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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Krimiautoren A-Z - 02/11/11

Uta-Maria Heim

Uta-Maria Heim wurde am 14.10. 1963 in Schramberg im Schwarzwald geboren. Bis 2006 schlug sich die vielseitig begabte und äußerst produktive Autorin als freie Schriftstellerin durch. Seit 2006 ist sie Hörspieldramaturgin beim SWR in Baden-Baden. Ihre Kriminalromane sind im süddeutschen Sprachraum angesiedelt und nutzen deftig die kontroversen alemannisch-schwäbischen Mentalitäten zur entfaltung der Handlung. Region ist in ihren zweimal (1992 und 1994) mit dem Deutschen Krimipreis und 2000 mit dem Glauser ausgezeichneten Romanen nicht Kulisse, sondern chaotischer Urstoff: undurchdringlich, sozial gewaltig, unverständlich, aber gestaltbar.


Rezension zu „Feierabend“ (2011)


  • Jochen Vogt/DIE ZEIT Krimi-Spezial 3.11.2011

KrimiZEIT-Bestenliste November 2011


Helene hat ihr Leben im Griff, gerade so eben. Sie übersetzt diesen tollen Amerikaner, der nun wieder keinen Nobelpreis kriegt. Tochter Susanne macht ihr genau die Sorgen, die Mütter sich um 14jährige Töchter machen. Freund Marius ist ein hoher Beamter, aber wahnsinnig attraktiv und wohnt am anderen Ende vom Schwarzwald. Das ist, verkehrstechnisch gesehen, nicht sehr beziehungsfreundlich. Ihre Familiengeschichte schleppt Helene halt so mit, eine Therapieausbildung hat sie wutentbrannt abgebrochen. Seither geht es ihr besser. Manchmal spielt sie Familienaufstellung mit dem Kaffeeservice.

Und dann fängt alles an zu kippen. In ihr Büro wird eingebrochen: nur ein Parfümfläschchen fehlt. (Für einen Krimi ist das zu wenig!) Rutscht Susanne in die Drogenszene? Und was war mit Tante Brunhilde, der geistig behinderten Zwillingsschwester ihrer Mutter? Man hat allen Grund, sie für tot zu halten, auch wenn man darüber nicht redet. Helenes Historiker-Freundin aus „Norddeutschland“ (für Schwarzwälder beginnt das hinter Darmstadt) glaubt aber, dass Bruni noch lebt. Susanne muss in der Schule eine Arbeit über Grafeneck schreiben. Langsam wird Helene alles zuviel.

Grafeneck ist allen Zeithistorikern bekannt, ein Mini-Auschwitz auf der Schwäbischen Alb. Zehntausend behinderte Menschen aus Baden, Württemberg und Bayern wurden dort unter Himmlers Oberbefehl im Jahr 1940 vergast. Nach Protesten aus der Bevölkerung, auch vom evangelischen Landesbischof Wurm, wurde die „Anstalt“ geschlossen: Im Osten konnte man ja großzügiger planen.

Hier aber geht es um die Autorin Uta-Maria Heim und ihren Kriminalroman „Feierabend“. Sie „täuscht Provinz an“, hat ein Kritiker in der ZEIT einmal geschrieben, um vom „ganz normalen Chaos des Lebens“ zu erzählen. Hier täuscht sie nun eine jener Ich-Findungs-Geschichten an, die man früher zur „Frauenliteratur“ gerechnet hat. Dann geht es aber um den Holocaust in Württemberg. Oder auch anders herum.

Vermutlich geht es ohnehin weniger um die Geschichten als um die Art, wie Uta-Maria Heim sie erzählt. Im Unterschied zu den meisten, auch anspruchsvollen ihrer deutschen Krimikollegen hat sie bemerkenswerten Kunstverstand und verfügt über eine eigene Sprache.

