetzen. Daniel spricht von „Wachsamkeit“ und „voller Konzentration“, wenn man aus dem Haus gehe.

In Eritrea herrsche ein Klima des Stresses und der Angst, bestätigen Samuel und Daniel. Damit meinen sie Polizeikontrollen, aber auch spontane Razzien der eritreischen Behörden, die in Protokollen des UNHCR als Round-ups (Giffas) beschrieben werden. Bei diesen Aktionen werden wehrdiensttaugliche Personen zwangsrekrutiert. Zeitpunkt und Ort dieser Razzien seien unvorhersehbar.

Link Hinweise

UNO-Menschenrechtsbericht vom Mai 2015.

Der Bericht von Amnesty International „Just Deserters: Why indefinite national service in Eritrea has created a generation of refugees“ (2015) st√ľtzt sich auf 72 ausf√ľhrliche Interviews mit eritreischen Fl√ľchtlingen in der Schweiz und in Italien.

EASO Bericht vom Mai 2015¬†(Europ√§isches Unterst√ľtzungsb√ľro f√ľr Asylfragen)

Abdulrazek Seid, Menschenrechtsaktivist und Präsident von "Eritrean youth movement for change in Switzerland"

Abdulrazek Seid ist in ganz Europa unterwegs, um Aufkl√§rungsarbeit zu verrichten. Als Pr√§sident des „Eritrean youth movement for change in Switzerland“ ist Seid weltweit mit Bewegungen und Aktivisten vernetzt, die √§hnliche Ziele verfolgen. Sein Ziel ist es, diese unterschiedlichen Gruppierungen zu einen.

Als Sch√ľler verbrachte Seid mehr als ein Jahr im Gef√§ngnis. Als Grund wurden seine kritischen politischen Ansichten geltend gemacht. Diese Erfahrung bewog ihn zur Flucht nach Europa. Er sieht es als Berufung an, die Menschen auf die Missst√§nde in seinem Land aufmerksam zu machen.

5. Kapitel

Auf der Suche nach Perspektiven

Unter den Asylsuchenden hat sich der Anteil unbegleiteter Kinder seit 2014 verdoppelt. Welche Rolle kann die Generation junger Fl√ľchtlinge in Zukunft in unserer Gesellschaft einnehmen?

Daniel tritt freundlich in Erscheinung, er legt Wert auf ein gepflegtes √Ąu√üeres. In diesem zuvorkommenden, jungen Mann steckt eine mutige Pers√∂nlichkeit. Daniel nimmt an politischen Kundgebungen teil und entscheidet sich bewusst, mit seinem Gesicht und seinem richtigen Namen vor die Kamera zu treten. Das ist sein Beitrag um mitzuhelfen, die Situation in Eritrea zu erkl√§ren und die vielen Vorurteile gegen√ľber seinen Landsleuten abzubauen.

Nach nur eineinhalb Jahren in seiner neuen Heimat hat Daniel die Sprache gelernt, Asyl erhalten und eine Lehrstelle als Schreiner begonnen. Er betont mehrmals, dass er nach Selbstst√§ndigkeit strebe. Geld interessiere ihn nicht, vielmehr lieb√§ugelt er damit, einst in sein Heimatland zur√ľckzukehren und sein dazu gewonnenes Wissen weiterzugeben.

Daniel ist ein gutes Beispiel daf√ľr, welche F√§higkeiten gerade junge Fl√ľchtlinge mitbringen k√∂nnen: Pers√∂nlichkeit und Willensst√§rke. Es sind Merkmale, die auch Katrin Pfrunder meint, wenn sie von den F√§higkeiten und St√§rken spricht, die diese jungen Reisenden auszeichnen: „Sie bringen eine sehr hohe Selbst√§ndigkeit mit, die eine riesige Ressource darstellt. Nicht nur f√ľr die Kinder selbst und f√ľr ihr Leben, sondern auch f√ľr unsere Gesellschaft.“ Wichtige Voraussetzung sei aber, f√ľgt sie an, dass die Gesellschaft M√∂glichkeiten finde, den Jugendlichen eine entsprechende Chance¬†zu bieten.

