Eritreas junge Ausbrecher

Vor Repression geflohen, in Ungewissheit gefangen.

Eritreas junge Ausbrecher

Vor Repression geflohen, in Ungewissheit gefangen.

von Jonas Dunkel

Lesezeit: 31 min
Eine ganze Generation junger Eritreer ergreift die Flucht. Sie flieht vor einem totalitären Regime, vor Sklaverei, Gefangenschaft und Folter. ARTE Info berichtet aus einem Ankunftszentrum für asylsuchende Jugendliche in der Schweiz.

Im Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende im schweizerischen Kanton Bern werden Ankommende mit einem spezifischen Programm betreut.

Der Kanton Bern setzt um, was die UN-Kinderrechtskonvention verlangt: einen besonderen Schutz für asylsuchende Kinder, die sich ohne ihre Eltern außerhalb ihres Heimatlandes befinden, einen Anspruch auf die Förderung ihrer Entwicklung und auf eine Vertrauensperson.

Die unsichere Zukunftsperspektive, die Verarbeitung des Erlebten sowie die fehlende Möglichkeit, sich in der neuen Umgebung einzubringen, belasten die Jugendlichen.

Eritrea ist das Herkunftsland Nummer eins unter den Ankommenden. Die Schweiz beherbergt neben Deutschland die größte eritreische Gemeinde in Europa.

Unsere Reportage befasst sich mit den Fluchtmotiven der Kinder und Jugendlichen und beleuchtet ihre Perspektiven in unserer Gesellschaft.

1. Kapitel

Allein in der Fremde

Unbegleitete minderjährige Flüchtende sind besonders verletzlich. Ihre Flucht nach Europa dauert oft mehrere Jahre. In der Schweiz unterhält der Kanton Bern ein spezifisches Betreuungsprogramm für ankommende Minderjährige.

Sanfte Hügellandschaften, einsame Bauernhöfe und weitläufige Tannenwälder: Huttwil im Kanton Bern liegt inmitten der typischen Landschaft des Emmentals. Einen Kilometer vom Dorf entfernt steht ein Sportareal. Seitdem 2015 die Asylgesuche von Minderjährigen die Aufnahmekapazitäten der Behörden gesprengt haben, ist hier das Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende untergebracht. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz nicht. 

Die Jugendlichen verbringen hier zwischen vier und sechs Wochen, ehe sie auf die Gemeinden des Kantons verteilt werden.

Für jeden Ankommenden gilt die gleiche Prozedur. Die persönlichen Kleider werden in einen Sack gepackt und heiß gewaschen. Nicht waschbare Gegenstände werden während 24 Stunden eingefroren. Es sind Maßnahmen gegen die hartnäckigen Krätzemilben, die mit den Flüchtenden mitreisen.

Aus Kleiderspenden erhalten die Jugendlichen ein Shirt, einen Pulli, eine Hose, eine Jacke und Schuhe. Als Startpaket gibt es ein Hygienebeutel mit Zahnbürste, ein Handtuch, Sandaletten und frischer Unterwäsche.

Nach einer mühsamen, mehrjährigen Flucht von Eritrea nach Europa macht sich bei den Jugendlichen bei der Ankunft oft ein Gefühl der Erleichterung breit. Katrin Pfrunder von der Zentrum Bäregg GmbH beobachtet, „dass sich fast schon euphorische Gefühle einstellen, weil sie denken ‚Jetzt bin ich in Sicherheit, jetzt bin ich angekommen und jetzt kann es richtig losgehen‘. Aus unserer Erfahrung kommt der kritische Moment erst später.“

Das Wohnheim des Ankunftszentrums in Huttwil, Kanton Bern.

Fluchtwege aus Eritrea

Eritrea ist eines der am schnellsten sich leerenden Länder der Welt. 2015 schätzte das UN-Flüchtlingshilfswerk die Zahl der monatlich aus dem Land Fliehenden auf 5.000. Eine Viertelmillion befindet sich in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern Sudan und Äthiopien.

