Art of Gaming, Arte, Computerspiele, Games, Gaming, Melek Balgün, Videospiele

FASZINATION GAMING – ZWISCHEN ENTERTAINMENT UND KUNST

Melek Balgün ist aus der Gamerszene nicht wegzudenken. Die ehemalige Pro-Spielerin und heutige Moderatorin ist in der Welt der Computerspiele zuhause. Für das Webmagazin „Art of Gaming“ von ARTE Creative geht sie ihrer Leidenschaft auf den Grund.

© ESL/Helena Kristiansson

Schnell wegrollen, nach rechts rennen, auf den Kasten springen – was klingt wie eine Turnabfolge, ist auch eine. Nur, dass man bei dieser ganz bequem auf der Couch sitzen bleiben kann. Statt sich selbst zu bewegen, bewältigt eine Spielfigur in einer virtuellen Welt den Hindernissparkur. Ob World of Warcraft, Super Mario oder die Siedler von Catan, ob strategisch, angsteinflößend oder märchenhaft: Computer- und Videospiele sind ein populärer Zeitvertreib auf der ganzen Welt. Auch in Deutschland spielen rund 34,3 Millionen Menschen. Und entgegen aller Klischees sind es auch nicht nur die Jungs, die gerne zocken: Mit 16,2 Millionen sind knapp die Hälfte der deutschen Spielbegeisterten Frauen.

Eine von ihnen ist Melek Balgün. Die ehemalige Pro-Gamerin, die sich vor allem in der Counter-Strike-Szene einen Namen gemacht hat, steht heute als Moderation für die Electronic Sports League auf der Bühne. Laut Games Wirtschaft 2016 zählt die 28-Jährige zu einer der wichtigsten 50 Frauen in der Gamerszene weltweit. Doch was bewegt jemanden wie sie eigentlich, stundenlang vor dem PC zu sitzen und zu spielen? Können Computerspiele auch mehr sein als reiner Zeitvertreib? Für „Art of Gaming“, das neue Webmagazin von ARTE Creative, gehen sie und die französische Profi-Gamerin Trinity gemeinsam mit Psychologen und Wissenschaftlern der Lust am Spielen auf den Grund. Zusammen spielen sich die beiden durch verschiedene PC-Spiele, diskutieren über immer realistischer werdende virtuelle Welten und ob Computerspiele eigentlich Kunst sind.

ARTE Magazin: Frau Balgün, Sie sind sehr erfolgreich in der Gamer-Szene unterwegs und stehen unter anderem für Großveranstaltungen wie die Gamescom auf der Bühne. Wie sind Sie ursprünglich zum Computerspielen gekommen?

Melek Balgün: Seit ich denken kann gehören Spiele an der Konsole, am Handheld und Computerspiele zu meinem Leben. Mein erstes Spiel war natürlich ganz klassisch Super Mario. Darauf folgten ziemlich schnell weitere Konsolentitel, bis ich alle Klassiker am PC durchgespielt hatte. Meine Liebe zu wettbewerbsorientierten Computerspielen wurde in der 9. Klasse während der Informatik-AG entfacht, wo ich das erste Mal mit Counter-Strike in Berührung kam.

Bleiben wir bei Counter-Strike, der Szene, in der Sie sich international einen Namen gemacht haben. Wieso fasziniert Sie gerade diese Art von Spielen? Immerhin haben sie, ob zu Recht oder Unrecht, einen negativen Beigeschmack und werden von Medien oft als „Killerspiele“ deklariert.

