SERIE

Kultserie Lilyhammer

(c) Rubicon TV

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Norwegisch für Mafiosi

Was kommt raus, wenn ein New Yorker Mafioso ein norwegisches Dorf aufmischt? Die umjubelte Kulturclash-Serie „Lilyhammer“. Wir haben den gefeierten Hauptdarsteller Steven Van Zandt beim Festival de Télévision in Monte Carlo getroffen.

 

Dass die deutsche Bundeskanzlerin auf ihrer Facebook-Seite mit persönlichen Worten für eine Fernsehserie wirbt, kann man sich nicht so recht vorstellen. Anders ist es in Norwegen. Dort postete der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg am 1. Februar 2012 zum Start einer neuen Serie beim staatlichen Sender NRK: „Wir freuen uns heute Abend auf Lilyhammer.“ Man kann sagen, die Freude war berechtigt. Wieder löste eine Serie aus Skandinavien Begeisterungsstürme aus. Mittlerweile wurde die Satire um einen in der norwegischen Provinz gestrandeten New Yorker Mafioso in 130 Länder exportiert und die dritte Staffel abgedreht. ARTE zeigt die erste Staffel als TV-Premiere.

In „Lilyhammer“ spielt der grandiose Hauptdarsteller Steven Van Zandt, bekannt aus der preisgekrönten US-Mafiaserie „Die Sopranos“, den Italo-Amerikaner Frank „The Fixer“ Tagliano. Der Mafioso mit dem lakonischen Bulldoggengesicht sagt nach überlebtem Mordanschlag gegen seine Widersacher aus und geht dafür in einer dunklen Nebengasse in New York mit dem FBI einen Deal ein: Er beginnt per Zeugenschutzprogramm eine neue Existenz. Die Bahamas lehnt er dankend ab, da bekomme er nur Hautkrebs. Ihm schwebe vielmehr, so erklärt er den verdutzten FBI-Agenten, das norwegische Lillehammer vor. Das habe ihn bereits 1994 als idyllischer Austragungsort der Olympischen Winterspiele in den Bann gezogen. Wo also, wenn nicht in Lillehammer mit „seiner klaren Luft, dem frischen weißen Schnee und den schönsten Frauen“, könne er besser untertauchen?

 

Gangster trifft auf Gelassenheit

Unter der fiktiven Identität eines Amerikaners mit norwegischen Wurzeln reist Tagliano kurzum als Giovanni „Johnny“ Henriksen ins verschlafene Nest, das der untersetzte Mann in breitestem Amerikanisch „Lilly-hämmer“ ausspricht. In Norwegen warten auf den Großstädter nicht nur Schneeberge und einsame Landschaften, sondern auch Integrationskurse und das „Janteloven“. Letzteres beschreibt eine Art skandinavische Bescheidenheitsphilosophie, durch die die Norweger stets um Zurückhaltung und Einhaltung gesellschaftlicher Regeln bemüht sind.

„Lilyhammer“ ist eine Serie, in der sich Amerika über Europa lustig macht und umgekehrt. Daraus bezieht Johnnys Integrationsgeschichte einen großen Teil ihrer Komik. Das norwegische Wesen war dem uramerikanischen Schauspieler Steven Van Zandt anfangs ebenso fremd wie seinem Seriencharakter Johnny Henriksen. „Janteloven“, sagt Van Zandt, „heißt, dass jeder Bürger gleich ist und keiner mehr Rechte hat als der andere. Diese Denkweise, in der Bescheidenheit eines der höchsten Güter darstellt, ist tief in der Bevölkerung verwurzelt. Man sieht in Norwegen keine schicken Autos oder Leute, die aufgebrezelt herumspazieren.“

Der Schauspieler sieht die Serie vor allem als Kritik an seinem eigenen Land: „Im Gegensatz zu Norwegen sind die Amerikaner sehr materialistisch eingestellt. In Norwegen gibt es Dinge, die man nicht kaufen kann. In Amerika kriegst du alles, wenn du nur den richtigen Preis nennst. Das ist zwar traurig, aber die Wahrheit.“

 

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Patenschaft über Lillehammer