Die Haupt-Fluchtroute führt durch die Sahara ins krisengeschüttelte Libyen, über das Mittelmeer nach Italien. 2016 wurden in Italien 20.718 Migranten aus Eritrea registriert, die über das Mittelmeer kamen. Damit belegt das Land Rang 2 im Ranking nach Herkunftsländern hinter Nigeria.

Eine andere Fluchtroute führt entlang dem Roten Meer über Ägypten nach Israel. Ähnlich wie in Libyen sind die Flüchtenden auf der Sinai-Halbinsel Menschenhändlern, Folter, Ausbeutung und Vergewaltigungen ausgesetzt.

Fluchtwege aus Eritrea
Anmerkung zur Graphik: Die Spalte der Asylsuchenden unter 18 Jahren ist nicht gleichbedeutend mit „unbegleiteten Minderjährigen“.

Eritreische Diaspora: Warum die Schweiz?

Laut dem ‚Eritreischen Medienbund‘ leben rund 30.000 Eritreer in der Schweiz. Eritrea stellt seit zehn Jahren das wichtigste Herkunftsland dar.

Ein Grund dafür ist, dass die Schweiz von 2006 bis 2016 eine liberale Asylpolitik gegenüber Eritreern angewendet hat. Die zuständige Kommission hatte die Dienstverweigerung und das Desertieren als Asylgrund anerkannt. Mit einer Revision dieser Rechtspraxis im Juni 2016 wurde die Ausgangslage für Eritreer schwieriger, insbesondere für Minderjährige, die noch keinen Militärdienst verrichten mussten (siehe Kapitel 3).

Von der Grenze ins Ankunftszentrum

Die erste Station eines geflüchteten Jugendlichen ist eines von acht Empfangs- und Verfahrenszentren, die in der Schweiz existieren.

Die meisten jungen Eritreer, die über das Mittelmeer in die Schweiz kommen, beantragen im Empfangszentrum an der italienischen Grenze erstmals Asyl. In diesem Zentrum werden medizinische Untersuchungen durchgeführt, es findet eine Registrierung statt sowie eine erste Anhörung zu den Asylgründen.

Anschließend werden die Jugendlichen auf die Kantone verteilt. 

Samuel*, 17-jähriger Asylsuchender aus Eritrea

Samuel hat die Schule in der 6. Klasse in Eritrea verlassen, um seiner kranken Schwester zu helfen. Seine Eltern sind früh gestorben. Als Schulabbrecher kam er während sechs Monaten ins Gefängnis. Bei Schulabbrechern, Schulschwänzern und Kindern mit negativen Verhaltensmustern greift als Sanktion der Einzug ins Militär und damit verbunden als erster Schritt der Gang ins Gefängnis (siehe Kapitel 4).

Der heute 17-jährige Samuel ist seit drei Monaten in der Schweiz und neu im Ankunftszentrum. Zu Hause in Eritrea ist für ihn in diesen Tagen eine Rekrutierung für den sogenannten Nationaldienst eingetroffen. Samuel wird gesucht und das bereitet ihm Sorgen, weil er genau weiß, dass er mit seiner Flucht Angehörige in Gefahr bringt. 

*Samuels richtiger Name ist der Redaktion bekannt

2. Kapitel

Betreuung im Alltag

Im schweizerischen Kanton Bern werden rund 500 unbegleitete Minderjährige in unterschiedlichen Wohnformen betreut. Sie erhalten eine altersgerechte Tagesstruktur, eine Gesundheitsversorgung und eine psychologische Betreuung. Außerdem wird ihnen eine Vertrauensperson zugewiesen.

Moosseedorf liegt 11 Fahrtminuten von Bern entfernt. Unmittelbar neben dem kleinen Bahnhof steht ein ehemaliger Bauernhof. Hier ist auf zwei Etagen eine Wohngemeinschaft mit elf asylsuchenden Mädchen eingemietet.

Die WG funktioniert mehrheitlich autonom. Die Freizeit können die Mädchen selbständig gestalten. Wenn sie am Wochenende wegfahren, hinterlassen sie bei der Betreuerin die Adresse sowie eine Telefonnummer. Für die Anliegen der Mädchen ist eine Betreuerin zuständig, auch nachts.