Feierabend ist aus den Monologen dreier Frauenfiguren komponiert, eine artifizielle Form, die hier ganz natürlich wirkt. Heims jahrzehntelange Hörspielpraxis dürfte dem Tonfall zugute kommen. Manchmal staut sich der Gedankenfluss in Ein-Satz-Weisheiten, die klingen, als ob sie aus jahrhundertealter Erfahrung stammen (oder mindestens von Martin Walser). Virtuos, wie Frau Heim mit dem Dialekt umgeht, im linguistisch wie psychologisch sensiblen Dreieck von Schwäbisch, Badisch und Alemannisch. Dialekt-Einsprengsel markieren ihren Text wie Ausrufezeichen. „Es herbstelt schier gar.“ Vier Wörtchen schaffen eine Welt, Hölderlin-Anklänge inbegriffen.

Kurze historische Einschübe, teil dokumentarisch, teils fiktional, lassen uns Leser mehr wissen als die Figuren, aber auch nie genug! Denn was ist nun wirklich mit Tante Brunhilde, der Bruni von einst geschehen? Das wird nicht restlos geklärt. Eine mögliche, sogar wahrscheinliche Wahrheit ist, wie bei Alexander Kluge, in einer Fußnote auf Seite 222 versteckt. Dazu dann aber die Anmerkung, fast wieder im Hölderlin-Ton: „Genaues weiß kein Mensch.“

Uta Maria Heim ist beileibe keine Anfängerin. Ältere Krimifreunde haben noch das eine oder andere schwarze Rowohlt-Bändchen von ihr im Regal. Die zehrten bereits von einer schräg-anarchischen Grundstimmung und rieben sich an der notorischen Selbstzufriedenheit im „Ländle“. Schon 1992 und 1994 gewann sie den Deutschen Krimipreis; später wurde es stiller um sie, obwohl doch fast jährlich ein Buch erschien, nicht immer einen Krimi. Uta-Maria Heim schrieb und produzierte Hörspiele, seit 2006 ist sie feste Hörspieldramaturgin beim SWR. Seither erscheinen ihre Bücher beim Gmeiner Verlag in Meßkirch, ein wenig verborgen im farbenfrohen Angebot von vielen Dutzend Regionalkrimis.

Dass und wie Uta-Maria Heim auf der Grenzlinie zischen „Krimi“ und „Nichtkrimi“ balanciert, ist gewiss kein Mangel; vielmehr macht es ihre ganz eigene Qualität aus. Jedenfalls muss sie sich weder in einem bunten Verlagsprospekt noch überhaupt verstecken. Zu entdecken bleibt eine Schriftstellerin von Rang – warum nicht auch rückwärts durch zwei Jahrzehnte? „Feierabend“ wäre nicht der schlechteste Einstieg.

 

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  • Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 13.7.2011

KrimiZEIT-Bestenliste November 2011


 

 

Die in Baden-Baden lebende Uta-Maria Heim ist vor allem mittels Sprache ortsgebunden wie wenige Autoren. Sie liebt die regionale Färbung, das Wort, dessen Bedeutung sich aus prallem, melodischem Klang erschließt: Bollen,
strohriegeldumm. Sie führt außerdem aktuelle Probleme und Taten gern zurück auf übles Tun in der Vergangenheit. Ihre Figuren zögern, sich zu erinnern, doch können sie den Geistern - meist sind es Familiengeister - nicht entgehen. Wie schon der Schriftsteller Rainer Gross greift nun Heim anhand der schwäbischen Behinderteneinrichtung Grafeneck, die unter den Nazis zur Tötungsanstalt wurde, zurück in die NS-Vergangenheit. Die geistig leicht behinderte Zwillingsschwester der Mutter der Hauptfigur Helene, einer Übersetzerin, ist dort umgebracht worden - durch den Schornstein gejagt, hieß es in der Familie immer. Oder das Mädchen entkam durch einen glücklichen Zufall und lebt noch, wie Helenes Freundin Henriette glaubt.
"Kriminalroman" steht unter dem Titel des Buches, der "Feierabend" lautet. Doch während sich andere Romane Uta-Maria Heims noch an der Grenze zum Krimi bewegten, tut sie sich diesmal keinen Gefallen mehr damit, in diese Schublade zu steigen. Einfühlsam, nuanciert erzählt sie zum Beispiel immer wieder auch aus der Perspektive von Helenes pubertierender Tochter, wie auch aus der einer Obdachlosen, die später im Schulsekretariat aushilft und bei Helene putzt. Indessen scheint Helene (und ihrer Erfinderin) die tote oder lebendige Tante schnurzpiepegal zu sein. So verärgert man die auf einen Krimiplot wartenden Leser mit eigentlich feiner Literatur.


