
I –Die Philosophie und die Naturwissenschaften
Wozu braucht man die Philosophie, wenn man sich als Physiker mit Atomen beschäftigt? Etienne Klein erklärt, wie die Philosophie dem Physiker klarere Einsichten in seine Arbeit vermittelt. Anfänglich mit seiner Auffassung recht isoliert und enttäuscht darüber, dass Physiker sich kaum mit dem tieferen Sinn ihrer Entdeckungen auseinandersetzen, plant Klein heute die Gründung eines Forschungslaboratoriums, in dem solche Fragestellungen Berücksichtigung finden und Physik und Philosophie sich gegenseitig befruchten können. Denn dieser Austausch sollte in der Tat wechselseitig erfolgen. So sollte die Wissenschaftsphilosophie sich beispielsweise den Zusammenhängen zwischen Physik und Biologie widmen und einen Dialog zwischen Bereichen herstellen, die sich gewöhnlich schwer tun, miteinander zu kommunizieren. Umgekehrt sollten aber auch zum Beispiel die Philosophen, die schon immer nach einer Erklärung des Phänomens Zeit suchen, an den Erkenntnissen der modernen Physik nicht vorbeigehen.

II- Eine Definition der wissenschaftlichen Forschung
Wie findet Forschungsarbeit konkret statt? Die Forschung hat in den letzten fünfzig Jahren ein anderes Gesicht bekommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg genossen Wissenschaftler eine sehr viel größere Unabhängigkeit als heute – sie selbst konnten nach eigenen Kriterien und Vorstellungen entscheiden, welche Forschungsprojekte sie durchführten. Heutzutage kann, außer in der Grundlagenforschung, kein Wissenschaftler mehr allein über sein Forschungsprogramm bestimmen. Etienne Klein unterstreicht, dass der Alltag der meisten Wissenschaftler heute darin besteht, große Forschungsprogramme am Leben zu erhalten, für die ihre Institute Fördermittel erhalten haben. Dadurch tut sich eine tiefe Kluft auf zwischen einem „noblen“ Wissenschaftsverständnis einerseits, wonach die Wissenschaft dazu berufen ist, uns die Welt um uns herum verständlicher zu machen und einer „Techno-Wissenschaft“ andererseits, die sich weniger als Mittel zum besseren Verständnis unserer Welt, sondern vielmehr als ein Instrument zu deren Beherrschung versteht. Es bestehen also zwei Wissenschaften nebeneinander, deren Koexistenz sogar recht gut funktioniert, obwohl ihre Zielsetzungen und Ansätze völlig verschieden sind.

