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27/11/06

Seele aus Eis

Hirnforscher auf der Suche nach Gefühlen


Wie beeinflussen Gefühle unseren Körper? Gibt es Gefühlsblindheit? Seit die Hirnforschung mit neuen bildgebenden Verfahren immer genauere Einblicke gewinnt, rücken die menschlichen Gefühle in das Zentrum des naturwissenschaftlichen Interesses.

Emotionen - sie kommen augenblicklich, unwillkürlich. Kaum jemand kann sie unterdrücken: Die - zunächst unbewusste - körperliche Reaktion auf eine Seelenstimmung. Neurobiologen definieren Emotionen als Körperreaktionen auf ein reales oder gedachtes Objekt, die dazu dienen, den Organismus auf eine Handlung vorzubereiten. Ein Gefühl ist das bewusste Erleben dieser Körperreaktion und das bewusste Interpretieren der Situation, in der diese Körperreaktion stattfindet.
 
Somatische Marker halfen unseren Vorfahren zu überleben
Die Hirnforschung spricht heute von "somatischen Markern". Sichtbare Marker geben uns Auskunft über die Seelenstimmung unseres Gegenübers. Andere Körperreaktionen wie Bauchschmerzen bleiben Außenstehenden verborgen. Diese somatischen Marker halfen unseren Vorfahren zu überleben. Im Moment der Gefahr hieß es blitzschnell zu entscheiden: Kampf oder Flucht ? Die plötzlich aufgekommene Furcht erhöhte den Pulsschlag, die Herzfrequenz stieg, der Mensch wurde hellwach für die Gefahr. Verlief der Kampf oder die Flucht erfolgreich, so speicherte das Gehirn die Eindrücke ab.

Auch heute sind die Emotionen bei der Ausbildung des Bewusstseins zwingend beteiligt. Sie ordnen jede neue Erfahrung ein und bilden dadurch unser "emotionales Gedächtnis" aus: Nervenzellen im Gehirn, die Neuronen, werden aktiv und senden, je nach Emotion ganz verschiedene, elektrische Impulse und chemische Botenstoffe aus - Neurotransmitter. Durch diese Reaktionen entstehen im Gehirn nach und nach feste Strukturen, neuronale Netze.
Sind Gefühle als Ergebnis von Emotionen nichts weiter als bloße elektrische und chemische Reaktionen? Fast scheint es so. Zumindest sind bewusste Gefühle ohne unbewusste Emotionen unmöglich.
 
 Körperreaktionen lügen nicht
Emotionen sind als Körperreaktionen messbar, meint Alfons Hamm, klinischer Psychologe an der Uni Greifswald. Mit einer Reihe von Tests zeigt er den Zusammenhang von Seelenstimmung und somatischen Markern.
Einer Probandin werden Sensoren im Gesicht befestigt, die Muskelreaktionen aufzeichnen. Bei dem Experiment werden der Versuchsperson unterschiedliche Bilder gezeigt, neutrale und emotional stark aufgeladene. In dem Moment, in dem die Testperson etwas Unangenehmes sieht, springt ein Muskel oberhalb der Augenbraue an. Der gleiche Muskel reagiert auch dann, wenn man sich etwas Unangenehmes vorstellt, zum Beispiel aus der Lebensgeschichte. 
Natürliches Lächeln bringt automatisch die Muskulatur auf beiden Seiten des Mundes in Bewegung - ein somatischer Marker. Angeregt wird das Lachen von der Amygdala, dem unbewussten Gefühlsverwalter im Gehirn. Wird ein Lächeln jedoch lediglich vorgetäuscht, geschieht etwas Merkwürdiges: Hauptsächlich die rechten Gesichtsmuskeln werden aktiv - anders als beim echten Lachen. Hierbei gibt die Großhirnrinde, der Cortex, die Befehle. Und dort wird ausschließlich der bewusste Wille repräsentiert.
 
Können wir mit dem Verstand unsere Emotionen kontrollieren?
Ein weiterer Versuch soll das klären. Eine Haube mit 120 Sensoren soll dabei messen, wo und wie die Hirnaktivität verläuft. In einer Abfolge von hoch emotionalen Bildern sind Aufnahmen von schachbrettartigen Mustern versteckt. Die Testperson soll sie zählen - eine reine Verstandesleistung. Das verblüffende Ergebnis: Die Emotionen spielen immer mit, auch wenn sie gar nicht beteiligt sein sollen. Die automatische Aufmerksamkeit wird immer auf die emotional bedeutsamen Reize gerichtet, obwohl die Testpersonen gebeten werden, auf die Schachbretter zu achten und nicht auf die erotischen oder unangenehmen Bilder. Das Gehirn verstärkt automatisch die emotional relevanten Reize und nimmt das wahr, was emotional interessant ist.
Diese Tatsache ist entwicklungsgeschichtlich nachvollziehbar: Die Zentrale für die Gefühlssteuerung ist ein sehr viel älteres Hirnareal als die Bereiche, die den Verstand repräsentieren: Emotionen und Gefühle werden vom limbischen System mit seinem Kern, der Amygdala, gesteuert. Und dieser Emotionsverwalter bewertet zunächst, ob der Reiz, der von einem Objekt ausgelöst wurde, für den Organismus positiv oder negativ ist.
 