In der Wohngemeinschaft dominiert die Sprache Tigrinya, eine von neun gesprochenen Sprachen in Eritrea. Die mehrheitlich eritreisch-orthodoxen Mädchen reisen samstags nach Bern, um an der Messe teilzunehmen. In den Räumen und Zimmern kleben Maria und Jesus-Plakate. Vor- und nach dem Essen wird gebetet.

Die Stimmung ist harmonischer als im Ankunftszentrum, wo ein Kommen und Gehen herrscht. Die Mädchen sind schon mindestens eineinhalb Jahre im Land und verfügen über mehr Erfahrung mit der neuen Umgebung.

Die Wohngemeinschaft ist eine von mehreren möglichen Unterbringungsformen, welche die Zentrum Bäregg GmbH den jugendlichen Asylsuchenden anbietet. Daneben gibt es klassische Wohnheime, betreutes Wohnen oder die Unterbringung bei Gastfamilien oder Verwandten.

Die Zentrum Bäregg GmbH ist für die dem Kanton Bern zugewiesenen Kinder und Jugendlichen zuständig. Die Organisation hält sich strikt an die Vorgaben der UNO-Kinderrechtskonvention, wonach die besonderen Schutzbedürfnisse der unbegleiteten Asylsuchenden berücksichtigt, eine altersgerechte Unterbringung gefunden sowie eine schulische und berufliche Förderung gewährleistet werden müssen.

Entwicklungsgerechte Förderung bedeutet im Ankunftszentrum etwa, dass den asylsuchenden Jugendlichen erst einmal grundlegende Kompetenzen vermittelt werden. Wie begrüße ich einen Einheimischen auf der Straße? Wie interagieren Frauen und Männer miteinander? Wie löse ich ein Busticket oder wie funktioniert der Einkauf im Supermarkt? Aber auch die Funktionsweise des komplexen Asylsystems wird den Ankommenden vermittelt.

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr werden die Kinder und Jugendlichen von einer ganzen Reihe von Ansprechpartnern begleitet. Neben den Betreuern im Wohnheim und den Lehrpersonen steht eine Fachstelle für die Gesundheitsversorgung bereit. Dazu kommen Rechtsbeistände, aber auch Fachkräfte für die psychologische Betreuung. Außerdem werden die Asylsuchenden bis zu ihrem 18. Lebensjahr von sogenannten „Case Managern“ begleitet. Etwa bei Umzügen in neue Wohnformen, bei Schulgesprächen oder der Aufnahme in Sportvereine.

Unterschiedliche AUFNAHMEQualität bei den Kantonen: Bern als vorzeigemodell

Laut dem Staatssekretariat für Migration kamen 2015 im Vergleich zum Vorjahr mehr als dreimal so viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende in der Schweiz an. Die Kantone wurden von diesem rapiden Anstieg überrascht. Im Kanton Bern kamen pro Woche 30 neue Kinder an. Das Geld, das die Kantone vom Bund für die Kosten der Betreuung erhielten, reichte oft nicht aus. Gleichzeitig waren die Kantone gezwungen, die Strukturen aufgrund des Anstiegs auszubauen. So mussten zum Beispiel provisorische Unterkünfte gefunden werden.

In der Schweiz sind die Unterschiede in der Qualität der Betreuung zwischen den Kantonen groß. Auf diese Differenzen hat 2015 auch der UN-Kinderrechtsausschuss in einer Empfehlung hingewiesen. Für Kinder auf der Flucht sei es pure Glückssache, welche Konditionen sie je nach Kanton antreffen (dazu der Hinweis auf einen Bericht der Basellandschaftlichen Zeitung vom 10.9.2015).

Bern nimmt unter den Kantonen eine Vorreiterrolle ein. Aktuell werden im Kanton Bern knapp über 500 Kinder und Jugendliche betreut (Stand Januar 2017). Die Zentrum Bäregg GmbH hat im Januar 2016 im Sportzentrum Huttwil das bundesweite erste Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende eröffnet (Bericht in der Berner Zeitung zur Eröffnung des Ankunftszentrums im Emmental). 

