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„ICH WILL POLITIK IM PRIVATEN SPIEGELN“

Als die Finanzkrise aus den Medien verschwand, machte sich Jan Gassmann auf den Weg, um einen ungewöhnlichen Dokumentarfilm über die jungen Europäer zu drehen. Im Interview spricht der Regisseur darüber, wie der Dreh sein Bild von Europa veränderte.

Szene aus „Europe, she loves © Arte France“

Arte Magazin: „Europe, she loves“ begleitet vier junge Paare in Tallinn, Sevilla, Thessaloniki und Dublin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu drehen?

Jan Gassmann: Die grosse europäische Krise, die Finanzkrise von 2008 war scheinbar vorüber. Die Krise wurde institutionalisiert, sie war in eine Phase geraten, in der die Geschichten über die junge europäische Generation, Menschen zwischen 20 und 30, langsam verschwanden aus den Magazinen und Zeitungen. Das hat mich interessiert, denn es waren viele Fragen offen, obwohl die Medien schon viel berichtet hatten. Wie ging es diesen Menschen, meiner Generation? War eine positive Veränderung spürbar? Das ist für mich der Moment, in dem Film ansetzt – die Stärken des Dokumentarfilms liegen für mich im Emotionalen, dort, wo man mit der Vernunft nicht mehr weiterkommt. Also beschloss ich, den Moment zu nutzen und einen Film zu machen. Ich brach auf eine Europareise auf.

Wie haben Sie die Orte ausgewählt, an denen Sie gedreht haben?

Die Orte habe ich am Reißbrett ausgewählt. Für mich war es wichtig, dass es nicht die ganz großen Städte waren, sondern solche, die weniger im Fokus sind als beispielsweise Berlin oder Paris. Gleichzeitig war es mir aber wichtig, dass es Städte sind, die eine bewegte Vergangenheit haben. Zum Beispiel Tallinn, dort sind 50 Prozent der Bevölkerung russischsprachig, oder Thessaloniki, das lange türkisch war. Das sind Städte an den Rändern Europas, wo sich kulturelle Bruchstellen befinden.

Und wie haben Sie die die Paare gecastet, die später die Protagonisten des Films wurden?

Vor Ort habe ich fast 100 Paare getroffen, mit allen gesprochen und versucht herauszufinden, was sie beschäftigt, was ihre Probleme sind. Dadurch, dass es so viele Leute waren, war es nicht nur ein Casting, sondern ein wesentlicher Teil der Recherche. Ich wollte wissen: Wie geht’s denen überhaupt? Am Ende war es eher eine Bauchentscheidung, bei manchen hatte ich eben das Gefühl, dass sie bereit sind, mit mir den Film zu machen.

„Ich wollte keinen Film, in dem nur gequatscht wird“

Sie kommen den Paaren sehr nah, filmen sie beim Streit, beim Schlafen, beim Sex. War den Protagonisten und Ihnen von Anfang an klar, dass es so ein intimer Film werden würde?

Ja. Das war mein Ansatz, zu sagen: Ich will Politik im Privaten spiegeln. In Zweierbeziehungen werden oft die gleichen Dinge diskutiert wie im Parlament, nur auf andere Weise. Wenn es um die Freiheit und die Zukunftspläne von Paaren geht, spiegeln sich darin große gesellschaftliche und politische Fragen. Für mich war es von Anfang an klar, dass es auch Szenen geben würde, in denen die Protagonisten nackt sind, dass auch Sexualität eine Rolle spielen würde. Ich wollte nicht nur einen Film, in dem nur gequatscht wird, sondern in dem auch die Körpersprache eine große Rolle spielt.

Was verrät der Alltag der jungen Paare über den Zustand von Europa?

Dadurch, dass die ökonomische Lage sehr schwierig ist, zeigt sich ein verstärkter Eskapismus. Das zeigt sich etwa in den Drogenproblemen des Paars aus Dublin. Was bei allen deutlich wird, ist, dass das Vertrauen in die Politik verloren gegangen ist. Es herrscht Politikverdrossenheit. Die Krise ist schon Teil des Lebens der jungen Menschen, sie ist nicht schlimmer geworden, aber besser eben auch nicht. Sie haben gelernt mit ihr zu leben. Vielleicht ist es nun an uns umzudenken. Wir müssen uns vielleicht vom Bild des wohlhabenden, altehrwürdigen Europa verabschieden, das letztlich auch nur durch Ausbeutung schwächerer Regionen diesen Reichtum anhäufen konnte.

„Die Liebe hilft, Probleme zu überbrücken“

Hat die Arbeit an dem Film auch Ihr Bild von Europa beeinflusst?

Am Anfang war ich auf der politischen Ebene idealistischer. Obwohl ich Schweizer bin, oder gerade deswegen bekenne ich mich zum europäischen Gedanken, das wollte ich mit diesem Film ausdrücken. Als ich am Drehen war, habe ich aber gemerkt, dass es in der Realität tatsächlich große Probleme gibt: Die Verwirrung um EU-Politik und nationaler Politik verhindert oft Mitbestimmung.

Gibt es etwas, das alle Paare verbindet, die Sie begleitet haben?

Alle lieben. Die Liebe kann helfen Probleme zu überbrücken und bietet manchmal Halt, wenn es nicht weitergeht. Die Beziehung wird immer wertvoller, weil sie nicht ökonomisch aufgewogen werden kann. Wahre Liebe kostet nichts. Aber was ist mit der Zukunft? Will man für den andern alles aufgeben? Oder doch besser auswandern? Die Hoffnung, dass es irgendwo anders besser sein könnte, ist bei vielen durchaus vorhanden.

„Wir müssen wieder für Europa kämpfen“

Die Paare aber verlassen im Film ihre jeweiligen Städte nicht – nur der Gedanke ans Weggehen spielt bei manchen eine Rolle. Spielt „Europa“ für die jungen Leute überhaupt eine Rolle?

Es ist die erste Generation, die nicht für dieses Europa und für die offenen Grenzen gekämpft hat und diese mit einer gewissen Selbstverständlichkeit hinnimmt. Wir nehmen das nicht mehr als etwas Besonderes an, dass wir billig überall hinreisen können und im Internet alles mit dergleichen Währung bezahlen. Die Orientierung geht ganz selbstverständlich über Landesgrenzen hinaus – soll ich als Kellner nach Italien gehen, als Pfleger nach Deutschland? D och nach Brexit und dem Erstarken nationaler Kräfte über dem ganzen Kontinent muss man sagen: Wir, unsere Generation muss wieder für Europa kämpfen, es gibt keine Alternative.

Sind Sie immer noch in Kontakt mit den Paaren?

Ja, wir halten Kontakt und ich habe auch alle wiedergesehen. So ein intensiver Dreh verbindet – über den Film hinaus.

Europe, she loves

13.3., 23.55 Uhr auf Arte
Lesen Sie mehr über Europa im aktuellen Arte Magazin

Kategorien: März 2017