Counter-Strike habe ich für mich entdeckt, weil es ein Spiel ist, das ich mit anderen Menschen spielen kann. Mich fasziniert, dass man sich mit seinem Team verständigen und zu einer Einheit zusammenwachsen muss, um erfolgreich zu sein. Es geht um das Miteinander. Das hat mit Amoklauf also wenig zu tun, worauf Sie in Ihrer Frage anspielen. Trotzdem wird Counter Strike gerne als Auslöser gewählt, weil es ein bequemer Sündenbock ist, der die Massen befriedigt. Das Spiel wird verantwortlich gemacht, frei nach dem Motto: Wir haben die Lösung für das Problem gefunden. Dabei gehört zu solch einer furchtbaren Tat doch deutlich mehr, als das Spiel zu spielen. Statt die wirklichen Ursachen zu bekämpfen, wählt man den einfachen, aber falschen Ausweg. Ich kann Ihnen versichern: Auch nach 15 Jahren Counter-Strike habe ich keinerlei Gewaltfantasien!

Was muss ein Computerspiel ausmachen, dass Sie es spielen wollen?

Das perfekte Computerspiel bedeutet für mich stundenlanger Spielspaß, interessante Aufgaben, Teamwork und ein strategischer Aspekt, sodass man sein Handeln planen und gut durchdenken muss, um seinen Gegner zu übertrumpfen. Ein Spiel muss wettbewerbsfähig sein, um für mich ein gutes Spiel zu sein. Single-Player, bei denen der Fortgang des Spiels vorgegeben ist, reizen mich nicht. Ich brauche klare Zielsetzungen und dann unendliche Möglichkeiten, um diese Ziele zu erreichen. Das gefällt mir an Computerspielen.

„Als Frau in der Gamerszene ist es schwer“

Sie zählen zu den Top 50 der wichtigsten Frauen der Gaming-Branche. Wann wurde aus der Leidenschaft Ihr Beruf?

Ich bin unglaublich dankbar darüber, in der glücklichen Lage zu sein, von meiner Passion leben zu können. Dabei hatte ich nie geplant, Gaming-Moderatorin zu werden. Meine berufliche Laufbahn habe ich nämlich ganz anders ausgerichtet, mit einer Ausbildung zur Fachinformatikerin, dem Bachelor in Medien und IT-Management sowie einem Master im Internationalen Marketing. Aber die Bühnen der Electronic Sports League (ESL) haben mich seit 2002 gereizt, als ich zum ersten Mal auf einer ESL-Veranstaltung war. Ich habe mir immer vorgestellt sie irgendwann als Spielerin zu betreten, nicht als Moderatorin, was mir leider nicht gelungen ist. Immerhin durfte ich 2007 an der Weltmeisterschaft teilnehmen, was eine tolle Erfahrung war. Mitte 2012 hatte man dann, ohne es mir mitzuteilen, für mich entschieden, dass ich nun bereit wäre als Co-Moderatorin der ESL Meisterschaft aufzutreten. Der Aufnahmeleiter teilte mir das fünf Minuten vor Sendungsbeginn mit! Eine Entscheidung, worüber ich im Nachhinein sehr glücklich bin.

Wie es eigentlich für Sie als Frau in der männlich dominierten Gamer-Szene?

Ich müsste lügen wenn ich diese Frage anders als mit „schwer“ beantworten würde. Aber man muss auch sagen, dass es kein Moderator oder Experte in dieser Branche leicht hat. Es ist eine sehr spezielle Zielgruppe, die ich als Moderatorin anspreche, denn sie ist selbst Experte auf dem Gebiet. Daher erwartet sie ein überaus hohes Maß an Authentizität und Wissen von den Akteuren vor der Kamera, besonders im Bereich E-Sports. Ist dies nicht gegeben, wird der Moderator, Experte oder Reporter von den Gamern nicht angenommen.

„Durch Computerspiele findet man Freunde“

Kommen wir zu „Art of Gaming“: Warum haben Sie bei dem Webmagazin von Arte Creative mitgemacht?

An dem Format Art of Gaming hat mich fasziniert, dass in einem gewissen Maß „hinter“ die Kulisse der Computerspiele geschaut wird. Es werden die unterschiedlichsten Aspekte von Computerspielen beleuchtet, die man üblicherweise nicht berücksichtigt oder sich dessen überhaupt nicht bewusst ist, dass sie eine Rolle spielen. Mich reizt auch der Austausch mit den Experten und den wahnsinnig faszinierenden Menschen, die ich während der Drehs kennenlernen darf.

