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Frühjahr 1917: Europa zermürbt sich im Ersten Weltkrieg. Plötzlich treffen Breaking News aus Russland ein. Das Volk erhebt sich dort gegen Nikolaus II. Ein Atemloses Jahr im Spiegel moderner Medien.

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Revolution in Russland! Mitten im Ersten Weltkrieg rebelliert das Volk in Petrograd, wie Sankt Petersburg von 1914 bis 1924 heißt. Nach mehr als 300 Jahren stürzt die Familie Romanow vom Thron, am Ende herrschen statt Zaren die Bolschewiki. Sinnbild der Zeitenwende ist der Sturm der Rotgardisten auf das Winterpalais. Damit aber hat sich gleich ein Fake in die Zeugnisse des Umsturzes eingeschlichen: Das in diesem Zusammenhang oft abgebildete Motiv entstammt dem erst 1927 gedrehten Film „Oktober“ von Sergej Eisenstein. Eine Chronologie der tatsächlichen Ereignisse:

23. Februar* (8. März) 1917

Die Versorgungslage der Bevölkerung im dritten Jahr des Kriegs ist katastrophal. Vor den Lebensmittel- und Bäckereiläden in Petrograd bilden sich endlose Schlangen. Am Internationalen Frauentag entlädt sich die Wut über stundenlanges Anstehen für einen kleinen Kanten Schwarzbrot. Die Frauen formen einen Demonstrationszug, der schnell anwächst, und skandieren: „Brot! Brot!“ Dem Zug schließen sich die Streikenden der Putilow-­Werke, Russlands größter Rüstungsfabrik, und Arbeiter anderer Industriebetriebe an. Die Revolution hat begonnen. 200.000 Menschen protestieren in den Straßen der Hauptstadt des Reichs. Zar ­Nikolaus II. will mit Gewalt gegen den Aufruhr vorgehen. Vom Armee-Hauptquartier im 290 Kilometer entfernten Pskow aus befiehlt er, die Aufständischen in Petrograd niederzuschießen. Viele Soldaten aber verweigern den Befehl.

27. Februar* (12. März) 1917

Revoltierende Truppen stürmen die Peter-und-Paul-Festung, ein berüchtigtes zaristisches Gefängnis, und befreien dort inhaftierte Arbeiter-Aktivisten. Bei deren erster Versammlung im Taurischen Palais wird ein provisorisches Exekutivkomitee gebildet – und das Verlautbarungsorgan „Iswestija“ gegründet. Mit der konstituierenden Sitzung des „Sowjet“ genannten Arbeiterkomitees am Folgetag beginnt eine Doppelherrschaft. In einem Flügel des Palais tagen die Arbeiter- und Soldatendeputierten, im anderen die Mitglieder der Duma, also jene Parlamentsabgeordnete, die sich einer vom Zaren im Dezember 1916 verfügten Suspendierung widersetzen.

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1. März* (14. März) 1917

Die ungleichen Partner sind in einer höchst fragilen provisorischen Regierung vereint und verständigen sich auf ein Regierungsprogramm. Einziger Sozialist unter den Ministern ist Alexander Kerenski, der im Juli 1917 letzter Ministerpräsident vor der Machtübernahme durch die Bolschewiki werden wird. Der Petrograder Sowjet hält sich bei der Regierungsbildung zurück: zu viele bürgerliche Kräfte. Man will das Provisorium zum geeigneten Zeitpunkt mit einer weiteren, sozialistischen Revolution überwinden und verfolgt mit Befehlen an Soldaten eigene Ziele.

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2. März* (15. März) 1917

Nikolaus II. dankt ab. Zunächst will er seinem schwer kranken Sohn Alexej den Thron vermachen. Dann aber erklärt er den Rücktritt zugunsten seines Bruders, Großfürst Michail. Der wiederum verzichtet umgehend. So enden auf einen Schlag drei Jahrhunderte Romanow-Dynastie und das Zarentum.