III- Die akademische Ausbildung
Etienne Klein schildert seine eigenen Erfahrungen in der Universitätsausbildung. In kleinen Seminaren mit einer begrenzten Teilnehmerzahl wird ein sehr interaktiver Arbeitsstil gepflegt, der vielfach auch dem Lehrenden noch Lernerfahrungen beschert, da er sich durch die ihm gestellten Fragen der Schwachpunkte in seiner Vermittlung des Lernstoffs bewusst wird. Bei Vorlesungen im großen Hörsaal dagegen herrscht eine eher magistrale Atmosphäre, wobei Etienne Klein jedoch darum bemüht ist, kein Autoritätswissen zu vermitteln, sondern aufzuzeigen, dass die Physik sich immer schon durch innovative, im Widerspruch zu vorgefassten Meinungen und beherrschenden Positionen stehende Ansätze weiter entwickelt hat. Auch so kann man Neugier wecken und die Studenten wieder an die „harten“ Wissenschaften heranführen.
IV- Seine Philosophie-Doktorarbeit
Etienne Klein berichtet über die Zeit, in der er an seiner – später von der Akademie der Wissenschaften preisgekrönten - Doktorarbeit schrieb und erzählt von seiner Begeisterung über die Vorkriegszeit der Jahre 1925-1935, in der die Quantenmechanik begründet wurde. Es war die Epoche der Pioniere der Wissenschaft, die ohne Computerunterstützung und staatliche Forschungsgelder arbeiteten und mit ihrer Genialität Europa von seiner besten Seite präsentierten – exakt zu der Zeit, als es in die dunkelste Barbarei abglitt. Die meisten von ihnen mussten fliehen und gingen in die USA. Für die Wissenschaft bedeutete dies tiefgreifende Veränderungen.
V –Etienne Klein und seine eigene Ausbildung
Etienne Klein erzählt über seine eigene schulische und akademische Ausbildung – von den guten Erinnerungen an die Schulzeit in der „Ecole républicaine“ der republikanischen Schule über die Vorbereitungsklassen für die Aufnahmeprüfung der „Grandes Ecoles“ bis hin zur „abstumpfenden Spezialisierung“ in diesen Eliteuniversitäten. Die Sichtweise der Beziehung zwischen Wissenschaft und Technik, so wie sie ihm vermittelt wurde, hält er für fraglich: Die angebliche Eigenständigkeit der Technik gegenüber den Grundlagenwissenschaften erscheint ihm als ideologisch motiviertes Konstrukt. Schon als Student nimmt er Anstoß an dem postulierten „Ergebniszwang“ der Forschung. Anders als seine Kommilitonen geht er lieber von Zeit zu Zeit an die Sorbonne, um dort Philosophievorlesungen zu hören und sich autodidaktisch neue Horizonte zu erschließen. So entdeckt er Heidegger und dessen Technikkritik. Die Technik erweist uns unzählige Dienste, aber sie zwingt uns zu einem ausschließlich „berechnenden“ Denken. Allein bestrebt, die Folgen bestimmter Phänomene zu antizipieren, verhindert oder verzerrt sie schließlich das „meditative“ Denken, das Forschen um seiner selbst Willen, ohne Blick auf den Nutzeffekt. Da ihn das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden wissenschaftlichen Denkrichtungen immer wieder beschäftigte, entschloss sich Etienne Klein, über diese inzwischen in Wissenschaftskreisen zunehmend diskutierten Fragestellungen Bücher zu schreiben. Klein reflektiert über die Rolle der Wissenschaft und die Weitergabe von Wissen und hält es für dringend erforderlich, dem „Akt des Wissenserwerbs wieder eine neue Erotik zu verleihen“. Nicht die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen und technologischen Anwendungsmöglichkeiten sollten im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Lust am Gewinn neuer Erkenntnisse. Ein guter Lehrer muss heutzutage in der Lage sein, formale Ansätze mit lebendiger Wissensvermittlung zu verbinden, wenn er seinen Schülern gleichzeitig Wissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie nahe bringen will.

VI – Wissenschaft ohne Gewissen…
In unserer heutigen Zeit erwartet man von Wissenschaftlern Antworten auf Fragen, die nicht mehr allein ihr eigenes Forschungsgebiet, sondern den Status der Wissenschaft im allgemeinen betreffen. Etienne Klein nennt die wichtigsten Themen dieser Fragestellungen und entwirft Ansätze einer Analyse:
1- Zu den Hauptfragen, die Besorgnis wecken, gehört die Beziehung zwischen Wissenschaft und Macht. Ist der Wunsch, mehr über unsere Welt zu lernen, unweigerlich mit dem Verlangen verbunden, Andere zu beherrschen? Wissen verleiht dem, der darüber verfügt, zwar eine gewisse Macht über die Dinge, aber ist dieses Wissen nicht dazu bestimmt, systematisch von den Mächtigen instrumentalisiert zu werden?
2- Auch die Beziehung zwischen der Wissenschaft und der Demokratie versteht sich nicht von selbst. Zwar entwickelt sich die Wissenschaft unabhängig von herrschenden Mehrheitsmeinungen, was durchaus legitim ist, weil sich diese Entwicklung in einer Abfolge von Innovationsschüben vollzieht, aber dennoch hat sie unmittelbare Auswirkungen auf das Leben eines jeden Einzelnen und die Organisation der Gesellschaft (man denke nur an die Kernenergie oder auch an die Gentechnik). Wie diese beiden Aspekte miteinander in Einklang bringen? Welche Rolle sollten dabei Experten spielen? Sollte man öffentliche Debatten organisieren? Müssen die Politiker diesbezüglich Entscheidungen treffen? Ihrem ursprünglichen Charakter nach ist die Wissenschaft ein Verbündeter der Demokratie, doch sie kann auch von anders gearteten politischen Regimen für ihre Zwecke missbraucht werden. Im übrigen sind die Politiker immer häufiger mit Problemen konfrontiert, die erst durch das Aufkommen neuer Technologien entstehen. Es erscheint daher geboten, sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen.
3- Das Verhältnis der Wissenschaft zur Wahrheit steht ebenfalls auf dem Prüfstand. Lange Zeit glaubte man, die Wissenschaft sage grundsätzlich die Wahrheit. Doch der deutsche Philosoph Karl Popper hat deutlich gemacht, dass das Charakteristikum des wissenschaftlichen Diskurses ganz im Gegenteil gerade seine Fähigkeit ist, sich Situationen auszusetzen, die zum Beweis seiner Unrichtigkeit führen können: Eine Theorie ist wissenschaftlich, wenn sie widerlegbar ist, und die „Wahrheit“ ist immer ein Provisorium, das seiner Widerlegung und Erneuerung harrt. So denkt denn auch die Mehrheit aller Physiker im Großen und Ganzen im Popperschen Sinne. Was natürlich auch Relativisten jeglicher Couleur auf den Plan ruft, die den Autoritätsdiskurs der Wissenschaft in Frage stellen und vorgeben, pseudo-wissenschaftliche Praktiken rehabilitieren zu wollen. Worin unterscheidet sich der wissenschaftliche Diskurs von derartigen Praktiken? Mit welchen Argumenten kann die Wissenschaft den Wahrheitsanspruch ihrer Aussagen geltend machen?
4- Die alles entscheidende Frage ist für Etienne Klein jedoch die nach der Beziehung zwischen Wissenschaft und Universalität. Die Wissenschaft gibt vor, universell gültige Aussagen zu treffen. Doch ist das, was die Wissenschaft als universell abbildet, tatsächlich das vollständige Bild? Haben Wissenschaftler überhaupt Antworten auf alle Fragen, die man ihnen stellt? Etienne Klein beantwortet dies eindeutig: Nein, die Wissenschaft weiß nicht alles, sie kann lediglich Antworten auf wissenschaftliche Fragen liefern. Doch diejenigen Fragestellungen, welche die meisten Menschen bewegen, sind nicht wissenschaftlicher Natur, sondern betreffen unsere Werte, die Freiheit, das menschliche Zusammenleben oder das Glück. Bis zu welchem Punkt können oder müssen diese beiden Bereiche voneinander getrennt bleiben?

