Der grosse Cholesterin Bluff

Eier, Butter, Fette: Davor schürten Lebensmittel- und Pharmaindustrie jahrzehntelang die Angst – und verdienten daran. Vom Mythos Cholesterin.

© Serge Bloch

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Bis zu 16 Eier waren es, so berichtete später der Leibarzt, die sich Otto von Bismarck morgens gönnte. Der erste Kanzler des Deutschen Reichs liebte das Essen, besonders in der Früh. Heute kommen statt Frühstückseiern, Speck und Butter die Zweifel – und mit ihnen die Diätmargarine auf den Tisch. Wer will sich schon zu Tagesbeginn seine Blutgefäße ruinieren? Wer für das kurzweilige Gaumenvergnügen später teuer bezahlen, nämlich mit der Gesundheit oder gar mit dem Leben? So wie Bismarck, der schließlich im Rollstuhl saß?

Kaum ein Inhaltsstoff unserer Nahrung hat einen derart schlechten Ruf wie Cholesterin. Schon der Begriff lässt Schlimmes erahnen, bedeutet er doch: „feste Galle“. Dass eine solche nicht in den gesunden Körper gehört, verstehen mithin auch Laien. Es heißt, die Menge an Cholesterin im Organismus so niedrig wie möglich zu halten. Sonst stockt der Blutfluss, Arteriosklerose schleicht sich ein, die gefürchtete Verkalkung der Gefäße. Am Ende drohen Herzinfarkt und Schlaganfall. Das macht Angst. Und deshalb schlucken weltweit etwa 220 Millionen Menschen teure Medikamente, die sogenannten Statine, und noch mehr schmieren sich pflanzliche Spezialmargarinen aufs Brot – alles, um den Cholesterinwert zu senken.

Mehr als drei Viertel sind „krank“

Doch: Die Cholesterin-These wankt. Denn vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei um einen Mythos handelt, der von Lebensmittelherstellern und der Pharmaindustrie am Leben gehalten wird, um eben jene Millionen Konsumenten in ihrer Verunsicherung halten zu können. Allein mit den Cholesterinsenkern erwirtschaften Medikamentenhersteller 25 Milliarden Dollar Umsatz – im Jahr. Zur PR-Strategie gehört dabei auch, auf jene medizinische Fachgremien einzuwirken, in denen der Cholesteringrenzwert festgesetzt wird. In den vergangenen 50 Jahren haben diese den Wert von 260 über 240 und 220 bis auf 200 Milligramm pro Deziliter Blut gesenkt.

Die Europäische Kardiologenvereinigung empfahl vor zehn Jahren sogar einen Wunschgrenzwert von 193, womit drei Viertel aller Erwachsenen krankgeredet und für potenziell therapiebedürftig erklärt würden. „In den meisten Richtlinien zu Cholesterin sind Übertherapien eingebaut“, betont John Abramson von der Harvard Medical School in Boston. Wobei der US-amerikanische Kardiologe den Richtlinien-Autoren weniger ein finanzielles Interesse als einen „überschäumenden Enthusiasmus“ bescheinigen will. Das verlockende Versprechen, mit einem einzigen Kniff – in diesem Falle der Senkung des Cholesterinwertes – schwere Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall in den Griff zu bekommen, habe die Mediziner wohl verführt. „Dabei bleibt mitunter der wissenschaftliche Sachverstand auf der Strecke“, erklärt Abramson.

Dieser Sachverstand hätte den Enthusiasmus bremsen müssen. Im Jahre 2003 versammelte der dänische Mediziner Uffe Ravnskov ein internationales Forschernetzwerk zur Klärung der Cholesterin-Theorie. Aus dessen Arbeit ergab sich die Erkenntnis: „50 Prozent der Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, haben einen hohen Cholesterinspiegel; die andere Hälfte hat einen niedrigen Cholesterinspiegel und dennoch Arteriosklerose.“

Freispruch für das Frühstücksei

Schon länger ist bekannt, dass der Zustand unseres Herz-Kreislauf-Systems von vielen Faktoren abhängt, zu denen auch die genetische und damit unbeeinflussbare Veranlagung gehört. Außerdem ist Cholesterin zwar ein Bestandteil der Plaques, also der Ablagerungen, die an den Innenwänden der Arterien den Blutfluss ausbremsen können. Doch sein Gefährdungspotenzial hängt wesentlich davon ab, wie „ranzig“ es ist, das heißt, wie weit es durch freie Radikale oxidiert worden ist. Erst dann wird an den Blutgefäßen die berüchtigte Arterienverkalkung in Gang gesetzt. Die Senkung des Cholesterinwertes hilft also nur bedingt.

Für das Frühstücksei bedeutet das: Von der Hoffnung, durch Verzicht auf cholesterinhaltige Lebensmittel die Gefährdung für Herz und Kreislauf in den Griff zu bekommen, gilt es, sich zu verabschieden. Im Februar 2015 war ein 14-köpfiges Expertengremium der amerikanischen Gesundheitsbehörde zu ebendiesem Schluss gekommen. Demnach lasse sich, wie in den „Dietary Guidelines“ veröffentlicht wurde, „kein nennenswerter Zusammenhang zwischen dem Cholesterinwert und der Cholesterinzufuhr über die Lebensmittel finden.“ Eine Überdosierung über die Nahrung sei zudem praktisch unmöglich. Was vor allem daran liegt, dass der Körper die Produktion von Cholesterin drosselt, wenn es ihm mit der Nahrung zugeführt wird. Das sei, wie die Experten betonen, „ein Schutzmechanismus, der nur ganz selten nicht funktioniert“.