„Die Jugendlichen bringen eine sehr hohe Selbst√§ndigkeit mit, die eine riesige Ressource darstellt. Nicht nur f√ľr die Kinder selbst und f√ľr ihr Leben, sondern auch f√ľr unsere Gesellschaft.“
Katrin Pfrunder, Mitglied Geschäftsleitung Zentrum Bäregg GmbH

Zum Abbau der¬†Vorurteile, die gegen√ľber der eritreischen Gemeinde vorherrschen, muss laut Abdulrazek Seid¬†insbesondere die Diaspora aktiver werden und intensive Aufkl√§rungsarbeit betreiben. Viele Menschen in Europa w√ľssten nicht, welche Probleme Eritrea h√§tte.

Der Menschenrechtsaktivist sieht aber¬†positive Signale.¬†Im Oktober 2016 wurde in Z√ľrich ein Podiumsgespr√§ch mit Experten durchgef√ľhrt (Blackbox Eritrea). Im Dezember fand in Bern eine Kundgebung statt, in der die schweizerische Regierung aufgefordert wurde, die Versch√§rfung der Asylpolitik im Umgang mit eritreischen Fl√ľchtlingen r√ľckg√§ngig zu machen.

Ein starkes Zeichen sieht¬†Seid aber vor allem in der Tatsache, dass sich immer mehr Eritreer trauen, an die √Ėffentlichkeit zu gehen. Einem von verschiedenen Verb√§nden organisierten Aufruf, sich gegen das Regime und f√ľr¬†den UNO-Menschenrechtsbericht zu positionieren, folgten im Juni 2016 √ľber 10.000 Exil-Eritreer aus ganz Europa (Al Jazeera berichtete aus Genf).

Noch vor ein paar Jahren war das anders. Damals traf Seid¬†bei Kundgebungen auf ein paar wenige Landsleute. Die Angst vor den Agenten des eritreischen Geheimdienstes √ľberwog damals noch.

Daniel, ehemaliger Besucher im Ankunftszentrum und anerkannter Fl√ľchtling

Erst vor eineinhalb Jahren kam Daniel als asylsuchender Minderj√§hriger in den Kanton Bern. Er absolvierte das Programm der Zentrum B√§regg GmbH und gr√ľndete nach der Vollendung des 18. Lebensjahrs eine Wohngemeinschaft mit zwei eritreischen Freunden in Bern.¬†

Heute absolviert er eine Lehre als Schreiner und besucht daneben die Berufsschule. Seit Ende 2016 hat Daniel den B-Ausweis und ist als Fl√ľchtling anerkannt.

In Eritrea ist Daniel in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Der Betrieb auf dem Bauernhof ist aber mittlerweile eingestellt, weil mehrere Mitglieder der Familie ins Milit√§r eingezogen wurden. Gepr√§gt hat Daniel das Schicksal seines √§ltesten Bruders, der trotz guter Leistungen in der Schule in die Armee eingezogen wurde. Es war f√ľr ihn der Beweis, dass man ihn Eritrea als Jugendlicher keine Chance hat.

Impressum

Eine Serie von Jonas Dunkel. Kamera: Pierre Reischer.¬†Schnitt: Dodo Hunziker.¬†Farbkorrektur: Pierre Reischer.¬†Protagonisten: Samuel*, Salam*, Daniel, Saeed Jallaway, Abdulrazek Seid, Katrin Pfrunder, Emanuel R√ľfenacht. (*Namen der Redaktion bekannt). √úbersetzungen: Saeed Jallaway, Rahel Fisehaye, Yonatan Gebreselassie.¬†Produktion: DokLab GmbH (www.doklab.com).¬†Produktionsassistenz: Lea Rindlisbacher.¬†Leitung¬†ARTE Info: Hugues Jardel. Redaktion ARTE Info: Hanna Peters; Produktion ARTE Info: Petra Mekaoui; Mit Genehmigung von: Zentrum B√§regg GmbH, Kindes- und Erwachsenenschutzbeh√∂rde (KESB), Migrationsdienst Kanton Bern.¬†Dank an: Martina Joss, Katrin Pfrunder, Samanta Secli, Daniela Enzler, Urs Schnell, Dunkel Design, Emika GmbH.

Eine Web-Serie im Auftrag von ARTE; © 2017 DokLab