VII – Der Faktor Zufall in der wissenschaftlichen Forschung
Mit dem Idealmodell der rationalistischen Erkenntnistheorie Descartes` schien jeglicher Zufall für alle Zeiten aus dem Feld der Wissenschaft verbannt – bis zur Begründung der Quantenphysik. Denn sie weist dem Zufall eine fundamentale Rolle zu. Nach herkömmlicher Denkweise war bis dahin „Zufall“ nichts anderes als ein Synonym für unsere Unwissenheit, wenn es darum ging, die Ursachen eines beobachteten Phänomens erschöpfend zu erklären. Wer zum Beispiel einen Würfel wirft, wohlwissend, dass weder dessen Abrollen noch dessen Reibungswiderstand auf der Unterlage gänzlich beeinflussbar sind, setzt auf den „Zufall“ und darauf, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu sechs die richtige Zahl oben zu liegen kommt. Doch das, was in diesem Fall als Zufall angesehen wird, ist tatsächlich ein vorhersehbares und erklärbares Phänomen. In der Quantenphysik dagegen gibt es Konstellationen, in denen der echte Zufall spielt. So lässt sich beispielsweise in einer Gleichung der Zustand eines Elektrons anhand der Summe zweier verschiedener Ladungszustände beschreiben (Elektron X ist die Summe zweier Elektronen, von denen das eine einen Spin nach oben, das andere einen Spin nach unten zeigt). Misst man dann die Position des Elektrons, so besteht gemäß der Quantenphysik eine Wahrscheinlichkeit von eins zu zwei, das Elektron in einem der beiden Zustände vorzufinden. Die Messung beruht darauf, dass man aus der Ermittlung der Summe eine bestimmte Position ableitet, die jedoch vom Zufall bestimmt wird. Der Unterschied zum Würfeln besteht darin, dass wir es hier mit dem reinen Zufall zu tun haben - einem Zufall, der nicht auf unserer Unkenntnis der subtilen Mechanismen beruht, die den Messvorgang beeinflussen. Dieses Quantenphänomen war überhaupt nicht nach dem Geschmack von Einstein, der zwar die Richtigkeit der Theorie der Quantenmechanik an sich nicht in Frage stellte, sondern ihre Vollständigkeit anzweifelte, weil er sich von der Vorstellung eines mit unserem Unwissen gepaarten „Zufalls“ nicht trennen wollte. Doch der weitere Gang der Wissenschaftsgeschichte hat bewiesen, dass er sich damit im Irrtum befand.
Interview: Susanna Lotz






Facebook
Twitter
RSS