Auf den ersten Blick sieht die Realität ganz anders aus. Der Alltag bedeutet eine ständige Herausforderung. Es mangelt an allem. Lebensnotwendiges wie Seife, Zahncreme und Speiseöl sind Luxusware. Doch wir wären nicht auf Kuba, wenn sich nicht immer irgendwie eine Lösung finden würde. Kubaner sind Meister der Improvisation. Darum geht es in unserem Film über Havannas Mecaniqueros Ariél, César und Tommy. Mit Hilfe von Mecánicas - Tricks und Drehs - haben sie sich darauf spezialisiert, die Dinge aufzutreiben, die es eigentlich nicht gibt. Ariéls Wohnung dient als Büro der ungeahnten Möglichkeiten und Informationszentrale. Überhaupt sind Klatsch und Tratsch Kubas heimlicher Nationalsport und dort, wo mehr als drei Kubaner aufeinander treffen, unvermeidbar. Für das Geschäft der Mecaniqueros sind sie grundlegend wichtig: sie sind die Basis für inoffizielle Bezugsquellen und neue Geschäftsideen.
Beim Drehen einer Reportage stellt das vor einige Herausforderungen: es wird viel geredet, immer von allen auf einmal und es geht grundsätzlich um mehrere Geschichten gleichzeitig - und doch wird keine einzige wirklich beendet. Wie auch. Die Lösungen für viele Probleme ergeben sich oft Tage, Wochen, Monate später - dann wenn das Filmteam bereits abgereist ist. Dennoch ist es uns gelungen, einige Mecánicas der Drei zu begleiten. Dabei muss man schnell selbst zum allergrößten Mecaniquero werden. Mecánicas, die man sich auf jeden Fall aneignen sollte, sind etwa:
Wie holt man seine Protagonisten aus dem Gefängnis, in das sie wegen nicht gewünschtem Kontakt zu Ausländern geraten sind?
Wie holt man den Rucksack mit dem Equipment aus dem Gefängnis, in das dieser auf dem Rücken eines Mecaniqueros geraten ist, der eigentlich nur Tragen helfen wollte und daraufhin unverhofft des Diebstahls bezichtigt wurde?
Wie dreht man ein privates Wohnzimmer-Restaurant, wenn es seit Tagen weder Wasser noch Strom gibt? (Ganz einfach: Wasser wird von den Nachbarn in Plastikflaschen ausgeliehen, Strom braucht man nicht unbedingt.)
Wie dreht man gegen die berühmt berüchtigte Telenovela an, die alle Protagonisten inmitten jeglicher Mecánica-Tätigkeit vor den Bildschirm bannt? (Wenn man dann allerdings die Telenovela und ihre maßgebliche Bedeutung innerhalb des staatlich zensierten Fernsehprogramms filmen will, werden mit Sicherheit die Reden von Staatspräsident Fidel Castro übertragen oder es ist Stromausfall.)
Man sollte allerdings auch vermeiden, sich so zum Mecaniquero zu entwickeln, dass man sich auf “kubanische Lösungen” für jedwede Situation verlässt: Etwa auf das pünktliche Eintreffen einer Festgesellschaft mit einem ganz normalen kubanischen Linienbus. Klar, dass geschieht, was nun mal in Kuba immer passiert: Der Linienbus (mecánica-mäßig inoffiziell nach Feierabend im Einsatz) bricht zusammen. Ersatz gibt es unter der Hand organisiert gute drei Stunden später. Allerdings geht nun die Sonne bereits unter.Mit Hilfe unserer Mecaniqueros haben wir jedoch alles gut gemeistert. Manchmal war es uns fast unheimlich, wie weit Ariél, César und Tommy ihre Bezugsquellen preisgaben und uns in ihre sonst sehr verschlossene Welt blicken ließen. Doch sie sind eben nicht mehr die Kinder der Revolution, sondern eine Generation, die von Tourismus und westlichen Wertvorstellungen beeinflusst sind. Sie sind gefangen zwischen ihren Träumen von einer individuell gestaltbaren Zukunft und der Begrenztheit der Möglichkeiten in einem engmaschigen System. Wie groß die Hürden und die Frustration sind, war oft zu spüren. Besonders bei César, dem begabten jungen Tänzer, der mit seinem Talent auf der begrenzten Karibikinselbühne alles erreicht hat und doch nicht davon leben kann. Tommy ist der einzige der Drei, der nicht davon träumt, auch einmal wenigstens für eine Zeit im Ausland zu leben. Inzwischen hat er sich in Havanna ganz gut eingelebt und dort auch seine große Liebe gefunden, die das Heimweh nach seiner Familie ein wenig lindert. Ariél überraschte uns durch sein schier unerschöpfliches Energie- und Innovationsreservoir jeden Tag aufs Neue. Für alles, hat er immer eine Lösung parat. Zusammen sind die Drei ein unschlagbares Team. Und so ist also doch fast alles möglich in Havanna. Dank der Mecaniqueros, die mit viel Witz und Organisationstalent in einem von Mangel gezeichneten Land immer wieder Wege und Lösungen finden.









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