Salam*, 17-jährige Asylsuchende aus Eritrea

Salam ist in der Mädchen-WG in Moosseedorf untergebracht. Sie ist eine ruhige, nachdenkliche und kluge Person. Salam spricht offen über die negativen Gedanken, welche sie tagsüber und während der Nacht begleiten. Sie macht sich Sorgen um ihre Familie und um ihre Zukunft. Zurzeit wurde ihr ein humanitärer Ausweis zugesprochen, womit sie nur vorläufig aufgenommen ist.

Salam gibt an, drei Fluchtversuche aus Eritrea unternommen zu haben. Zweimal wurde sie erwischt und landete im Gefängnis. Immer wieder weist sie auf das Regime in Eritrea hin. Sie kann es nicht glauben, dass es Menschen gibt, die nicht einsehen, welche Probleme im Land herrschen. „Keiner will aus dem Land fliehen, im Gegenteil, wir lieben unsere Heimat“, sagt sie. Aber wenn es kein Recht gäbe, keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung und nur das Militär als Zukunftsperspektive, hätten die Kinder keine andere Wahl.

*Salams richtiger Name ist der Redaktion bekannt

3. Kapitel

Stress im Kopf

In ihrem Wunsch nach Bildung und sozialer Zugehörigkeit werden die Jugendlichen durch den schleppenden Asylprozess sowie durch die psychische Verarbeitung des Erlebten gebremst.

Eritrea, Irak, Syrien, Afghanistan: Bunte Zeichnungen von Nationalflaggen schmücken die Schulzimmer des Ankunftszentrums. Die Lehrer bemühen sich um einen ordentlichen Schulunterricht und bringen spielerische Formen ein.

Die Unterrichtsbeteiligung der Jugendlichen ist unterschiedlich. Einige sind eifrig bei der Sache, andere blicken apathisch aus dem Fenster oder nicken zwischendurch ein. „Das Lernen der Sprache ist der Schlüssel zur Integration“, sagt der Betreuer Saeed Jallaway, einst selber aus Eritrea geflüchtet und seit 15 Jahren in der Schweiz (siehe Portrait unten).

Nicht alle Jugendlichen sind jeden Tag in der Lage, ihre volle Leistungsbereitschaft abzurufen. Das liege nicht an der Motivation, sagt die Schulleiterin Sabine Aeschlimann, sondern daran, dass viele unter Schlafstörungen litten und sich am Tag schlecht konzentrieren könnten.

Auf die Jugendlichen wirken verschiedene Stress-Faktoren ein. Die Repression im Heimatland, das Erlebte auf der mehrjährigen Flucht nach Europa und die Situation nach der Ankunft in der fremden Umgebung. Die Anfangseuphorie, es „geschafft zu haben“, wird von der Erkenntnis verdrängt, erst mal zum Warten verdammt zu sein.

Denn wer sich im Asylverfahren befindet, ist nicht in der Lage, seine Gegenwart oder seine Zukunft zu gestalten. Es ist ihm kaum möglich, zu arbeiten oder eine Lehre zu machen. Das führt zu einem Verlust von Selbstwirksamkeit und von der Möglichkeit, sich in der Gesellschaft einzubringen. „Wenn sie realisieren, dass es nicht so schnell vorwärts geht, wie sie sich das wünschen, dann kann es häufig zu Frustrationen kommen“, bemerkt Katrin Pfrunder.

