Ebola, Epedemien, Janet Tobias, Zika

„JEDER VON UNS HAT EINE VERANTWORTUNG“

Der Dokumentarfilm „Viren – Die unsichtbareren Feinde“ geht weltweiten Epidemien wie Ebola, Zika und Grippe auf den Grund. Im Interview spricht Regisseurin Janet Tobias über den gefährlichen Dreh und ihre persönlichen Erkenntnisse aus dem Film.

Mitarbeiter der Ebola Treatment Unit (ETU) vor desinfizierten Schutzstiefeln WDR / © Christ. Beauchamp/Unseen Enem

ARTE Magazin: Frau Tobias, für Ihren Film „Viren – Die unsichtbareren Feinde“ begleiteten Sie nicht nur Ärzte, die an Therapien gegen gefährliche Viren forschen. Sie kommen auch den Menschen sehr nah, die durch Epidemien Angehörige und Freunde verloren haben. War es Ihnen wichtig, das Thema auch emotional zu erzählen?

Janet Tobias: Die Idee für den Film gab es schon 2012. Wir wollten eine Art Rückblick über die Epidemien der vergangenen Jahre und Jahrzehnte machen. Wäre es dabei geblieben, hätte der Fokus des Films tatsächlich sehr viel mehr auf der Forschung gelegen, auf der Theorie, auf größeren geopolitischen Zusammenhängen. Dann kam Ebola. Schnell war uns klar, dass der Film aktuell sein muss. Und dass wir die Geschichten der Menschen erzählen wollen, die betroffen sind.

Sie filmten im Sommer und Herbst 2014, auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie, über mehrere Wochen in einem Krankenhaus in Liberia. Hatten Sie keine Angst, sich anzustecken?

Die Angst war natürlich immer da. Aber das ganze Filmteam hatte vor dem Dreh ein Training in New York erhalten. Mit vor Ort war außerdem der Leiter der Logistik, Aldo Kane, der eine Spezialausbildung erhalten hat. Er hat jeden Schritt von uns überwacht. Gefährlich waren die Momente, in denen man selbst nachlässig wurde. In der Schutzkleidung schwitzt man unglaublich, verliert eine Menge Flüssigkeit. Der Impuls, sie einfach auszuziehen, war oft da. Aber eine falsche Entscheidung hätte lebensbedrohlich sein können.

Haben Sie sich verantwortlich für Ihr Team gefühlt? Wie sind Sie mit dem Druck umgegangen?

Ich habe mich für jeden Einzelnen von ihnen verantwortlich gefühlt. Wenn etwas passiert wäre, wäre es meine Schuld gewesen. Eine meiner größten Sorgen vor Ort war: Wenn jetzt jemand krank wird, wie kriegen wir ihn hier raus? Er kann sich nicht einfach in ein Flugzeug setzen und nach Hause fliegen, um dort ärztlich behandelt zu werden. Glücklicherweise ist nichts passiert, wir sind alle gesund geblieben.

Gab es Mitglieder Ihres Teams, die nicht mit nach Liberia gekommen sind?

Ja, zwei. Einer sagte zu mir: „Ich kann es meiner Frau nicht antun, sie lässt mich nicht gehen.“ Ein anderer war so nervös, dass ich ihm die Entscheidung letztlich abgenommen habe und gesagt habe: Wenn du so große Angst hast, dann nimm es nicht auf dich.

„Es braucht Menschen wie Dr. Moses“

In Liberia begleiteten Sie den jungen Arzt Dr. Moses, der ein Ebola-Zentrum leitete. Monatelang sah er seine Familie nicht, weil er so große Angst hatte, seine Kinder anzustecken.

Dr. Moses ist mein persönlicher Held. Durch ihn ist mir eine sehr wesentliche Sache klar geworden: Wir können die besten Forschungszentren in Berlin, New York und London haben, die brillantesten Wissenschaftler, die tollste neue Ausrüstung. Wenn wir vor Ort keine Menschen wie Dr. Moses haben, die ihr letztes Hemd geben und die richtigen Entscheidungen treffen, wenn eine Epidemie ausbricht – dann sind wir verloren.

„Viren – Die unsichtbareren Feinde“ ist kein Film nur über Ebola geworden. Es geht auch um Zika, Grippewellen, MERS und SARS. Warum war es Ihnen wichtig, auch diese Epidemien zu berücksichtigen?

Wir hätten einen ganzen Film nur über Ebola machen können. Doch dann hätten Zuschauer in Deutschland, England und in den USA gedacht: Das ist ja alles weit weg, das hat nichts mit mir zu tun. Es hat aber mit jedem Einzelnen zu tun. Deshalb war die Geschichte der Familie Zwanziger aus den USA wichtig. Sie verloren eine Tochter, die ihrer Grippe erlag. Eine vorher völlig gesunde junge Frau, die wenige Tage nach der Diagnose starb. Jeder von uns hat eine Verantwortung, dass so etwas in Zukunft seltener passiert.

Was kann denn der Einzelne tun, um Epidemien entgegenzuwirken?

Wenn wir uns krank in die U-Bahn setzen, kann es sein, dass wir jemanden anstecken, dessen Immunsystem mit der Grippe nicht klarkommt und daran stirbt. Verhindern können wir das, indem wir uns jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen. Der Film hat bei mir und meinem Team ein Umdenken bewirkt, und ich hoffe, dass er das auch bei vielen Zuschauern erzielt. Sicher, auch die Forschung steht in der Pflicht, bessere Impfstoffe zu entwickeln. Und es muss viel schneller reagiert werden, wenn irgendwo ein gefährlicher Virus ausbricht. Aber ich wollte die Zuschauer nicht hilflos zurücklassen, sondern ihnen zeigen: Es kommt auf uns alle an.

Das Interview führte: Carla Baum

Zur Person
Nach ihrem Studium an der Yale Universität begann Janet Tobias zunächst eine Karriere beim Fernsehen. 2001 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Sierra/Tango Productions. Ihre Filme „No Place on Earth – Kein Platz zum Leben“ (2012) über jüdische Familien, die sich während des Zweiten Weltkriegs in Höhlen in der Westukraine versteckten, und „Viren – Die unsichtbareren Feinde“ („Unseen Enemy“, 2015) erregten internationale Aufmerksamkeit. Sie ist spezialisiert auf Dokumentarfilme zu den Themen Weltgesundheit und Gesundheitssysteme.

Viren – Die unsichtbareren Feinde

Unsichtbar und gefährlich – Epidemien sind in der heutigen globalisierten Welt eine Gefahr für die Menschheit weltweit. Bevölkerungswachstum, Megastädte, Klimawechsel und Tourismus begünstigen den Anstieg von neuen Krankheiten. Der Mensch dringt immer weiter in bisher unberührte Natur vor und riskiert, dass Viren, die bisher nur Tiere betroffen haben, auf den Menschen überspringen und sich weltweit verbreiten. „Viren – Die unsichtbareren Feinde“ schildert, wie und warum sich einzelne Ausbrüche von Infektionen zu weltweiten Epidemien entwickeln.

Dokumentarfilm
Dienstag, 4. April, 22.10 Uhr auf ARTE

Kategorien: April 2017