centre pompidou

Pariser Paradox

Vor 40 Jahren eröffnete in Paris das Centre Pompidou als ein Denkmal der Moderne. Die Geschichte seiner Entstehung in einer Zeit der Widersprüche.

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Als am 31. Januar 1977 in Paris das Centre national d’art et de culture Georges-Pompidou eröffnet, befinden sich Paris, Frankreich, ja vielleicht große Teile der gesamten Welt noch in den Nachwirkungen eines Fiebers, das sie sich in der 68er-Bewegung zugezogen hatten. Das Gebäude ist ein Kind dieser Zeit; Form, Statik und die Konstruktionstechnik haben es zu einem der bedeutendsten Werke der Architektur des 20. Jahrhunderts gemacht. Wie der Eiffelturm ist das von Renzo Piano, Richard Rogers und Peter Rice geplante Gebäude zu einem Symbol von Paris geworden.

Die mit den Studentenprotesten vom Mai 1968 entzündeten Umwälzungen hatten Politik und Gesellschaft aufgerüttelt und begannen, sie zu verändern. Während Staatspräsident Charles de Gaulle 1969 in den letzten Zügen seiner Amtszeit noch die Losung „la réforme oui, la chienlit non“ („Reformen ja, Chaos nein“) als Antwort auf die Aufstände der Studenten ausgegeben hatte, war es der auf ihn im selben Jahr folgende Regierungschef Georges Pompidou, der diese polemische Formel in Politik zu gießen hatte, um der Geschehnisse Herr zu werden. Noch immer war auf den Pariser Straßen das Echo der Ereignisse spürbar. Als Antwort auf die Frage nach Funktion und Nutzen von Kultur, die in dieser Zeit energisch gestellt wurde, förderte Pompidou den Bau des Centre am Plateau Beaubourg. Doch Pompidou dachte dabei nicht nur nach innen. Mit dem Kulturzentrum wollte er die Führungsrolle Frankreichs im Modernisierungsprozess der westlichen Welt bekräftigen. Es galt, die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten herauszufordern, New York die Rolle der Kulturhauptstadt des 20. Jahrhunderts zu entziehen und für Paris zurückzuerobern.

Kein Wunder also, dass dem Centre nicht erst bei seiner Fertigstellung große Relevanz zugeschrieben wurde, sondern es schon im Ausschreibungsverfahren auf enorme Resonanz stieß. Der Wettbewerb war Architekten vorbehalten. Deshalb war das renommierte Ingenieurbüro, das Ove Arup in London gegründet hatte, von der Teilnahme ausgeschlossen und musste sich auf Anraten des deutschen Architekten Frei Otto mit den beiden 30-jährigen, noch unbekannten Bauplanern Richard Rogers und Renzo Piano zusammenschließen. Unter dem Vorsitz von Jean Prouvé stimmten acht der neun Jury-Mitglieder aus den 681 Einreichungen für die von Rogers, Piano und Peter Rice, der für die Arup-Ingenieure dem Team vorstand. Eine viel diskutierte Entscheidung: Mit ihr, so Prouvé später, habe die Jury lediglich die Vorgaben Pompidous umgesetzt. Sowohl den Aufsehern des Centres als auch der Kultur sollten die Uniformen genommen werden, formulierte es dagegen der spätere Leiter der Abteilung für die angewandten Künste des Centres, Pontus Hultén, und erinnerte damit stark an die im Mai 1968 skandierten Parolen.

Überlieferte Ästhetik

Der Entwurf sah eine Reihe von übereinandergelegten Piazzen vor, die sich für jede Art von Ereignis und jede mögliche Transformation eignen sollten. Da Piano und Rogers das Gebäude „im Geist von ’68“ auffassten, sahen sie es als „Antimonument“. Nicht als „Museum“, sondern als „audiovisuelles Instrument“. Das Gebäude, das sie als eine „dem Establishment geschnittene Grimasse“ konzipierten, sollte jedoch bald zu den meistbesuchten Bauwerken der Welt zählen – und letztlich doch ein Monument werden, das das 20. Jahrhundert Paris hinterlassen hat.

So sehr das Centre Pompidou als Beispiel der zukunftsweisenden Moderne, als eine der prägnantesten Manifestationen der neuen Ästhetik der „civilisation machiniste“, einer Art Kultur der Maschinen, gilt, so ist seine Konstruktion in Wirklichkeit das Ergebnis eines engen Dialogs mit den Ursprüngen dieses Formgefühls. Die Idee seiner Konstruktion orientiert sich an den großen Pariser Eisenbauten des 19. Jahrhunderts, die „das Ende der Stereometrie zugunsten der Tektonik“ besiegelten, wie es der Berliner Professor Alfred Gotthold Meyer formuliert hatte. Das Centre Pompidou ist aus vorgefertigten Teilen Stück für Stück zu einem Ganzen zusammenmontiert. Bewusst setzte Ingenieur Peter Rice dabei auf die Faszination von Stahlteilen und reproduzierte sie.

Was die Statik anbelangt, so hat der Entwurf von Rice für sich gesehen kaum etwas Zukunftsweisendes. Genial ist jedoch die Nutzung des Raumes, die er ermöglichte. Um die Geschossebenen von allen Hindernissen zu befreien, beschlossen die Planer um Renzo Piano und Richard Rogers, „Leitungen“ aller Art von „Strömen“, also jeder Art von Bewegung, egal ob von Luft oder durch Publikum, nach außen zu verlegen und alles sichtbar zu machen, was traditionell im Inneren des Gebäudes verborgen bleibt. Aus dieser Idee bezieht das Centre Pompidou sein charakteristisches Aussehen: Seine Hülle ist durch das Unerwartete gezeichnet, durch das, was üblicherweise nicht zur Definition einer architektonischen Form beiträgt. Der Statik, die dies bewerkstelligen sollte, dient abermals eine Innovation des 19. Jahrhunderts als Inspiration: Die Treppen, Aufzüge und Rohrleitungen sind durch Tragarme gestützt; diese wiederum durch das Gewicht der weit spannenden Fachwerksträger ausgeglichen, die die Geschosse tragen. Die Planer nannten die Arme, die Peter Rice schließlich entwickelte, die Gerberetten. Damit schufen sie eine Hommage an den deutschen Ingenieur Heinrich Gerber, der die Gelenkträger 1857 beim Bau der Mainbrücke in Haßfurt entwickelt und erfolgreich eingesetzt hatte.

Das Gebäude, das Paris seine Rolle als Hauptstadt der Moderne zurückgeben sollte, verdankt seine Form also einer Konstruktionstechnik, dem Schmieden, die in den Anfängen der industriellen Revolution verfeinert wurde, sowie einer Erfindung in der Statik, die im 19. Jahrhundert erprobt worden war. Es entstand als Manifestation gegen das Establishment und wurde zur Institution. Nur zwei der vielen Paradoxe, aus denen das Centre Pompidou geformt wurde und die es zu einer vielsagenden Demonstration gemacht haben: dass auch das, was bereits existiert, eine unerschöpfliche Quelle für Überraschungen bleibt.

Francesco dal Co

Zur Person: Francesco dal Co
Der italienische Professor für Geschichte und Architektur lehrt an der Università Iuav di Venezia (IUAV) und ist Herausgeber der Architekturzeitschrift „Casabella“. Im Januar erschien sein Buch „Centre Pompidou. Renzo Piano, Richard Rogers, and the Making of a Modern Monument“ (Yale University Press).

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Kategorien: Februar 2017