Im medialen Diskurs sei im Zusammenhang mit der Verletzbarkeit von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen oft von Menschenhandel, sexueller und körperlicher Gewalt als größte Gefahren die Rede, sagt Katrin Pfrunder. Diese Gefahren würden erwiesenermaßen existieren. Dabei werden andere Faktoren, die sich ebenso belastend auf die Psyche auswirken, ihrer Meinung nach häufig unterschätzt: „Zum einen die unsichere Zukunftsperspektive (…), zum anderen die ungenügenden Möglichkeiten, an dieser Gesellschaft teilzuhaben und sich mit den eigenen Fähigkeiten und Stärken einzubringen.“

Verschärfte AsylpOLITIK in der Schweiz: Streitpunkt „illegale Ausreise“

Am 2. Februar 2017 hat das Bundesverwaltungsgericht in einem Grundsatzurteil entschieden, dass Flüchtlinge aus Eritrea in der Schweiz kein Asyl mehr erhalten, nur weil sie illegal ihr Heimatland verlassen haben.

Mit diesem Urteil bestätigte das Bundesverwaltungsgericht die verschärfte Asylpolitik bei Eritreern, wie sie das Staatssekretariat für Migration (SEM) seit Juni 2016 anwendet.

Dieses Urteil betrifft Asylsuchende, die in Eritrea noch nicht für den Nationaldienst eingezogen wurden, von diesem befreit oder entlassen worden sind. Das Urteil hat demnach weitreichende Konsequenzen für Minderjährige, die zuvor aus Angst vor dem unbestimmten Nationaldienst die Flucht ergriffen hatten.

Bei der Praxisverschärfung stützte sich das SEM auf den Bericht einer Expertenkommission, der nahelegt, dass illegal Ausreisende mit keinen asylrelevanten Sanktionen zu rechnen haben (Bericht SEM vom Juni 2016).

Demgegenüber stehen glaubwürdige Berichte von unterschiedlichen NGOs, welche belegen, dass die Rückkehrer direkt ins Gefängnis gebracht werden, da die illegale Ausreise als Verbrechen gilt. Nicht ohne Grund hat die eritreische Regierung den Grenzwächtern einen Schießbefehl für illegal Ausreisende erteilt.

Die Auswirkungen für Jugendliche und Kinder könnten durch die Verschärfung drastisch sein: Amnesty International wies 2015 die Aufnahmeländer darauf hin, „dass abgewiesene eritreische Asylsuchende im Falle einer zwangsweisen Rückführung einem erheblichen Risiko willkürlicher Inhaftierung sowie Folter und Misshandlung ausgesetzt sind.“

Die Festlegung von Strafen erfolgt in Eritrea außergerichtlich und damit willkürlich.

Gegner der Praxisverschärfung warfen dem SEM im Juni 2016 vor, dem Druck von rechten Parteien nachzugeben.

Saeed Jallaway, Betreuer im Ankunftszentrum und ehemaliger Deserteur

Saeed Jallaway ist ursprünglich ebenfalls aus Eritrea. Er spricht Tigre als Muttersprache, außerdem Tigrinya, Arabisch, Englisch und Deutsch. In seiner Rolle als Betreuer fungiert er auch als Übersetzer, zum Beispiel im wöchentlich stattfindenden Meeting, in welchem die Jugendlichen ihrerseits Wünsche und Kritikpunkte äußern dürfen.

Saeed spricht nicht nur die Sprache der Jugendlichen, er teilt mit ihnen die Erfahrung der Flucht und der Ankunft in der Schweiz. Als Eritrea gegen Äthiopien Krieg führte, kämpfte er als Soldat. Er desertierte und kam 2002 als 17-Jähriger in der Schweiz an. Damals gab es noch keine spezifischen Programme für Minderjährige. Dennoch gelang seine Integration. Er fand eine Arbeit als Automechaniker.

In seiner Freizeit engagierte er sich in der oppositionellen Radiostation Erimedrek. Er schuf außerdem eine Webseite, auf der sich politisch andersdenkende Exil-Eritreer treffen und austauschen können.

4. Kapitel

Das Herkunftsland Eritrea

2015 haben jeden Monat rund 5.000 Eritreer ihr Land verlassen. 2016 spricht die Untersuchungskommission der UNO von systematischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Internierungslagern und Militäreinrichtungen gehören Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen und Tötungen zum Alltag.

