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Die Ware Blut

Auf dem Weltmarkt ist Blutplasma teurer als Erdöl – Tendenz steigend. Die Filmemacher Marie Maurisse und François Pilet sind für ARTE den Spuren des neuen Golds gefolgt.

©Lisa Rienermann

  • Nur 3 % der Deutschen spenden Blut
  • 200 Euro kostet ein Liter Blutplasma aus Frankreich – nur 100 Euro ein Liter aus den USA
  • 60 Dollar bekommt ein US-amerikanischer Blutspender pro Woche. Viele ernähren davon ihre Familien
  • 530 privat betriebene Plasmazentren gibt es in den USA
  • Mehr als 30 verschiedene Medikamente werden aus Blutplasma erstellt
  • EU-Staaten decken mehr als 50 % ihres Bedarfs mit Plasma aus den USA

 

Handball-Star Andreas Wolff und ein kleiner Junge sollen die Deutschen zum Blutspenden bewegen. Auf dem Plakat des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hält der Sportler die Hand seines kleinen Mitstreiters fest, dazu prangt der Schriftzug: „Blutspenden. Dabei sein ist alles.“ Das DRK, das rund 70 Prozent der Blutspenden in Deutschland verwaltet, ist auf 15.000 Spender täglich angewiesen, um den Bedürfnissen Schwerkranker nachzukommen und Leben zu retten.

Nur drei Prozent der Deutschen spenden überhaupt Blut – Tendenz sinkend. Es ist eine altruistische Geste, ein Ausdruck von Solidarität. Aber hinter diesen hohen Prinzipien versteckt sich auch eine andere Realität: Das menschliche Blut ist zur Ware geworden.

Der Saft des Lebens besteht aus roten Blutkörperchen, Blutplättchen und Blutplasma. Erstere beide können nicht ohne Weiteres konserviert werden. Sie werden sofort aufbereitet und auf den Weg in das nächste Krankenhaus gebracht. Ganz anders ist es beim Blutplasma, das 55 Prozent des Blutvolumens ausmacht. Es kann über Monate eingefroren werden, ohne dass seine Eigenschaften beeinträchtigt werden. Und so kann es auch quer über den Planeten transportiert werden, um es entweder direkt einer kranken Person zu bringen oder daraus Medikamente gegen Immunkrankheiten herzustellen.

Das macht das Blutplasma zu einer heiß begehrten Ware: Auf dem Weltmarkt ist das „gelbe Gold“ heute teurer als Erdöl. Mehr als 30 verschiedene Medikamente werden aus ihm hergestellt, sie sind wichtiger Bestandteil von Impfstoffen. Deshalb mischen hier mehr und mehr private Anbieter mit, konkurrieren mit staatlichen Versorgern. Eine legale Branche, die aber überaus verschwiegen bleibt.

Blutspenden als Geldquelle

Die EU-Staaten haben sich 1997 in einem Abkommen des Europäischen Rates gegen jegliche Kommerzialisierung des menschlichen Körpers ausgesprochen. Doch diese ist längst Realität. In Deutschland, Österreich und Tschechien gibt es kommerziell betriebene Plasmazentren. Zwar sind drei Viertel der Blutspenden hierzulande tatsächlich eine Spende und damit ohne Gegenleistung. Wer aber etwa in Zentren der deutschen Haema AG spendet, bekommt 20 Euro dafür. Mit vier Prozent Marktanteil ist sie derzeit noch marginal, sie ist allerdings der größte private Anbieter und wächst stark.

In den USA sind finanzielle Gegenleistungen für die Blutabgabe längst die Regel. Die Vereinigten Staaten sind der größte Exporteur von Blutplasma. Und die EU-Mitgliedstaaten decken die Hälfte ihres Bedarfs aus Plasma amerikanischer Spender. Europa hängt buchstäblich am Tropf der USA.

