Estland, eu, Europa, Kolonialismus, Pufferstaaten, russland

HEIKLE LAGE AM RAND

Die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen über die Pufferstaaten der EU und die notwendige Abgrenzung zu Russland – eine Streitschrift.

© ESL/Helena Kristiansson

Jeder kleine Staat weiß, dass man zusammen stärker ist. Estland ist in der Europäischen Union einer der gefühlten „Pufferstaaten“ gegen Russland. Es ist ein undankbarer Job. Doch nachdem das Land die Unabhängigkeit von der Sowjetunion wiedererlangt hatte, war klar, dass es sich im Westen verankern würde, in Europa.

Estländer haben sich schon immer Europa zugehörig gefühlt. Ihre Kultur ist europäisch. Sie wissen auch, was es bedeutet, wenn ihnen alles mit Gewalt weggenommen wird. Estland war eine Kolonie der Sowjetunion. Die EU ist eine Garantie dafür, dass das kleine Land – meine zweite Heimat – nie wieder unterdrückt wird.

In den früheren Kolonien der Sowjetunion, wie in Estland, umfasste der Prozess der Dekolonialisierung auch die Sprache. Es war wichtig, Ausdrücke zu verwenden, die der tatsächlichen Erfahrung der Menschen entsprachen – denn laut Sowjetpropaganda hatten Besetzung, Verschleppungen und Völkermorde nie stattgefunden. Indem die Sowjetunion diese Wörter in der Sprache nicht zuließ, hielt sie an einer fiktiven Wirklichkeit fest. Eine der Erfolgsgeschichten des alten Nachbarn im Osten ist es, dass es im Westen nicht üblich ist, Imperialismus mit Russland zu verbinden, obwohl die Politik der Sowjetunion eben unter anderem auch auf der Ausbeutung seiner Kolonien beruhte.

Es geht Russland bis ­heute darum, seine früheren Kolonien fest im Griff zu behalten und im Westen Chaos zu erzeugen. Deshalb unterstützt es die meisten rechtsextremen Parteien in Europa. Moskau geht zudem ­riesige Schritte rückwärts, was etwa die Rechte von Frauen und Homosexuellen angeht. Viele europäische Länder werden dagegen immer offener und liberaler. Zum Vorteil der Europäer. Die EU bedeutet für Estland aber nicht nur im negativen Sinn die Abgrenzung zu Russland und seiner Politik – sie hat viele gute Dinge nach Estland gebracht, über die wir sprechen sollten.

Meine Generation ist schon ganz selbstverständlich mit europäischen Werten wie Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Pressefreiheit, Transparenz und Demokratie aufgewachsen. Jetzt aber stehen diese Werte vielerorts wieder auf dem Spiel. Dadurch sehen wir, dass sie zerbrechlich sind – sie sind etwas, das man unterstützen und pflegen muss, wenn wir sie behalten wollen.

Sofi Oksanen

Sofi Oksanen ist eine ­finnisch-estnische Schriftstellerin und gilt als wichtige
Vertreterin­ der internationalen Gegenwartsliteratur.­ In ihren Romanen setzt sie sich mit der ­sowjetischen Besetzung Estlands auseinander.

Kampf um Europa

Dokumentarfilm
Dienstag, 21.3. um 20.15 Uhr

Kategorien: März 2017