Brit Pop, Johnny Rotten, Punk, Summer of Fish 'n' Chips

JOHNNY ROTTEN: „SHAKESPEARE IST DER UR-VATER DES PUNK“

Der diesjährige Summer of Fish ‘n’ Chips auf ARTE wird präsentiert von John Lydon, aka Johnny Rotten, der als Sänger der „Sex Pistols“ den Punk mit erfand. Ein Gespräch über die Wurzeln des Brit Pop.

© Martin Ehleben

Vor gut 40 Jahren sorgte Johnny Rotten als Sänger der Punk-Band „Sex Pistols“ als wütendes Sprachrohr des neuen Anti-Establishments für Entsetzen im traditionsbewussten England. Die Punk-Rocker starteten mit provokanten Texten und lauter Musik einen weltweiten Trend, von dem sich bis heute junge Musiker inspirieren lassen. Das ARTE Magazin traf den extravaganten Sänger in seiner Wahlheimat Los Angeles und sprach mit ihm über die wilden Punk-Jahre, die Queen, gefühlvolle Texte und die neu entdeckte Liebe für Blumen.

ARTE Magazin: Sie moderieren für ARTE den „Summer of Fish ‘n’ Chips“ – brachte das viele Erinnerungen an die wilde Jahre als Frontmann der „Sex Pistols“ zurück?

Johnny Rotten: Als wir die „Sex Pistols“ in den 70er Jahren gegründet haben, dachten wir: „Uns hört niemals jemand zu.“ Mit dieser Einstellung war es wunderbar einfach, das zu tun, worauf man Lust hatte. Ganz ohne Druck. Wir mussten keinen Regeln folgen und keine Rolle spielen wie etwa die Beatles. Mussten keine Pop-Identität aufbauen. Dass wir heute zur Geschichte der Pop-Kultur Großbritanniens gehören, ist einfach nur verrückt.

„Diese selbst auferlegte Unterdrückung ist schrecklich“

Warum ist ausgerechnet Großbritannien ein so fruchtbarer Nährboden für viele kreative und provokative Pop-Künstler?

Ich erinnere mich an ein Theaterstück, das ich während meiner Jugend gesehen hatte, mit dem Titel: „No Sex, please. We are British“. Und das beschreibt die Kultur perfekt, in der auch ich aufgewachsen bin. Diese selbst auferlegte Unterdrückung ist schrecklich. Unsere Kultur hat sich oft selbst verboten, modern und weltoffener zu werden. Wogegen viele Künstler rebellierten. „Smile in the face of adversity“ (Lächle dem Unglück ins Gesicht) ist ein Zitat von Shakespeare. Und getreu diesem Motto starteten wir unsere Rebellion. Shakespeare war für mich übrigens eine Art Ur-Vater des Punk.

In Ihrem Song „God Save the Queen“ aus dem Jahr 1977 bezeichneten Sie das englische Königshaus als „faschistisches System“ und die Königin als „unmenschlich“. Welche Rolle spielte die 65-jährige konservative Regentschaft der Queen für die Entwicklung der britische Pop-Kultur?

Wir haben daran geglaubt, was wir damals gesungen haben. Mittlerweile habe ich einige Ansichten korrigiert. Die Queen ist durchaus menschlich. Sie und die Ihren wurden in einem goldenen Käfig geboren, dafür können sie nichts. Aber sie haben es sich darin zu lange zu gemütlich gemacht. Ich wünsche der Queen als Mensch ein langes Leben, aber als Königin würde ich sie nicht vermissen.

„Als Musiker habe ich mich verändert“

Der neuen Generation mit Prinz William und Gattin Kate können Sie auch nichts abgewinnen?

Die machen den Eindruck, recht normal zu sein. Aber sie geben dennoch ein Vermögen aus auf Kosten der Steuerzahler. Sie haben keine echten Jobs, während der Rest des Landes mit normalen Jobs den Prunk finanzieren muss.

Sie leben heute in den USA. Wie viel Johnny Rotten ist noch übrig im Neu-Amerikaner John Lydon?

Manche Dinge ändern sich nie. Ich bin noch immer ein ausgeprägter Verfechter von Gerechtigkeit und kämpfe für die Unterdrückten. Ich plädiere weiterhin für mehr Vielfalt und Individualität in unserer Gesellschaft. Als Musiker habe ich mich aber schon verändert. Mit meiner Band Public Image Ltd. mache ich noch immer Punk – nur in anderer Form und ohne jedes Klischee. Ich brauche heute keine Lederjacken mehr, um ein Punker zu sein.

Das Interview führte: Andreas Renner

Das vollständige Interview lesen Sie im ARTE Magazin

ARTE: Summer of Fish ’n‘ Chips

Großbritannien ist das Mutterland der Popkultur. An sechs Wochenenden würdigt ARTE mit kultigen Spielfilmen, Dokus und Konzerten emblematische britische Künstler und Bands. Präsentiert wird der „Summer of Fish ’n‘ Chips“ von jenem Mann, der als Sänger der Sex Pistols den Punkrock miterfand: Johnny Rotten.

London Beat – Musik als Revolte

Musikdoku

The Rolling Stones, The Kinks, The Who, Depeche Mode, Sex Pistols, zuletzt Kate Tempest und M.I.A. – Londons Musikszene hat mehr als große Namen und Welterfolge zu bieten. Die erfolgreichsten Hits aus London haben oft eine ernste Nachricht an das politische Establishment. In den 1980er Jahren mobilisiert sich eine Armada von Bands und Künstlern gegen die von starken Klassen- und Rassengegensätzen geprägte Gesellschaft. Anhand von Konzertausschnitten und Interviews erzählt der Film von den Hintergründen und veranschaulicht die abwechslungsreiche Geschichte der Revolte in der Musik Londons.

Freitag, 28. Juli, 22.45 Uhr

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Kategorien: Juli 2017