 
Alexithymie - Gefühlsblindheit
 Wenn trotz vorhandener Emotionen keinerlei Gefühle mehr wahrgenommen werden können und das seelische Gleichgewicht völlig durcheinander geraten ist, sprechen die Forscher von "Gefühlsblindheit", so genannter «Alexithymie».
Harald Gündel untersucht das Phänomen. Den Arzt am Münchner Klinikum Rechts der Isar interessiert unter anderem, ob bei Gefühlsblindheit auch die Emotionen und mit ihnen die somatischen Marker verschwinden. Als messbare emotionale Reaktion hat Gündel in einer ganz neuen Studie den Hautleitwert beobachtet - also das Schwitzen, deutliches Zeichen für Erregung. Untersucht wurden emotional unauffällige Probanden und Alexithymiker. Ein erhöhter Hautleitwert ist bei normalen Personen dann zu messen, wenn sie sich an emotional aufgeladene Szenen erinnern sollen. Die chronisch-neurologischen Patienten, die besondere Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Gefühlen haben, reagierten in den verschiedenen Belastungssituationen vegetativ wesentlich stärker. Das heißt, sie nahmen weniger wahr, dass sie gerade gefühlsmäßig berührt waren, aber der Körper selbst reagierte stärker.
Auffallend oft neigen alexithyme Menschen zu psychosomatischen Erkrankungen. Es liegt dann kein organischer Befund vor und doch spüren die Betroffenen starke Schmerzen, etwa im Rücken oder Verdauungstrakt. Neuere Studien zeigen, dass die psychosomatischen Beschwerden oft nach erfolgreicher Therapie der Seele verschwinden. Ist der Gefühlshaushalt wieder in Ordnung, kommt auch der Körper in’s Lot.

Über die Aktivierung "positiver Marker" die Seelenlage ändern?
Nach einer seelischen Heilung verändert sich auch die Hirnaktivität. Vor einer Behandlung ist der Gefühlsverwalter Amygdala aktiv. Hat der Patient die emotionale Situation verarbeitet, bleibt dieses Hirnareal stumm. Wenn sich Gehirnaktivitäten ändern, werden auch die neuronalen Netze neu geknüpft.
Die Psychotherapeutin Maja Storch von der Universität Zürich glaubt, dass wir über unsere unbewussten Emotionen auch die Gehirnaktivitäten beeinflussen können. Wenn wir lernen, "somatische Marker" an uns wahrzunehmen und bei Entscheidungen auf «den Bauch» zu hören, dann können wir gezielt positive Marker aktivieren und dadurch unsere unbewussten negativen Seelenlagen beeinflussen. In einer Angst einflößenden Situation - etwa im Beruf - können wir dann für uns gewinnbringend entscheiden: «Jeder Mensch trägt seinen persönlichen Erfahrungsschatz mit sich herum: das ist gut für mich gewesen, oder schlecht für mich gewesen. Diese somatischen Marker steuern sehr stark unbewusst bereits schon die verschiedenen Möglichkeiten von möglichen Szenarien, für die man sich entscheiden könnte.»
In den Kursen von Maja Storch suchen die Teilnehmer zunächst das für sie emotional positivste Bild aus. Dann wird mittels freier Assoziation versucht, die Motive freizulegen, die hinter der Wahl stehen. Zuletzt wird ein Handlungsziel, eine Art Lebensmotto, definiert. Ist es treffend formuliert, treten unwillkürlich die somatischen Marker auf. Manchmal sind die Körperreaktionen kaum wahrnehmbar, wie etwa ein kurzes Aufleuchten in den Augen.
Martin Meuli, Chef der Chirurgie im Züricher Kinderspital hat Storchs Seminar vor kurzem besucht. Als Arzt und Manager seiner Abteilung muss er ständig Entscheidungen treffen und hört - wo ihm möglich - auf seine Marker: «Die ad-hoc-Entscheidungen sind ja meistens in der Medizin Entscheidungen, die man schnell treffen muss, weil es um ein Patientenschicksal geht. Und dort ist ganz klar die mentale, intellektuelle, kopfseitige Komponente im Vordergrund. Wenn es um längerfristige Dinge geht, wenn es um Fragen geht, die einem eine gewisse Zeit lassen zur Entscheidungsfindung, dann gibt es ein ausgeprägtes Miteinander der beiden Komponenten Kopf und Bauch. Ich glaube, dass für mich persönlich schlussendlich der Bauch zwingend mit positiv dabei sein muss, dass eine Entscheidung in der bewussten Richtung gefällt wird.»
Die neuere Hirn- und Emotionsforschung hat gezeigt: Körperreaktion und Emotion sind untrennbar. Körper und Seele, Gefühl und Verstand sind eine Einheit, auch wenn dies lange bestritten wurde. Was aber auch in Zukunft wohl nicht messbar sein wird, das ist, wie jeder einzelne Gefühle individuell wahrnimmt.
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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 05. Dezember 2006 um 14.00 Uhr
Wiederholung vom 29. März 2005
Redaktion: Birgit Engel Koproduktion BR -ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 29-03-05
Letzte Änderung: 27-11-06