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Michael Knodt: „Die Information über Cannabis basiert zu wenig auf Fakten“

Michael Knodt ist Chefredakteur des Hanfjournals und Moderator des Magazins Exzessiv. Seit Jahren setzt er sich für die Legalisierung von Cannabis ein, mit Argumenten statt Polemik. Ein Gespräch über die Stigmatisierung von Cannabis-Konsumenten, die Vorteile der Legalisierung und unzulänglicher Drogenprävention an deutschen Schulen.

Hallo Herr Knodt. Anders als etwa Alkohol wird Cannabis in der westlichen Gesellschaft seit Menschengedenken verteufelt. Woran liegt das?

Das hat zwei Gründe. Der erste reicht weit in die Geschichte zurück: Die katholische Kirche hat Cannabis immer schon zugunsten von Alkohol in den Hintergrund gedrängt. Der zweite liegt in der Neuzeit, genauer in der Folgezeit der ersten internationalen Opium-Konferenz von 1911/12. Die USA startete unter dem Politiker Harry Anslinger eine Kampagne gegen Hanf, die bis in die 1960er Jahre andauerte. Der Höhepunkt war 1936 der Film “Reefer Madness(zu Deutsch etwa “Kifferwahn”, d. Red.), in dem High-School-Schüler sich gegenseitig vergewaltigen und umbringen, nachdem sie gekifft haben.

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In Wahrheit verbarg sich hinter der Aktion aber ein persönliches Interesse. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden große Zeitungskonzerne und es gab immer mehr Mühlen, in denen aus Hanf Papier gemacht wurde. Hanf wurde damit zum direkten Konkurrenten von Holz. Harry Anslinger war aber familiär mit Holzindustrie verbunden. Er wollte also, dass Papier nicht länger aus Hanf, sondern weiterhin aus Holz produziert wird. Dafür musste Hanf, an sich ein ganz normales Agrarprodukt, von den amerikanischen Feldern verschwinden.

Die Cannabis-Prohibition endete spätestens 1968, zur Blütezeit der Flower-Power-Bewegung. Seither ist das Hippie-Image unzertrennlich mit Cannabis-Konsumenten verbunden. Medien bedienen oft plumpe Klischees: Kiffen macht dumm, Kiffer sind ein faules Pack…  Welche Vorurteile stimmen, welche kann man absolut nicht so stehen lassen?

In meinen Augen sind die Klischees, mit denen Kiffer behaftet sind, fast zu 100% unberechtigt. Allerdings gilt das nur für die heutige Zeit, früher war das anders. Hippies haben zwar Cannabis wieder halbwegs gesellschaftsfähig gemacht. Leider haben sie aber keine Cannabis-Kultur entwickelt, so wie es dann die zweite und dritte Generation getan hat. Die Hippies von damals haben Mischkonsum betrieben, haben alles ausprobiert, kannten sich aber mangels Aufklärung nicht mit der Wirkung von Drogen aus. Sie haben es daher mit Cannabis und im Zuge dessen auch mit anderen Drogen ziemlich übertrieben. Deswegen haben Cannabis-Konsumenten seither einen ganz schlechten Ruf.

Doch wenn man sich heutzutage mit Kiffern unterhält, treffen sehr wenige Vorurteile zu, es sei denn, man spricht mit Menschen, die ein problematisches Konsummuster entwickelt haben. Das ist wie der Unterschied zwischen einem Menschen, der aus Genuss Alkohol trinkt, und einem Alkoholiker. Nur ungefähr 2% derjenigen, die Cannabis probieren, bekommen damit Probleme.

Das heißt, die Medien halten sich zu sehr mit den problematischen 2% auf?

Ja. Das ist ja auch am einfachsten. Ich lebe hier in der Medienstadt Berlin und weiß aus vielen Privatgesprächen, dass es zahlreiche Journalisten gibt, die selbst gelegentlich kiffen. Trotzdem können sie es sich nicht leisten, anders über Cannabis zu schreiben, als sie es momentan tun. Sie müssen sich an Redaktionslinien halten und können oft nicht ihre eigene Meinung vertreten.

Liegt die Stigmatisierung auch einfach am großen Unwissen gegenüber dem Konsum von Cannabis?

