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Die Welt der Farben
Haben Farben überall die gleiche Bedeutung? Anthropologen verneinen dies, denn jeder Farbcode hat in der Kultur, von der er geschaffen wurde und innerhalb derer er gilt, einen besonderen Sinn.
Nehmen wir als Beispiel Papua-Neuguinea. Die ersten Seefahrer, die an den Küsten des Archipels landeten, gaben dem Inselgebiet, das auch Vanuatu, die Salomon-Inseln, Neukaledonien mit den Loyauté-Inseln und Fidschi umfasst, den Namen Melanesien.
Denn die schwarze Hautfarbe (schwarz heißt auf Griechisch „melanos“) der Inselbewohner erinnerte die Seefahrer des 16. Jahrhunderts an die Hautfarbe von Afrikanern; daher stellten sie einen Bezug zwischen diesen und den Bewohnern des pazifischen Raums her. Für die Europäer wurde also die Hautfarbe zum ersten Unterscheidungsmerkmal und gleichzeitig zur stigmatisierenden Bezeichnung für die Bewohner dieser Region.
Für die Seefahrer der damaligen Zeit war die Farbe schwarz ein Merkmal der Bevölkerung in entfernten Teilen der Welt wie Afrika oder Ozeanien, doch bei den Bewohnern der verschiedenen Regionen der Welt ist dieselbe Farbe nicht immer mit der gleichen Symbolik behaftet.
In vielen europäischen Kulturen ist schwarz die Farbe der Trauer. Beim Tod eines geliebten Menschen tragen die Trauernden je nach den geltenden Traditionen eine bestimmte Zeit lang schwarze Kleidung. Die Frauen bedecken Gesicht und Kopf mit schwarzen Schleiern oder Tüchern, die Männer befestigen auf dem Oberarm über dem Jackett einen schwarzen Trauerflor.
Schwarz wird in der modernen westlichen Kultur mit Tod und Jenseits in Verbindung gebracht und ist erklärtermaßen das Gegenteil allen Lebens.
Um diesen Gegensatz auch am Körper zu markieren, wurde die Farbe gewählt, die mit der Blässe unseres indoeuropäischen Teints am meisten kontrastiert. Schwarz ist eine Farbe, die alle anderen Töne des Farbspektrums aufnimmt und gewissermaßen verschluckt.
Doch Schwarz hat nicht überall die gleiche Bedeutung, in anderen Gesellschaften sind andere Farbsymbole gültig.
In Papua-Neuguinea verleihen beispielsweise viele Ureinwohner der Hochebenen der Trauer und dem Schmerz über den Tod eines nahe stehenden Menschen nicht mit Schwarz sondern eher mit Weiß Ausdruck.
Sie beschmieren den Körper mit Schlamm und das Gesicht mit einer Mischung aus heller Erde und Wasser, so dass der Trauernde einem Toten gleicht. Denn in vielen papuanischen Gesellschaften schreibt man den Geistern der Verstorbenen eine weiß schimmernde Haut zu, die einen starken Gegensatz zur schwarzen Haut der Lebenden bildet. Deshalb glaubten die Eingeborenen im Innern der Insel, als sie Ende der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal Weißen begegneten, dass sie es mit den Seelen ihrer verstorbenen Vorfahren, mit Wiedergängern zu tun hätten.
Eine funktionalistische Deutung dieser Symbolik führt zu dem Schluss, dass sich diese Farbwahl aus der Notwendigkeit ergibt, zum Ausdruck der dem Leben am meisten entgegengesetzten Farbe eine Farbe zu wählen, die sich am extremsten und am deutlichsten vom Körper abhebt.
Daher ist Weiß die Farbe des Todes; aber in dem ständigen Kreislauf, in dem Leben nicht ohne seine andere Seite denkbar ist, bedeutet jeder Tod auch Regenerierung und jedes Ende den Beginn von neuem Leben.
Deshalb pflanzen die Oksapmin in Neu-Guinea die weiße Wurzel des Ingwer, einer von ihnen als heilig verehrten Pflanze, unterhalb von Hängegräbern. Die Ingwerwurzel, die später als Amulett Geister fern halten soll, muss den Saft der verwesenden Leiche aufnehmen. Außerdem wird über dem jungen Trieb der Schädel eines weißen Vogels – des Hopet - platziert.
