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„MUSIK IST EINE SPRACHE, DIE ALLE VERBINDET“

Die weltweit gefeierte Geigerin Lisa Batiashvili spielt bei den Osterfestspielen in Baden-Baden ein Konzert unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Mit dem ARTE Magazin sprach sie über die vereinende Kraft der Musik und darüber, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bringt.

Lisa Batiashvili begann bereits im Alter von zwei Jahren mit dem Geigespielen © Sammy Hart

Sie gibt es nur im Doppelpack: Elisabeth (Lisa) Batiashvili ist selten ohne ihre Geige anzutreffen, eine Joseph Guarneri „del Gesu“ Violine aus dem Jahre 1739. Selbst wenn sie nicht spielt, kann sie sich von der Musik und ihrer Geige nicht lösen. „Musik ist ein ganz natürlicher Teil meines Lebens – meine Kindheit, meine Bindung an meinen Vater, der Grund, warum ich in Europa lebe und meine Disziplin“, sagt die gebürtige Georgierin. Ein Teil, der sie auf die großen Bühnen dieser Welt führt. Wenn sie den Bogen ansetzt, gehört ihr das Scheinwerferlicht. Batiashvili ist äußerst erfolgreich in der klassischen Musikszene unterwegs, eine „vollkommene Musikerin“, wie die Londoner Times sie bezeichnet. Ein Lob, das die 38-Jährige bescheiden abtut. „Das ist natürlich sehr subjektiv. Musiker zu sein ist etwas sehr komplexes“, findet sie. „Es müssen viele, teils gegensätzliche Aspekte zusammenkommen, wie zum Beispiel Logik und Phantasie, Spontanität und Überlegung sowie technische Fähigkeit und Freiheit. Wenn man glaubt, bei einem Musiker all diese Qualitäten hören zu können, dann hat man das Gefühl, etwas Vollkommenes vor sich zu haben.“

Es sind neben diesen Eigenschaften vor allem ihre Virtuosität, Sensibilität und charismatische Ausstrahlung, die Kritiker und Publikum gleichermaßen überzeugen. Die Wahl-Münchnerin wurde von Musical America zur „Instrumentalistin des Jahres 2015“ gewählt ‒ eine Auszeichnung, die nur Künstlern ersten Ranges zuteil wird ‒ und sie ist Gewinnerin des angesehenen internationalen Preises der italienischen Accademia Musicale Chigiana. Batiashvili pflegt zudem eine enge Partnerschaft mit vielen Spitzenorchestern wie den New Yorker Philharmonikern, den Berliner Philharmonikern, dem Tonhalle-Orchester Zürich und dem Chamber Orchestra of Europe.

Ihr Vater war ihr erster Geigenlehrer

Den Grundstein für ihre Karriere legte die 1979 in Tiflis geborene Batiashvili in einem Alter, in dem andere noch mit Bauklötzchen spielen. Ihr Vater Tamas spielte seit 1966 im Georgischen Streichquartett die zweite Geige. Mit zwei Jahren hielt sie erstmals eine Geige in der Hand und konnte sich nicht mehr davon lösen. Das kleine, zarte Instrument empfand sie als viel persönlicher als ein Klavier, das Instrument ihrer Mutter, und so übte sie unter der Leitung ihres Vaters. Doch Batiashvilis Heimatland stand kurz vor einem Bürgerkrieg, weswegen die Familie 1991 schließlich nach Deutschland emigrierte. Auch, weil der Vater seiner hochbegabten Tochter mit dem Umzug alle Möglichkeiten bieten wollte, die sie für ihre musikalische Ausbildung benötigen würde.

