„DAS KINO IST EIN WUNDERBARER ORT“

Die Regisseurin Alice Rohrwacher kam erst spät mit Filmen in Berührung. Ihre eigenen Werke sind daher auch immer eine Hommage an die faszinierende Welt des Kinos.

Filmemacherin Alice Rohrwacher

Alice Rohrwacher lernte die Welt des Kinos erst als Erwachsene kennen © ZDF/Simona Pampallona

Die Aufregung, wenn im Saal das Licht ausgeht. Die Hand der Eltern bei spannenden Szenen. Die Riesentüte Popcorn auf den Knien. Der Kinobesuch als Kind ist ein einziges sinnliches Erlebnis – eines, das Alice Rohrwacher verwehrt blieb. Denn in Umbrien, wo wo sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Alba, ihrem deutschen Vater und ihrer italienischen Mutter aufwuchs, gab es keine Kinos. Doch gerade diese Abwesenheit befeuerte bei Alice und ihrer Schwester Alba die Faszination für Filme. Als Alice Rohrwacher schließlich als Erwachsene die „wunderbare Welt“ des Kinos entdeckte, war es wie eine Revolution für sie – auch wenn das Kino an sich im 21. Jahrhundert natürlich nichts Neues mehr ist. „Aber ich habe nichts anderes gefunden, das so stark und modern auf mich wirkt.“

Mit Kurzdokumentationen versuchte sich Rohrwacher erstmals an dem Handwerk. Ohne jegliches Filmwissen drehte sie einen Vierminüter über einen Fluss. Darauf wurde der Produzent Carlo Cresta-Dina aufmerksam und bat sie, das Drehbuch für einen Film zu schreiben. „Ich tat es und dann sagte er zu mir: ‚Jetzt musst du den Film auch drehen’“. So schaffte es der Fluss aus dem Vierminüter am Ende sogar in „Corpo Celeste“ – die erste Zusammenarbeit von ihr und Cresta-Dina. Die beiden sind mittlerweile professionell wie auch freundschaftlich eng verbunden. „Er hat sein Vertrauen und seine Unterstützung in mich gesetzt, obwohl ich keinerlei Erfahrung hatte. Für den Dreh zu ‚Corpo Celeste’ war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Filmset. Es war verrückt!“, sagt die Deutsch-Italienerin.

Persönliche Spuren

Auch Rohrwachers Schwester Alba hat die kindliche Faszination nicht losgelassen. Sie ist Schauspielerin geworden und international auf Leinwänden zu sehen. Alice selbst bleibt ausschließlich hinter der Kamera. Am liebsten dreht sie Coming-of-Age-Filme, angesiedelt im italienischen Hinterland – ihrer eigenen Heimat. So auch das in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete „Land der Wunder“ (2014). Darin betreibt die 12-jährige Gelsomina mit ihrer Familie eine Bienenzucht. Ihr autarkes, spartanisches und einsiedlerisches Leben wird durch die TV-Show „Land der Wunder“ und die Ankunft eines deutschen Delinquenten durchbrochen.

Für die Regisseurin ist es ein persönlicher Film geworden: Ihre Schwester übernahm die Rolle der Mutter, ihr Heimatdorf diente als Kulisse und das Arbeiten mit Bienen kennt sie aus ihrer eigenen Kindheit. Autobiografisch sei der Film aber nicht: „Das funktioniert wie ein Schutzmantel: Was ich sehr gut kenne, befreit mich – ich kann mit dieser Erfahrung überall hingehen, neue Figuren treffen. Die Geschichte ist völlig frei erfunden.“

Rohrwacher meint, jede Filmidee entstehe bei ihr aus einer Collage aus Bildern, die sie auf einem Blatt schließlich zum Leben erweckt. Für jeden Charakter gibt es eine eigene Karte, die Beziehung der Charaktere kommt auf ein anderes Papier. Die Dynamik der Figuren muss Sinn machen und funktionieren. Doch sie sagt, es gehe ihr dabei nicht um Kontrolle, das würde sie nur langweilen. „Das Kino ist für mich der Ort, wo alles Platz hat, was widersprüchlich ist, was sich entziehen will – all diese Erfahrungen kommen zusammen, in einem Bild. Man kann sich das ansehen, und es fühlt sich gut an.“

Wie viele Filme die 35-Jährige noch drehen will? „Wenn es kein Filmmaterial mehr gibt, dann werde ich diesen Beruf aufgeben.“

Valeska Schößler

 

Land der Wunder

Drama
Mittwoch, 12.4. um 20.15 Uhr

Kategorien: April 2017