Rezension zu „Wespennest“ (2009)


  • Tobias Gohlis/Börsenblatt (4-09)
    KrimiWelt-Bestenliste April 2009


    Man kann vor Freude in die Luft springen, wenn es mal Kriminalliteratur gibt, die historische Konflikte und geschichtliche Figuren in Sprache und Plot ernst nimmt und gestaltet. Eine Autorin, die das kann, ist schon seit langem (und deshalb mehrfach ausgezeichnet) Uta-Maria Heim. An ihren Büchern könnten die do-it-yourself-Schreiber lernen, wie Lesevergnügen entsteht aus dem Einlassen und Zuhören auf lokale Eigentümlichkeiten, Klangfarben, Denkweisen, wie Geschichte fremd und erlebbar zugleich wird durch Konflikte und Konfliktlösungen, die diesen Orten, diesem Menschenschlag zugehören und von Könnern zugeschrieben werden. Uta-Maria Heim, geboren im Schwarzwald, ansässig in Württemberg, gewinnt Luft aus dem Atem- und Dialektwechsel zwischen den Mikroklimazonen jener grundgesetzlich zusammengeschusterten Ländle. Ihr Fall - ein ehemaliger Polizeibeamter und verdeckter Ermittler wird mit einer Waffe erschossen, die aus dem Haus einer alten kommunistischen Familie veschwunden ist - ist eingebettet in einen verzwickten und durch Verschweigen wie Lügen, Erzählen und Erinnern durcheinander gewirbelten Schallraum. Weder den ermittelnden Polizisten noch dem Leser  fällt die Orientierung leicht zwischen Gedenkdaten und politischen Linien, Verwandtschaftsbeziehungen und Rachesträngen, Politik und Privatem. „Wespennest“ setzt die achtzehn Jahre zuvor in „Das Rattenprinzip“ ungeklärt gebliebene Mord- und Totschlaggeschichte fort. Nazis und Antinazis, Reporter und Spione, Kommunisten und Kriegsverbrecher kommen hier vor, weil sie so und nicht anders am Ort sind: Miteinander verwandt, verfeindet, verhasst, verliebt, auch wenn der eine sechzehn Jahre in Kuba untertaucht und die andere im elterlichen Bauernhof. Region als Chaos, als undurchdingbare Undichte - herrlich.



Rezension zu „Dreckskind“ (2006)



Thomas Klingenmaier, STZ vom 17.02.2006


Am Palmsonntag verschwindet in Stuttgart die siebenjährige Aranca Burlic. Nach einer Woche findet die Polizei die Leiche des Mädchens. Die Ermittler finden nicht den geringsten Hinweis auf den Mörder. Bei einigen Beamten bleibt Misstrauen gegen die Mutter zurück. Im September verschwindet in Schönbronn vor den Toren Stuttgarts der sechsjährige Emil Walz gegen Ende einer Musikverein-Hocketse. Es gibt vorerst kein Lebenszeichen, keinen Leichenfund, keine brauchbaren Zeugenaussagen. Kriminalhauptkommissar Fehrle fällt die Ähnlichkeit des Jungen mit Aranca Burlic auf. Aber ist das Zufall, Autosuggestion oder der Zipfel eines Tatmusters? Das ist die Ausgangslage von "Dreckskind", dem neuen, kritischen Stuttgart-Krimi von Uta-Maria Heim.

