Europa, kino, Nische

DIE WUNDERBARE WELT DER NISCHE

Europas Filmschaffende brauchen keine auf Kommerz getrimmten Blockbuster. Ihre Werke berühren auf andere Art, schreibt Film- und Kulturkritiker Georg Seeßlen.

© Andreas Samuelsson / Agent Molly


                                                                                      

Gesellschaftliche Umbrüche, wie sie zurzeit in Europa zu beobachten sind, regen viele Kulturschaffende an, sich mit dem Wandel zu befas-sen. Auch Filmregisseure werden nicht müde, Statements zur aktuellen Situation auf dem Kontinent abzugeben; das zeigen Filme wie „Fuocoammare“, dem letztjährigen Berlinale-Gewinner. Gibt es aber eine gemeinsame europäische Filmkultur, die diesen Namen verdient?

In den USA, das hat der Regisseur Martin Scorsese treffend gesagt, muss Filmkunst als „Schmuggelware“ in die Produktion der Traumfabrik eingebracht werden. Sie ist in Hollywood manchmal so verborgen, dass man sie kaum wahrnehmen kann.In Europa dagegen hat es immer das Bestreben gegeben, dem künstlerischen, experimentellen und eigensinnigen Film ein eigenes Areal zu sichern. Kunst und Kommerz wurden dabei freilich so strikt getrennt, dass die eigentliche Filmkunst wiederum auf ganz andere Weise unsichtbar wurde: durch eine wachsende Kluft zwischen cineastischer Avantgarde und dem sogenannten Publikumsfilm. Am deutlichsten zu erkennen ist diese Kluft am langsamen Aussterben der Programmkinos: Die Nische für anspruchsvollere Filme ist immer kleiner geworden.

Heterogene Szene

Europäische Filmemacher haben die unterschiedlichsten Voraussetzungen und müssen auf die unterschiedlichsten Probleme und Herausforderungen reagieren. Aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit: Jede Regisseurin, jeder Regisseur in Europa muss Filme aus einer konkreten – immer auch national oder regional bedingten – Lebenswelt heraus entwickeln. Zugleich sind europäische Filmschaffende auf die Solidarität und auf die Neugier in anderen Ländern des Kontinents angewiesen.

Es geht also nicht um Filme, bei denen es unerheblich ist, ob sie etwa in Kalabrien oder in Norwegen spielen – Stichwort: Identität. Das norwegische Publikum muss gleichwohl neugierig sein auf einen Film aus Kalabrien – und vice versa. Dies ist denn auch das Wesen einer europäischen Filmkultur: dass sie die heterogene Vielfalt bewahrt, ohne den Austausch zu behindern. Nach einem Boom des Genrefilms in den 1960er und 1970er Jahren wurde Kultur­schaffenden in vielen europäischen Ländern klar, dass das Segment des anspruchsvollen Films ohne gesellschaftliche – und vor allem finanzielle – Unterstützung nicht überleben kann.

Die europäische Filmproduktion fußt seither auf drei ökonomischen Modellen, die miteinander verzahnt sind: Da ist zum Ersten die traditionelle Vermarktung, die auf eine Finanzierung durch Einspielergebnisse und Verkaufserlöse setzt. Da ist zum Zweiten das von Land zu Land sehr unterschiedlich aufgebaute und bisweilen unübersichtliche Fördersystem – nicht nur im nationalen Rahmen, sondern auch in europäischer Koproduktion. Und da ist zum Dritten eine Art des trotzigen Do-it-yourself, das aus Leidenschaft, Solidarität und Enthusiasmus Filme hervorbringt, die sich auf radikale Unabhängigkeit berufen können. Für junge Filmschaffende ist diese dritte Art oft die einzige Option.

Die verschachtelte Filmökonomie macht vielleicht den großen Unterschied zwischen dem europäischen und dem US-amerikanischen Film aus: Wird dort produziert im Hinblick darauf, was der Markt fordert, geht es in Europa eher darum, wie viele und welche Filme sich eine Kultur und eben auch eine Gemeinschaft der Filmkulturen leisten will – und kann.

Relevante Filme fördern

Die Filmproduktion in Europa ist stets auch eine politische und gesellschaftliche Aufgabe – und sie wird entsprechend heftig debattiert. So unterschiedlich sie in den einzelnen Ländern auch sein mag, basiert sie dennoch auf einer paneuro-päischen gesellschaftlichen Übereinkunft. Wir wollen, so ließe sich das entsprechende Credo formulieren, gute und relevante Filme ermöglichen, auch wenn deren Finanzierung vom Kinomarkt allein und von der notwendigen Zusammenarbeit mit dem Fernsehen nicht in jedem Fall gewährleistet werden kann.

Wir wollen ferner, dass Filme vom Werden und Wesen Europas handeln: nicht von Illusion und Gleichgültigkeit, die Blockbuster aus Hollywood oder Bolly­wood oft ausmachen, sondern von Widersprüchen, Konflikten und Eigenheiten. Europäische Filmkultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie sehr verschiedenartige Filme hervorbringt, die mittels Kritik und Neugier aus und in vielen Ländern des Kontinents miteinander verbunden sind. Und die das Publikum ermuntern, über Grenzen hinweg europäische Themen zu diskutieren.

Zur Person

Georg Seeßlen, 68, befasst sich als Kulturkritiker mit Wechsel­wirkungen zwischen Pop­kultur und Politik, zuletzt im Buch „Trump! POPulismus als Politik“.

Cinékino

Eine Reihe über das Filmschaffen in Europa.
Ab Mittwoch, 15.3., 21.50 Uhr

Kategorien: März 2017