Kein Norwegen-Krimi: Ein soziopathischer Dichter hat in Utøya gemordet.

Niemand konnte mit dem Massenmord auf der Insel Utøya rechnen. Noch weniger konnte man die Bombe im Osloer Regierungsviertel als das erkennen, was sie war: eine gezielte, bombastische Ablenkungsmaßnahme, einzig dazu gedacht und ausgeführt, dem Mörder Gelegenheit zu verschaffen, anderswo so viele Menschen wie nur irgend möglich zu töten, weil die Sicherheitskräfte den Anschlag auf das Regierungsviertel für den Hauptanschlag halten mussten. In der Verzweiflung und der Bestürzung über das Unfassbare wird nach Erklärungen gesucht.
Das Unfassbare und nicht Vorausgesehene liegt unter anderem darin, dass sich im zivilisierten Westen bis zum 22.Juli niemand vorstellen konnte, dass tatsächlich eine zivilisierter „blonder Norweger“ (Tagesschau) exakt so handelt wie ein islamistischer Terrorist.
So ferne die Tat vom 22. Juli lag, so nahe scheint jetzt der Griff in die Krimikiste. Haben nicht Mankell und Dahl und Fossum und all die anderen eine Tat wie diese oder eine ähnliche oder den Schrecken, der in die Idylle platzt, vorhergesagt? Hat der Tempelritter Breivik nicht ausgeführt, was die skandinavischen Krimiautoren „vorhergesehen“ haben?
Thomas Steinfeld, dem Skandinavisten, fallen in der Süddeutschen Zeitung die dazu passenden Beispiele ein. Oder genauer: Er glaubt, sie herbeireden zu können. Das klappt nicht, weil 1. literarisch der Einbruch des Schreckens in die Idylle nichts besonders Nordisches ist und 2. das tatsächliche Geschehen immer anderen Gesetzen gehorcht als das phantastische. Jede Rationalisierung greift zu kurz, die mit dem nordischen Kriminalroman besonders kurz. Es hat etwas ungewollt Zynisches und Verharmlosendes, die Schauermärchen und Schockeffekte eines Mankell oder Larsson mit den Taten Breiviks zu vergleichen.
 
Das einzige, was die (Kriminal-)literatur mit dem Massaker verbindet, ist Breiviks Versuch, sich als Literat aufzuführen. Sein 1500-Seiten-Manifest beginnt mit Hinweisen auf Veröffentlichungsmöglichkeiten und Abdruckrechte, erklärt etwa, wie man Worddokumente in pdfs umwandelt. Hier produziert sich ein eitler Autor, der über hunderte Seiten seine Arbeit am literarischen Werk autobiographisch glorifiziert. Und nach der ideologischen und verbalen Aufplusterung dann zur Tat schritt.

Vor dem 22. Juli hätte man jeden Plot, der Breiviks Tat ähnelt, als Erfindung eines Spinners abgetan. Jetzt zeigt sich: die Phantasien der Kriminalschriftsteller, auch der nordischen, waren zu unbedarft. Nein, stimmt nicht: Sie besitzen zu viel Empathie.

Kategorien: true crime