Themenabend

Der Tick als Kunst

Dokumentation -
52 Min.
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    • Sendetermine:
    • Montag, 25. Juli um 2.10 Uhr
    • Livestream: ja
    • Online vom 25. Juli bis zum 01. August 2016

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Nachdem die Konzeptkunst, spröde und kopflastig, jahrzehntelang den Kunstdiskurs bestimmt hat, wächst die Sehnsucht nach einer ursprünglichen, ungefilterten Kreativität. Kein Wunder, dass die Kunstbegeisterten immer öfter den Blick auf die Außenseiter richten. Was macht "Outsider"-Kunst so anders?

Der sympathische Knotenmann Pascal Tassini ist der Star im belgischen Atelier Créahm - und der Star dieses Films. Pascal Tassini spricht mit den Händen und ist damit so geschickt wie ein Zauberkünstler. Worte fallen ihm schwer. Unermüdlich knotet er Stoffstreifen zu knäuelförmigen Objekten. Im Inneren der Objekte versteckt er seine Schätze. Mit viel Glück bekommt man einen davon zu sehen, einen goldenen Bischofsstab etwa. Seit einiger Zeit knotet Pascal Tassini auch Kopfbedeckungen für seine künftige Braut. Diese Objekte sind mysteriös und kolossal. Tassini will heiraten und seine Ausdauer in Herzensdingen ist unendlich.

Ebenso unermüdlich ist die Japanerin Yayoi Kusama, die Königin der Punkte. 83 Jahre ist sie alt. Ein Leben lang leidet sie unter Halluzinationen. Schon als junge Frau sah sie dieses merkwürdige Netz vor sich, von dem Teile verborgen blieben. Seitdem malt sie Punkte. Um sich vor ihren Wahnvorstellungen zu schützen, entwickelt sie ihre Technik der Selbstauslöschung. Sie bemalt Räume und Körper mit Punkten, auch sich selbst. Die Punkte helfen ihr zu überleben - die Punkte machen sie weltberühmt. "Wenn ich eines Tages alt und krank und tot bin, in 200 oder 500 Jahren, möchte ich immer noch Bilder malen", sagt sie. "Auch wenn ich wiedergeboren werde, möchte ich Künstlerin sein, wieder und wieder."

Das Zahlengenie George Widener lebt zurückgezogen in North Carolina. Er kann Kalenderdaten sehen, verschiebt und überlagert sie zu eigenwilligen Mustern. Lange hat er seine Spielereien versteckt, besonders in der Zeit, als er auf der Straße lebte. Heute muss er das nicht mehr. Seine Kunst ist begehrt. Obwohl er sie gar nicht für Menschen macht, sondern für die Maschinen der Zukunft. Widener ist überzeugt, dass bis zum Jahr 2045 intelligente Maschinen die Macht übernehmen werden, und dass diese Maschinen, so hofft er, endlich seine Spielereien verstehen werden. Um das zu erleben, schläft er nachts unter einem Sauerstoffzelt mit Höhenluft. Sein persönliches Anti-Aging-Programm.

Auch Hans-Jörg Georgi im Atelier Goldstein in Frankfurt sorgt sich um die Zukunft. Aus Pappe baut er ein riesiges Luftschiff, um darin die Menschheit zu evakuieren. Eine Arche Noah. Für alles hat er vorgesorgt. Es gibt einen eigenen Sexuellkabinenraum, eine Taufkabinenstation und natürlich Pepsi Cola.

Für Julia Krause-Harder ist der Schlüssel zur Welt eine Kurve mit einer ganz besonderen Krümmung. Solche Bögen hat sie zum Beispiel im arabischen Alphabet entdeckt. Damals fing sie an, wie besessen Arabisch zu lernen. Vor einigen Jahren fand sie diese Formen wieder - diesmal in der Wirbelsäule des Tyrannosaurus Rex. Seitdem baut sie imposante Stoff- und Metall-Dinosaurier, Hunderte davon. "Sie könnte Dinosaurier stricken, sie könnte sie kochen, wahrscheinlich könnte sie Backformen entwerfen und daraus Dinosaurierkuchen backen", erzählt Christiane Cuticchio, die Leiterin des Ateliers Goldstein, begeistert. "Sie ist eine absolute Materialbeherrscherin."

Wer sich tatsächlich brennend für Gebäck interessiert, es aber nie anrührt, ist Inga Moijson, die Luftesserin aus Belgien. Immer wieder malt sie buntes Zuckergebäck und Figuren mit hungrigen Augen. Ein beunruhigender Kosmos, bevölkert von kleinen Mädchen. Eine Welt, die ihr das Unterbewusstsein diktiert, sagt sie. Moijson selbst rührt Süßes nicht an, sie scheint sich allein von Luft und Farben zu ernähren. "Ein bestimmtes Hungergefühl", sagt sie, "das gibt Kraft und erzeugt so etwas wie Verlangen. Genau, ein Verlangen danach, zu leben."

Dieses Verlangen zu leben, allen Widrigkeiten zum Trotz - vielleicht ist es das, warum ihre Werke so berühren. Der Knotenmann, die Königin der Punkte, die Luftesserin, das Zahlengenie, die Kurvenfrau, der Weltenretter - sie alle fügen der Wirklichkeit etwas Sternenstaub hinzu.