Ich bin wie eine Kuh. Ich gebe meine Milch

Über 530 privat betriebene Plasmazentren haben die großen Pharmaunternehmen dort eingerichtet. Sie liegen meistens in ärmeren Gegenden der Städte. In Cleveland etwa, in den Stadtteilen Lorrain oder Maple Heights. Zweimal pro Woche kommen Menschen hierher, um jedes Mal einen Liter Blutplasma zu spenden – für rund 30 Dollar. „Ich bin wie eine Kuh“, sagt einer der Blutspender. „Ich gebe meine Milch.“ Trotz der extremen Müdigkeit und Schlappheit, die der starke Blutverlust mit sich bringt, kehren diese Menschen immer wieder zurück. Sie brauchen das Geld, um zu überleben, um ihre Familie zu ernähren. Junkies finanzieren damit ihre Abhängigkeit. Natürlich birgt diese Praxis erhebliche Risiken. Studien haben gezeigt, dass bezahlte Blutabgaben sehr viel wahrscheinlicher verunreinigt sind, etwa weil der Spender den Zustand seiner Gesundheit verschleiert hat, um an das Geld zu gelangen. Hatte er in den letzten Wochen risikobehaftete sexuelle Kontakte? Hat er illegale Substanzen zu sich genommen? Hatte er einen Virus? In Europa kümmert sich geschultes medizinisches Fachpersonal um die Blutspender – auch um sicherzustellen, dass ihre Angaben so wahrheitsgetreu wie möglich sind. In den USA sind die Kontrollen minimal. Spender können ihre Angaben am Computer machen. Einmal entnommen durchläuft das Plasma zwar eine hochtechnologische Lösemittel- und Reinigungsprozedur, ein Prozess, der die größten Infektionen abtötet und die Materie säubert. Darüber hinaus gibt es aber keinen Schutz. Die Risiken sind umso größer, da Zehntausende Liter Plasma miteinander vermischt werden – anders als bei den europäischen Spenden, die meistens individuell verarbeitet werden.

Das Blut der Armen wird den Reichen in die Arme gespritzt.

Die aktuelle Situation wirft ethische Probleme auf, meinen Experten wie Jean-Daniel Tissot, Dekan der Biologischen und Medizinischen Fakultät an der Universität Lausanne. Er sagt, dass „das Blut der Armen den Reichen in die Arme“ gespritzt wird. Ist das akzeptabel, vereinbar mit unseren hohen Ansprüchen an die Integrität des Körpers, jedes Körpers? Die Unternehmen sehen sich nicht in der Verantwortung: Die 20 bis 30 Dollar, die sie den amerikanischen „Spendern“ bis zu zweimal in der Woche geben, seien keine Bezahlung, sondern lediglich eine Entschädigung für die Stunde Zeit, die es dauert, einen Liter Plasma zu geben. Doch die, die ihr Blut abgeben, sagen, dass der Betrag unerlässlich für sie ist, ihr Überleben sichert. In diesem Fall sind die 60 Dollar pro Woche keine Entschädigung, sondern ein existenzieller Verdienst, der für viele Familien nicht mehr wegzudenken ist.

Die USA stellen fast die Hälfte des Blutplasmas auf der Welt. Experten warnen vor dieser starken Abhängigkeit, denn im Fall einer Kontaminierung des amerikanischen Plasmas hätten es europäische Länder schwer, Alternativen zu finden. Nicht umsonst drängt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer wieder darauf, dass mehr Menschen unbezahlt Blut spenden gehen, um eine autarke Versorgung mit sicherem Blut zu ermöglichen. Rund 60 Länder weltweit versorgen sich bereits komplett mit Blut aus unentgeltlichen Spenden – in Deutschland ist das Ziel jedoch noch in weiter Ferne: 2015 exportierten die größten Lieferanten knapp 5.000 Tonnen Blutplasma aus den USA nach Europa. Deutschland steht neben Österreich und Spanien ganz oben auf der Abnehmerliste.

Konzerne drängen auf den Markt

Paradoxerweise ist das Plasma, das dazugekauft wird, am Ende billiger als die Spenden. Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz müssen im Vorfeld viel Geld investieren – in Werbekampagnen, gut ausgestattete Spendezentren und medizinisches Personal. In den Vereinigten Staaten ist das nicht nötig: Dort steigt selbst ohne Öffentlichkeitskampagnen die Zahl der Blutgeber, an Personal wird gespart. Die Folge: Ein Liter Plasma aus Frankreich, wo es für die Blutspende keine Gegenleistung gibt, kostet 200 Euro. Dieselbe Menge aus den USA kommt nur auf die Hälfte, auf 100 Euro – obwohl die Spender bezahlt wurden. Eine enorme Diskrepanz, die chronisch unter Sparzwang stehende Krankenhäuser dazu bringt, sich immer wieder für das amerikanische Plasma zu entscheiden.