Genau diesen Unterschied zwischen der Weichheit des Sozialstaats skandinavischer Prägung und dem hemdsärmeligen Fressen-und-gefressenwerden der amerikanischen Wettbewerbskultur entlarvt „Lilyhammer“ auf hochamüsante Weise. In der Serie wäre Johnny Henriksen kein echter Mafioso, würde er aus dem Mentalitätsgefälle zwischen den unterschiedlichen Lebensarten keinen Gewinn schlagen. Anfangs tastet er sich vorsichtig an die ungewohnte Umgebung heran. Wie ein Fremder, der zufällig gestrandet ist, die Kopfhörer mit seinem Norwegisch-Sprachkurs immer am Ohr, läuft er durchs Schneetreiben der Kleinstadt. Ein vor ihm auf der Straße liegender Schafskopf – in Mafiakreisen ganz klar als Drohung an den Gegner zu verstehen – versetzt ihn umgehend in Alarmbereitschaft. Als sich der Tierkopf nur als harmloses Abendessen seiner Nachbarin entpuppt, das sie unterwegs verloren hatte, ist Henriksen sichtlich erleichtert. Keiner seiner Kontrahenten ist ihm bis nach Norwegen gefolgt.

Doch der Gangster braucht nicht allzu lange, um sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Bald gehört Johnny das Flamingo, die einzige Bar weit und breit, wobei ihn die absurd hohen Preise für Alkohol in seiner norwegischen Heimat die Methoden der amerikanischen Prohibitionszeit wiederbeleben lassen: Schmuggel und Schwarzbrennerei.

Die Patenschaft über Lillehammer ist schnell übernommen. Am Ende der fünften Episode der ersten Staffel wird Johnny in seinem Nachtclub selbst auf die Bühne gebeten. Als großer Frank-Sinatra-Fan vorgestellt, singt er „My Kind of Town“ – eigentlich eine Hymne auf Chicago. Hier wird sie mit großstädtischer Geste und weltmännischem Swing zum Loblied auf das Kleinstadtleben. Das Publikum ist begeistert – nicht nur im Flamingo.

 

Der Musiker und die Mafia

Seine Karriere begann Steven Van Zandt zunächst als Musiker. Seit gemeinsamen Teenagertagen in New Jersey ist er mit Bruce Springsteen befreundet, mit dem er in der E Street Band spielt. Mit dem „Boss“, einem der tourfreudigsten Stars des Rockbetriebs, hat Van Zandt eine äußerst intensive Arbeitsbeziehung. Dass immer wieder Konzerte den Dreharbeiten zu „Lilyhammer“ weichen mussten, schien ihre Zusammenarbeit nicht zu beeinflussen. Im Gegenteil, Springsteen sei, so Van Zandt, ein großer „Lilyhammer“-Fan, er habe alle Folgen gesehen und ihn bei den Dreharbeiten unterstützt. In der dritten Staffel der Serie ist Bruce Springsteen sogar in einer Gastrolle zu sehen.

Zur Schauspielerei kam der „Rock-’n’-Roll-Hippie“, wie sich Van Zandt selbst bezeichnet, weil ihn David Chase, Regisseur und Autor der weltweit gefeierten Mafiaserie „Die Sopranos“, auf der Bühne sah und ansprach. In das neue Metier musste Van Zandt sich erst einmal einarbeiten. Die Mafia dagegen faszinierte ihn schon immer. Aufgewachsen ist er in einem urbanen italo-amerikanischen Umfeld der 1950er und 60er Jahre. Über die Mafia habe er schon damals alle Bücher gelesen und Filme gesehen, die es gab. „Ich glaubte, dass ich diese Rolle irgendwie spielen könnte. Ich weiß nicht, warum“, erklärt er. Viel gemeinsam habe er jedenfalls nicht mit seinen Rollen. Manchmal jedoch wünschte er sich, ein wenig mehr wie diese Typen zu sein. „Ich würde geschäftlich viel mehr geregelt bekommen.“

 

Die Angst, verschluckt zu werden

Dass das Medium Fernsehen in ihm auch Ängste auslöst, sieht man Van Zandt auf dem Bildschirm nicht an. In der Musik, so das Multitalent, habe er großen Einfluss auf das Endprodukt. Als Schauspieler müsse er dem Regisseur vertrauen und sehe das Ergebnis erst Monate später, dies sei eine Verwundbarkeit, an die er sich gewöhnen müsse.

