Berlin, Frederick Lau, Laia Costa, Sebastian Schipper, Victoria

VERGESSENE WELTEN: AUF DEN SPUREN VON „VICTORIA“

Der Film „Victoria“ wurde mitten in Berlin gedreht. Nur fühlt man sich dort weit entfernt vom typischen Stadtbild. Ein Spaziergang durch die Gegend des Drehs.

Die Gegend in Berlin, in der „Victoria“ gedreht wurde © Jörg Brüggemann/Ostkreuz

Wo ich hier bin? Ich wüsste es nicht, hätte mir jemand die Augen verbunden und mich unwissend in diesen Teil der Stadt geführt. Es könnte überall sein. Frankfurt, Stuttgart, vielleicht Erfurt. Als Berlinerin aber müsste ich es ja eigentlich besser wissen. Und doch fällt es schwer, diesen südlichen Teil der Friedrichstraße, am überschaubaren Besselpark in Kreuzberg, tatsächlich in der Hauptstadt zu verorten.

Seine Lebenswirklichkeit wählt ja jeder individuell aus dem Gesamten aus, erlebt damit immer nur einen Ausschnitt. So viel ist klar. Doch während man sich umschaut und diese Gegend auf sich wirken lässt, merkt man ziemlich schnell: irgendetwas fehlt. Das viel beschriebene Berlin-Gefühl stellt sich hier jedenfalls nicht ein. Eine Mixtur aus Freiheit, Urbanität, Lässigkeit, raubeiniger Schönheit, Kreativität, gemütlichem Kiez.

Die Stadt scheint offenbar von so etwas wie unsichtbaren Barrieren durchzogen zu sein, die man, wenn auch unbewusst, nur selten übertritt, außer man muss. Da passiert es dann, dass man von Ecken wie diesen überrascht wird. Weil sie anders sind als das „eigene“ Bild der Stadt.

Skurril und etwas trist

2015 wählte Sebastian Schipper genau diesen Teil als Spielfläche für seinen Berlin-Film „Victoria“. Einer, der in der Hauptstadt spielt, hier, wo die Verortung visuell nur sehr schwammig ist. Dadurch konzentriert man sich vor allem auf die Figuren, bleibt nah dran, folgt ihnen mehr als zwei Stunden auf ihrem Weg durch die Nacht, ohne von der Kulisse abgelenkt zu werden.

Szene aus „Victoria“: Sonne (Frederick Lau) und Victoria (Laia Costa) @Sturla Brandth-Grøvlen

Das Filmgefühl bei einem Spaziergang durch die Straßenabschnitte nachzuempfinden, ist demnach schwer, weil die Verknüpfung zu den einzelnen Orten nur schwach ist. Anders als bei einem Film wie „Oh Boy“ von Jan-Ole Gerster, in dem die Stadt präsent ist, sogar bedeutend und in Teilen die Handlung trägt, schien Schipper das von ihm gewählte Berlin mehr als Schablone zu benutzen, in die er frei einzeichnete.

Ohne ihn und seine Figuren fällt es schwer zu erkennen, welche Sprache diese Ecke spricht. Dieses Skurrile, etwas Triste, das an diesem Ort in einem aufsteigt, kam dem Film zwar sehr gelegen, in echt aber fühlt man sich fast schon unangenehm isoliert vom Berlin, wie man es sonst kennt. Ist es, weil man nicht weit von der ehemaligen Grenze steht, im damaligen Niemandsland, in dem sich schon früher kaum jemand aufgehalten hat? Besonders stimmungsvoll ist es hier auch heute nicht. Man wohnt und arbeitet, Freizeit verbringt man eher woanders. Lidl, kik, Ein Euro Shop und Läden, die wirken, als würden sie gleich schon wieder raus müssen, prägen das Bild. Alles scheint provisorisch und nichts lädt wirklich zum Verweilen ein.

Keine Kieze, nirgends

Das alles ist wie die vergessene Gegend der Stadt, als wäre sie in ihrer Entwicklung einfach irgendwann stehengeblieben, abgehängt von allem, was drumherum liegt. Die Stimmung des vergangenen Zeitalters – die vor dem Mauerfall – hat sich in den Asphalt gefräst, hat dort bis heute überlebt. Allgemein ist Berlin ja geprägt von verschiedenen Kiezen, in denen man eine gewisse Infrastruktur hat, wo alles auf einem Fleck ist. Man spricht auch von Gentrifizierung und Vereinheitlichung. Da gibt es in manchen Gegenden dann Cafés, die sich häufig in ihrer Ästhetik ähneln. Die verkaufen meist guten Kaffee und gesunde Säfte. Daneben kleine Restaurants und Falafel Läden, Indiemagazin Shops, Spätis und Boutiquen mit den neusten Turnschuhen im Schaufenster. Das ist Berlin, wenn es eitel sein möchte.

