Horst ist auf Schüleraustausch in Frankreich. Seine französische Familie ist toll. Was es dort zu essen gibt, gefällt ihm auch: Quiche Lorraine mit grünem Salat, Nudeln, Käsecrepes, Fischstäbchen, usw. Leckere einfache Gerichte, wie sie es in Tausenden von französischen Familien gibt. Eines Abends heißt es, es gäbe "steak haché". Horst schaut schnell im Wörterbuch nach und freut sich: Hacksteak, super! Erstaunt reißt er die Augen auf, als dann ein seltsames, plattes, ovales Etwas auf seinem Teller landet, mit komischen Rillen obendrauf, als sei das Fleisch vor dem Braten gekämmt worden. Misstrauisch greift Horst sein Besteck und schneidet ein Stück ab.
Oh Gott! Entsetzt muss er feststellen, dass das Fleisch ganz rot ist! Das darf doch nicht wahr sein, es ist roh, und in seinem Teller bildet sich eine Blutlache! Weil Horst aber gut erzogen ist und weil er sieht, dass sich niemand an diesem barbarischen Abendessen zu stören scheint, probiert er dennoch einen Bissen. Hätte er es bloß gelassen! Es schmeckt nach nichts. Als wäre gar nichts dran!Lieber Horst, das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn in ein französisches "steak haché" kommt …nichts. Das französische Hacksteak ist gehacktes Rindfleisch, das in Form gepresst wurde, fertig aus. Wenn ein Deutscher es probiert, ist er von seinem relativ faden Geschmack und seiner gummiartigen Konsistenz maßlos enttäuscht. Wenn man nicht damit großgeworden ist, braucht es Jahre, bis man ein "steak haché" genießen kann.
Man versteht Horsts Entsetzen etwas besser, wenn man weiß, dass sich in einem deutschen Hacksteak so ungefähr alles befindet, was die Küche hergibt. Ein Hacksteak, in manchen Gegenden auch Frikadelle oder Boulette genannt, ist ein schmackhaftes Gemisch aus Rind - und Schweinefleisch, Ei, gehackter Zwiebel, Petersilie, Weißbrot, Salz, Pfeffer und warum nicht Senf, Kapern und gehackten Gewürzgurken?Jede Hausfrau hat ihren Trick, ihr Rezept, das ihre hausgemachten Frikadellen unverwechselbar macht. Manche mischen sogar Quark unter! Eine Frikadelle ist immer gut durchgebraten; man isst sie kalt im Brötchen und natürlich warm, gerne mit Kartoffelsalat. Wie Sie sehen, hat ein deutsches Hacksteak nichts mit einem französischen "steak haché" gemein. Die Franzosen essen viel "steak haché". Der Metzger hackt das Fleisch immer vor den Augen des Kunden, und zwar in einer Maschine, die den Steaks ihre charakteristische Form und ihre Rillen verleiht. Die Franzosen kaufen sie jedoch immer häufiger abgepackt oder tiefgefroren.
Man fragt sich, wieso die Franzosen, die ja eher als Feinschmecker bekannt sind, so etwas Einfaches essen. Sie werden Ihnen antworten, dass ein "steak haché" eigentlich nur von Zahnlosen gegessen wird: Kindern und Alten. Und dass ein richtiger Franzose viel lieber ein saftiges Steak isst. Tja, das sagen sie, aber insgeheim lieben sie das "steak haché", denn es erinnert sie an ihre Kindheit…







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