das Porträt

das Porträt: Ernest-Antoine Seillière

Karambolage 12 - 28 März 2004

Gut 200 Jahre nach der französischen Revolution ist ein Baron Boss der Bosse in Frankreich. Baron Ernest-Antoine Seillière de Laborde ist Präsident des MEDEF, des Arbeitgeberverbandes. Ernest-Antoine!!! Kaum jemand hat so einen Vornamen in Frankreich. Man könnte meinen, Ernest Antoine kehre partout den Baron heraus. Man betrachte dieses Profil, diese Frisur, den ehernen Blick, der den ganzen Dünkel eines Mannes seiner sozialen Stellung auszudrücken scheint. Ein gefundenes Fressen für Karikaturisten. Und dann auch noch dieser Akzent, diese Art zu sprechen. "…."

Man muss wohl in diese soziale Schicht hinein geboren sein, um so herablassend sprechen zu können. Und unauslöschbar prägend ist dann der sehr französische Werdegang: die besten Schulen, die Verwaltungshochschule ENA, Frankreichs Kaderschmiede, aus der fast alle Minister und deren Mitarbeiter kommen und dann viele Posten in Aufsichtsräten großer Unternehmen. Dieser Mann ist also die perfekte Verkörperung der französischen Oberschicht.

Aber nicht nur Aussehen und Sprache sind so wunderbar authentisch: auch seine Überzeugungen sind eindeutig. Ernest-Antoine Seillière ist ein Mann der wirtschaftsliberalen Rechten: "Freie Bahn den Unternehmern. Was gut für die Unternehmer ist, ist gut für Frankreich. Es gibt zu viel Steuern und zu viel Staat und zu viele Streiks. Und von den Gewerkschaften ist nichts Gutes zu erwarten." Ein Stück ewiges Frankreich.

Tatsächlich kommt der Baron allen sehr gelegen. Die politische Linke ist glücklich: da hat sie den Klassenfeind in Person, den idealen Buhmann, Sprössling einer Stahlkocherdynastie, die man im Frühkapitalismus die "Herren der Hochöfen" nannte. Die Gewerkschaften sind glücklich: der Baron rechtfertigt ihre Starrheit und die sehr französische Neigung, zu steiken, bevor man verhandelt. Und die regierende Rechte ist auch zufrieden. Denn, immer wenn Ernest-Antoine Seillière die Regierung abkanzelt, weil diese angeblich die Unternehmer gängelt, frohlockt man in den Ministerien: da sieht man wieder einmal, dass diese Regierung nicht nur nach der Pfeife der Unternehmer tanzt.

Text: Hajo Kruse

Bild: Claude Delafosse