Arte, Eugenijus Alisanka, Leipziger Buchmesse, Litauen, Tomas Venclova

LEIPZIGER BUCHMESSE: LITERATURLAND LITAUEN

Litauen ist dieses Jahr Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse. Ein Einblick in die Literaturlandschaft des baltischen Staats und in das Programm des Arte-Stands.

Am 23.3. öffnet die Leipziger Buchmesse ihre Türen © Tom Schulze © Leipziger Messe

Für die Litauer steht 2018 ein bedeutendes Jahr an: Das 100. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung als Republik im Jahr 1918. Doch seitdem hat das kleine Land viel Leid und Unterdrückung erfahren müssen. 1939 fiel die Wehrmacht in den südlichsten der drei baltischen Staaten ein. Die deutschen Truppen besetzten nicht nur das Memelland, das sie als deutsches Staatsgebiet proklamierten, sondern ermordeten bis Kriegsende 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebten die Litauer anschließend mehr als vier Jahrzehnte unter sowjetischer Besetzung. Erst 1990 erlangte Litauen seine Unabhängigkeit wieder. Seit 2004 ist das Land Mitglied der EU.

Die Geschehnisse des letzten Jahrhunderts finden sich in den Romanen und Gedichten der litauischen Schriftsteller wieder. Unter der sowjetischen Besetzung war allein das Verwenden der litauischen Sprache in Lyrik und Prosa ein Akt der Rebellion. Spätestens seit dem Beitritt zur EU spielt auch die europäische Identität und das große Thema „Heimat“ in vielen litauischen Werken eine Rolle.

Eugenijus Ališanka

Eugenijus Alisanka © Vladas Braziunas

Der Lyriker, Übersetzer und Essayist wurde 1960 in Sibirien geboren, wohin seine Eltern vom sowjetischen Regime verbannt worden waren. Als er noch ein Kleinkind war, durften sie in die litauische Haupstadt Vilnius zurückkehren. Ališankas Kindheit und Jugend waren geprägt von der Sowjetbesetzung Litauens – auch deshalb begann er, zu schreiben, als eine Art Ausweg aus der vertrackten Situation um ihn herum.

Der studierte Mathematiker veröffentlichte 2005 den viel beachteten Gedichtband „aus ungeschriebenen geschichten“, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. In zwölf Gedichten verarbeitet Ališanka darin Reiseerlebnisse aus Europa: „wie viele jahre hast du auf dem buckel eugenijus / und auf einmal kommt dir verstand abhanden / und irrt als gespenst durch europa“ (die Kleinschreibung ist ein Stilmittel Ališankas). Auch sein aktuelles Werk „Risse. Streifzüge und Fluchtpunkte“ widmet sich der Reise durch den Kontinent. Mit klarem Verstand, Witz und Ironie blickt er auf die Orte, die er bereist. Sein lyrisches Subjekt hält derweil Zwiesprache mit großen Denkern wie Proust, Barthes und Epikur.

Am Donnerstag, den 23.3., ist Eugenijus Ališanka um 15:00 zu Besuch am Arte-Stand.

Tomas Venclova

Tomas Venclova @Aleksandra Vicius

Der Dichter nennt zwei sehr unterschiedliche Städte seine Heimat: New Haven, wo er als Yale-Professor für russische Literatur tätig ist. Und Vilnius, die Hauptstadt seines Heimatlandes Litauens. 1937 im litauischen Klaipéda geboren, lebt Venclova seit 1977 in den USA. Die Sowjetmächte zwangen den damals 40-Jährigen ins Exil, weil er politischen Widerstand leistete. Seine Heimat durfte er bis zur erneuten Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1991 nicht besuchen. „Als ich weggegangen war, war ich ganz sicher, dass ich Vilnius niemals mehr wiedersehen würde, auch nicht meine Freunde, nicht meine Mutter – und nicht nur Vilnius, auch andere Städte, die mir wichtig sind: Moskau, St. Petersburg und schließlich auch Ostberlin“, sagte Venclova einmal über die schmerzhafte Erfahrung, seine Heimat zu verlassen. Sein lyrisches Werk ist geprägt von der Exilerfahrung und der späten Rückkehr nach Litauen.

»Berühre das Gras nun, das kühle, der Kindheit. / Hier bist du zu Haus. Dreifach soll rauschen das Meer / In der Muschel der Nacht. Daß die Gnade dich finde: / Einer neuen Ära, die keine Posten mehr braucht, / Einer Luft, die sich sehnt nach der einzelnen Stimme.«

Am Samstag, den 25.3. um 14:00 ist Tomas Venclova gemeinsam mit der amerikanischen Lyrikerin Ellen Hinsey zu Besuch am Arte-Stand.

ARTE auf der Leipziger Buchmesse

Vom 23. bis 26. März präsentiert sich ARTE mit einem
Stand im Zentrum der Leipziger Buchmesse (Glashalle, Empore, Stand 11).

Die Messebesucher erwartet dort ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm. Zahlreiche prominente Autoren sind am ARTE-Stand zu Gast, darunter Mathias Enard
(Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2017), Chamisso-Preisträger Abbas Khider und die frisch gekürten Preisträger der Leipziger Buchmesse. Drei Veranstaltungen widmen sich Entdeckungen von besonderen Autoren aus Litauen. Einen weiteren Akzent setzen die Veranstaltungen mit Autorengesprächen zu den ARTE-Filmen „Wahnsinn Nietzsche“, „Die große Literatour“ und „Sanatorium Europa“.

