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Bis wir gelandet sind und unsere Unterkunft erreicht haben, ist es dunkel. Groß ist deshalb die Überraschung als wir am Morgen auf die Terrasse unseres Bungalows treten und in die Augen eines anderthalb Meter großen Alligators schauen, der zu unseren Füßen im Teich liegt. Ein Schild warnt: „Füttern verboten. Höchststrafe 500,- Dollar, Inhaftierung möglich.“
Wir sind verabredet mit einer Biologin, die erforschen soll, wie Menschen und Echsen auf dieser Insel besser zusammenleben können. Cheryl Parrott ist 26 Jahre alt, energisch und davon durchdrungen, den Inselbewohnern bald mit ihrer Studie einen Kompromiss vorschlagen zu können, mit dem sowohl Alligatorgegner, als auch -befürworter leben können. Es ist die erste größere wissenschaftliche Arbeit, auf der ihr Name ganz oben stehen wird. Wir folgen der ehrgeizigen Dame im Laufschritt durch den Busch. Bei knapp vierzig Grad schwitzen wir bereits im Stehen. Mit Tonausrüstung, Kamera und Stativ am Leib zerfließen wir.
Keiner von uns hat vorher einen Alligator in freier Wildbahn gesehen. Wir können nur schwer einschätzen, wie gefährlich die Tiere möglicherweise sind. Da hilft uns unser zweiter Termin weiter. Dee Serage-Century, die sympathische Mitarbeiterin der kleinen privaten Umweltschutzorganisation, Sanibel-Captiva Conservation Foundation, klärt uns auf. Von Natur aus sind Alligatoren menschenscheu und flüchten. Ein aufrecht stehender Erwachsener passt nicht in ihr Beuteschema. Lockt man sie jedoch mit Futter, setzt ihr erbsengroßes Gehirn den Menschen bald mit Nahrung gleich. Erst dann wird die Echse zur Gefahr.
Die meisten Neubürger Floridas sind in Sachen Alligatoren genauso ahnungslos, wie wir Europäer. Sie ziehen täglich zu Hunderten in den Sunshine State, um sich hier niederzulassen. Viele glauben sogar an das Ammenmärchen, dass ein Alligator einen Menschen auch über lange Strecken an Land verfolgen würde. Also bestellen sie einen Trapper, der das Tier aus dem Gartenteich entfernt. Es muss sterben.
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Beim Schlachter lassen die Alligatoren ihr Leben. Wir sind dabei als Barbon mit schnellem Schnitt die Verbindung zwischen Gehirn und Rückenmark durchtrennt. Es ist schwül, die Zikaden zirpen und aus den Köpfen der Alligatoren fließt Blut. Die warme Luft verbreitet einen Geruch von Tod, der uns übel werden lässt. Eben wehrten sie sich noch, jetzt sind ihre Augen geschlossen – wie nah Leben und Tod beieinander liegen. Wir haben einen Schock.
„Darf man das?“, fragen wir uns. Jäger und Schlachtbetriebe in Deutschland machen genau das gleiche, letztere sogar am Fließband. Wir sind keine Vegetarier und daher nicht in der Position, jemanden zu verurteilen. Eine befriedigende Antwort finden wir nicht. Vielleicht sollte die Frage lauten: Muss das sein? – Eine Frau lässt einen Alligator entfernen, weil sie Angst um ihren Hund hat. Er könnte gefressen werden. Aber genauso gut könnte ihn auf der Straße neben dem Teich ein Auto überfahren. Gegen die Autos unternimmt sie nichts. Sie sorgt dafür, dass der Hund nicht auf die Straße läuft. Sie könnte ihn ebenso vom Ufer fernhalten.
Scot Barbon ist in Florida aufgewachsen, er hat keine Angst vor den Tieren. Er geht sogar mit Familie und Freunden in den großen Seen baden, wenn die Alligatoren ihren Mittagsschlaf auf dem Grund halten. Auch seinen 14-jährigen Sohn lässt er schon Tiere fangen. Trapper sein ist für Barbon ein Job, den irgendjemand machen muss und mit dem er Geld verdient. So finanziert er das Haus, das er gerade baut. Er will seine Familie endlich aus dem Mobile Home herausholen. So viel Energie beeindruckt uns.Am Ende sind wir zufrieden mit unserem Dreh: Wir haben mehr Bilder eingefangen, als gehofft, sogar ein paar kuschelnde Alligatoren. Die Ausrüstung ist intakt. Nur der Mietwagen hat gelitten, als ein Laster uns einen Klinker in die Windschutzscheibe schleuderte. Dass uns das Comfort Inn Hotel aussperrte, ist schon fast vergessen. Es war nicht in der Lage eine internationale Telefonnummer zu wählen, um sich unsere Kreditkarte verifizieren zu lassen. Wir fanden eine freundlichere Unterkunft.
Bleibt nur, den Alligatoren zu wünschen, dass die Menschen lernen, in ihren Siedlungen mit ihnen zusammenzuleben. Ideen dafür gibt es in der wissenschaftlichen Arbeit von Cheryl Parrott. Das wäre immerhin ein Trost. Die Vernichtung ihres Lebensraums durch den Menschen lässt sich wohl kaum stoppen.







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