Es gibt auch die anderen Kiez-Arten, rund um das Kottbusser Tor oder die Hermannstraße zum Beispiel. Da ist es rauer, teilweise hässlich, Kneipen mit Bier vom Fass statt fancy Cocktailbars. Aber auch diese Realität hat ihre Berechtigung, bestimmt Berlin mit. Langsam gewachsen, fühlt es sich echt an. Zurück zur Gegend am Besselpark findet man von all dem nichts. Noch in Kreuzberg, fast in Mitte ist es interessant, dass man an diesem Nicht-Ort schon wenige hundert Meter weiter wieder das definierte Berlin erkennt. Der ehemalige Grenzübergang, der Touristenmagnet ist, der gold schimmernde Bürokomplex des Axel Springer Verlags, das Hallesche Ufer, Jüdisches Museum, die Galerie Lafayette. Zwischen all dem könnte man sich nicht weiter wegfühlen.

Weil in dieser Gegend kaum Kiezleben stattfindet, konnten Schipper und sein Team den Film natürlich ohne unvorhersehbare Unterbrechungen drehen, was bei dieser Arbeit besonders wichtig war. „Victoria“ nämlich ist ein Oneshot. Die insgesamt 140 Minuten wurden ohne einen Schnitt und damit ohne Unterbrechung gedreht. Das erinnert an ein Theaterstück, nur dass man mit den Darstellern zu verschiedenen Schauplätzen geht und die Geschichte nicht auf einer statischen Bühne sieht. In Echtzeit läuft man sozusagen mit ihnen mit. Drei Mal spielten sie es durch, am Ende wurde es die letzte Version.

Geometrische Formen

Jetzt, am Tag, ist es hier natürlich durchaus belebter als nachts wie im Film. Auffallen tut einem vor allem eines: die sonderbare Architektur. Bei einer Drehung um die eigene Achse sieht man, wie versatzstückhaft in den vergangenen Jahrzehnten gebaut wurde. Ein Neubau mit asymmetrischen Schrägen. Aneinandergereihte Flachbauten, an einem anderen Balkone, die eigentlich nur dazu dienen, Satellitenschüsseln zu halten.

Ein Siedlungsbau direkt am Platz, konzipert in geometrischen Formen. Die Fenster mit grünen Dachvorsprüngen sehen aus wie Gesichter einer abstrakten Malerei. Wie einzelne Puzzleteile stehen sie alle unabhängig voneinander da, so als hätten Architekten gebaut, ohne von Bestehendem zu wissen. In der Gesamtheit passt visuell dann aber doch alles irgendwie wieder zusammen.

Auf der Friedrichstraße weiter hoch Richtung Norden läuft man vorbei an Plattenbauten. Ein Imbiss auf der Ecke, ein Parkplatz, darauf Streifenwagen, die Polizeiwache daneben und zwei Spielotheken. Ein paar Polizisten stehen auf dem Gehweg. Sonst nur Autos, die vom Westen der Stadt in den Osten fahren und entgegengesetzt, alle mit einem Ziel woanders.

Ganz ohne Anleitung

Und dann entdeckt man etwas weiter vorne wieder ein vertrautes Detail: Massen von Touristen, die sich an der Kochstraße vorbei zum Checkpoint Charlie drängen. In der Ferne die überdimensional großen Soldatenporträts auf dem Mittelstreifen. Starbucks und Souvenirshops. Hier unten im Nichts liegt die kurzfristig gewählte Lebenswirklichkeit der Berlinbesucher eindeutig nicht. Wieso auch? Nichts da, weshalb es sich lohnt. Keine Kultur, keine Orte, um zu konsumieren. Alles hier scheint zu wenig definiert, um die gewohnten Pfade dafür wirklich zu verlassen.

Dabei merkt man nach einiger Zeit, wie gerade das doch so reizvoll sein kann: einen unbeschriebenen Ort wie diesen auf sich wirken zu lassen. Wo man sich sonst in einer Wirklichkeit befindet, die so durchkonjugiert ist, dass sie jeder verstehen kann. Mit diesem Unerwarteten im vergessenen Teil der Stadt aber muss man ganz ohne Anleitung umgehen – kann Gefühle und Gedanken reinzeichnen, wonach einem gerade ist. Und sich damit die Frage nach dem „Wo“ einfach beantworten, wie es einem passt.

Paulina Czienskowski

 

Victoria

Drama

Mitten in der Nacht vor einem Club lernt Victoria, Studentin aus Madrid, vier Berliner Jungs kennen. Sonne, Boxer, Blinker und Fuß haben sich auf eine krumme Sache eingelassen, und Victoria soll als Fahrerin einspringen. Was wie ein großes, verrücktes Abenteuer beginnt, entwickelt sich schnell zum Alptraum. Während der Tag langsam anbricht, geht es für Victoria und Sonne auf einmal um Alles oder Nichts … Eine Reise ans Ende der Nacht – in Realzeit, atemlos, packend, romantisch. Ein Film über eine verrückte Liebe auf den ersten Blick, über den wilden Herzschlag einer Großstadt.

Mittwoch, 3. Mai, 20.15 Uhr

Kategorien: Mai 2017