HAMED ABDEL-SAMAD UND NAZAN GÖKDEMIR TREFFEN EUROPAS MUSLIME

ARTE-Journalistin Nazan Gökdemir und der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad haben sich aufgemacht, um mit Europas Muslimen Gespräche zu führen. Über Tradition, Glaube, Familie, Politik. Ein Rückblick.

ARTE Moderatorin Nazan Gökdemir und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad

Vergangenen Sommer reisten Nazan Gökdemir (l.) und Hamed Abdel-Samad durch Europa © AVE Publishing

Hamed Abdel-Samad

Hamed Abdel-Samad kennt den Islam von innen – und kritisiert ihn von innen. In den letzten Jahren hat er damit immer wieder Aufsehen erregt und sich viele Feinde gemacht. Seine persönliche Geschichte ist mit der Kritik, die er übt, eng verwoben. Seit Vater ist ein sunnitischer Imam, 1972 wurde Abdel-Samad als drittes seiner fünf Kinder in der Nähe von Kairo geboren. In seiner Autobiografie „Mein Abschied vom Himmel“ (2009) beschreibt er traumatische Erlebnisse aus seiner Jugend: Zweimal wurde er vergewaltigt. Seine Mutter wurde vom Vater verprügelt.

Als junger Erwachsener verließ er seine Heimat Ägypten Richtung Deutschland, wo er eine 18 Jahre ältere Frau heiratete, um einen deutschen Pass zu bekommen. In Kairo hatte Abdel-Samad Englisch und Französisch studiert, in Augsburg schrieb er sich für Politik ein. An der Universität München begann er daraufhin eine Dissertation mit dem Thema „Bild der Juden in ägyptischen Schulbüchern“, die er aber bis heute nicht abgeschlossen hat. Das Thema des Antisemitismus in der islamischen Welt allerdings beschäftigt ihn weiterhin. Für sein Engagement erhielt er 2015 gemeinsam mit Ahmad Mansour mit der Josef-Neuberger-Medaille. Seit 2010 ist er Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und steht dort für kritische Positionen.

Öffentliche Mordaufrufe

Nach der Veröffentlichung seiner Biografie „Mein Abschied vom Himmel“ in Ägypten sprach eine religiöse Gruppe eine Fatwa, einen Mordaufruf, gegen Abdel-Samad aus. Seitdem steht er andauernd unter Polizeischutz – auch in Deutschland.

Im Juni 2013 hielt Hamed Abdel-Samad einen Vortrag in Kairo, bei dem er der Muslimbruderschaft „islamischen Faschismus“ vorwarf. Kurz nach dem Vortrag wurde im Internet öffentlich dazu aufgerufen, Abdel-Samad umzubringen. Nur wenige Tage später forderte Assem Abdel-Maged, ein Verbündeter von Mohammed Mursi, im ägyptischen Fernsehen öffentlich zum Mord an Abdel-Samad auf. Aufenthaltsorte von Abdel-Samad in Kairo wurden im Internet veröffentlicht.

„Islam light“

Abdel-Samad proklamiert einen „Islam light“ – einen Islam „ohne Scharia, ohne Dschihad, ohne Missionierung, ohne Geschlechterapartheid und ohne Anspruchsmentalität.“ Dafür, so Abdel-Samad, müssten Muslime ihre Werte grundlegend reformieren. In seinem Buch „Mohamed: Eine Abrechnung“ (2015) bricht er in den Augen vieler Muslime ein absolutes Tabu: Er setzt sich kritisch mit dem Propheten auseinander, zeigt auch dessen gewalttätige Seiten auf. Viele Gläubige verwehren Abdel-Samad deshalb das Gespräch – für sie ist der Prophet Mohamed unantastbar. Abdel-Samad selbst sucht dagegen immer wieder den Dialog und scheut auch die Konfrontation nicht – Eigenschaften, die ihm immer wieder gefährlich werden.

Nazan Gökdemir

Nazan Gökdemir ist Moderatorin des ARTE Journals. Als Kind türkischstämmiger Eltern wuchs sie in einer Großfamilie in einem Vorort von Hannover auf. Gemeinsam mit Hamed Abdel-Samad macht sie sich in der ARTE-Sendung „Europas Muslime“ auf den Weg, um Gläubige in ganz Europa zu treffen und mit ihnen über den Islam zu diskutieren.

Das vollständige Gespräch zwischen Hamed Abdel-Samad und Nazan Gökdemir lesen Sie im aktuellen ARTE Magazin.

Europas Muslime

Zweiteilige Dokumentation

Dienstag, 11. April, 20.15 Uhr und 21.10 Uhr

Kategorien: April 2017