Holland, Niederlande, POLITIK, Re, Reportage, Sylvana Simons, Wahlkampf

SCHÖN LAUT UND MIT HALTUNG

Zu den Parlamentswahlen in Holland tritt Sylvana Simons mit eigener Partei an. ARTE begleitete sie im Wahlkampf. Auftakt der neuen Reportagereihe Re: – ab März auf ARTE.

Sylvana Simons bekommt bei Auftritten Personenschutz © Robin van Lonkhuijsen

Euphorische Nervosität erfüllt den Saal, ein Fotoshooting steht an. Sylvana Simons wirbelt durch den Raum, arrangiert die Gruppen fürs Bild, kontrolliert das Ergebnis durch den Sucher des Fotografen, zuppelt dem Kampagnenchef die Hosenbeine zurecht und gibt abwechselnd Kommandos und Interviews. An Führungsstärke fehlt es dieser Frau ganz offenbar nicht. Sie wirkt bestimmt, zielgerichtet und erfüllt von dem, was sie als Mission sieht. „Was mich Tag und Nacht antreibt, ist die Tatsache, dass wir dringend gebraucht werden. Wir brauchen jetzt eine starke Bewegung gegen den Populismus in den Niederlanden und in anderen Teilen Europas. Ich sehe unsere Demokratie in Gefahr und jemand muss jetzt die Führung des Widerstandes übernehmen.“ Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass diese Person sie sein wird.

Fast jeder im Land kennt ihr Gesicht

„Artikel 1“ lautet der Name der Partei, die Simons aus der Taufe gehoben hat, benannt nach dem ersten Paragrafen der Verfassung der Niederlande, der die Gleichbehandlung aller festschreibt. Es ist die erste Partei, die von einer schwarzen Frau gegründet wurde und deren erste drei Listenplätze weiblich besetzt sind. Der jungen Vereinigung werden bereits gute Chancen eingeräumt, einen oder mehrere Sitze im nächsten Parlament zu ergattern. Denn Sylvana Simons ist berühmt. Fast jeder im Land kennt sie, weil sie 20 Jahre lang im Fernsehen Unterhaltungssendungen moderiert hat und weil sie seit Jahren mit großer Schärfe öffentlich den Rassismus in den Niederlanden anprangert. Jetzt nutzt sie ihre Popularität, um Wähler zu werben. Die Kandidaten hatte sie rasch zusammen. Ein bunter Querschnitt durch so ziemlich alle Gruppen, die sich derzeit von keiner Partei vertreten sehen: „Migranten, Feministinnen, Homosexuelle, Moslems, Atheisten“, wie die Parteigründerin munter aufzählt. Die jüngste Kandidatin ist 18, die älteste 82. Gleichberechtigung ist ihr zentrales Thema.

„Ich zahle einen hohen Preis für mein Engagement“

Es ist noch jede Menge zu tun in der Zeit bis zur Wahl am 15. März. Die junge Partei muss landesweite Bekanntheit erlangen und das Programm ist auch noch nicht fertig. Erstmalig steigen nun gleich mehrere neue Parteien in den Ring, die die Interessen der rund drei Millionen Zuwanderer in den Niederlanden vertreten wollen. Zu den bekanntesten gehört „Denk“, 2014 gegründet von den türkischstämmigen Abgeordneten Tunahan Kuzu und Selçuk Öztürk. Auch Simons war eine der Galionsfiguren von Denk, zu deutsch: „Denk nach“. Dann verließ sie die Partei im Krach, weil sie sich in ihrem Engagement für Frauen und Gleichstellungsfragen alleingelassen fühlte.

Der Streit eskalierte in der Presse und jetzt will Denk Simons verklagen. Ein Konflikt, den die gebürtige Surinamerin in diesen Wochen führen muss – parallel zum Wahlkampf. Sie nimmt es in Kauf. „Ich zahle einen hohen Preis für mein politisches Engagement. Den zahle ich gerne, aber nicht für halbe Sachen.“ Der Preis ist der Personenschutz, den Sylvana Simons jetzt bei öffentlichen Auftritten braucht, die Morddrohungen, die Schmähvideos, die Vergewaltigungsfantasien, der ganze Hass, der ihr im Netz entgegenschlägt. Immer wieder gerät sie in die Kontroverse, auch wegen ihrer rigorosen Haltung. „Ich stand immer in der Öffentlichkeit und kann damit umgehen, dass jeder zu allem, was ich tue, eine Meinung hat. Sogar zu meiner Frisur. Aber seit ich in der Politik bin, hat das eine neue Qualität bekommen. Jetzt fühlen sich Menschen durch das, was ich sage, in ihren Überzeugungen angegriffen. Das erzeugt Ängste und unglaublich viel Wut.“

Wilders im Visier

In der Tat wird der Wahlkampf in den Niederlanden mit großer Härte und rassistischen Untertönen geführt. Der Rechtspopulist Geert Wilders, dessen Freiheitspartei in Umfragen führt, hat es geschafft, die öffentliche Debatte zu kapern. Seine Themen: Überfremdung, Islamismus, Terrorismus. Bei einem seiner wenigen Straßenauftritte verteilte er Pfefferspray-Attrappen an Passantinnen, damit sie sich gegen Asylbewerber zur Wehr setzen können. Seine Hetzparolen gegen die marokkanischstämmige Bevölkerung im Land brachten ihn wegen „Anstiftung zum Hass“ vor Gericht. Er nutzte den Prozess, um sich als Kämpfer für die Meinungsfreiheit zu feiern. „Geert Wilders treibt schon viel zu lange sein Unwesen“, sagt Sylvana Simons. „Ich bin in jeder Hinsicht sein Gegenstück. Es wird Zeit, dass er eine Opposition bekommt, die diesen Namen verdient, und ich bin da, um sie ihm zu bringen“.

Tita von Hardenberg

Lesen Sie mehr zum Thema Europa im aktuellen Arte Magazin.
Cover aktuelles Arte Magazin

ARTE Re:

Ab dem 13.3. erzählt die neue ARTE-Reportagereihe „Re:“ Geschichten von Menschen in ganz Europa. In 28 Minuten zu einem aktuellen Thema zeigt jede Reportage eine Facette des Kontinents, begegnet spannenden Persönlichkeiten und taucht in deren Lebenswelten ein. Immer montags bis freitags um 19:45 Uhr und jederzeit im Netz. Den Auftakt macht die Folge „Re: Die Niederlande vor der Wahl: Welche Richtung für Europa?“.

Re: Was dich bewegt. Reportagen aus Europa
Reportagereihe
ab Montag, 13.3. | 19.45

arte.tv/re

Kategorien: März 2017