Das Gehirn braucht Cholesterin

Auch bei cholesterinsenkenden Medikamenten gibt es Zweifel an der Wirksamkeit. Die Experten um Ravnskov kamen zu dem Schluss, dass es zwar unbestritten sei, dass cholesterinsenkende Medikamente das Fett aus den Blutgefäßen verdrängen. „Doch ob dies auch zu einer Senkung des Herzinfarktrisikos führt, ist ganz und gar nicht sicher.“

Auch die internationale Cochrane Collaboration, ein unabhängiger und internationaler Wissenschaftler-Verbund zur Überprüfung medizinischer Therapien, schlussfolgerte in einer Analyse: „Wenn 1.000 Personen fünf Jahre lang ein Statin einnehmen, werden 18 einen Herzinfarkt vermeiden.“ Das ist zu wenig. Es macht also kaum Sinn, jedem mittelalten, übergewichtigen Menschen mit mäßig erhöhtem Cholesterinspiegel ein Statin oder ein vergleichbares Mittel zu verordnen. Vorher müsste man auch, wie Nikolaus Marx von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie betont, „andere Faktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Alter, Geschlecht und eine mögliche familiäre Veranlagung berücksichtigen“.

So unsicher der Nutzen, so problematisch sind zudem die potenziellen Schäden, die durch cholesterinsenkende Arzneimittel verursacht werden können. Denn gerade unser Gehirn braucht Cholesterin, und davon nicht zu knapp. Es ist die Schmiere, die für die notwendige Beweglichkeit der Neuronen sorgt, der Baustoff der Synapsen, also jener Verkehrsknotenpunkte, die überhaupt erst dafür sorgen, dass die Milliarden Nervenzellen im Gehirn sinnvoll in Verbindung treten können. Die Festmasse des Gehirns besteht zu 20 Prozent aus Cholesterin. Wird es diesem System entzogen, leidet schon bald das Gedächtnis.

Wer Statine oder artverwandte Medikamente schluckt, hat im folgenden Monat fast viermal so oft mit Gedächtnisstörungen zu kämpfen wie jemand, der nichts einnimmt. Die Senker führen zudem bei jedem dritten Patienten zu Muskelschmerzen, und sie steigern laut einer aktuellen Studie der University of Texas das Diabetes-Risiko um 87 Prozent. Als Ursache wird unter anderem vermutet, dass die Körperzellen durch die cholesterinsenkenden Medikamente weniger auf das Stoffwechselhormon Insulin reagieren, sodass mehr Zucker im Blut verbleibt. Der Cholesterinwert kann dadurch zwar gesenkt, der Blutzuckerwert jedoch erhöht werden – ein echter Pyrrhussieg.

Zur Sekundärprävention, also zur Verhinderung eines zweiten Infarkts, ist die Wirksamkeit der Cholesterinsenker jedoch nicht zu bestreiten. „Wir sollten diese Patienten nicht weiter verunsichern“, warnt Jonathan Schertzer von der McMaster University in Ontario, „sondern lieber die Medikamente verbessern“. So ist es dem Biochemiker bereits gelungen, den insulinhemmenden Effekt der Statine zu entschärfen. Eine Ernährungsumstellung könne die Therapie nach einem Infarkt unterstützen – und dient letztlich auch als wirksamste Prophylaxe.

Viele Wissenschaftler raten deshalb ohnehin davon ab, cholesterinreiche Nahrungsmittel pauschal auf den Index zu setzen. Viel sinnvoller sei es, die gefährdenden Oxidationsprozesse in den Blutgefäßen zu bremsen. Und das bedeutet, so banal es klingen mag: viel Obst und Gemüse verzehren, für regelmäßige Bewegung sorgen und auf Zigaretten und zu viel Alkohol verzichten. Der Lebenswandel Otto von Bismarcks würde heute also insgesamt als ausschweifend und körperlich belastend gelten – und eben nicht nur seine Liebe zum Frühstücksei.

Jörg Zittlau

 

Die fünf grössten Cholesterin-Irrtümer

Fett

„Cholesterin ist ein Fett“.

Es ist zwar dem Fett ähnlich, doch es zählt zu den sogenannten Sterolen. Im Englischen wird es daher auch „Cholesterol“ genannt.

Herzinfarktrisiko

„Cholesterin ist Hauptauslöser für Herzinfarkte“.

Dafür fehlen eindeutige wissenschaftliche Belege. Beim Infarkt spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, wie etwa Erbgut, Bluthochdruck, Nikotinkonsum, Bewegungsmangel und psychischer Stress.

Zellfunktion

„Cholesterin ist schädlich“.

Tatsächlich braucht unser Körper diesen Stoff, etwa zur Herstellung von Hormonen und als Stabilisator unserer Zellen. Leber und Dünndarm produzieren deshalb

1 bis 1,5 Gramm Cholesterin pro Tag.

Lipoproteine

„Es gibt gutes und böses Cholesterin“.

Gemeint sind damit LDL (Low-Density-Lipoproteine) und HDL (High-Density-Lipoproteine). In beiden ist das Cholesterin jedoch exakt gleich. HDL „kratzen“ Cholesterin aus den Blutbahnen und bringen es zur Leber. Wenn überhaupt, dann wären sie die „Guten“.

Übergewicht

„Dicke Menschen haben hohe Cholesterin-Werte“.

Falsch: Tatsächlich gibt es viele Übergewichtige mit durchaus normalem Cholesterinspiegel und schlanke Menschen mit hohem Cholesterinspiegel.

 

Arte Thema

Zu viel Cholesterin führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen – diese Theorie ist regelrecht zum Dogma geworden. Heute stellen aktuelle Studien diese These infrage. Ein Film über die Mär vom bösen Cholesterin.

Cholesterin, der grosse Bluff
Dokumentarfilm
Dienstag, 18.10. | 20.15

Kategorien: Oktober 2016