Philippe Ilial
Lehrer für Geschichte und GeographieHistoriker, Mitherausgeber der Zeitschrift „Les Temps Médiévaux“
Die Festung Alamut, die Legende um die Assassinen und ihren Anführer Hassan Ibn Sabbah, den „Alten vom Berg“, boten mit ihrem Hauch von Romantik seit jeher Stoff für zahlreiche Romane. Rund fünfzig Jahre nach dem slowenischen Autor Vladimir Bartol (1903-1967; sein hervorragender Roman „Alamut“ wurde 1938 veröffentlicht) machte der zeitgenössische libanesische Romancier und Journalist Amin Maalouf Hassan Ibn Sabbah zur Hauptgestalt seines Romans „Samarkand“, in dem er sich (mehr als in seinen historischen Sachbüchern) als ausgezeichneter Schriftsteller erwies.
In jüngster Zeit ist das Interesse an den Assassinen erneut aufgeflammt – nicht zuletzt deshalb, weil die Medien seit den spektakulären Anschlägen auf das World Trade Center immer wieder Parallelen zwischen El Kaida und der persischen Sekte des Mittelalters gezogen haben. Doch trotz vergleichbarer Kampfmethoden und Übereinstimmung in der sozialen Herkunft ihrer Anführer weisen beide Vereinigungen mindestens ebenso starke Unterschiede auf: Dem persischen Nationalismus der Assassinen steht das internationale Terrornetzwerk Bin Ladens gegenüber, der anders als Hassan Ibn Sabbah kein zum Heiligtum erklärtes Machtzentrum (Alamut) hat, sondern ein unstetes Nomadenleben führt und statt politischer Einzelmorde Massenanschläge bevorzugt. Letztlich liegt der gemeinsame Nenner lediglich in der für alle Terrorbewegungen typischen Kampfmethode: Sie setzen auf Verunsicherung der Gesellschaft, indem sie Unschuldige in aller Öffentlichkeit hinterrücks ermorden.
Nachfolgend werden – ohne ausführlich auf die Gründe für die damaligen theologischen Spaltungen im Islam einzugehen – die Ursprünge der Assassinen erläutert und die mittelalterlichen Quellen angeführt, die über das damals akute Phänomen berichteten.
Die Assassinen: ein historischer Überblick
Dem besseren Verständnis dieser Erscheinung dient ein kurzer Rückblick auf die Zeit des Todes des Propheten Mohammed im Jahr 632. Nach Darstellung des britischen Wissenschaftlers Bernard Lewis („Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam“, 2001) soll sich Mohammed selber nicht göttlicher Herkunft, sondern als Überbringer der göttlichen Botschaft – des Heiligen Koran - gefühlt haben. Da er keine Weisungen hinsichtlich eines Nachfolgers hinterließ, ging die Macht an seinen Gefolgsmann und Vater einer seiner Ehefrauen, Abu Bakr, über, der den Titel Kalif (Stellvertreter des Propheten) annahm und damit das Kalifat als Herrschaftsform institutionalisierte. Seine Macht wurde jedoch fast sofort von seinen Gegnern in Frage gestellt, nach deren Auffassung der Anführer der Muslime ein Blutsverwandter des Propheten sein musste und die sich hinter Mohammeds Cousin Ali stellten. Nach Mohammeds Tod erlebte der aufblühende Islam also bereits sein erstes Schisma, das unweigerlich zur Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten führen sollte. Die Schiiten vertraten den Glauben, dass die leiblichen Nachkommen des Propheten die Rückkehr zur ursprünglichen Botschaft Mohammeds ermöglichen würden.
Später förderte die Herrschaft der türkischen Seldschuken (Sunniten) eine erneute Spaltung innerhalb des Islam, dessen Hauptströmungen sich nunmehr aus verschiedenen Unterströmungen zusammensetzten.
Die Assassinen waren ein persischer Zweig der Ismailiten, die sich ihrerseits wegen eines Erbfolgestreits von den ägyptischen Fatimiden (Anhängern Fatimas, also Schiiten) abgespalten hatten. Nach ihrem Begründer Nizar, der von der Führung der ägyptischen Fatimiden ausgeschaltet worden war, werden sie ebenfalls Nizariten genannt. Im Gegensatz zu den Fatimiden lehnen die Nizariten jede Weltlichkeit (und daher jede Form der Politik im wörtlichen Sinne von Herrschaft über die Polis) ab und vertreten eine puristische, idealistische Sichtweise des Islam. Ihre Gegner waren die türkischen Seldschuken und natürlich die Kreuzritter.
