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Gas-Fieber

Was ist Schiefergas und welche Folgen hat seine Förderung? Diese Fragen will Lech Kowalski in seinem Dokumentarfilm klären.

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Was ist Schiefergas und welche Folgen hat seine Förderung? Diese Fragen will Lech Kowalski in seinem Dokumentarfilm klären.

Gas-Fieber

31/01/13

Schiefergas und Geopolitik

Seit Fracking (hydraulisches Aufbrechen) und Richtbohren möglich geworden sind, hat Schiefergas die Weltkarte der Energieversorgung völlig auf den Kopf gestellt.



Interaktive Karte

Sylvain Lapoix / Cédric Audinot
 
Bis Anfang der 2000er Jahre dominierte das russische Erdgas, und das geopolitische Gleichgewicht in Sachen Energie hing von den aus Sibirien nach Europa fließenden Gasströmen ab. Die Hälfte aller europäischen Länder war damals zu mehr als 60 Prozent, im Baltikum sogar zu fast 100 Prozent, auf die sibirischen Gaslieferungen angewiesen. Im Februar 2009 gewährte China zwei russischen Staatsunternehmen einen Kredit über 25 Milliarden Dollar für den Bau einer gigantischen Öl- und Gaspipeline von Sibirien an die Ostküste. Im Verlaufe dieses pharaonischen Vorhabens namens „Espo“ trafen sich China und Russland sogar am Amur, dem Endpunkt der ersten Bauphase, der noch vor nicht allzu langer Zeit Gegenstand diplomatischer Spannungen war.

Doch in den frühen 2000er Jahren traten neue Akteure in anderen Erdteilen auf den Plan. Bei Niedrigtemperaturen verflüssigtes Erdgas (LNG) kam nun in Spezialtankern zunehmend auch aus dem Golf von Guinea, Qatar und Ozeanien. Neben den Emiraten begannen Australien und Indonesien Flüssiggas-Terminals in Betrieb zu nehmen, schon bald gefolgt von den karibischen Inseln Trinidad und Tobago. Zunächst überschwemmten Milliarden von Barrel Öleinheiten den japanischen Markt; doch auch Europa legte sich allmählich die nötige Infrastruktur zu, um an die Flüssiggasströme aus Nigeria oder den Golfstaaten anzudocken. 2012 wurde mit South Hook im Osten von London der größte LNG-Terminal Europas in Betrieb genommen: In das Großprojekt hatte der Emir von Qatar eine Milliarde Pfund investiert...

Doch zwischenzeitlich hatte sich ein weiterer Player auf dem bereits hart umkämpften Energiemarkt etabliert: Die Vereinigten Staaten wurden wieder zu Netto-Energie-Exporteuren. Mitte der 2000er Jahre verabschiedete Washington als erster US-Bundesstaat ein Gesetz, das den Einsatz der zur Gewinnung von Schiefergas erforderlichen Techniken gestattete. Schiefergasvorkommen sind vor allem im gesamten Nord- und Südosten der USA sowie in einigen Regionen des Mittelwestens und sogar in Kalifornien anzutreffen. Während die Gewinnung von „unkonventionellem“ Erdgas Anfang 2004 noch gegen Null strebte, machte Schiefergas im September 2012 bereits 35 % der gesamten US-amerikanischen Erdgasförderung aus. Hauptsächlich wurde in Arkansas und Texas gefördert.

Die amerikanische Energiewende gibt auch anderen Ländern zu denken, in deren Böden Schiefergas schlummert (europäische Länder, Südafrika, Brasilien, Argentinien). Manche haben die Entscheidung bereits getroffen und investieren bereits in die neue Energie: Nach Australien wird schon bald auch Polen die kommerzielle Gewinnung von Schiefergas genehmigen. Vorangegangen waren mehrjährige Versuche im Norden des Landes. China hat die Regionen, in denen Schiefergas vorkommen könnte, in Gebiete unterteilt und 19 davon im Januar 2013 an 16 chinesische Unternehmen zur Prospektion vergeben. Ausländische Bewerber werden nur zugelassen, wenn sie sich dazu verpflichten, binnen drei Jahren 1,56 Milliarden Euro zu investieren.

Das vor Kurzem nördlich von Japan in Betrieb genommene russische LNG-Terminal Sachalin II, als neues Füllhorn der Pazifikregion gehandelt, musste seine Ambitionen kurz nach dem Start nach unten revidieren. Gestern noch Gazprom-Kunden, sind China und die USA heute auf dem besten Weg, selbst zu Exportnationen zu werden. Und Polen versucht derweil, aus dem Orbit Moskaus auszubrechen und seine Energie selbst zu erzeugen. Der Kalte Krieg von morgen wird mit Gas angeheizt.

Erstellt: 24-01-13
Letzte Änderung: 31-01-13