der Gegenstand

der Gegenstand: die "toilettes à la turque"

Karambolage 28 - 17. Oktober 2004
Auf einer Reise durch Frankreich verspürt unser Berliner Essayist Michael Rutschky ein dringendes Bedürfnis. Wir gehen einfach mal mit ihm mit.

 

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Das WC ist für den Deutschen ein Ort der Ruhe und Gemütlichkeit. Sicher ist der untere, eklige Teil des menschlichen Stoffwechsels gegen die Außenwelt abgedichtet. Dem deutschen Kind, das auf seinem Töpfchen hockt, sagen die Eltern, es sitze auf seinem Thron. Gern liest der Deutsche auf seinem WC. Niemand drängt ihn. Falls die Dinge am unteren, ekligen Ende des menschlichen Stoffwechsels ins Stocken geraten. Dann stößt der Deutsche in Frankreich auf eine ganz andere Toilette. Kein Ort, der Gemütlichkeit. Kein Gedanke an ruhiges, ungestörtes Lesen. Ein Ort für Akrobatik. Der Besucher muß überlegen, wie er seine Glieder am besten arrangiert. "A la turque", lernt der Besucher, heißt diese Toilette.

Aber die Türken schämen sich. Und nennen sie à la grecque. Und auch die Griechen sind dagegen. Und erklären den Bulgaren zum Erfinder. Und so weiter. Die Japaner nennen diese Toilette "à la chinoise". Das beunruhigt den deutschen Besucher am meisten. Der offene Luftraum zwischen dem ekligen, unteren Ende des menschlichen Stoffwechsels - und  der Kloake. Dieser unheimliche, offene Luftraum. Viel zu lange bleiben die Ausscheidungen im Freien.

 

Text: Michael Rutschky

Bild: Claire Doutriaux