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06/08/08

Urlaub, aber öko

Ob Raften in Costa Rica, auf der Suche nach den größten Haien in Brasiliens Unterwasserwelten oder beim Bergsteigen in Peru: Die Deutschen mögen es im Urlaub authentisch und neuerdings auch gerne ökologisch korrekt.

„Wir haben Peru sicher ganz anders, schöner und besser erlebt als andere Urlauber“, schwärmt ein Ehepaar, das mit einem Veranstalter des „Forum anders reisen“ einen Monat durch Südamerika getourt ist, den Sonnenaufgang auf dem Machu Picchu erlebt und am Titicacasee bei einer Gastfamilie die einheimische Küche genossen hat. Auch wenn diese Einschätzung sehr persönlich bleibt, liegt sie doch im Trend. Denn glaubt man der aktuellen Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), werden die Deutschen nicht nur immer „professionellere Urlauber“, sondern auch immer anspruchsvoller. Die Touristen in einem Dorf auf den Philippinen, in den kanadischen Wäldern oder auf einem toskanischen Weinberg verbindet eines: die Suche nach dem authentischen Erlebnis.

Das „Forum anders reisen“, ein Verband von rund 130 Reiseveranstaltern, bietet seit zehn Jahren Reisen an, die „überdurchschnittlich stark die Sinne ansprechen“, wie es Rolf Pfeifer, Geschäftsführer des Verbands, ausdrückt. Das allein sei heute nichts Neues mehr, so Pfeifer. Doch die Verbindung dieser lustbetonten Art zu reisen mit ökologischer und sozialer Verträglichkeit ließe das Konzept des Forums zu etwas Besonderem werden. Und er liefert das Stichwort: Nachhaltigkeit. „Mit Beginn der Klimadebatte, also seit 2007, hat die Diskussion um einen ökologischen Tourismus an Fahrt gewonnen“, sagt Rolf Pfeifer, der sich als Ingenieur schon seit Jahren mit Öko-Verträglichkeit beschäftigt. Er ist einer der Erfinder von „atmosfair“ – dem mittlerweile viel genutzten Klimaschutz-Projekt, das freiwillige Abschlagszahlungen von Flugreisenden in Umweltprojekte der Dritten Welt investiert. „Vor der Klimadebatte hatte ‚atmosfair‘ nur wenige Kunden“, erinnert sich Pfeifer. Inzwischen ist der Begriff „Öko“ bei den Kunden sehr positiv besetzt – und „atmosfair“ eine eigenständige GmbH, laut Pfeifer gar ein „fettes Wirtschaftsmodell“. Mit dem Öko-Siegel lässt sich derzeit alles verkaufen, vom Discounter-Hackfleisch bis zur Fünf-Sterne-Luxusreise. Dies wissen die großen Reiseunternehmer für sich zu nutzen, verlinken ihre Hompages auf „atmosfair“ und geben sich dadurch einen grünen Anstrich.

Wolfgang Günther, Biologe beim Institut für Tourismus in Nordeuropa (NIT), betont, dass Öko-Tourismus keine geschützte Bezeichnung ist. „Und weil dieser Begriff ständig für Werbezwecke benutzt wird, weiß man nicht, was damit wirklich gemeint ist.“ Dazu gesellt sich eine grundsätzliche Frage: Ist es ökologisch vertretbarer Tourismus, auf einem fernen Kontinent schützenswerte Naturschönheiten zu besichtigen – oder sollte man sich für eine Donau-Fahrradtour oder eine Wanderung durch die Alpen entscheiden? Neben dem „Forum anders reisen“ gibt es derzeit zahlreiche Veranstalter, die Fernreisen mit Umweltprojekten kombinieren. Sie fliegen ihre Kunden in unberührte Paradiese und investieren einen Teil des Geldes in ein Projekt, das die dortige Natur bewahren soll. Diese Art zu reisen kommt den Bedürfnissen einer gewissen Gesellschaftsschicht sehr entgegen, deren gebildete und gut verdienende Mitglieder nach amerikanischem Vorbild als „Lohas“ bezeichnet werden. Die Abkürzung steht für „Lifestyles of Health and Sustainability“ und beschreibt eine Lebensweise, die zwei Aspekte vereint, die bisher als gegensätzlich betrachtet wurden: Genuss und Nachhaltigkeit.

Für die Tourismus-Branche bedeutet das, ihren Kunden in möglichst kurzer Zeit eine große Dichte an Erlebnissen zu bieten, die ihnen den Eindruck vermitteln, das Leben am Urlaubsort möglichst authentisch zu erfahren – dabei aber so wenig Umweltschaden wie möglich anzurichten und womöglich sogar die einheimische Wirtschaft zu stärken. „So viele Erlebnisse in so kurzer Zeit, das wäre selbst organisiert niemals möglich gewesen“, schwärmt eine Teilnehmerin, die gerade eine XXL-Tour durch Südamerika hinter sich hat – inklusive Buggyfahren und Sandboarden in der Wüste. Auch in Zukunft werden deutsche Reisende dazu tendieren, „mehr in einen Urlaub zu packen“, stellt der Soziologe Dr. Peter Aderhold in der Studie „Urlaubsreisetrends 2015“ fest. Dabei wollen sie sich jedoch im Idealfall nicht als Touristen fühlen – wie die fünfköpfige Reisegruppe, die unter ortskundiger Führung eines Reiseveranstalters zu einem Stamm der nordamerikanischen Navajo-Indianer gewandert ist, um dort das Töpfern zu lernen und eine traditionelle Schwitzhütte zu bauen. Sie hätten Orte zu sehen bekommen, wie ein Teilnehmer berichtet, zu denen „normale Touristen“ keinen Zugang hätten und er erinnert sich an „unvergessliche Begegnungen“ mit Schamanen und Korbflechterinnen.

Kann dieser Art des Reisens nun das Öko-Güte-Siegel verpasst werden? Rolf Pfeifer plädiert dafür, den sozialen vom ökologischen Aspekt nicht zu trennen, wenn man die Nachhaltigkeit einer Reise beurteilt. Dennoch differenziert er: „Eines ist klar: Sobald man in ein Flugzeug steigt, verlässt man den Boden der Umweltverträglichkeit. Dann kann man nicht mehr von einer Öko-Reise sprechen. Wer das trotzdem tut, lügt.“ Er gibt aber auch die Bewusstseinsveränderung zu bedenken, die Begegnungen zwischen Einheimischen und Touristen auf beiden Seiten bewirken können. Als Positivbeispiel nennt er Kenia, wo der Tourismus dazu beigetragen habe, die Artenvielfalt zu erhalten.

Wird Tourismus in Zukunft also sozial und ökologisch verträglicher? „Trotz des Öko-Bewusstseins werden Fernreisen weiter boomen“, sagt Pfeifer, „Deutschland als Reiseziel aber auch.“ Nur werde dafür nicht viel Werbung gemacht, die Fluglinien würden nur Kunden verlieren. „Und dabei gibt es in Deutschland so wunderbare Landschaften und interessante Städte", sagt Pfeifer. Er selbst ist gerade aus einem Kurzurlaub in Dresden zurückgekehrt – mit der Bahn.


Den Artikel schrieb Ulrike Köppen (ARTE Magazin, Juli 2008)

Erstellt: 10-07-08
Letzte Änderung: 06-08-08