Ja, leider. Die Aufklärung in den Printmedien und im Fernsehen ist leider nicht evidenzbasiert. Die objektiven Fakten existieren schon, aber die muss man sich auch direkt an ganz speziellen Stellen holen und das geht bisher nur über das Internet.

Stichwort Aufklärung: Sie sind selbst Familienvater von vier Kindern. Wie klären Sie Ihre Kinder über Drogen auf?

Sobald meine Kinder in das Alter kommen, in dem sie das verstehen, versuche ich ihnen zu erklären, was missbräuchlicher Drogenkonsum, also Sucht, ist – völlig substanzunabhängig. Daraus ergibt sich dann der Rest. Sie stellen viele Fragen, schließlich wohnen wir hier in einer großen Stadt und sie sehen Junkies, Kiffer, Leute, die saufen. Meine Aufklärung findet ohne den erhobenen Zeigefinger statt.

Michael Knodt

Und was halten sie von der Drogenprävention an deutschen Schulen?

Die Drogenprävention an deutschen Schulen lässt sehr zu wünschen übrig, weil sie meistens nicht konsumakzeptierend ist. Sie versucht, den Jugendlichen absolute Abstinenz in Sachen illegaler Drogen zu vermitteln. Beim Alkohol ist es dagegen inzwischen so weit gekommen, dass bei den Präventionsveranstaltungen moderater Konsum vermittelt wird. Bei Cannabis ist dagegen das höchste Ziel die absolute Konsumvermeidung. Da findet keine echte Beratung statt und das wird von den Jugendlichen einfach nicht ernst genommen. Ich habe das selbst am Elternabend miterlebt und auch von meinen Kindern gehört und ich halte das für problematisch, da an der Realität vorbeiberaten wird.

Oft werden schlicht falsche Tatsachen verbreitet. In der Klasse unserer großen Tochter wurde gesagt, Cannabis würde Löcher im Hirn hinterlassen. Das Ganze wurde mit der Grafik einer Boulevard-Zeitung untermauert. Wenn die Jugendlichen solchen Unwahrheiten und Desinformationen hören, dann glauben sie das irgendwann nicht mehr, auch wenn es sich um wirklich gefährliche Drogen handelt. Wenn Prävention Drogen pauschal verteufelt, anstatt vor konkreten Problemen zu warnen, erreicht sie das Gegenteil von dem, was sie möchte. Um das zu ändern, müssten an der Präventionsfront Leute stehen, die sich in der Drogenszene auskennen, etwa Streetworker, Menschen, die einen Draht zu Jugendlichen haben.

Wir haben viel über Jugendliche gesprochen und in der Tat: Wenn man an Kiffer denkt, hat man sofort das Bild von einem 15- bis 30-jährigen jungen Mannes vor Augen. Ist das gerechtfertigt?

Auf keinen Fall. Es gibt in Deutschland, anders übrigens als in Frankreich, keine Erhebung, die Cannabis-Konsumenten über 30 Jahren erfasst. Die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hat letztes Jahr in Hessen eine Umfrage gemacht. Von 5.500 Cannabis-Konsumenten waren 3.300 über 40, die angaben, ein Mal im Monat oder öfter einen Joint zu rauchen. Diese Altersgruppe ist in Deutschland in der Statistik der 4 Millionen Cannabis-Konsumenten gar nicht erfasst. Das hat die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht auch schon moniert.

Studien, die auch ältere Konsumenten einbeziehen, werden nicht in Auftrag gegeben, da dabei herauskäme, dass es sehr viele Cannabis-User gibt, die nicht auffallen und auch keine problematischen Konsummuster entwickeln, sondern einfach ab und zu statt ein Feierabendbier zu trinken einen Joint rauchen. Es ist politisch nicht erwünscht, dass diese sehr hohe Dunkelziffer erfasst wird. Denn das wäre natürlich Wasser auf den Mühlen der Legalisierung.

Legalisierung ist ein Thema, das regelmäßig zu hitzigen Debatten führt. Aber taugt es auch zum Wahlkampfthema? Wie stehen die Parteien dazu?