Besetzung und stab
  • Regie:Julia Benkert
  • Mit: Pascal Tassini
    Yayoi Kusama
    George Widener
    Hans-Jörg Georgi
    Julia Krause-Harder
    Inga Moijson
  • Land:Deutschland
  • Jahr:2012
  • Herkunft:HR
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    Der sympathische Knotenmann Pascal Tassini ist der Star im belgischen Atelier Créahm - und der Star dieses Films. Pascal Tassini spricht mit den Händen und ist damit so geschickt wie ein Zauberkünstler. Worte fallen ihm schwer. Unermüdlich knotet er Stoffstreifen zu knäuelförmigen Objekten. Im Inneren der Objekte versteckt er seine Schätze. Mit viel Glück bekommt man einen davon zu sehen, einen goldenen Bischofsstab etwa. Seit einiger Zeit knotet Pascal Tassini auch Kopfbedeckungen für seine künftige Braut. Diese Objekte sind mysteriös und kolossal. Tassini will heiraten und seine Ausdauer in Herzensdingen ist unendlich.

    Ebenso unermüdlich ist die Japanerin Yayoi Kusama, die Königin der Punkte. 83 Jahre ist sie alt. Ein Leben lang leidet sie unter Halluzinationen. Schon als junge Frau sah sie dieses merkwürdige Netz vor sich, von dem Teile verborgen blieben. Seitdem malt sie Punkte. Um sich vor ihren Wahnvorstellungen zu schützen, entwickelt sie ihre Technik der Selbstauslöschung. Sie bemalt Räume und Körper mit Punkten, auch sich selbst. Die Punkte helfen ihr zu überleben - die Punkte machen sie weltberühmt. "Wenn ich eines Tages alt und krank und tot bin, in 200 oder 500 Jahren, möchte ich immer noch Bilder malen", sagt sie. "Auch wenn ich wiedergeboren werde, möchte ich Künstlerin sein, wieder und wieder."

    Das Zahlengenie George Widener lebt zurückgezogen in North Carolina. Er kann Kalenderdaten sehen, verschiebt und überlagert sie zu eigenwilligen Mustern. Lange hat er seine Spielereien versteckt, besonders in der Zeit, als er auf der Straße lebte. Heute muss er das nicht mehr. Seine Kunst ist begehrt. Obwohl er sie gar nicht für Menschen macht, sondern für die Maschinen der Zukunft. Widener ist überzeugt, dass bis zum Jahr 2045 intelligente Maschinen die Macht übernehmen werden, und dass diese Maschinen, so hofft er, endlich seine Spielereien verstehen werden. Um das zu erleben, schläft er nachts unter einem Sauerstoffzelt mit Höhenluft. Sein persönliches Anti-Aging-Programm.

    Auch Hans-Jörg Georgi im Atelier Goldstein in Frankfurt sorgt sich um die Zukunft. Aus Pappe baut er ein riesiges Luftschiff, um darin die Menschheit zu evakuieren. Eine Arche Noah. Für alles hat er vorgesorgt. Es gibt einen eigenen Sexuellkabinenraum, eine Taufkabinenstation und natürlich Pepsi Cola.

    Für Julia Krause-Harder ist der Schlüssel zur Welt eine Kurve mit einer ganz besonderen Krümmung. Solche Bögen hat sie zum Beispiel im arabischen Alphabet entdeckt. Damals fing sie an, wie besessen Arabisch zu lernen. Vor einigen Jahren fand sie diese Formen wieder - diesmal in der Wirbelsäule des Tyrannosaurus Rex. Seitdem baut sie imposante Stoff- und Metall-Dinosaurier, Hunderte davon. "Sie könnte Dinosaurier stricken, sie könnte sie kochen, wahrscheinlich könnte sie Backformen entwerfen und daraus Dinosaurierkuchen backen", erzählt Christiane Cuticchio, die Leiterin des Ateliers Goldstein, begeistert. "Sie ist eine absolute Materialbeherrscherin."

    Wer sich tatsächlich brennend für Gebäck interessiert, es aber nie anrührt, ist Inga Moijson, die Luftesserin aus Belgien. Immer wieder malt sie buntes Zuckergebäck und Figuren mit hungrigen Augen. Ein beunruhigender Kosmos, bevölkert von kleinen Mädchen. Eine Welt, die ihr das Unterbewusstsein diktiert, sagt sie. Moijson selbst rührt Süßes nicht an, sie scheint sich allein von Luft und Farben zu ernähren. "Ein bestimmtes Hungergefühl", sagt sie, "das gibt Kraft und erzeugt so etwas wie Verlangen. Genau, ein Verlangen danach, zu leben."

    Dieses Verlangen zu leben, allen Widrigkeiten zum Trotz - vielleicht ist es das, warum ihre Werke so berühren. Der Knotenmann, die Königin der Punkte, die Luftesserin, das Zahlengenie, die Kurvenfrau, der Weltenretter - sie alle fügen der Wirklichkeit etwas Sternenstaub hinzu.

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      Yayoi Kusama
      George Widener
      Hans-Jörg Georgi
      Julia Krause-Harder
      Inga Moijson
    • Land:Deutschland
    • Jahr:2012
    • Herkunft:HR
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