In „Art of Gaming“ wird auch darüber gesprochen, was Menschen beim Spielen empfinden. Wie schätzen Sie das als Gaming-Expertin ein? Was wollen Computerspiele vermitteln?

Computerspiele dienen in erster Instanz dem Entertainment. Sie wollen dem Spieler eine gute Zeit bescheren, sie wollen unterhalten und glücklich machen. Es geht darum, die eigene Freizeit nach persönlichen Vorlieben zu gestalten. Computerspiele bieten einem aber auch die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden und Freundschaften zu schließen, auch über geografische Einschränkungen hinaus. Man kommt mit Menschen in Kontakt, die man so vielleicht nie kennengelernt hätte. Computerspiele wollen Freiheit vermitteln und das tun sie auch.

Das sind sehr positive Worte! Aber sehen Sie auch die Gefahr, dass sich Menschen in Spielen „verlieren“ und sich der Zeitvertreib zum Zwang entwickelt?

Der Mensch ist ein Wesen, das sich in allen Tätigkeiten verlieren kann, wenn sie mit Leidenschaft verfolgt werden. Menschen können sich im Sport verlieren, in der Arbeit, im Essen oder im Fernsehkonsum, deswegen sicherlich auch in Computerspielen. Wichtig ist nur zu wissen, dass all dies durch andere Umstände, die den Menschen unzufrieden machen, ausgelöst wird und nicht durch das Konsummittel selbst. Ein Computerspiel kann meines Erachtens nach das Wesen eines Menschen nicht beeinflussen, das können nur andere Dinge und Umstände.

„Computerspiele sind Kunst“

In einer Folge von Art of Gaming redet Trinity, die französische Pro-Gamerin, über den Spieler als Künstler. Was ist für Sie Kunst – und was ein Künstler?

Kunst ist das Schaffen von Dingen, die andere Menschen glücklich machen, inspirieren, sie motivieren, ihnen Trost spenden, sie aufbauen und unterstützen. Kunst ist also das Schaffen von etwas, das einen Mehrwert für Andere darstellt. Ein Künstler ist für mich jemand, der es versteht, andere Menschen mit seinen Werken zu begeistern und sie mit auf die von ihm erschaffen Reise zu nehmen.

Und was ist für Sie Kunst bezogen auf Computerspiele? Sind diese auch Kunst?

Nicht viel anders. Aus vielen Blickwinkeln betrachtet sind Computerspiele für mich Kunst. Wenn man die optische Aufmachung vieler Computerspiele betrachtet und sich die ganzen Details und Kleinigkeiten vor Augen führt und auch das Maß an Arbeit berücksichtigt, das in die Erschaffung geflossen ist, ist es schwer zu leugnen, dass Computerspiele Kunst sind. Zu dem künstlerischen Aspekt gehört neben der Optik aber auch die Entwicklung der Story und des Soundtracks. Computerspiele sind unglaublich vielschichtig und kreativ, womit sie der Bezeichnung als Kunst, zumindest in meinen Augen, absolut gerecht werden.

Eine letzte Frage: Können Sie sich vorstellen irgendwann keine Computerspielen mehr zu spielen?

Computerspiele gehören seit ich aufrecht sitzen kann zu meinem Leben. Daher vermute und hoffe ich, dass sie mich noch eine ganze Weile begleiten werden.

Das Interview führte Valeska Schößler

Art of Gaming

„Art of Gaming“ ist das neue Webmagazin von ARTE Creative. Es betrachtet Videospiele als Kunstform. In jeder Folge laden Melek Balgün und ihre Kollegin Trinity Experten und Künstler ein, um mit ihnen zu spielen und darüber zu diskutieren.

Kategorien: April 2017