Die damals zwölfjährige Lisa Batiashvili studierte 1992 an der Hamburger Musikhochschule unter Mark Lubotsky und kam ein Jahr später in die Kaderschmiede von Ana Chumachenco nach München, die auch weitere prominente Geigerinnen wie Julia Fischer oder Arabella Steinbacher geprägt hat. Ihren Durchbruch hatte sie schließlich 1995, als sie als jüngste Teilnehmerin in Helsinki beim berühmten Sibelius-Wettbewerb den zweiten Preis gewann. Ihre Eltern fanden jedoch, dass sie mit 16 Jahren zu jung sei, um schon solch einem Erfolgsdruck ausgesetzt zu sein. „Ich habe deshalb nach dem Wettbewerb nur wenig Konzerte angenommen und mich auch erst einmal von einer großen Agentur zurückgehalten“, erinnert sie sich. Ein Jahr später, mit 17, habe sie schließlich langsam mit dem Konzertleben angefangen. „Gleichzeitig habe ich auch studiert. Das gab mir das Gefühl, selbst bestimmen zu können, wo und wie viel ich spielen wollte.“

„Ich bin sehr selbstkritisch“

Generell sei ihre Karriere von vornherein andersherum gelaufen, als es heute allgemein üblich ist, sagt die Musikerin. Die Medien wurden auf sie aufmerksam, als sie das Sibelius-Violinkonzert auf CD einspielte. Da war sie bereits 25 Jahre alt. Bis dahin hatte sie allerdings schon mit allen möglichen großen Orchestern und Dirigenten wie Zubin Mehta, Sir Simon Rattle oder Paavo Järvi mindestens einmal konzertiert. „Ich empfand es als großen Vorteil, dass ich mich den Orchestermusikern nach der CD-Aufnahme nicht mehr beweisen musste. Die Orchestermusiker sind für mich die größten Kritiker und der größte Beweis dafür, dass man etwas geschafft hat. Wenn deren Reaktion nach dem Konzert positiv ist, dann hat es den Menschen wirklich gefallen.“

Vor einem kritischen Publikum dagegen hat sie keine Angst. Aus einem einfachen Grund: „Ich habe so hohe Erwartungen an mich selbst und bin derart selbstkritisch, dass es jegliche Erwartungen des Publikums übersteigt“, sagt sie. „Natürlich hoffe ich, dass das Publikum meine Erzählung miterlebt und mitfühlt. Aber am meisten möchte ich einfach dem Komponisten gegenüber ‚Dienst’ leisten und das Stück in den Mittelpunkt stellen.“ Besonders genießt die Musikerin es, wenn sie Stücke von ihren Lieblingskomponisten Brahms, Schubert und Shostakovich interpretieren kann. Aber sie kann sich gut vorstellen, auch einmal andere Stilrichtungen auszuprobieren, wie Filmmusik oder vielleicht Jazz.

Musik als gemeinsame Sprache

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht die Geigerin auf der Bühne. Vor Konzerten ist sie gerne alleine, um sich auf das Bevorstehende konzentrieren zu können. Und obwohl sie ein erfahrener Profi ist, ist sie immer noch vor jedem Auftritt aufgeregt. „Ein leichtes Lampenfieber verspüre ich fast immer“, gibt sie zu. „Aber das ist auch gut so, denn das gibt mir die Energie, Konzentration und den Fokus, den ich brauche“, sagt sie. „Ich weiß auch im Voraus nie, wie ich mich auf der Bühne fühlen werde. Aber je besser meine musikalischen Partner sind, desto weniger Lampenfieber habe ich, weil es sich dann in Vorfreude verwandelt.“ Mit 50 bis 60 Konzerten pro Jahr gibt sie weniger Spielabende als ihre Kollegen. „Ich habe seit der Geburt meiner Tochter auf mindestens 50 Prozent der Konzertangebote verzichtet. Gott sei Dank gibt es immer noch die anderen 50 Prozent an wunderbaren Gelegenheiten, die mir völlig dafür ausreichen, um mich als Musikerin glücklich zu fühlen.“

Wichtiger als die Auftritte sei ihr die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern und ihrem Mann François Leleux, dem französischen Oboisten, Dirigenten, Kammermusiker und Professor. „Mit meinem Mann teile ich die Liebe zur Musik. Sie ist unsere gemeinsame Sprache.“ Die Künstlerin selbst spricht mehrere Sprachen, unter anderem Deutsch, Französisch, Georgisch – ein Abbild ihres Lebenslaufs. Auch wenn Batiashvili schon lange in Westeuropa lebt, sei ein Teil von ihr auch immer noch georgisch, sagt sie. Das mache es mitunter schwer zu wissen, wo sie eigentlich zu Hause sei. Mit München, der Geburtsstadt ihrer Tochter und ihres Sohnes, hat die Familie eine passende Heimat gefunden.