Nicht zuletzt deswegen betätige er sich auch als Koautor und Produzent von „Lilyhammer“. Auf diese Weise habe er etwas Kontrolle zurückgewonnen. Womöglich sei es das alte Rebellen-Gen des Rock ’n’ Rollers, aber für einen Musiker wie ihn, der sein Leben lang selbstbestimmt gearbeitet habe, fühle sich Fernsehen so an, als wäre man ein kleines Rädchen in einer großen Firma. „Die Angst, verschluckt zu werden, die bleibt.“

 

Eric Leimann für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

STEVEN VAN ZANDT

Der Rockmusiker und Schauspieler Steven Van Zandt wurde 1950 als Steven Lento in Winthrop, Massachusetts, geboren. Bekannt ist er auch unter den Pseudonymen Little Steven und Miami Steve. Seit 1975 spielt er mit Bruce Springsteen in der E Street Band. Van Zandt ist seit Beginn seiner Karriere politisch aktiv, u.a. führte er 1985 mit dem Hit „Sun City“ die musikalische Protestbewegung gegen Südafrikas Apartheid-Regime an

 

FILMOGRAFIE/DISKOGRAFIE

TV-Serien: „Lilyhammer“ (2012); „Die Sopranos“ (1999 – 2007);

Alben: „Born Again Savage“ (2007); „Freedom – No Compromise“ (1987); „Voice of America“ (1984); „Men Without Women“ (1982) (Auswahl)

 

SERIENSAISON

Sie sind dramatisch, komisch, prämiert und international: ARTE zeigt im Oktober die besten Serien als TV-Premieren.

 

Dein Wille geschehe. Auf der Suche nach Gott oder sich selbst? Die fünf Anwärter auf das Priesteramt Yann, Emmanuel, Guillaume, Raphaël und José gehen ihr zweites Studienjahr an einem renommierten Kapuzinerkloster an. Zerrissen zwischen Gewissenskonflikten rund um Homosexualität und krimineller Vergangenheit sucht jeder seinen Weg. ARTE zeigt die zweite Staffel der prämierten französischen TV-Serie ab dem 2. Oktober jeweils donnerstags ab 21.00 Uhr.

Rectify. Schuldig oder unschuldig? Als Teenager wegen Mordes an seiner Ex-Freundin Hanna inhaftiert, hat Daniel Holden mehr als die Hälfte seines Lebens im Todestrakt verbracht. Nach 19 Jahren kommt er dank neuer DNA-Tests sowie der Hartnäckigkeit seines Anwalts Jon Stern und seiner Schwester Amantha vorläufig frei. Doch draußen warten neue Probleme. ARTE strahlt die packende US-Dramaserie ab dem 16. Oktober jeweils donnerstags ab 22.50 Uhr aus.

Lilyhammer. Wäre die norwegische Einöde nicht der perfekte Ort für einen Neuanfang? Das fragt sich zumindest der New Yorker Mafioso Frank Tagliano und taucht nach Kooperation mit dem FBI kurzum mit neuer Identität im verschneiten Lillehammer ab. Dort kommt es zum skurrilen Kulturclash zwischen US-Faustrecht und norwegischer Zurückhaltung. ARTE zeigt die Erfolgsserie mit Steven Van Zandt ab dem 30. Oktober jeweils donnerstags ab 21.00 Uhr.

Serienvorschau 2015. U. a. mit der letzten Staffel von „Breaking Bad“, Roberto Savianos Mafiaserie „Gomorra“, der Abenteuerserie „Mit Dolch und Degen“ und der historischen Serie „Peaky Blinders“ über eine englische Gangsterfamilie nach dem Ersten Weltkrieg.

 

ARTE Serie

Lilyhammer

Acht Folgen immer donnerstags

ab 30.10. · 21.00

 

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Kategorien: Oktober 2014