Dieser Vogel wird mit dem Tod und dem Jenseits in Verbindung gebracht. Sein Gesang kündigt den Menschen den Tod eines Angehörigen, das Nahen eines Geistes oder auf der Jagd das des Wildes an. Das Ingwerpflänzchen muss aus dem offenen Schnabel des Vogels heraus sprießen. Wenn die Pflanze ausgewachsen ist, wird sie in heilige Bezirke in der Nähe der Wohnhäuser umgepflanzt. Sie wird benutzt, wenn ein böser Geist angekündigt wurde und fern gehalten werden soll.
Das pflanzliche und das tierische Weiß hat die gleiche psychologische Funktion: Es ist der Mittler zwischen dem Jenseits und der Welt der Menschen, nämlich der Toten, die ihnen als Nahrung dienen, wenn sie unter Hängegräbern platziert werden. Der Tod ist also die Voraussetzung, damit die Menschen leben können, und in diesem Sinne sind die Geister der Toten die Schutzgeister der Lebenden.
Denn die vergänglichen Überreste der Menschen dienen zwar als Nahrung für Pflanzen, die wiederum den Menschen beim Kampf gegen die Geister der Toten und damit beim Überleben helfen sollen, doch die festen, weißen Teile der Leichen, die Knochen, werden ebenfalls aufbewahrt und dienen den Menschen bei zahlreichen Ritualen.
Die Oksapmin verwenden sie insbesondere bei Beschwörungsritualen, wenn die Stangen für eine neue Taro-Anpflanzung gesteckt werden (die Taro-Knolle ist die Ernährungsgrundlage mehrerer papuanischer Stämme), oder bei Wunderheilritualen, bei denen ein Oberschenkelknochen oder ein anderer Knochen eines Verstorbenen an der kranken Stelle des Körpers gerieben wird.
Bei den Oksapmin symbolisieren die weißen Knochen das Leben, denn sie sind aus der weißen, männlichen Substanz entstanden, die zur Entstehung des Lebens beiträgt: dem Sperma.
Die Oksapmin glauben, dass die Knochen und die harten Teile des Fötus aus dem männlichen Sperma entstehen, während das Blut und die weichen Teile aus der ergänzenden weiblichen Substanz, der Scheidenflüssigkeit, hervorgehen.
Wenn die Scheidenflüssigkeit nicht zum roten Blut des Fötus wird, koaguliert sie und verwandelt sich in schlechtes, „missratenes“ Blut - das Menstruationsblut. Männer vermeiden jeden Kontakt mit ihm, da es sich um eine unreine, gefährliche Substanz handelt.
Menstruierende Frauen werden während ihrer Regel in weit vom Dorf und den Männern entfernte Menstruationshütten gesperrt. Sie dürfen sich weder den Männern nähern, noch im Garten arbeiten, Eier von wilden Federtieren einlesen oder Waldfrüchte und andere Nahrung sammeln.
Die Symbolik der Farbe Gelb
Der Fötus besteht aus Weiß und Rot, aus männlichen und weiblichen Bestandteilen. Doch die Fruchtbarkeit von Tieren und Pflanzen symbolisieren die Oksapmin und auch andere Stämme wie die Huli mit Gelb. Diese Farbe wird in zahlreichen Fruchtbarkeitsriten verwendet.
Bei den Oksapmin wurden noch bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts rituelle Menschenopfer vollzogen, bei denen ein Mensch am Fuß eines gelbe Früchte tragenden Pandanusbaums zum Wohle der Gemeinschaft geopfert wurde.
Dieses in jeder dritten Generation vollzogene Opfer sollte reiche Ernten und Jagdgründe und gesunde, starke Kinder bescheren. Die sterblichen Überreste des Opfers wurden überall verteilt, um auch benachbarte Stämme Anteil haben zu lassen.
Bei den Huli wurden sie wie auch bei den anderen Nachbarstämmen der Oksapmin in einem Bambusbehälter bis zu einem Berg mit dem Namen Ambua - „gelb“ - gebracht.
Männer und Frauen schminkten sich aus diesem Anlass – wie sie es auch heute noch tun - mit den traditionellen Farben, unter denen Gelb dominiert.
Lorenzo Brutti
Labor „Support de la future unité de recherche du musée du quai Branly“
Erstellt: 23-06-04
Letzte Änderung: 05-08-02