Wenn Lisa Batiashvili über ihre alte Heimat spricht, dann kann sie Georgien in einem Satz zusammenfassen: „Es ist das verlorene Paradies.“ Sie versucht, regelmäßig in das Land zu reisen. Für sie ist Georgien jetzt ein Ort geworden, dem sie etwas zurückgeben und den sie auch bekannter machen möchte. Daher veranstaltet sie Benefizkonzerte oder unterstützt Musikschulen mit Sachspenden. Auch politisch engagiert sich die Musikerin. Sie weist gerne auf Missstände hin, nicht nur in Georgien, sondern auch im Zusammenhang des Ukraine-Konflikts. „Jeder Mensch ist mit einem Gewissen und einer ethischen Vorstellung ausgestattet. Daher bin ich der Meinung, dass man an der Gesellschaft und dessen Zukunft interessiert bleiben kann. Als Künstler denke ich schon, dass es eigentlich auch meine Verantwortung ist, etwas zu sagen.“ So spielte sie etwa 2014 bei einem Konzert unter der Leitung des als Putin-Befürworter bekannten Dirigenten Valery Gergiev als Zugabe das Proteststück „Requiem for the Ukraine“ von Igor Loboda. Musik sei schließlich eine Weltsprache, die alle verbindet.

Baden-Badener Osterfestspiele als Highlight im April

Wer in ihren Augen ebenfalls eine Bindung zu schaffen vermag, ist Sir Simon Rattle. Unter der Leitung des britischen Dirigenten wird sie mit den Berliner Philharmonikern im April bei den diesjährigen Baden-Badener Osterfestspielen das Violinkonzert von Antonín Dvorák spielen. „Sir Simon Rattle ist eine großartige und großzügige Persönlichkeit“, findet sie. „Ein großartiger Musiker mit einer besonderen Ausstrahlung und einer Herzlichkeit, die Kleinen wie Großen, Musikalischen und Unmusikalischen die Philharmoniker näher bringt.“ Batiashvili hat bereits 2007 unter der Leitung von Sir Simon Rattle beim von ihm dirigierten Europakonzert auf der Bühne gestanden und musizierte schon mehrfach mit den Berliner Philarmonikern.

Trotz allen Erfolgs ist sie bodenständig und nahbar geblieben. Vielleicht auch, weil sie beim Verlassen der Konzertsäle in eine andere Rolle schlüpft. Sobald das Scheinwerferlicht erlischt und sie ihre Geige und das elegante Abendkleid verstaut hat, sei sie einfach nur Lisa Batiashvili. „Ich finde es schön, dass ich außerhalb der Tourneen einfach ganz normal leben und mich mit meinen Kindern beschäftigen kann.“ Die meisten Eltern der Schulfreunde ihrer Kinder wüssten auch nicht, was sie beruflich mache. Und das ist gut so, findet sie.

Valeska Schößler

ARTE Schwerpunkt

Osterfestspiele Baden-Baden
Unter der Leitung von Sir Simon Rattle spielen die Berliner Philharmoniker ein Konzert mit der Violinistin Lisa Batiashvili sowie Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ als Live-Übertragung.

Lisa Batiashvili und Sir Simon Rattle
Konzert
Sonntag, 16.4., 17.35 Uhr

Puccinis „Tosca“ aus dem Festspielhaus Baden-Baden
Oper
Montag, 17.4., 20.15 Uhr

concert.arte.tv

Kategorien: April 2017