Drama, Eine unerhörte Frau, Interview, Rosalie Thomass

„ICH WILL MICH NICHT HINTER EINER ROLLE VERSTECKEN“

Rosalie Thomass wusste schon früh, dass sie Schauspielerin werden will. Sie verkörperte bereits Henriette von Schirach oder Hannelore Kohl. Starke, eigenwillige Frauen zu spielen, ist ihr Markenzeichen. Dieser Tradition bleibt sie auch in Hans Steinbichlers „Eine unerhörte Frau“ treu.

© Hannes Magerstaedt/Getty Images

ARTE: Gab es einen prägenden Moment oder einen Auslöser ab dem Sie wussten: Ich will Schauspielerin werden?

Rosalie Thomas: Ich wollte eigentlich immer Schauspielerin werden, aber so richtig manifestiert hat sich dieser Wunsch, als ich in der sechsten Klasse war. Damals wurde an meiner Schule die Operette König Drosselbart aufgeführt. Ich durfte zwar mitspielen, aber leider nicht die Rolle der Prinzessin, sondern nur ihren alten Vater. Dieser klagt die ganze Zeit, dass seine Tochter nicht heiraten will und sie verwöhnt und verzogen sei. Für mich war das damals ein herber Schlag, denn ich musste immer die Männer spielen! Es gab einfach zu wenig Jungen in der Theatergruppe. Als pubertierendes Mädchen war das hart für mich und ich beschloss: ‚Eines Tages werde ich das beruflich machen und dann spiele ich endlich Frauen und keine Männer mehr! ’. Heute sehe ich das natürlich alles etwas anders und einen Mann zu spielen erscheint mir durchaus reizvoll.

Die Rolle der Hanni Schweiger in „Eine unerhörte Frau“ basiert auf den persönlichen Erfahrungen von Angelika Nachtmann. Wissen Sie, was sie von dem Film hält?

Wir haben auf der Kinotour viel miteinander zu tun gehabt und ich war sehr glücklich, dass Angelika sich in dem Film wiedererkennt. Am letzten Drehtag, als wir eine Gerichtsszene drehten, war sie als Komparsin am Set und sprach mich während des Mittagsessens an. Ich wusste sofort wer sie war, denn sie hatte so eine starke Ausstrahlung. Angelika sagte zu mir: ‚Als ich dir beim Spielen in diesem Gerichtssaal zugeschaut habe, dachte ich, sie spielt das genauso wie es war’. Ich kannte Angelikas Geschichte natürlich schon, hatte sie aber vor den Dreharbeiten nie persönlich getroffen. Das wollte ich auch nicht, denn sonst hätte ich mich zu sehr darauf konzentriert, wie sie sich bewegt, spricht und aussieht. Für die Geschichte sind diese Facetten nebensächlich, viel wichtiger war mir das emotionale Begreifen. Was mich im Nachhinein natürlich sehr freut, ist, dass mein Spiel in dieser Hinsicht in die richtige Richtung ging und wir mit dem Film den richtigen Ton trafen.

 

 

Spielen Sie lieber Frauen, mit denen Sie sich identifizieren können oder die Ihnen fremd sind?

Ich denke, dass solche Kategorien in dieser Form nicht existieren. Ich suche vielmehr danach, Eigenschaften meiner Rolle aufzuspüren, die mir anfangs fremd erscheinen, um dann herauszufinden, wieviel ich davon auch in mir selbst finden kann. Für mich besteht der Reiz der Schauspielerei gerade darin, die eigene Persönlichkeit zu erkunden und sich nicht nur eine Rolle von außen „überzustülpen“. Die eigene Persönlichkeit hinter einer Rolle zu verstecken interessiert mich nicht.

Vor etwa einem Jahr haben Sie gesagt: „Ich träume davon, dass wir uns alle mit mehr Großzügigkeit und mit Liebe zur Andersartigkeit betrachten können“. Haben Sie das Gefühl, dass die Botschaft dieses Traums seitdem noch dringender geworden ist?

Ja! Der Kontext dieses Interviews war zwar ein anderer, denn es ging darum, wie Frauen unter sich miteinander umgehen. Ich dachte aber damals schon, dass diese Aussage eigentlich Teil des großen Wunsches nach Frieden und Gleichheit ist. Dies erschien mir jedoch zu abstrakt und so habe ich das Beispiel der Gleichberechtigung der Frau gewählt. Großzügiges Mitgefühl und Offenherzigkeit wünsche ich mir und allen anderen jeden Tag aufs Neue. Einfach umzusetzen ist das natürlich nicht, denn man muss sich diese Eigenschaften im Alltag immer wieder neu erarbeiten.

Sie haben lange in Berlin gelebt. Was vermissen Sie an der Stadt und auf was können Sie gut verzichten?

Die Vielfalt auf der Straße vermisse ich sehr, sowohl menschlich als auch kulinarisch. Auch die unterschiedlichen, wilden Einflüsse auf das tägliche Leben fehlen mir manchmal – und natürlich meine Freunde dort. Leider konnte ich noch nicht alle überzeugen, auch unbedingt nach Bayern zu kommen. Ich selbst merke aber, dass ich die Natur brauche. Umgeben von Bergen und Seen fühle ich mich sehr wohl.

Sie haben früher in der Band ihrer Schule gesungen. Machen Sie immer noch Musik? 

Ich mache gern Musik, aber lieber im privaten Umfeld. Musik war und ist ein wichtiger und großer Bestandteil meines Lebens und gern hätte ich mehr Zeit zum Klavier spielen, Singen und für das gemeinsame Muszieren. Dafür fehlt aber leider oft die Zeit. Außerdem besuche ich lieber ein gutes Konzert, als selbst eines zu geben.

Das Interview führte Niklas Wysk

Filmografie (Auswahl):
Anonyma – Eine Frau in Berlin (2008), Mutter muss weg (2012), Die Abenteuer des Huck Finn (2012), Taxi (2015), Grüße aus Fukushima (2016)

Eine unerhörte Frau
Drama
14.4., um 20.15 Uhr auf ARTE

Kategorien: April 2017