Die politische Diskussion hat sich in den letzten Jahren parallel zur medialen Aufmerksamkeit gesteigert. Das Internet hat der Hanfszene noch mal einen deutlichen Schub gegeben. Die Grünen, die Piraten und die Linke haben das Thema in den letzten drei Jahren sehr stark besetzt. Leider sind aber Frankreich und Deutschland die einzigen Länder in Europa, in denen die beiden großen Volksparteien eine Betonkopfhaltung haben. Die Drogenpolitik der SPD erinnert mich an die Spätzeit der DDR. In anderen Ländern, in Österreich, der Schweiz, Spanien, Tschechien und den Niederlanden, fordern zumindest die Sozialdemokraten einen liberalen Ansatz in der Drogenpolitik. Die SPD verwehrt sich dem leider noch, wobei es auch ganz zarte Öffnungsansätze gibt.

Insgesamt muss man aber wirklich sagen, dass die Hanfszene immer mehr Zulauf und politisches Gewicht bekommt. Die Hanfszene hat dieses Jahr zwei Internetbefragungen mit der Bundeskanzlerin gewonnen. Beim Zukunftsdialog lag das Thema Cannabis auf Rang 2. Daher wurde der Hanfverband auch zu einem Privatgespräch mit Frau Merkel eingeladen und wurde von ihr durchaus ernst genommen. Das war ein großer Erfolg, mit dem kaum einer gerechnet hätte. Wir sind ja auch keine irren Spinner ohne Substanz, wir argumentieren inhaltlich fundiert.

YouTube Preview Image Die Antwort der Bundeskanzlerin auf die Cannabisfrage findet ihr bei 3’50.

Schneidet Deutschland im internationalen Vergleich wirklich so schlecht ab?

Ja, definitiv. Deutschland ist neulich sogar aus der Pompidou-Gruppe ausgetreten. Das ist eine Gruppe, die 1971 am Rande eines EU-Treffens gegründet wurde. Dabei geht es um konsumakzeptierendes Vorgehen in der Drogenpolitik. Deutschland ist einfach so nach über 40 Jahren Mitgliedschaft ausgetreten, ohne die Öffentlichkeit zu informieren. Die momentane Regierung blockiert alle Liberalisierungsansätze und arbeitet auf europäischer Ebene sogar konkret dagegen. Damit ist sie international isoliert.

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für Deutschland und Europa?

Ich hoffe für Deutschland, dass wir nächstes Jahr im Rahmen einer neuen Regierung mit SPD-Beteiligung etwas weiter kommen. Ich wünsche mir, dass sich das schwedische Modell international nicht durchsetzen wird. In Schweden haben selbst die Sozialdemokraten über Jahrzehnte hinweg eine sehr repressive Drogenpolitik betrieben. Es gibt dort sogar Zwangstherapien für Cannabis-Konsumenten. Liberalisierung Fehlanzeige. Dafür wurden sie auch von der EU gerügt. Ansonsten drücke ich den Tschechen und den Portugiesen die Daumen, dass auch unter der konservativen Regierung die Liberalisierung weiter geht. Die Vorzeichen stehen gut.

Vielen Dank für das Interview!

IN ALLER KÜRZE:

  • Macht Kiffen wirkich dumm?

MK: Da liegt ein Übersetzungsfehler vor. Die DAPD hat die englische Originalmeldung falsch wiedergegeben. Die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin hat dazu eine Pressemitteilung verschickt. Die Quintessenz der Studie ist: Cannabis ist sicher für Erwachsene und Kinder sollten lieber nicht kiffen. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie der Konsum von Cannabis momentan medial bekriegt wird.

  • Befürworten Sie Cannabis als Therapieform?

MK: Das kommt auf die Krankheit an. Natürlich gibt es gerade in den USA viele Erfolge, auch in Deutschland. Da sollte man sich an den Stand der Forschung halten und die behandelnden Ärzte nicht weiter behindern.

  • Wie sehen Sie die Entwicklung von synthetischem Cannabis?

MK: Ich halte die Entwicklung für besorgniserregend. Die Zahl der Stoffe ist unbegrenzt, da sie im Labor schnell neu kreierbar sind. Momentan sind etwa 20 Stoffe in Deutschland legal zu haben. Ich hoffe, dass diese Tendenz die Legalisierung sogar voran treibt, weil dadurch vielleicht endlich verstanden wird, dass der Ansatz unserer Drogenpolitik falsch ist. Denn die Legalisierung von Cannabis würde die Räuchermittelproblematik in Rauch aufgehen lassen.

 

Kategorien: Cannabis

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