In Eritrea gibt es kaum eine Familie, die nicht direkt unter dem totalitären Regime leidet. Daniel erzählt, wie sein älterer Bruder eines Tages ins Militär einberufen wurde. Seither hat er ihn nicht wieder gesehen. Samuel musste die Schule abbrechen, um seine kranke Schwester zu pflegen. Die Eltern waren bereits verstorben und der Mann der Schwester leistete Militärdienst. Der sogenannte Nationaldienst ist unbefristet, kann aber unter Umständen bis zum 50. Lebensjahr dauern. Der Militärdienst und die nicht vorhandene Möglichkeit, seine Zukunft frei zu gestalten, ist der Hauptgrund für die Migrationswelle aus Eritrea. Das gilt insbesondere für die Minderjährigen.

Die Kinder haben in diesem System keine Wahl. In der 12. Klasse werden sie automatisch ins „Nationale Trainingszentrum“ in Sawa eingezogen. Die 12. Klasse wird als Teil des Nationaldienstes absolviert, die Studentinnen und Studenten befinden sich unter militärischer Obhut. (Quelle: UNHCR) Unter Umstände können bereits Minderjährige in den Nationaldienst rekrutiert werden. Darüber berichten übereinstimmende Quellen, wie die Organisation „Child Soldier International“ oder die Schweizerische Flüchtlingshilfe schon 2011 zusammengefasst haben. In diese Kategorie fallen etwa Schulabbrecher wie Samuel,  mutmaßliche Kleinkriminelle oder illegal Ausreisende.

„Die Kinder sehen, dass sie keine Zukunft haben“, erklärt der Menschenrechtsaktivist Abdulrazek Seid. Sie sähen, dass ältere Familienangehörige mehr als zwanzig Jahre im Militär sind. „Wenn der Militärdienst befristet wäre“, ist er überzeugt, „würde niemand das Land verlassen.“

Eine Alternative zum Militärdienst gibt es nicht. Selbst die Hochschule des Landes, ehemals die Universität, ist dem Militär unterstellt. Wer sich querstellt, die strengen Regeln nicht befolgt oder einen Fluchtversuch unternimmt, findet sich in einem der Gefängnisse wieder. Diese Erfahrung hat Abdulrazek Seid gemacht, aber auch die Minderjährigen Samuel und Salam. Salam zählt die Namen der Gefängnisse auf. Sie sind berüchtigt und für ausländische Delegationen nicht zugänglich. Der UNO-Menschenrechtsbericht von 2016 (Link als PDF) führt auf, dass nicht nur in Internierungslagern und Gefängnissen, sondern auch in allen anderen Militäreinrichtungen Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen und Tötungen zum Alltag gehören.

Notizen zu Eritrea
  • 1991 – Erkämpfung der Unabhängigkeit von Äthiopien
  • 1993 – Unabhängigkeit durch eine von der UNO überwachten Volksabstimmung
  • Seit 1993 gab es keine Volksabstimmung mehr
  • Seither ist Isaias Afewerki alleiniger Machthaber. Er ist zugleich Präsident, Regierungschef und Vorsitzender der einzig legalen Partei, der People’s Front for Democracy and Justice (PFDJ)
  • 1997 – Eine Verfassung wird entworfen, jedoch nie implementiert
  • Seit 2001 gibt es keine unabhängige Presse mehr
  • 2016 – Tausende Eritreer sind als politische Gefangene inhaftiert: ohne Anklage und ohne Prozess. Die Inhaftierten gelten als Verschwundene.
„Die Flüchtlinge – viele von ihnen verlassen das Land als Kinder – fliehen vor einem System, das breit angelegter Zwangsarbeit gleichkommt und den Betroffenen jede Selbstbestimmung über wesentliche Lebensbereiche raubt.“
(Michelle Kagari, Vizedirektorin von Amnesty International im Regionalbüro Ostafrika)

In Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International wird aufgezeigt, dass die Inhaftierten in Containern mitten in der Wüste eingesperrt sind. Sie sind extremer Hitze und Kälte ausgesetzt. Nicht wenige Menschen sterben bei diesen Haftbedingungen.

