Emotionsverstärker

Was passiert im Gehirn, wenn wir Musik hören? Und warum nehmen wir Töne einer LP anders wahr als über MP3? Auf der Suche nach dem perfekten Sound für Körper und Seele.

©Sarah Matuszewski

Vorsichtig trifft die feine Nadel auf die Vinylplatte, die gerade erst den Weg aus der Verpackung gefunden hat. Das wohlbekannte Kratzen setzt ein, kurz bevor die ersten Töne erklingen: „One good thing about music, when it hits you, you feel no pain“, singt Bob Marley in seinem Hit „Trench Town Rock“ vom Live-Album 1975. „Das Gute an Musik ist: Trifft sie dich, fühlst du keinen Schmerz.“ Und tatsächlich spüren wir bei dieser akustischen Erfahrung keinen physischen Schmerz – wohl aber Freude, Erregung, Glück oder Liebeskummer. Die technischen Erfindungen von der Langspielplatte bis zur MP3 sind für uns nicht nur Tonträger, sondern vor allem eins: Emotionsträger. Was passiert in unserem Körper, sobald wir Töne wahrnehmen? Und inwieweit erzeugt eine Platte stärkere Emotionen als eine MP3-Datei?

One good thing about music, when it hits you, you feel no painBob Marley: Trench Town Rock (1975)

„Wenn wir Musik hören, werden in unserem Innenohr die Schallwellen in Nervenaktionspotenziale – die Universalsprache unseres Gehirns – übersetzt“, erklärt der Neurophysiologe Dr. Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. „Diese Erregung wird dann über den Hörnerv und fünf Umschaltstationen an die Hörrinde des Großhirns weitergeleitet. Dabei werden auch Erinnerungen aufgerufen, und so kann es zu mächtigen Emotionen kommen; uns treten Tränen in die Augen oder wir fühlen uns aktiviert.“ Dass Musik uns berührt, hängt also mit einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Gehirnareale zusammen. Ob wir Musik als gut oder schlecht empfinden, liegt laut Altenmüller vor allem an der persönlichen Vorerfahrung, mit der wir die Klänge assoziieren.

Dass wir Songs von Elvis Presley, Frank Sinatra oder Bob Dylan gern einfangen und festhalten wollen, ist also kein Wunder. Den Grundstein dafür legte seinerzeit Thomas Alva Edison: Als er am 19. Februar 1878 das Patent für seine „Sprechmaschine“ erhielt, hatte er den Weg für die ersten Tonaufnahmen geebnet – zunächst über eine auf Walzen aufgerollte Folie. 1887 entwickelte der Hannoveraner Techniker Emil Berliner den Phonographen zum Grammophon weiter, erstmals mit einer Platte als Tonträger. Doch es sollte weitere 61 Jahre dauern, bis das Material Vinyl seinen Platz in heimischen Wohnzimmern fand – und damit Künstler wie die Beatles unsterblich machte.

Der Hörer macht die Musik

Nach der Erfindung der Kompaktkassette 1963 kamen mit der CD 1982 die ersten digitalen Musikdateien auf den Markt. Die Ära des Raubkopierens nahm hier ihren Anfang, den vorläufigen Höhepunkt erreichte sie mit dem MP3-Format: In den 1990er Jahren hatte Karlheinz Brandenburg das Verfahren für Audiodatenkompression am Fraunhofer-Institut in Erlangen entwickelt. Das Grundprinzip: Von den Geräuschen, die uns ständig umgeben, filtert unser Gehirn automatisch bestimmte Frequenzen heraus, die sich überlagern oder die nicht in unseren Hörbereich fallen. Auf der MP3-Datei werden diese „überflüssigen“ Frequenzen nicht gespeichert, wodurch sich die Datenmenge erheblich verringert. Eine Minute Musik im MP3-Format nimmt so nur ein Megabyte in Anspruch – bei einer CD sind es etwa zehn Megabyte.

Die Frage, die sich einige Forscher seither stellen, ist, ob wir die feinen Veränderungen komprimierter Daten wahrnehmen können. So hat ein Forscherteam der TU Berlin um den Neurotechnologen Dr. Benjamin Blankertz untersucht, inwieweit unser Gehirn diese veränderten, geradezu „gesäuberten“ Dateien ausgleichen muss: „In unserer Studie fanden wir heraus, dass kleine Abweichungen in Audiosignalen messbare Veränderungen der Hirnsignale hervorrufen können, selbst wenn diese Störungen nicht bewusst wahrgenommen werden“, so Blankertz. Ob das Gehirn dadurch schneller ermüdet, müsste laut Blankertz eine weitere Studie klären.

Was also ist das Geheimnis des perfekten Sounds? „Oft sind es erst kleine Ungenauigkeiten der Musiker, die den Hörgenuss vergrößern, etwa bei der CD-Aufnahme eines Live-Auftritts“, erklärt Altenmüller. „Studioaufnahmen wirken dagegen meist steril und überkontrolliert.“ Altenmüller spielt auch hier auf die Erinnerungen und auf das Menschliche an, das kein noch so perfekter Tonträger erreichen kann. Denn, so der Experte: „Erst der Hörer macht die Musik.“ Vielleicht erlebt die Vinylplatte auch deshalb seit 2007 einen Aufschwung: 2015 wurden 2,1 Millionen Stück in Deutschland verkauft. Im letzten Jahr überstiegen die Schallplattenverkäufe in Großbritannien sogar erstmals die Download-Umsätze. Denn was gibt es Schöneres als das wohlig untermalende Knacken der LP, um sich seinen Emotionen hinzugeben? Um es also mit Bob Marleys Worten zu sagen: „Triff mich mit Musik“ – „Hit me with music!“

Karoline Nuckel

ARTE Highlight

In sechs Episoden macht die Dokureihe die Geschichte der Musikaufzeichnung lebendig – von den ersten Tonträgern über die Bedeutung der E-Gitarre bis zum modernen Musiksampling.

Achtung, Aufnahme! In den Schmieden des Pop

Dokureihe
ab Freitag, 10.2. | 21.45

Kategorien: Februar 2017