Hassan Ibn Sabbah, „Der Alte vom Berg“
Hassan Ibn Sabbah wurde Mitte des 11. Jahrhunderts in Persien in der schiitischen Region Qumm in eine angesehene Händlerfamilie ismailitischen Glaubens geboren. Der ausgezeichnete Koranschüler lehnte die von den sunnitischen Seldschuken aufgezwungene theologische Neuorientierung ab. Unter der türkischen Herrschaft wurde der Schiitismus kaum noch toleriert, und es kam sogar zu Verfolgungen. Der in seinem Glauben zutiefst gedemütigte junge Hassan Ibn Sabbah verfasste subversive Schmähreden gegen die seldschukischen Machthaber, weswegen er schließlich ins fatimidische Ägypten, die letzte große Bastion der Schiiten, fliehen musste. Die Korruption im ägyptischen Machtapparat stieß den jungen Hassan jedoch ab, allein in den Worten Nizars fand er Trost und Zuversicht: Der älteste Sohn des Kalifen wollte die Macht zurückerobern und die Seldschuken aus Persien vertreiben. Hassan Ibn Sabbah und Nizar vereinbaren einen Plan: Nach dem Tod des alten Kalifen würde Nizar die schiitische Armee Ägyptens gegen Persien schicken, um die Gebiete zurück zu erobern, die in die Hände der türkisch-sunnitischen Seldschuken gefallenen waren. Daraufhin kehrte Hassan Ibn Sabbah nach Persien zurück, um die siegreiche Rückkehr des Schiitismus vorzubereiten. Er ließ sich im Herzen des Elbrusmassivs nieder, wo es ihm 1090 mit einer List gelang, die Festung Alamut einzunehmen, die zum Hauptquartier seiner Anhänger werden sollte.
Die Festung Alamut und der Assassinen-Orden
Hassan Ibn Sabbah rekrutierte die Anhänger seines Ordens unter den stark ismailitisch geprägten Nordpersern. Dank seines Charismas, vor allem aber dank der Stärke des Schiitismus in einer Region, die den Sunnismus als seine aufgezwungene fremde Macht empfand, gelang es Hassan Ibn Sabbah, viele der dort zahlreichen Dissidenten für seine Sache zu gewinnen. Diese neue missionarische Tätigkeit beunruhigte den türkischen Wesir, der den Befehl erteilte, ihn festzunehmen. Darauf hin beschloss Hassan Ibn Sabbah, der später der „Alte vom Berg“ genannt werden sollte, zu seiner Sicherheit ein uneinnehmbares Hauptquartier zu suchen.
Seine Wahl fiel auf die Festung Alamut, eine stark befestigte Zitadelle in über 1800 Meter Höhe auf einem felsigen Gipfel des Elbrusmassivs; ihr damaliger Besitzer Mihdi hatte sie von einem seldschukischen Sultan erhalten. Die Burg wurde dank einer List eingenommen, Hassan Ibn Sabbah soll zunächst die Einwohner der umliegenden Dörfer für seine Sache gewonnen, dann die Festung erobert und darauf Mihdi eine Entschädigung in Höhe von 3000 Golddinar angeboten haben (so der Islamforscher Bernard Lewis, es gibt jedoch unterschiedliche Berichte über die Einnahme der Festung Alamut).
Dem persischen Chronisten Rachid al-Din zufolge soll Hassan Ibn Sabbah in den 35 Jahren seiner Herrschaft nur zweimal seine Festung verlassen haben – um auf dem Dach zu meditieren.
Die Assassinen stuften die Gläubigen nach Bildungsstand, Festigkeit im Glauben und Kühnheit ein. Die auf Indoktrinierung und körperlicher Ertüchtigung basierende Ausbildung war hart. Hassan Ibn Sabbah stärkste Waffe war der Terror, den er geschickt mit zahlreichen, Aufsehen erregenden Morden säte. Die Mitglieder wurden in kleinen Gruppen losgeschickt, das vom „Alten vom Berg“ bestimmte Opfer zu ermorden. Die Hinrichtung erfolgte systematisch öffentlich, um unter den Menschen Angst zu verbreiten; aus diesem Grund verübten die Assassinen ihre politischen Morde immer freitags zur Mittagszeit in der Nähe der Moschee.
Der muslimische Chronist Ibn al-Athir berichtet, dass das erste von der Sekte verübte Attentat 1092, zwei Jahre nach der Einnahme der Festung Alamut, dem seldschukischen Wesir Nizam el Mulk galt; die vorhandenen Machtgefüge brachen sogleich zusammen … Der Weg für die schiitische Rückeroberung mit Hilfe der ägyptischen Fatimiden schien geebnet. Zwischenzeitlich scheiterte jedoch in Kairo der Versuch Nizars, die Macht zu ergreifen. Sein Schicksal nahm sogar eine tragische Wende, denn er wurde bei lebendigem Leibe eingemauert. Hassan Ibn Sabbah kämpfte fortan allein in der Region für die Wiederherstellung des Schiitismus, er musste seine Strategie weiterentwickeln und beschloss, die Staatsmacht durch ein verdecktes Netz von Erpressern unter seinen Einfluss zu stellen. Zu diesem Zweck schreckte er auch nicht davor zurück, mit den Kreuzrittern Allianzen zu schmieden (man spricht insbesondere von Gesprächen mit dem Tempelorden). Trotz einer siebenjährigen Belagerung gelang es dem neuen Sultan der Seldschuken nicht, die Assassinen zur Aufgabe ihrer Festung zu zwingen. Nach dem Tod des „Alten vom Berg“ setzten seine Nachfolger sein Werk fort und trugen den Ruf der „Assassinen von Alamut“ bis nach Europa …
Ihre Ära ging mit den Mongolen zu Ende, die im Jahre 1257 die Festung Alamut zerstörten.