Den Inhaftierten werden sämtliche Rechte abgesprochen. Sie sind der totalen Willkür ausgesetzt. Darum gelten die Inhaftierten als Verschwundene, die man nie wieder zu Gesicht bekommt. Die UNO geht von 10.000 politischen Gefangenen aus. Seid sagt, es wären deutlich mehr.

Willkür gilt nicht nur für die Inhaftierten, sondern auch für unbescholtene Bürger. Samuel beschreibt die Situation, nicht aus dem eigenen Viertel gehen zu können, ohne sich einer latenten Gefahr auszusetzen. Daniel spricht von „Wachsamkeit“ und „voller Konzentration“, wenn man aus dem Haus gehe.

In Eritrea herrsche ein Klima des Stresses und der Angst, bestätigen Samuel und Daniel. Damit meinen sie Polizeikontrollen, aber auch spontane Razzien der eritreischen Behörden, die in Protokollen des UNHCR als Round-ups (Giffas) beschrieben werden. Bei diesen Aktionen werden wehrdiensttaugliche Personen zwangsrekrutiert. Zeitpunkt und Ort dieser Razzien seien unvorhersehbar.

Link Hinweise

UNO-Menschenrechtsbericht vom Mai 2015.

Der Bericht von Amnesty International „Just Deserters: Why indefinite national service in Eritrea has created a generation of refugees“ (2015) stützt sich auf 72 ausführliche Interviews mit eritreischen Flüchtlingen in der Schweiz und in Italien.

EASO Bericht vom Mai 2015 (Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen)

Abdulrazek Seid, Menschenrechtsaktivist und Präsident von "Eritrean youth movement for change in Switzerland"

Abdulrazek Seid ist in ganz Europa unterwegs, um Aufklärungsarbeit zu verrichten. Als Präsident des „Eritrean youth movement for change in Switzerland“ ist Seid weltweit mit Bewegungen und Aktivisten vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen. Sein Ziel ist es, diese unterschiedlichen Gruppierungen zu einen.

Als Schüler verbrachte Seid mehr als ein Jahr im Gefängnis. Als Grund wurden seine kritischen politischen Ansichten geltend gemacht. Diese Erfahrung bewog ihn zur Flucht nach Europa. Er sieht es als Berufung an, die Menschen auf die Missstände in seinem Land aufmerksam zu machen.

5. Kapitel

Auf der Suche nach Perspektiven

Unter den Asylsuchenden hat sich der Anteil unbegleiteter Kinder seit 2014 verdoppelt. Welche Rolle kann die Generation junger Flüchtlinge in Zukunft in unserer Gesellschaft einnehmen?

Daniel tritt freundlich in Erscheinung, er legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres. In diesem zuvorkommenden, jungen Mann steckt eine mutige Persönlichkeit. Daniel nimmt an politischen Kundgebungen teil und entscheidet sich bewusst, mit seinem Gesicht und seinem richtigen Namen vor die Kamera zu treten. Das ist sein Beitrag um mitzuhelfen, die Situation in Eritrea zu erklären und die vielen Vorurteile gegenüber seinen Landsleuten abzubauen.

Nach nur eineinhalb Jahren in seiner neuen Heimat hat Daniel die Sprache gelernt, Asyl erhalten und eine Lehrstelle als Schreiner begonnen. Er betont mehrmals, dass er nach Selbstständigkeit strebe. Geld interessiere ihn nicht, vielmehr liebäugelt er damit, einst in sein Heimatland zurückzukehren und sein dazu gewonnenes Wissen weiterzugeben.

Daniel ist ein gutes Beispiel dafür, welche Fähigkeiten gerade junge Flüchtlinge mitbringen können: Persönlichkeit und Willensstärke. Es sind Merkmale, die auch Katrin Pfrunder meint, wenn sie von den Fähigkeiten und Stärken spricht, die diese jungen Reisenden auszeichnen: „Sie bringen eine sehr hohe Selbständigkeit mit, die eine riesige Ressource darstellt. Nicht nur für die Kinder selbst und für ihr Leben, sondern auch für unsere Gesellschaft.“ Wichtige Voraussetzung sei aber, fügt sie an, dass die Gesellschaft Möglichkeiten finde, den Jugendlichen eine entsprechende Chance zu bieten.

