Doch zurück zu Peter Ingwersen, dem Pionier mit missionarischem Charme in Sachen ethischer Luxus-Mode. Während seiner kreativen Laufbahn lernte er als Designer bei Levi’s und DAY auch die dunkle Seite der Modeindustrie kennen. Er hat die Ohnmacht gegenüber unsozialen und umweltfeindlichen Produktionsbedingungen gespürt und konnte sich schließlich immer weniger dafür begeistern, noch mehr schöne Trends in immer schnellerer Folge auf Kosten anderer zu kreieren. 2005 gründete er das Label Noir, um mit ihm den Beweis anzutreten, dass Mode sexy und sozial sein kann. Ingwersen verwendet ausschließlich ökologische Baumwolle, die er in Uganda ohne Pestizide und zu fairen Preisen anbauen lässt. Ein Teil des Gewinns fließt in die medizinische Versorgung und Ausbildung der Bauern vor Ort. Ab 2008 bietet er seine Biobaumwolle unter dem Label Illuminati2 auch anderen Unternehmen an. Schon jetzt begeistern die Noir-Kollektionen die Modekritiker und werden in 60 Ländern vertrieben.
Das Geheimnis dieses Erfolges: Man sieht den Designerkleidern den moralischen Mehrwert nicht an. Denn dank hoch entwickelter Technologien in der Stoffproduktion sind die wirklichen Innovationen in der Mode heute unsichtbar, dafür kann man sie aber fühlen. Organische Stoffe haben das kratzige Wollsocken-Image endgültig abgestreift. Die Unternehmer wittern dank der boomenden Nachfrage neue Geschäftsfelder, und sowohl die Politik als auch der Aktienmarkt investieren in nachhaltige Alternativen. Der sogenannte „Dow Jones Sustainability Index“ listet soziale und umweltfreundliche Unternehmen, und die UNO hat 2009 zum Jahr der Naturfaser erklärt, um auch Jute, Hanf, Bambus und Kokosnuss als Kleiderstoff zu fördern.
Die Modewelt scheint also von einer neuen Vision beseelt. Und Trendsetter sind ausgerechnet die weltweiten Klimasünder Nr.1: Die Amerikaner verlangen mit einer Inbrunst, wie sie seit dem Summer of Love nicht mehr gesehen wurde, nach „organic“ und „fair trade“ Fashion. Die Hippies des 21. Jahrtausends sind die Anhänger von LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) und alles andere als Konsumverweigerer. Bei ihnen wird Öko-Mode zum moralischen Statement, und die Attribute „gesund“, „fair“ und „nachhaltig“ werden zu Ausschlag gebenden Kaufargumenten. Angeführt wird diese neue Bewegung von „grünen“ Stars aus Hollywood wie Leonardo DiCaprio, Cameron Diaz, Brad Pitt und Julia Roberts. Sie wohnen in Solarhäusern, fahren Hybrid-Autos und shoppen im Biosupermarkt oder in Ökoboutiquen.
Auch U2-Frontman Bono ist eine der Ikonen der neuen Modebewegung. 2005 gründete er mit seiner Frau Ali Hewson die Marke Edun. Die gesamte Kollektion wird aus organischen Stoffen geschneidert, in Afrika zu fairen Preisen produziert, und in den In-Boutiquen dieser Welt verkauft. Im letzten Jahr gründete der umtriebige Rocker das Label RED. Marken wie Armani und Converse entwerfen für RED eigene Produkte, ein Teil der Gewinne geht direkt an die Aidshilfe-Organisation „Global Found“. Doch Kritiker werfen der Kampagne reine Geschäftemacherei vor, denn viele der RED-Produkte sind teurer als sonst, sodass die Konzerne mit der Ökolinie noch zusätzliche Gewinne machen.
Es sind vor allem junge Labels, die ökologisches Bewusstsein und ethische Standards in Mode bringen. „Wir wollen mit unserer Produktion in Peru ein Zeichen setzen“, erklärt Tonny Tonnaer von Kuyichi Jeans. „Ziel war es aber von Anfang an, durch Stil zu überzeugen und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger den ethischen Gesichtspunkt zu betonen.“ Das Paradebeispiel für politisch korrekte Mode, mit der man Geld verdienen kann, ist jedoch American Apparel. Mit seinen bunten in L.A. produzierten Basics ist Firmengründer Dov Charney innerhalb von sieben Jahren zum größten Textilfabrikanten Amerikas avanciert. Inzwischen beliefert er auch Designer wie Donna Karan und Marc Jacobs. Damit der grüne Trend nachhaltig die Strukturen der Modeindustrie beeinflussen kann, ist es wichtig, dass gerade die Global Player mitspielen.
Einige Luxusmarken investieren schon seit den 90ern in ökologische Produktionsverfahren, ohne dieses Engagement öffentlich zu vermarkten. So verarbeitet Armani Biobaumwolle, recycelte Wolle sowie italienischen Hanf. Hermès fördert am Amazonas die Produktion von organischem Leder aus Kautschuk. Auch Deutschlands größter Biobaumwoll-Produzent Otto mischt seine „Pure Wear“-Ware unauffällig ins Katalogangebot. Andere Marken wie Lacoste, Levi’s oder Replay entwerfen wiederum nur einzelne Eco-Modelle und machen darum umso mehr Wirbel.
Die britische Designerin Stella McCartney dagegen ist für ihre kompromisslose Haltung in Sachen modischer Moral berüchtigt. Sie verarbeitet in ihren Kollektionen weder Leder noch Pelz und brachte im April mit Care die erste organische Pflegeserie auf den Markt. Kultdesignerin Katherine Hamnett ist schon seit über 20 Jahren dafür berühmt, den Zeitgeist auf ihrer Mode ebenso kritisch wie plakativ zu benennen, mit dicken Lettern auf Shirts aus organischer Baumwolle: „Save the Future“ oder „Make Trade Fair“.
Die Modewelt hat eine neue Utopie: Sie hat die Chance, dem Geschäft mit der Schönheit einen anziehenden Sinn zu geben. Oder wie Peter Ingwersen es formuliert: „Ich glaube daran, dass Mode schön sein kann – von außen und auch von innen!“
Tina Schraml für das ARTE Magazin
ARTE PLUS
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