Quelle : zdf.de
Gefürchtete Kämpfer aus dem UntergrundIm fernen Samarra - nördlich von Bagdad - beeindruckt noch heute die Moschee der sunnitischen Kalifen aus der Abbasiden-Dynastie. Jenes Clans, der in den Augen Hasans für den Verfall des rechten Islam verantwortlich zeichnete. Und seine Gemeinschaft mit allen Mitteln zerschlagen wollte.
Die Machthaber frönten in ihren prächtigen Palästen dem Luxus. Vetternwirtschaft und Korruption waren an der Tagesordnung. Am Regierungssitz Bagdad hatten sie bedeutende Religionsschulen etabliert.
Feinde des IslamIn den heiligen Hallen lehrten weise Männer Theologie und Rechtskunde - nach den Vorgaben der herrschenden Partei. Dort entfaltete sich auch das sunnitische Dogma, in dem Schiiten, besonders aber Ismailis als Abtrünnige und Feinde des Islam dargestellt wurden. Millionen Bände füllten die riesigen Bibliotheken der Hauptstadt. Bücher über mathematische Fragen, literarische Werke aus unterschiedlichen Jahrhunderten und medizinische Abhandlungen gehörten zum festen Bestand der Ausbildungsstätten. Bagdad avancierte zum glanzvollen Zentrum der Wissenschaft.
Auch wenn der Kalif offiziell an der Spitze des Reiches stand, war er kaum mehr als eine willfährige Marionette in den Händen der Seldschuken, seiner engen Verbündeten. Das Turkvolk hatte um 1000 die Religion Mohammeds angenommen und innerhalb weniger Jahrzehnte weite Teile Persiens und Mesopotamiens besetzt. Nach und nach gewannen die Fremden an politischem und militärischem Einfluss. Als selbsternannte Beschützer des Kalifen machten sie sich unentbehrlich. Ihrem Anführer, dem Sultan, entging nicht, was sich unter Hasans Regie zusammenbraute. Schon bald rückte das Heer nach Alamut vor, um das Widerstandsnest auszuräuchern. Trotz Übermacht mussten die Belagerer jedoch erfolglos abziehen. Eine bittere Niederlage
Tod dem Wesir
Hasan wollte Rache. Er wusste, dass hinter der Aktion sein Erzfeind, der Wesir des Sultans steckte. Am Abend versammelte der Da'i seine Getreuen um sich - die Fida'ii. Junge Männer, die ihm blind gehorchten, die bereit waren, ihr Leben für die Sache zu opfern. Tod dem Wesir - lautete der Auftrag. Hasans erstes Attentat im Namen der Religion. Am Morgen des 16. Oktober 1092, wartete in einem kleinen Ort in Persien der Todesbote aus Alamut auf seine Chance - verkleidet als Bettler.
Der 80jährige Nizam al-Mulk ahnte nichts von der Gefahr. Der hohe Staatsdiener kam gerade von einer wichtigen Unterredung. Ein berühmter Mann, der sich Zeit seines Lebens um das Land verdient gemacht hatte. Ungehindert näherte sich der Unbekannte - unter dem Vorwand, dem Wesir eine Bittschrift auszuhändigen. Auf den ersten Blick ein unverdächtiges Gesuch. Mit den Worten: "Im Namen Allahs, nimm den Gruß von Hasan-e Sabbah!" war die Tat vollbracht. Der Mord machte den Anführer der Ismailis mit einem Schlag berühmt und gefürchtet. Angeblich wurden die Namen von Täter und Opfer in eine Ehrentafel eingemeißelt. Hunderte sollen es geworden sein. Nachweisen lässt sich jedoch nicht einmal ein Zehntel.
Antwort aus Alamut
Im südlich gelegenen Isfahan lebte damals eine große ismailische Gemeinde. Vor allem die unteren Schichten wie Handwerker und Tagelöhner, fühlten sich in der Gemeinschaft geborgen. Denn die Dai's halfen in allen Lebenslagen und setzten sich für die Belange der Gläubigen ein. Immer wieder kam es zu Pogromen, zu Übergriffen durch die Soldaten des Sultans. Die Splittergruppe wurde wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Regierung und ihrer eigenwilligen Auslegung des Koran verfolgt. In jener Zeit gingen viele Schriften in Flammen auf, ein unwiederbringlicher Verlust. Die Antwort auf die brutalen Aktionen kam aus Alamut. Das Vorgehen folgte stets dem gleichen Muster. Hasan sendete einen Fida'ii aus. Auf eine Reise ohne Wiederkehr.
Ein beliebter Tatort jener Tage waren die religiösen Zentren, insbesondere während des Freitagsgebets. Historisch verbürgt ist das Attentat in der Jame-Moschee von Isfahan. Im Jahr 1101 trifft es dort den obersten Mufti der Stadt. Der Angreifer setzte den Dolchstoß immer von vorne und nannte dabei den Auftraggeber: Hasan-e Sabbah.






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