„Die Jugendlichen bringen eine sehr hohe Selbständigkeit mit, die eine riesige Ressource darstellt. Nicht nur für die Kinder selbst und für ihr Leben, sondern auch für unsere Gesellschaft.“
Katrin Pfrunder, Mitglied Geschäftsleitung Zentrum Bäregg GmbH

Zum Abbau der Vorurteile, die gegenüber der eritreischen Gemeinde vorherrschen, muss laut Abdulrazek Seid insbesondere die Diaspora aktiver werden und intensive Aufklärungsarbeit betreiben. Viele Menschen in Europa wüssten nicht, welche Probleme Eritrea hätte.

Der Menschenrechtsaktivist sieht aber positive Signale. Im Oktober 2016 wurde in Zürich ein Podiumsgespräch mit Experten durchgeführt (Blackbox Eritrea). Im Dezember fand in Bern eine Kundgebung statt, in der die schweizerische Regierung aufgefordert wurde, die Verschärfung der Asylpolitik im Umgang mit eritreischen Flüchtlingen rückgängig zu machen.

Ein starkes Zeichen sieht Seid aber vor allem in der Tatsache, dass sich immer mehr Eritreer trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Einem von verschiedenen Verbänden organisierten Aufruf, sich gegen das Regime und für den UNO-Menschenrechtsbericht zu positionieren, folgten im Juni 2016 über 10.000 Exil-Eritreer aus ganz Europa (Al Jazeera berichtete aus Genf).

Noch vor ein paar Jahren war das anders. Damals traf Seid bei Kundgebungen auf ein paar wenige Landsleute. Die Angst vor den Agenten des eritreischen Geheimdienstes überwog damals noch.

Daniel, ehemaliger Besucher im Ankunftszentrum und anerkannter Flüchtling

Erst vor eineinhalb Jahren kam Daniel als asylsuchender Minderjähriger in den Kanton Bern. Er absolvierte das Programm der Zentrum Bäregg GmbH und gründete nach der Vollendung des 18. Lebensjahrs eine Wohngemeinschaft mit zwei eritreischen Freunden in Bern. 

Heute absolviert er eine Lehre als Schreiner und besucht daneben die Berufsschule. Seit Ende 2016 hat Daniel den B-Ausweis und ist als Flüchtling anerkannt.

In Eritrea ist Daniel in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Der Betrieb auf dem Bauernhof ist aber mittlerweile eingestellt, weil mehrere Mitglieder der Familie ins Militär eingezogen wurden. Geprägt hat Daniel das Schicksal seines ältesten Bruders, der trotz guter Leistungen in der Schule in die Armee eingezogen wurde. Es war für ihn der Beweis, dass man ihn Eritrea als Jugendlicher keine Chance hat.

Impressum

Eine Serie von Jonas Dunkel. Kamera: Pierre Reischer. Schnitt: Dodo Hunziker. Farbkorrektur: Pierre Reischer. Protagonisten: Samuel*, Salam*, Daniel, Saeed Jallaway, Abdulrazek Seid, Katrin Pfrunder, Emanuel Rüfenacht. (*Namen der Redaktion bekannt). Übersetzungen: Saeed Jallaway, Rahel Fisehaye, Yonatan Gebreselassie. Produktion: DokLab GmbH (www.doklab.com). Produktionsassistenz: Lea Rindlisbacher. Leitung ARTE Info: Hugues Jardel. Redaktion ARTE Info: Hanna Peters; Produktion ARTE Info: Petra Mekaoui; Mit Genehmigung von: Zentrum Bäregg GmbH, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), Migrationsdienst Kanton Bern. Dank an: Martina Joss, Katrin Pfrunder, Samanta Secli, Daniela Enzler, Urs Schnell, Dunkel Design, Emika GmbH.

Eine Web-Serie im Auftrag von ARTE; © 2017 DokLab