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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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Krimiautoren A-Z - 04/05/11

Reginald Hill

Reginald Hill ist des Schreibens noch immer nicht überdrüßig geworden - zur großen Freude seiner Leser

Kurzrezensionen zu "Der Tod und der Dicke":


  • Tobias Gohlis/DIE ZEIT 5.5.2011

KrimiZEIT-Bestenliste Mai 2011


Es musste irgendwann geschehen. Seit 1970,  also seit einer Ewigkeit, sind Detective Inspector Peter Pascoe und der fette Detective Superintendent Andy Dalziel ein Paar. In neunzehn Romanen sowie etlichen Novellen und Kurzgeschichten haben Dalziel und Pascoe im fiktiven Mid-Yorkshire ermittelt. Jetzt, im zwanzigsten, glaubt Hector, der trotteligste Cop aller Zeiten, in einem „südasiatischen“ Videoshop eine Person mit Waffe gesehen zu haben. Dalziel und Pascoe nähern sich dem Haus mit laut Antiterrorüberwachung niedrigem Bedrohungspotenzial, Dalziel schreitet voran ...da fliegen sie durch die Luft. Die Antiterroreinheit CAT, ein ominöses Gebilde aus Geheimdiensten und Staatsschutzpolizei, muss post festum ihre Gefährdungsskala korrigieren. Und Pascoe, den die Leibesfülle seines Chefs vor schwersten Verletzungen geschützt hat, hat das persönlichste Motiv aller Polizisten, die jemals Job und Ego verquickten. Nur wenn er es schafft, die wahren Ursprünge dieser Bombe zu ergründen, denkt er in simpler nordenglischer Magie, wird das erstmals getrennte Paar wieder vereint sein und Dalziel überleben.

Schwer verletzt liegt dieses Mastodon unter den Kriminalisten auf der Intensivstation. Während Pascoe, der leise, effiziente Familienvater und Diplomat, über sich hinaus in die Rolle des Dicken wächst, wider seine Natur rüpelt, pöbelt und aneckt, turtelt dieser mit dem Jenseits. Dalziels komatös-delirierendes Bewusstsein ergeht sich in Selbstgesprächen. Launiger Höhepunkt: Als er die Fürbitte „Allmächtiger und ewiger Gott, erhöre mich..“ vernimmt, empört sich Dalziel: „Verdammte Scheiße! Irgend so ein Arsch betet zu mir!“

Draußen, im nicht weniger wahnhaften Yorkshire terroristischer Bedrohungsparanoia, hat es Pascoe mit den Geheimniskrämern von CAT und den Templern zu tun. Richtig: den Templern. Diese selbst ernannten Tempelritter setzen die Kreuzzüge ihrer Vorfahren fort und hacken britisch-islamischen Gelehrten schon mal vor laufender Kamera den Kopf ab. Was Reginald Hill, der seinen Romanen immer ein subtiles Korsett aus literarischen Anspielungen einzieht, zu einer geradezu groben Stichelei gegen einen gewissen „Tom Brown“ nutzt.

Anspielungen hin und her: In „Der Tod und der Dicke“ zeigt sich der 75jährige Reginald Hill  in meisterhaft lässiger Altersform. Nicht ein Fädchen seines komplex geknoteten Rätsels bleibt lose. Generationen minder begabter und literarisch weniger interessierter Krimischreiber könnten bei Hill lernen, wie man aus der erzählerischen Notwendigkeit, eine beschränkte Zahl von Personen zusammenzubringen, eine glänzende Satire über populistische TV-Talkshows macht. Und so weltfern, prüde und realitätsscheu wie die übliche britische  Kleinstadt-Krimi-Kost ist die Hillsche Variante nicht. Durch seine Kunstfertigkeit wird die paranoide Seite des Antiterrorismus-Syndroms deutlich: als bösartiges Gesellschaftsspiel. Übrigens: Hard-Core-Fans wissen, wie man Dalziel ausspricht: nämlich „Die-ell“. Mögen es mehr werden.


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  • Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 28.4. 2011

KrimiZEIT-Bestenliste Mai 2011


Der Kriminalroman hat gern die Nase im Wind, er braucht eine ständige Zufuhr neuer, vor allem politischer Stoffe. So hat es gar nicht lange gedauert, bis Islamismus auf der einen, Islamfeindlichkeit auf der anderen Seite Eingang gefunden haben in das Genre. 2006 zum Beispiel erschien in Schweden Arne Dahls "Opferzahl" über einen Bombenanschlag in der Stockholmer U-Bahn, 2007 in England "The Death of Dalziel" in Reginald Hills Romanreihe um den in jeder Hinsicht schwergewichtigen Detective Superintendent Andy Dalziel - die deutsche Übersetzung erschien gerade unter dem Titel "Der Tod und der Dicke". Auch in diesem Krimi explodiert eine Bombe, zu den Verdächtigen gehören Islamisten.