Das Programm am ARTE-Stand (Glashalle, Empore, Stand 11)

Donnerstag, 23. März

10.30 Uhr Wake-up Slam
Der Start in den Messetag.
Mit den Slam-Poeten Temye Tesfu und Volker Surmann

12.00 Uhr Grenzgänger
Unterwegs in China. Der Journalist und Sinologe Tilman Spengler im Gespräch
mit der Fotografin Gitta Seiler („Die Frau im gelben Gewand“)
In Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung

13.00 Uhr Verbotene Lüste
Über den Rausch und die Sucht nach anderen Welten.
Jenny Friedrich-Freksa (Zeitschrift „Kulturaustausch“) im Gespräch
mit der indonesischen Autorin Laksmi Pamuntjak
In Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen

14.00 Uhr Adelbert-von-Chamisso-Preis
Gespräch mit den aktuellen Förderpreisträgern Barbi Marković
(„Superheldinnen“) und Senthuran Varatharajah („Vor der Zunahme der Zeichen“)
Moderation: Wiebke Porombka
In Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung

15.00 Uhr Litauen in Leipzig: „Streifzüge. Risse. Fluchtpunkte.“
Richard Kämmerlings (Die Welt) im Gespräch mit Eugenijus Ališanka
(Essayist und Poet) über die existenzielle Suche nach sich selbst
In Zusammenarbeit mit dem Lithuanian Culture Institute

17.00 Uhr „Wahnsinn Nietzsche“
Das Dokudrama (ARTE/MDR) über den großen Philosophen Friedrich Nietzsche. Gespräch mit der Filmautorin Hedwig Schmutte und dem Historiker Ulrich Sieg
Moderation: Frank Kutter (MDR)

Freitag, 24. März

10.30 Uhr Wake-up Slam
Der Start in den Messetag.
Mit den Slam-Poeten Lars Ruppel und Yasmin Hafedh

11.00 Uhr Preis der Leipziger Buchmesse
Die Juryvorsitzende Kristina Maidt-Zinke im Gespräch
mit den aktuellen Preisträgern
In Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse
und dem Literarischen Colloquium Berlin

12.00 Uhr Grenzgänger
Unterwegs in der Türkei. Die Journalistin Jana Hensel im Gespräch
mit der Autorin Fatma Aydemir („Ellbogen“)
In Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung

13.00 Uhr „Zum Lesen hat man immer Zeit!“
Gespräch mit der Autorin und Regisseurin Adriana Altaras und dem
französischen Botschafter Philippe Etienne
Moderation: Thomas Böhm
In Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.

14.00 Uhr Adelbert-von-Chamisso-Preis
Die Literaturkritikerin Wiebke Porombka im Gespräch mit dem aktuellen
Chamisso-Preisträger Abbas Khider („Ohrfeige“)
In Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung

15.00 Uhr „Wie wir leben wollen“
Gespräch mit den Autoren Inger-Maria Mahlke und Senthuran Varatharajah
über Heimat, Fremde und Identität
Moderation: Maike Albath
In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut

16.00 Uhr „Kompass“
Myriam Louviot (Institut français) im Gespräch mit dem französischen Autor Mathias Enard (Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2017)
In Zusammenarbeit mit dem Institut français

17.00 Uhr „Sanatorium Europa“
Ein Film (ARTE/HR) über die großen Dichter und Denker zu Beginn des
20. Jahrhunderts. Gespräch mit der Filmautorin Julia Benkert und der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot
Moderation: Cécile Schortmann
Ausstrahlung auf ARTE: Mittwoch, 28. Juni 2017, 22.00 Uhr

Samstag, 25. März

10.30 Uhr Wake-up Slam
Der Start in den Messetag.
Mit den Slam-Poeten Michel Kühn und Toby Thompson

11.00 Uhr Preis der Literaturhäuser 2017
Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg) im Gespräch mit der
aktuellen Preisträgerin Terézia Mora
In Zusammenarbeit mit literaturhaus.net

12.00 Uhr Comic hautnah
Gespräch mit dem kanadischen Autor und Zeichner Guy Delisle und Christophe André, Protagonist der dokumentarischen Graphic Novel „Geisel“
Moderation: Myriam Louviot (Institut français)
In Zusammenarbeit mit dem Institut français

13.00 Uhr Lost Generations
Gespräch mit der Autorin Anna Katharina Hahn („Das Kleid meiner Mutter“) und ihrer arabischen Übersetzerin Nermine El-Sharkawy über die Situation junger Menschen in Europa und Ägypten
Moderation: Claudia Kramatschek
In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut

14.00 Uhr Literatur im Tandem
Das Goldschmidt-Programm des Deutsch-Französischen Jugendwerks.
Mit dem Autor Karim Miské („N´appartenir“), der Übersetzerin Elena Stingl
und Sandra Schmidt (DFJW)
Moderation: Alex Rühle (Süddeutsche Zeitung)
In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk

15.00 Uhr Krimi à la française
Gespräch mit den französischen Autoren Caryl Férey und Dominique Sylvain
Moderation: Lore Kleinert
In Zusammenarbeit mit dem Institut français

16.00 Uhr Litauen in Leipzig: „Der magnetische Norden“
Der Lyriker und Essayist Tomas Venclova und seine Dichterkollegin Ellen Hinsey
über Entwurzelung und Heimatlosigkeit
Moderation: Katharina Narbutovič (DAAD)
In Zusammenarbeit mit dem Lithuanian Culture Institute

17.00 Uhr „Die große Literatour“
Ein Film (ARTE/SWR) über Mark Twain und seine Erlebnisse in Deutschland. Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg) im Gespräch mit dem Filmautor
Hartmut Kasper

Kategorien: März 2017