3. April* (16. April) 1917

Lenin ist zurück in Petrograd. In einem gesonderten Waggon ist Wladimir Iljitsch Uljanow, wie der Revolutionär mit dem berühmten Decknamen tatsächlich heißt, aus dem Schweizer Exil quer durch Europa bis an die russische Grenze gebracht worden. Die deutsche Heeresleitung und das Auswärtige Amt haben tatkräftige Hilfe geleistet. Sie wollen den Kriegsgegner Russland durch das Einschleusen radikaler revolutionärer Kräfte destabilisieren. Der Bolschewik Lenin, seit 1895 beinahe ununterbrochen in der sibirischen Verbannung oder als Exilant im Ausland, scheint dafür der richtige Mann. Kaum angekommen in Petrograd, veröffentlicht der Vertreter eines radikalen Umsturzes einen Zehn-Punkte-Plan, seine „Aprilthesen“, als Anleitung für die künftigen kommunistischen Machthaber.

4. Juli* (17. Juli) 1917

Noch immer kämpft Russland im Weltkrieg, die provisorische Regierung mit ihren gemäßigten Kräften behauptet sich allen Widerständen zum Trotz im Amt. Organisierte Massenproteste von Arbeitern und Matrosen bleiben folgenlos. Höchst unzufrieden mit dieser Entwicklung, stachelt der Petrograder Sowjet Soldaten zum Sturm auf den Regierungssitz im Taurischen Palais an. Der gewaltsame Umsturzversuch misslingt, regierungstreue Regimenter kämpfen ihn nieder, 800 Bolschewiki kommen in Haft. Das Partei­organ „Prawda“ wird verboten. Lenin als einer der geistigen Rädelsführer befindet sich während des Juliaufstands „zur Erholung“ in Finnland und lebt fortan dort im Exil. Neuer Ministerpräsident Russlands wird Alexander Kerenski. Stabilität kann er dem Land nicht bringen. Stattdessen schwächen militärische Niederlagen an den Kriegsfronten und eine immer dramatischere Versorgungslage der Bevölkerung die Regierung weiter.

10. Oktober* (23. Oktober) 1917

In einer konspirativen Nachtsitzung entscheidet das Zentralkomitee der Bolschewiki, dass der richtige Zeitpunkt für den bewaffneten Aufstand gekommen ist. Bei Wahlen hat die Bewegung zuvor über Monate ihre Position russlandweit bei vielen Sowjets gefestigt, nun bläst sie in Petrograd zum Sturz der Regierung. Auch wenn Lenin längst heimlich aus dem finnischen Exil zurückgekehrt ist: Die bestimmende Figur der Oktoberrevolution wird erst einmal ihr Organisator Leo Trotzki, der eigentlich Lew Dawidowitsch Bronstein heißt.

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25. Oktober* (7. November) 1917

Strategische Punkte in Petrograd werden von bewaffneten Bolschewiki und ihren Verbündeten besetzt. Ein Schuss des Panzerkreuzers „Aurora“ ist das Signal für den Angriff auf das Winterpalais, der unspektakulär verläuft. Wie schon im März beim Aufstand gegen den Zaren gibt es auch beim neuerlichen Umsturz kaum Gegenwehr, vermerkt der Marxist und Journalist Nikolaj Suchanow­ in seinem Revolutionstagebuch. Am nächsten Tag ist Lenin scheinbar am Ziel: Er hat die Macht in Russland, kann einen Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich aushandeln und den Weg für die Sowjetunion ebnen. Kaum jemand ahnt wohl zu diesem Zeitpunkt, dass Russland ein mehrjähriger Bürgerkrieg zwischen Roten (Bolschewiki) und Weißen (Monarchisten, Republikaner und gemäßigte Sozialisten) mit Millionen Toten bevorsteht.

17. Juli 1918

Nach seiner Abdankung in die sibirische Verbannung geschickt, soll dem früheren Zaren nun doch der Prozess in Moskau gemacht werden. Schließlich überwiegt die Furcht der Bolschewiki, Nikolaus könnte zur Symbolfigur der Weißen im Bürgerkrieg werden. In der Nacht werden die Romanows in Jekatarinburg erschossen. Der letzte Zar ist tot.

*Angaben nach dem julianischen Kalender, der in Russland bis Februar 1918 galt

Oliver de Weert

ARTE Schwerpunkt

Revolution in Russland: Der Sturz des Zaren als modernes News-Ereignis – und was daraus resultierte.

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Kategorien: Februar 2017