“Cosmopolis” von David Cronenberg

Ja, der kanadische Regisseur David Cronenberg hat Recht. Es ist hoffnungsvoll, dass solche Filme überhaupt noch gedreht werden. Derart plattgebügelt und auf Allgemeinverständlichkeit getrimmt sind die meisten Kinoproduktionen. Den Film, den er heute gezeigt hat, fußt auf der Romanvorlage Cosmopolis von Don DeLillo. Der hatte sich bereits 2003 darüber gewundert, dass in New York nur noch weiße Stretchlimos durch die Straßenfluchten gondeln und feilte an einer Geschichte, die sich in diesem Statussymbol zuträgt.

Eric Michael Packer ist steinreicher Vermögensverwalter und lässt sich durch die Gegend kutschieren. Sein Interessenhorizont: Geld, Sex und an diesem Tag ausnahmsweise auch noch ein Frisörbesuch. Mensch geworden ist dieser Kapitalisten-Rotzlöffel in Gestalt des Twilight-Schauspielers Robert Pattinson, der bereits auf der Berlinale schon in Sachen Geld unterwegs war. Nur verarmt, leicht naiv und totaaaal “schnuckelig“ als Guy de Maupassants Bel-Ami.

Bei Cronenberg musste er aber nicht nur Glück bei den Frauen beweisen, sondern auch zeigen, dass er auch ein richtiges Geldarsch sein kann. Denn die Figur des Eric Packer will sich in die Galerie der Archetypen einreihen. Sofort denkt man unweigerlich an Oliver Stones Gordon Gekko (Wall Street), an Tom Wolfes Sherman McCoy im Fegefeuer der Eitelkeiten oder an Bret Easton Ellis American Psycho Patrick Bateman.

Die Stange lag also hoch und Pattinson – der hier in Cannes hauptsächlich nur nach Freundin und Blutsaugern gefragt wird – hat sie eigentlich auch nicht gerissen. Er trägt sogar jeden Akt in diesem Limousinen-Drama.

Das Problem: Cronenberg, der das Drehbuch in nur sechs Tagen zusammengenagelt hat, verlässt sich zu sehr auf die gescheiten Dialoge von Don DeLillo. Der Film ist ein Kammerspiel, das ebenso gut auf dem Theaterfestival in Avignon gezeigt werden könnte. Es ist auffallend gut und stylish in Szene gesetzt, der Rhythmus stimmt, der Score passt und zur Erheiterung gibt es sogar eine “asymmetrische Prostata“, aber das passionierte Rede-und-Antwort-stehen wirft selbst den kämpferischsten Occupy-Aktivisten irgendwann aus der Kurve.

Es gilt der Leitsatz, der bis in die Achtziger an jeder deutschen Telefonzelle hing: Fasse dich kurz.

Sven Waskönig

Cosmopolis von David Cronenberg. Mit Robert Pattinson, Sarah Gadon, Paul Giamatti, Juliette Binoche, Mathieu Amalric (Frankreich/Kanada, 2012, 108 Minuten). Offizieller Wettbewerb.

Kategorien: Die Filme des Tages

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