das Wort

das Wort: "Du, Frau Meier"

Karambolage 11 - 21. März 2004
 
 
 

Ich als Deutscher habe mich vor einiger Zeit ziemlich gewundert, als ich feststellte, dass es in Frankreich üblich geworden ist, sich am Arbeitsplatz beim Vornamen anzusprechen und zu siezen. "Henri, könnten Sie mal rüber kommen" oder "Virginie, dürfte ich Sie um etwas bitten". Eine solche Form ist für uns in Deutschland fast unbekannt. Wenn wir jemandem beim Vornamen ansprechen, dann um diese Person zu duzen. Vorname plus Sie, das ist in Deutschland in einigen Städten bekannt, vor allem in Hamburg, als das englische Duzen. Aber das wirkt doch immer etwas snobistisch und manieriert.

Obwohl es bei uns im Kollegenkreis üblicher geworden ist als früher sich zu Dutzen, so ist doch Nachname und Sie die übliche Form geblieben. In Frankreich aber, wenn zum Beispiel ein Direktor darauf bestehen würde, dass man ihm beim Nachnamen mit Monsieur sowieso oder gar mit Monsieur le Directeur anspricht, dann würde das ganz unangemessen distanziert und autoritär wirken.

Diese Unterschiede in der Verwendung von Vor- und Nachnamen können wirklich zu regelrechten interkulturellen Komplikationen führen. Wenn ein französischer beruflicher Kontakt mich von Anfang an beim Vornamen anspricht und wir kennen uns vielleicht noch nicht mal persönlich, dann kann das auf mich ganz befremdlich undistanziert wirken. Umgekehrt macht es sicher einen etwas hochnäsigen und formalistischen Eindruck, wenn wir einem französischen Geschäftskontakt beharrlich beim Nachnamen ansprechen. Aber lassen Sie mich mit einer kleinen Episode enden, die sich in Deutschland im Supermarkt zugetragen hat. Eine Kassiererin möchte eine Kollegin um etwas bitten, eine Kollegin, die sie sonst immer dutzt, aber hier ist alles voller Kunden. Und sie sitzt in der Zwickmühle zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Wie hilft sie sich? Sie erfindet kurzerhand eine neue Form und ruft laut quer durchs Geschäft: "Du Frau Meier, hast du noch Kleingeld?"