Mit ihren Kampfpreisen stechen die privaten Anbieter die staatlichen aus. Das Schweizer Unternehmen Octapharma, einer der größten Akteure weltweit, konnte sich kürzlich die Vormachtstellung auf dem französischen Markt sichern – als Folge eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs. Die Richter entschieden, dass Blut als Medikament gilt, sobald Bestandteile verändert oder zum Produkt verarbeitet wurden. Als solches unterliegt es den Grundsätzen eines freien Marktes und darf deshalb monetarisiert werden. Die Produkte von Octapharma werden alsbald in den französischen Markt drängen, sehr zum Leidwesen der Spendenorganisationen. Nur: Wenn Frankreich es verbietet, Blutspendern Geld zu bezahlen, wieso ist dann der Verkauf von Blutplasma erlaubt, das von Spendern kommt, die bezahlt wurden? „Das ist eine Heuchelei und ein menschlicher Skandal“, bedauert Michel Monsellier, Präsident der französischen Blutspendervereinigung.

Octapharma, mit Sitz im schweizerischen Lachen, wurde 1983 von dem Deutschen Wolfgang Marguerre gegründet. Der ehemalige Familienbetrieb ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Heute ist er in Europa, Amerika und Asien praktisch flächendeckend vertreten. Die Verkaufserlöse belaufen sich auf knapp 1,3 Milliarden Euro jährlich – allein mit Blutplasma. Damit ist Octapharma noch nicht der größte Blutplasma-Konzern auf dem Markt. Das US-Unternehmen CSL Behring oder der spanische Konzern GLS laufen Octapharma den Rang ab. Aber als Nummer drei macht es durchaus global von sich reden.

Die EU bleibt still

In Brasilien und Portugal laufen derzeit Verfahren gegen Octapharma. Der Vorwurf: Korruption. Manager sollen Beamte und Politiker geschmiert haben, um den Marktzugang zu beschleunigen und nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Im vergangenen Dezember ließen Behörden den Unternehmenssitz in Lachen durchsuchen: die Operation „null negativ“. In Heidelberg wurde Vorstandsmitglied Paulo Castro, Nummer vier im Unternehmen, verhaftet – und verschwand unmittelbar von der Webseite des Konzerns. Castro soll den Portugaldeal angeleitet und ein Quasi-Monopol für Octapharma geschaffen haben. Die Führungsspitze weist seither alle Vorwürfe von sich.

Die Probleme, die das Geschäft mit menschlichem Plasma mit sich bringt, könnten sich in Zukunft erübrigen. Wissenschaftler arbeiten fieberhaft an synthetischen Alternativen. Doch der Durchbruch ist bisher ausgeblieben.

Eine Stimme bleibt in dieser Debatte merkwürdig still: die der Europäischen Union. Dabei hätte sie das Mandat, einheitliche Regelungen zu schaffen. Sie könnte auch sicherstellen, dass die EU in der Bereitstellung von Blut autark und selbstversorgend wird. Dann wären Kranke nicht mehr auf amerikanisches Blutplasma angewiesen, das ohnehin unter problematischen Bedingungen bezogen wird. Es gäbe durchaus Handlungsbedarf: Vier von fünf Personen sind in ihrem Leben mindestens einmal auf ein Blutprodukt angewiesen.

Marie Maurisse & François Pilet

Zur Person: Marie Maurisse

Die freie Investigativ-Journalistin und Autorin kommt aus Toulouse. Sie arbeitet seit 2008 in Lausanne, unter anderem als Korrespondentin für „Le Monde“.

Zur Person: François Pilet

Als Mitglied des „International Consortium of Investigative Journalists“ untersucht der Schweizer vor allem Missstände im Gesundheitssektor.

ARTE Thema

Mangelware Blut: Forscher arbeiten fieberhaft an der Herstellung synthetischen Bluts. Währenddessen boomt der Handel mit Blutplasma auf globaler Ebene. ARTE widmet dem Themenkomplex zwei Dokumentationen.

Das Geschäft mit dem Blut
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 21.02. | 20.15

Kampf ums Blut
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 21.02. | 21:10

arte.tv/blut

Kategorien: Februar 2017