Wer von einer Kriminalgeschichte die allmähliche Aufhellung des Dunkels erwartet, die Schilderung der Beschaffung und Montage von Informationsbruchstückchen, deren finales Arrangement durch die Ermittler ein Bild der Wahrheit ergibt, eine Bestätigung der Hoffnung, die Wirklichkeit sei mit genügend Aufwand stets schlüssig erklärbar, der sollte "Dreckskind" lieber meiden. Oder vielleicht sollten gerade solche Optimisten diesen Krimi lesen, um sich ein wenig verunsichern zu lassen. Wer Heims Stuttgart-Krimis aus den frühen neunziger Jahren kennt, "Das Rattenprinzip" etwa, "Der harte Kern" und "Kakerlakenstadt", der wird nichts anderes erwarten, als dass Heim Informationen, Spuren, Gerüchte in ihren Roman streut, die sich zu sehr unterschiedlichen Theorien, Bildern, Erklärungen und Prognosen zusammenfügen lassen.

Manche davon sind arg windschief, andere von großer Überzeugungskraft und innerer Logik. Aber Uta-Maria Heim spielt uns immer wieder mal eine Information zu, die uns einen bitteren Wissensvorsprung verschafft. Wir schauen dann dem Bau von Theorien zu, die wir als falsch erkennen, die aber schlüssig auf alle jene wirken, denen die entscheidende Information fehlt. Immer wieder wird hier aus Grübeln Verrennen, wird die Wand zwischen Theorie und Wahn durchlässig, gebiert das falsche Denken das falsche Handeln. Das ist ein altes Motiv von Uta-Maria Heim. Niemand im deutschen Krimigeschäft misstraut der Rekonstruktion von Wahrheit aus einem Splitterhaufen der Informationen so innig wie die 1963 in Schramberg geborene Autorin.Das Etikett Regionalkrimi haben sich viele Romane verdient. Gemeint ist

damit meist ein anbiederndes Zurschaustellen regionaler Gegebenheiten, der Einbau simpler Wiedererkennungsmomente. Uta-Maria Heims "Dreckskind", das mit dem inneren Monolog einer alten Bauersfrau beginnt, sollte man eher Heimatliteratur nennen. Denn hier werden lokale Besonderheiten grimmig untersucht, Prägungen des Denkens, Sprechens und Handelns. Heimat ist hier das, was die Figuren nicht freigibt, auch wenn es um sie herum schon geschwunden ist, ein innerer Zwang ohne äußere Geborgenheit.

"Bischofsweiler", schreibt Heim über Kommissar Fehrles Wohnort, "lag im Elchenbachtal, mitten in einer pietistisch geprägten Weingegend, die sich auch zu einem Zentrum der Anthroposophen entwickelt hatte." Das klingt einzeln harmlos, aber im Zusammenhang eines Romans, in dem es um Prägungen und Traumatisierungen geht, liest es sich wie ein Krankheitsbild oder eine Liste an Vorstrafen. Die Figuren dieser Heimat bekommen zwar miteinander zu tun, aber sie berühren einander nicht. Heim beschreibt noch Momente hektischer Aktivität wie Stillleben, sie schafft eine Folge Porträts und lehnt sie aneinander. Die Welt ihres Buchs ist ein Irrgarten solcher Figuren, die aus ihren eigenen Bilderrahmen nicht heraustreten können. Wir hören nur von einer Glücklichen.

Deren Schwester sagt in diesem Buch: "Ich habe ihr Lächeln gesehen auf dem Totenbett, und ich muss sagen, ich habe nie einen sanfteren und zufriedeneren Menschen gesehen. Die Berta war ein Phänomen, und dass sie so wurde, liegt sicher mit daran, dass sie nichts begriffen hat."




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Erstellt: 27-03-09
Letzte Änderung: 02-11-11