Doch beide Autoren bewegen sich schnell weg vom scheinbar polizeilich nötigen Haltet-den-Islamisten. Das liegt natürlich auch in der Natur des Genres, die erste Lösung kann im Krimi kaum die beste, sprich: spannendste sein. Vor allem aber sind Dahl und Hill bemüht, keine Vorurteile zu nähren. In Dahls Roman gibt es zwar einen Bekenneranruf von einer Gruppe, die sich "Die heiligen Reiter von Siffin" nennt, doch mögliche Mitglieder dieser "Reiter" müssen von den Ermittlern nach und nach dazugezählt werden zur Opferzahl. Da kommen sie - und der Leser - durchaus zügig auf die Idee, dass schon der U-Bahn-Bombenanschlag von Tätern verübt worden sein könnte, die ganz andere Interessen verfolgen.

In diese Richtung geht es bald auch in Hills Roman. Der aber noch einen anderen Hintergrund dadurch erhält, dass britische Soldaten im Irak und in Afghanistan traumatisiert wurden und werden, dass es zudem in London im Juli 2005 Terroranschläge gab, bei denen 56 Menschen starben. In einer Talkshow lässt es Hill zum Eklat kommen: Eine Frau, deren Sohn durch eine der Bomben ums Leben kam, greift vor laufender Kamera einen jungen pakistanisch-stämmigen Mann an.

Statt "heilige Reiter von Siffin" gibt es bei Hill Engländer, die sich die Namen französischer Kreuzritter geben, um gegen die ihrer Meinung nach große islamistische Gefahr vorzugehen. Kollateralschäden werden dabei in Kauf genommen.

So kommt es, dass Dalziel dem Tod nur sehr knapp entgeht und im Koma liegt, während sein DCI Peter Pascoe den Fall lösen muss. Auch bei Arne Dahl liegt ein Polizist im Koma - es mag Zufall oder neue Krimi-Mode sein -, doch Fantasie und Fabulierlust des Briten sind größer. Er lässt den Dicken sogar auf sich selbst heruntergucken. So dass wenigstens einer angesichts der verzwickten Lage den Überblick behält.


Kurzrezension zu "Der Wald des Vergessens":


  • Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau, Mai 2005

Andy Dalziel ist fett, ruppig, ordinär – und Kommissar. Man könnte auf die Idee kommen, er sei als freche Antwort erfunden worden auf einen anderen Superpolizisten: P. D. James` feingeistigen, gutaussehenden, gedichteschreibenden Adam Dalgliesh (Namensähnlichkeit natürlich rein zufällig). Reginald Hill ist vieles zuzutrauen, sein Humor setzt einerseits literarische Bildung voraus, ist andererseits deftig – und ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Dass Hill mehr kann, als einen Bullen derbe Witze reißen zu lassen, das zeigt aber nun sein „Wald des Vergessens“: In dem es nicht nur um einen dubiosen Pharmakonzern und eifrige – oder gar mörderische? – Tierschützerinnen geht, sondern auch um den Ersten Weltkrieg, und wie es ist, ihn im tödlichen Schlamm bei Ypern verbracht zu haben. Da wird Hill ganz ernst. Und richtig gut.



Kurzrezension zu "Die Launen des Todes":



  • Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung, Mai 2005

Reginald Hill arbeitet mit seinen Polizeiromanen aus Yorkshire an einem der interessantesten Mikrokosmen des Genres und entwickelt mit jedem Roman mehr Witz, Menschenkenntnis und Verschlagenheit. „Die Launen des Todes" ist der neunzehnte Roman um Andy Dalziel und Peter Pascoe, liest sich aber frisch und verschwenderisch stoffreich wie ein fulminantes Debüt. Pascoe wird von einem Mann, den er einst ins Gefängnis gebracht hat, mit tagebuchartigen Schreiben bedrängt, die den Aufstieg dieses Franny Roote in der akademischen Welt schildern. Da mag Spott enthalten sein, Pascoe aber liest vor allem Drohungen und bald auch höhnische Geständnisse neuer Verbrechen heraus. Hill lässt uns mitgrübeln, was diese perfiden Briefe wirklich zu bedeuten haben - und zieht sowohl Resozialisierungshoffnungen wie auch das Vertrauen in eine robuste, bei Bedarf skrupellose Polizei in Zweifel.



Die wichtigsten Links:


Erstellt: 18-10-05
Letzte Änderung: 04-05-11