Auf eine E-Zigarette mit Kari Väänänen

“Warte kurz”, sagt er, gleich ist der wieder weg. Kari Väänänen meint einen der Mitarbeiter von des finnischen Fernsehsenders Yle. Natürlich ist Rauchverbot im Zug, die Fenster lassen sich schließlich nicht öffenen, das wäre ja nicht auszuhalten, das sieht er schon ein. Trotzdem kann sich einer wie Kari Väänänen daran nicht halten. Er gehört zu den Schauspielern, mit denen Regisseur Aki Kaurismäki bevorzugt dreht. In FInnland ist er eine Berühmtheit, wegen seiner Charakterrollen – und seinem scharfen Witz.

Früher, sagt Väänänen, habe er drei Schachteln am Tag geraucht. Das rauhe Lachen lässt daran keinen Zweifel. “Mit der E-Zigarette ist es besser geworden. Ich brauch ja nur was zum Nuckeln.”

Der finnische Fernseh-Mitarbeiter schaut mit gerunzelter Stirn in Richtung des Rauchs, der über Väänänens Sitz aufzieht. Man riecht nichts. Der Schauspieler lacht ihn verschmitzt an. Er weiß genau, dass er sich hier ohnehin alles erlauben könnte.

“Sie haben mich gefragt, ob ich hier mitfahren will und ich dachte: Super, ein billiger Weg nach Hause.”

Er kommt direkt aus Hamburg, wo er gerade mit Lars Fedder (Großstadtrevier) einen Film dreht. Väkäräänen spielt einen Finnen, der seit Jahren am Hamburger Hafen wohnt. „Arnes Nachlass“ soll der Film heißen, so viel weiß er noch. Eine Verflimung des Romans von Siegfried Lenz? “Keine Ahnung.” Und wer ist der Regisseur? „Torsten“, sagt Väänänen. „Aber frag mich nicht nach dem Nachnamen, diese deutschen Namen kann sich doch kein Mensch merken.“

Am Donnerstag wird er wieder nach Hamburg fliegen und weiterdrehen. Jemand habe ihn wohl in den Kaurismäki-Filmen gesehen, vermutet er, deswegen haben die Deutschen ihn angerufen. „Und natürlich weil ich ein verdammt guter Schauspieler bin!“ Dann lacht er wieder sein dreckig-sympathisches Lachen, nimmt einen Schluck kalten Kaffee und rülpst. “Sorry”

Zu Hause, das ist in Lappland, im nödlichen Finnland, wo diese Zugfahrt enden wird, dort wo zu dieser Jahreszeit die Sonne bis zu acht Wochen lang nicht untergeht. Kemisärvi heißt seine Stadt. Väänänen kramt seine Lesebrille hervor, um den Namen auf einen Zettel zu schreiben. “Scheiße”, murmelt er, “ich bin zu müde, um zu schreiben. Ich hoffe, die haben hier Alkohol.” Dann grinst er wieder sein breites Grinsen. Er weiß genau, dass sie hier Alkohol haben, seit Beginn der Reise ist er vorzugsweise an der Bar anzutreffen, wo er Lieder mit Iro Rantala schmettert und die ganze Gesellschaft mit dreckigen Witzen unterhält. Mal auf Deutsch, mal auf Französisch, mal auf Englisch, meist auf Finnisch.

In Kemisärvi ist Kari Väänänen aufgewachsen, hat zwischendurch zwei Jahre in Brasilien gelebt, dann in New York und Berlin. “Nun bin ich wieder zu Hause”, sagt er. Ruhiger? Nein, das sei es dort nicht. Ruhe finde man nur im Kopf, egal wo man wohnt. Hat er sie gefunden? “Manchmal vielleicht”. In Kemisärvi gebe es nur fünf Bars, sagt er. “Doch in New York war ich doch auch immer nur in denselben drei Bars.” Er nimmt noch einen Zug von der E-Zigarette.

Eine Sache, sagt er. Eine Sache sei besser dort oben in Lappland. “Man hat mehr Zeit zum Leben.” Die Leute hielten dort auf der Straße an, um sich zu unterhalten. “Ich mag das, es ist eine gute Gemeinschaft.”

Wie lebt es sich, wenn die Sonne nicht untergeht? “Ich liebe diese Zeit”, sagt Väänänen. “In Brasilien gibt es nur zwei Wettersorten: Regen oder Sonne.” Hier oben in Lappland hingegen sei es immer anders. “Die Leute schlafen einfach nicht, weil es immer hell ist. Sie werden ein bisschen verrückt, das viele Licht macht sie verrückt.” Es ist wohl schon länger wieder hell, denkt man dann.

Im Winter, wenn die Sonne nur für ein, zwei Stunden am Tag aufgehe, sei es genauso super. “Wir leben taglos, stehen auf, wann wir wollen, schlafen, wann wir wollen. Diese Zeit ist genauso liebenswert.” Ein Feuer anzünden und Kerzen, sich einkuschen mit seiner Liebsten vor dem Kamin, “und natürlich jede Menge Glühwein trinken”, raunzt er.

“Frag ihn, warum er immer den Weihnachtsmann spielen muss”, ruft Roman Schatz herüber und fügt murmelnd hinzu: “Wegen seiner Wampe wahrscheinlich.” Ach Quatsch, entgegenet Väänänen grimmig, er habe nur einmal den Mann gespielt, durch den der Weihnachtsmann wurde, was er wurde. Dach das sei offenbar so gut gewesen, dass die Leute es behalten hätten.

Ach ja, und dann war da ja noch der Grand Prix. 2007, ein Jahr nachdem die Gruselrocker-Gang “Lordi” den europäischen Gesangswettbewerb gewonnen hatten und den Songcontest nach Finnland holten, stand Kari Väänänen auch auf der Bühne – als Weihnachtsmann. Tja sagt er, so sei das eben in Finnland.

Die Kollegin von der Lappischen Rundschau wirft ein, sie sei jahrelang die Elfin des Weihnachtsmanns gewesen. Eine lange Geschichte, zu kompliziert für eine nächtliche Zugfahrt, jedoch sei ihr Elf-Name “Sweet Cherry” gewesen. Das animiert Kari Väänänen erneut zu einer Gesangseinlage. Zur Melodie von Swing Low, Sweet Chariot: “Sweet Cherry, she’s gonna carry me home!” “Wir nehmen dann wohl ein Taxi”, entgegnet die Kollegin.

Übrigens wohne der Weihnachtsmann gar nicht in Rovaniemi, wie häufig behauptet werde, sagt Kari Väänänen noch, dort habe er lediglich sein Büro. “In Wahrheit wohnt er auf einem geheimen Hügel.” Und niemand kennt den Ort? “Doch, natürlich!” Väänänen kramt wieder seine Lesebrille hervor und schreibt: Korvatunturi. “Dort wohnt er.”

Dann blickt Kari Väänänen aus dem Fenster und winkt einem kleinen Jungen zu. “Ich dachte, dieser Zug sei nur eine praktische Fügung”, sagt er dann. Aber diese Leute an der Strecke…für die sei das hier wirklich wichtig. “Das verbindet ganz Finnland. Mittsommer verbindet ganz Finnland.“

Kategorien: Mittsommer · Zug-Geschichten

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